Gemeiner Stechapfel (Datura stramonium)

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Gemeiner Stechapfel
Datura stramonium 2000.jpg

Gemeiner Stechapfel (Datura stramonium)

Asteriden
Euasteriden I
Ordnung: Nachtschattenartige (Solanales)
Familie: Nachtschattengewächse (Solanaceae)
Gattung: Stechäpfel (Datura)
Art: Gemeiner Stechapfel
Datura stramonium
L.
Gemeiner Stechapfel, Datura stramonium in verschiedenen Phasen

Der Gemeine Stechapfel bzw. Weiße Stechapfel (Datura stramonium) ist in Mitteleuropa der häufigste Vertreter der Gattung der Stechäpfel.

Beschreibung

Der Gemeine Stechapfel ist eine aufrecht- bis buschigwachsende einjährige Pflanze. Die Pflanzen erreichen eine Höhe von 0,2 bis 1,2 m, selten auch bis 2 m. Die Pflanze ist grün oder besitzt einen mehr oder weniger violetten Anflug. Die Stängel sind dem Anschein nach gabelästig und kahl. Die Blätter sind eiförmig, unregelmäßig spitz gelappt bis doppelt gezähnt oder buchtig, weich und etwa handgroß, dunkelgrün an der Oberfläche und graugrün an der Unterseite; ihr Geruch erinnert an gekochte Kichererbsen. Vor allem die jungen Pflanzenteile sind mit Trichomen behaart.

Der Gemeine Stechapfel bildet von Juni bis Oktober Blüten mit einsinnig gedrehter Knospenlage der fünf Kronzipfel aus. Die dann duftenden Blüten öffnen sich erst zur Nacht hin; sie werden hauptsächlich von Nachtfaltern besucht und bestäubt. Der Gemeine Stechapfel ist auch bei Selbstbestäubung erfolgreich hinsichtlich Frucht- und Samenbildung. Stechapfelblüten duften (in der Nacht) stark süßlich, parfümartig; der von vielen als unangenehm empfundene Geruch der Pflanze dagegen stammt von Stängeln und Blättern.[1] Die trompeten- oder trichterförmige Blütenkrone ist fünfzipfelig; sie besitzt keine sekundären Kronlappen, wie sie in anderen Arten der Gattung auftreten und erreicht eine Länge von 6 bis 8,5 cm. Es existieren weiß bis gelblich-weiß sowie violett blühende Vertreter.

Aus den Blüten entstehen vierteilige, stachelige Kapseln, die in den Stängel-Achseln oder endständig gerade nach oben stehen und als Wintersteher bis ins Frühjahr hinein erst allmählich ihre vielen Samen ausstreuen. Samenhaltige Fruchtkapseln sind eiförmig und bis 4,5 cm lang bei bis 3,5 cm Durchmesser. Die Stacheln auf den Früchten sind nahezu gleichmäßig verteilt. Die an der Frucht verbleibende Basis des Kelches verbreitert sich während der Reifephase. Mit Einsetzen der Reife öffnet sich die Kapsel von oben her nur allmählich und gibt die für gewöhnlich 300 (in einzelnen Fällen nur 100) bis 500 (manchmal bis zu 800) schwarzen, nierenförmigen Samen frei. Die Tausendkornmasse beträgt 7 bis 11 g. Die Ausbreitung der Samen erfolgt durch Tierstreuung.[2] oder durch menschliche Aktivitäten. Die Samen behalten ihre Keimfähigkeit über viele Jahre.

Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 24.

Inhaltsstoffe

Der Gemeine Stechapfel enthält die giftigen Tropan-Alkaloide (S)-Hyoscyamin und Scopolamin. Alle Pflanzenteile sind giftig, besonders jedoch die Wurzeln und Samen. Bereits Mengen ab 0,3 g können Giftwirkungen wie z. B. gesteigerte Erregung, Sinnestäuschungen, Übelkeit, Pupillenerweiterung mit Sehstörungen und Atemlähmung hervorrufen. Der Nachweis einer Intoxikation kann durch Einsatz der Gaschromatographie-Massenspektrometrie erfolgen. Nachgewiesen werden meist die Alkaloide Hyoscyamin/Atropin und Scopolamin als Trimethylsilyl-Derivate.[3]

Verwendung, ökonomische Bedeutung

Stechapfelblätter (Stramonii folium) haben heute in der Medizin keine Bedeutung mehr. Wegen nicht ausreichend belegter Wirksamkeit und hoher Giftigkeit hat in Deutschland die Kommission E am Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte diese pharmazeutische Droge negativ bewertet.

