Klassische Bildung

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Klassische Bildung, also das Studium der Kulturen der Antike und insbesondere der klassischen Sprachen Griechisch und Latein, hatte in den vergangenen Jahrhunderten ihre volle Berechtigung darin, dass dadurch die Fähigkeiten des Verstandesseelenzeitalters auf die Höhe der Bewusstseinsseele gehoben wurden. Diese Aufgabe ist mittlerweile erfüllt und die klassische Bildung ist, namentlich seit der Mitte des 20. Jahrhunderts, in den Hintergrund getreten:

"Wir sind heute auf einem Punkte der Menschheitsentwickelung angekommen, wo es absolut unnötig ist für unser Verhältnis zum Altertum, daß wir in diesem Altertum besonders erzogen werden; denn schon seit langem ist dasjenige, was die allgemeine Menschheit von dem Altertum braucht, in solcher Weise unserer Bildung einverleibt, daß wir es uns aneignen können, auch wenn wir nicht dressiert werden, durch viele Jahre in einer fremden Atmosphäre zu leben." (Lit.: GA 192, S 96)

Eine besondere Hypothek der klassischen Bildung ist die lateinische Sprache. Sie war einerseits ein wertvolles Mittel der Erziehung zum logischen, gehirngebundenen Denken, hindert aber anderseits die Entfaltung des selbstständigen, geistgemäßen Denkens:

"Die lateinische Sprache hat aber eine ganz bestimmte Eigentümlichkeit. Sie ist nämlich so ausgebildet worden im alten Rom, daß sie selber denkt. Es ist interessant, wie der lateinische Unterricht in den Gymnasien gegeben wird. Er wird so gegeben, daß man also Latein lernt, und dann lernt man das Denken, das richtige Denken an dem lateinischen Satze. So daß also das ganze Denken abhängig wird von etwas, was gar nicht der Mensch macht, sondern was die lateinische Sprache macht. Verstehen Sie das nur, meine Herren, daß das etwas ganz Wichtiges ist! Also die Menschen, die heutzutage irgend etwas gelernt haben, denken nicht selber, sondern bei denen, wenn sie auch niemals die lateinische Sprache gelernt haben, denkt die lateinische Sprache. Deshalb ist es ja so, daß man selbständiges Denken, so kurios das ist, eigentlich heute nur noch bei manchen Menschen trifft, die nicht viel gelernt haben.

Ich will damit ja nicht etwa sagen, wir sollen wiederum in den Analphabetismus zurück. Das können wir nicht. Ich will nirgends einen Rückschritt; aber dasjenige, was ist, muß man verstehen. Deshalb ist es ja so wichtig, daß man manchmal auch zurückgehen kann zu dem, was der einfache Mensch, der wenig gelernt hat, noch weiß. Er kann es ja gar nicht mehr herausbringen, weil man ihn natürlich auslacht. Aber trotzdem, es ist außerordentlich wichtig, daß man weiß: Die Menschen denken heute nicht selbst, sondern die lateinische Sprache denkt in ihnen.

Sehen Sie, solange man nicht selber denken kann, solange kann man überhaupt nicht in die geistige Welt hineinkommen. Jetzt haben Sie den Grund, warum sich die heutige Erkenntnis auflehnt gegen alles geistige Erkennen: weil die Leute durch die lateinische Erziehung dazu gekommen sind, nicht selber zu denken. Das ist das erste, was man lernen muß: selber denken. Die Leute haben heute ganz recht, wenn sie sagen: Das Gehirn denkt. - Warum denkt das Gehirn? Weil die lateinischen Sätze ins Gehirn hereingehen, und das Gehirn denkt ganz automatisch bei dem heutigen Menschen. Das sind Automaten der lateinischen Sprache, die herumlaufen und gar nicht selber denken." (Lit.: GA 350, S 147)

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Geisteswissenschaftliche Behandlung sozialer und pädagogischer Fragen, GA 192 (1991)
  2. Rudolf Steiner: Rhythmen im Kosmos und im Menschenwesen. Wie kommt man zum Schauen der geistigen Welt?, GA 350 (1991)
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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
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