Als Rauschdroge ist der Stechapfel beschrieben worden, so das Rauchen getrockneter Blätter, Trinken von Teeaufgüssen, Kauen der Stramoniumwurzel.[4]

Die Art tritt gelegentlich als Unkraut in Gartenkulturen auf, ist dort aber meist von eher geringer wirtschaftlicher Bedeutung. Seit einiger Zeit tritt sie aber in Nordamerika als Problemunkraut in Kulturen von Nachtschattengewächse wie Baumwolle oder Tomate auf. Problematisch ist auch, dass sie als alternativer Wirt für eine Reihe Schadinsekten ein Reservoir für diese Organismen darstellt, von dem aus Kulturen jederzeit neu befallen werden können.[5]

Verbreitung, Herkunft

Die Gattung Datura umfasst je nach Auffassung ca. 10 bis 13 Arten, mit Verbreitungsschwerpunkt in Mexiko und im Süden der USA. Datura stramonium ist, nach einer phylogenomischen Analyse, Schwesterart einer gemeinsamen Klade aus den Arten Datura ferox und Datura quercifolia, sie bildet, mit vier anderen Arten, die Sektion Datura s. str. innerhalb der Gattung. Die Artengruppe wird durch ein morphologisches Merkmal, die bei ihnen aufrecht stehenden, nicht hängenden, reifen Samenkapseln, unterstützt.[6]

Währnd die amerikanische Herkunft der Gattung und der Art als nachgewiesen gelten können, gibt es eine lang andauernde wissenschaftliche Kontroverse darüber, ob die Art, oder ein anderer Vertreter der Gattung, nicht möglicherweise schon vor den Fahrten des Kolumbus (präkolumbianisch) in die Alte Welt gelangt sein könnte. Grund dafür sind Verwendungen als Rauschdroge und Arzneipflanze, vor allem in Indien, die möglicherweise auf alte Traditionen hindeuten, sowie Erwähnungen in verschiedenen antik-griechischen, arabischen und indischen Texten. Dioskurides nennt eine Pflanze „dorycnion“, die in ihrer Beschreibung auf den Stechapfel passen könnte.[7] Arabische medizinische Autoren wie Ibn Sina beschreiben eine Pflanze „gawz mathil“, deren Beschreibung recht gut zum Stechapfel passt.[8] Hildegard von Bingen nennt ein Kraut „Stramonia“, das auf den Stechapfel bezogen worden ist. Nach der gängigsten Hypothese beruhen diese Angaben auf Verwechslungen mit anderen Arten.[9] Demnach ist verantwortlich für die Namensübertragung Leonhart Fuchs, der in seinem 1542 publizierten Werk De historia stirpium commentarii insignes den, neu aus Amerika eingeführten, Stechapfel abbildete und in der Beschreibung mit Hildegards Stramonia gleichsetzte; dieser Name wurde, über Joseph Pitton de Tournefort weitergegeben an Carl von Linné, der ihn als Artnamen verwendete.

Der Gemeine Stechapfel ist heute ein Kosmopolit. In Europa ist die Pflanze ein Neophyt. Auf deutschem Territorium wurde Datura stramonium für den Zeitraum von 1580 bis 1620 archäobotanisch nachgewiesen. In Mitteleuropa kommt der wärmeliebende Gemeine Stechapfel häufig auf Ruderalflächen vor, die direkt von der Sonne beschienen werden, die also frei sind von beschattend wirkender sonstiger Vegetation. Er bevorzugt stickstoffreiche Böden wie Schutt- und Müllplätze sowie Wegränder. Er ist eine Charakterart der Klasse Chenopodietea und kommt in Mitteleuropa besonders in kurzlebenden Ruderal-Gesellschaften der Ordnung Sisymbrietalia vor. Die Blüten öffnen sich vorwiegend nachts und werden teilweise durch Nachtfalter bestäubt, es überwiegt aber Selbstbestäubung.

Systematik

Die Art Datura stramonium wird in vier Varietäten unterteilt. Unterscheidungsmerkmale sind zum einen die violette Färbung der Pflanze durch Anthocyan, zum anderen das Vorhandensein von Stacheln auf den Früchten. Zum Teil werden diese Varietäten in verschiedene Formen aufgeteilt:[2]

  • Datura stramonium var. stramonium Gaertn.: Grüne, nicht gefärbte Sprosse, weiße Blüten, bestachelte Kapseln, zum Teil auch bestachelte und unbestachelte Kapseln an einer Pflanze
    • Datura stramonium var. stramonium f. stramonium Gaertn.: Alle Kapseln bestachelt
    • Datura stramonium var. stramonium f. labilis Hammer: Zum Teil unbestachelte Kapseln
  • Datura stramonium var. inermis (Jacq.) Lundstr.: Grüne, nicht gefärbte Sprosse, weiße Blüten, unbestachelte Kapseln
  • Datura stramonium var. tatula (L.) Torr.: Violett gefärbte Sprosse, violette Blüten, bestachelte Kapseln
    • Datura stramonium var. tatula f. tatula Danert: Kaum violett gefärbte Sprosse
    • Datura stramonium var. tatula f. bernhardii (Lundstr.) Danert: Stark ausgeprägte Violettfärbung, Blattbasis und Kelch braunviolett, relativ kleine, rotviolette Blüten
  • Datura stramonium var. godronii Danert: Violett gefärbte Sprosse, violette Blüten, unbestachelte Kapseln

Die genetischen Unterschiede zwischen den Varietäten und Formen sind gering, Unterschiede in der Blütenfarbe und in der Bestachelung der Früchte gehen jeweils auf ein einzelnes Gen zurück. Teilweise treten verschieden gefärbte Blüten oder verschieden bestachelte Kapseln sogar an derselben Pflanze auf.[5] Die Art bildet im Freiland Hybride mit dem nahe verwandten Datura ferox aus.[10]

Weitere Bilder

Trivialnamen

Für den Gemeinen Stechapfel bestehen bzw. bestanden unter anderem auch die weiteren deutschsprachigen Trivialnamen: Botschekrämen (Siebenbürgen), Dollkraut (Schlesien) Donnerkugeln (Tirol), Dornapfel, Dornkopf, Düwelsappel (Mecklenburg), Fliegenkrautsamen, Füllenminze, Igelskopf, Igelskolben, Kekebenziker (Siebenbürgen im Rauthal), Kreuzkümmel (Küstrin), Krötenmelde, Krützkämel (Pommern), Papeln (Siebenbürgen), Paputschen (Siebenbürgen), Pferdegift, Quechapfel, Rauchapfelkraut, Schwarzkümmel (für den Samen; Henneberg), Schwenizkreokt (Siebenbürgen bei Jakobsdorf), Säkappel (Mecklenburg, Unterweser), Stachelnus, Stechapfel, Stechöpffels, Stekappel, Tatschekrokt (Siebenbürgen bei Johannisdorf), Tobkraut (Schlesien bei Lauban), Tollkörner und Tollkraut.[11]

Siehe auch

Literatur

  • Ingrid und Peter Schönfelder: Das neue Handbuch der Heilpflanzen. Franckh-Kosmos Verlagsgesellschaft, 2004, ISBN 3-440-09387-5.

Weblinks

Commons-logo.png Commons: Gemeiner Stechapfel (Datura stramonium) - Weitere Bilder oder Audiodateien zum Thema

Einzelnachweise

  1.  Andreas Alberts, Peter Mullen: Psychoaktive Pflanzen, Pilze und Tiere: Bestimmung, Wirkung, Verwendung. Franckh-Kosmos, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-440-12677-6 (eingeschränkte Vorschau in der Google Buchsuche).
  2. 2,0 2,1 Karl Hammer, Anneliese Romeike, Claus Tittel: Vorarbeiten zur monographischen Darstellung von Wildpflanzensortimenten: Datura L., sections Dutra Bernh., Ceratocaulis Bernh. et Datura. In: Kulturpflanze. Ausgabe 31, 1989, S. 13–75. doi:10.1007/BF02000698
  3. K. Matsuda, M. Morinaga, M. Okamoto, S. Miyazaki, T. Isimaru, K. Suzuki, K. Tohyama: Toxicological analysis of a case of Datura stramonium poisoning. In: Rinsho Byori. 54(10), Okt 2006, S. 1003–1007. Japanese. PMID 17133988
  4. T. Dingermann, K. Hiller, G. Schneider, I. Zündorf: Schneider Arzneidrogen. 5. Auflage. Elsevier, 2004, ISBN 3-8274-1481-4, S. 449 f.
  5. 5,0 5,1 Susan E. Weaver & Suzanne I. Warwick (1984): The Biology of Canadian weeds. 64: Daturs stramonium L. Canadian Journal of Plant Science 64: 979-991.
  6. Robert Bye & Victoria Sosa (2013): Molecular Phylogeny of the Jimsonweed Genus Datura (Solanaceae). Systematic Botany, 38(3): 818-829. doi:10.1600/036364413X670278
  7. John Scarborough (2012): Thornapple in Graeco-Roman Pharmacology. Classical Philology 107 (3): 247-255. JSTOR 665636
  8. R Geeta & Waleed Gharaibeh (2007): Historical evidence for a pre-Columbian presence of Datura in the Old World and implications for a first millennium transfer from the New World. Journal of Bioscience 32: 1227–1244.
  9. D.E. Symon & L.A.R. Haegi (1991): Datura (Solanaceae) is a New World genus. In: John Gregory Hawkes (editors): Solanaceae III: Taxonomy, chemistry, evolution. Royal Botanic Gardens, Kew (for the Linnean Society of London): 197-210.
  10. Ioannis T. Tsialtas, Efstathia Patelou, Nikolaos S Kaloumenos, Photini V Mylona, Alexios Polidoros, Georgios Menexes, Ilias G Eleftherohorinos (2014): In the wild hybridization of annual Datura species as unveiled by morphological and molecular comparisons. Journal of Biological Research-Thessaloniki 2014 21:11. doi:10.1186/2241-5793-21-11 (open access)
  11. Georg August Pritzel, Carl Jessen: Die deutschen Volksnamen der Pflanzen. Neuer Beitrag zum deutschen Sprachschatze. Philipp Cohen, Hannover 1882, S. 130 f.(online)


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