Philipp Sonntag (Autor)

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Philipp Sonntag

Philipp Sonntag (* 28. Dezember 1938 in Halle (Saale)) ist ein deutscher Physiker, Kybernetiker, Sozialwissenschaftler, Zukunftsforscher, Autor, Publizist. Als Mitarbeiter von Carl Friedrich von Weizsäcker war er (1964-1978) an dessen Kriegsfolgen- und Kriegsverhütungsforschung sowie mit ethischen Themen beteiligt. Weitere Schwerpunkte sind seitdem Zukunftsforschung und „Technik und Gesellschaft“. In jüngerer Zeit publiziert er Zeitzeugenberichte und verfasst gesellschaftskritisch-satirische Belletristik, z.T. als Kunstfigur „Zeitmaschinennavigator Phila“.

Ausbildung

Nach dem Abitur 1958 am Realgymnasium Gräfelfing bei München, studierte Sonntag an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) 1958 bis 1964 Physik bis zur Promotion, und 1959-1967 einige Fächer Ökonomie an der LMU und der Universität Hamburg, ferner sowie einige Semester Politische Wissenschaften an der „Hochschule für Politische Wissenschaften“ in München.

Friedensforschung

Sonntag war 1964 bis 1978 Mitarbeiter von Carl Friedrich von Weizsäcker, bis 1969 in der „Forschungsstelle der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler“ (VDW) in Hamburg, danach im „Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt“, in Starnberg. Er war 1964 bis 1971 Chefprogrammierer für eine breit angelegte Studie „Kriegsfolgen und Kriegsverhütung“, sowohl was die möglichen Auswirkungen eines Atomkrieges in Deutschland betraf, als auch mathematische Modelle bezüglich der Eskalationsgefahren. Die Studie entstand im Kontext der „Göttinger Achtzehn“, welche sich geweigert hatten, Atomwaffen zu bauen, und die dann öffentlich darlegen wollten, welche Gefahren von Atomwaffen der NATO und des Warschauer Paktes ausgehen. Im Ergebnis gab von Weizsäcker 1971 das Buch „Kriegsfolgen und Kriegsverhütung“ heraus. Sonntag schreibt zu seinem Anteil (siehe „Deutsche Atomphysiker …“)[1]:

„In meiner Verantwortung waren die umfangreichen Computerprogramme zu den beiden Themen:

  • Kriegsfolgen verschiedener Atomkriege in Deutschland
  • Kriegsverhütung und vor allem Vermeidung von Eskalation, von Ausweitung eines einmal begonnenen Krieges.“

und beschreibt seine Arbeitsweise: „Es gab nur einen geeigneten Großcomputer in Hamburg und ich mietete mich in einer wilden WG dort ganz nahe ein, um mitten in der Nacht ein paarmal meine Lochkarten einzufüttern – tagsüber war der Rechner überlaufen.“ Sonntag verweist auf drei grundlegende Resultate seiner Forschungen:

  • „Bereits der Einsatz von sehr wenigen Atombomben wie für militärische Gefechte (Panzerkrieg) vorbereitet, würde enorme Schäden verursachen, medizinisch, wirtschaftlich, ökologisch.
  • Der Versuch einer atomaren Verteidigung Deutschlands hätte unser Land auf sehr lange Zeit zerstört und weitgehend unbewohnbar gemacht. Das galt 1971 schon bei Einsatz eines Bruchteils der damals auf uns gerichteten Atomwaffen, so für 10% der taktischen, d.h. für militärische Gefechte vorgesehenen Atombomben. Es galt gleichermaßen für 3% der Mittelstreckenwaffen, die auf deutsche Großstädte gerichtet waren, Beispiel Cruise Missiles, Marschflugkörper, die von Flugzeugen gestartet werden können und ihr Ziel durch eigene Vorprogrammierung des Geländes selbst ansteuern, und bei diesem Einsatz kaum abzuwehren waren – und sind.
  • Ein einmal begonnener Atomkrieg wäre weder technisch, noch militärisch noch politisch zu stoppen. Die Dynamik in Richtung Eskalation ist enorm!“

Für „Child Survivors Deutschland e. V.“, dessen Mitglieder den Holocaust als Kinder überlebt haben, ist Sonntag im Vorstand aktiv, und hat zwei Buchreihen herausgegeben, in den Verlagen Hentrich&Hentrich sowie Beggerow.

Religiöse Aspekte

Seine Frau Mechthild Sonntag führte ihn zu Varianten des Gedankengutes von Anthroposophie, inklusive praktischen Umsetzungen, wie in der Eurythmie, und wie in der Improvisationsmusik von Lilly Friedemann, siehe auch seinen Artikel „Improvisation ist ein weites Feld.“ In der anthroposophischen Zeitschrift DIE DREI untersucht er in seinem Artikel „Radioaktivität als moderne Apokalypse - Das Gefährdungspotenzial ihrer zivilen und militärischen Nutzung“ die gesellschaftlichen Optionen im Umgang mit den existenziellen Gefahren, insbesondere ausgehend von „Wege zur Welt-Innenpolitik“, wie von Carl Friedrich von Weizsäcker vorgezeichnet. Philipp Sonntag erlernte die internationale Sprache Esperanto in einem Kurs bei der Esperanto-Schriftstellerin Lena Karpunina 2012 in Berlin. Er engagiert sich in der Esperanto Liga Berlin/Brandenburg neben der Vorstandsarbeit mit den Schwerpunkten wie Homaranismus („homaranismo“) (eine Art pragmatischer, völker- und religionen-verbindender Humanismus), und linguistischen Fragen. Siehe seinen Artikel: „ Herausforderung Homaranismus“.

Zentral für die Erforschung der Ursachen von Gewalt (insb. Krieg) waren für Sonntag die religiösen Fragen. Zusammen mit Carl Friedrich von Weizsäcker war er einige Jahre aktiv in der „Forschungsgesellschaft für westliche Wissenschaft und östliche Weisheit“. Zu seinen Ansätzen gehörte die „Wiedervereinigung der Religionen zur Religiösität“, im Sinne einer Rückkehr zu den elementaren Anliegen, siehe seinen Artikel „Religiöses Erspüren von Wahrheit und Willkür“. Er sieht „Religiöse Toleranz als Schrittmacher von Kultur und Zivilisation“.

Ein literarischer Versuch an der Schwelle zum Tod ist das Märchen „Liebesknurren“, mit dem Überlebenskampf einer Maus in einer Wohnung von Menschen. Es soll insbesondere für ältere Traumatisierte eine Vermittlung ihrer bitteren Erfahrungen durch Vorlesen für Enkel und andere Nachkommen ermöglichen.[2]

Eine 2020 aktuelle Rezension zu „Erika Ruckdäschel: Glutkern“ von Sonntag betont, wie elementar und zugleich allgemeinverständlich die Bibel mit „Erzählender Theologie“ vermittelt werden kann.[3]

1956 entwarf Sonntag ein neurobiologisches Modell „Cayenne“[4], um jene Entscheidungs-Strukturen des Menschen zu untersuchen, welche zu Krieg, Gewalt und allgemein zu Unglück führen. Er hat das Vorstellungsprinzip des Modells laufend bis in die Gegenwart 2020 weiter entwickelt, und auf ethische Entscheidungen angewandt. Dabei ging es einerseits darum, welche Phänomene eines „Glaubens“ schaltungstechnisch modelliert (nicht: „erklärt“) werden können. Andererseits diente das Modell der Präzisierung, was grundsätzlich nicht erfasst werden kann, und dafür erwiesen sich anthroposophische Begriffe als hilfreich, weil dort die Spannweite von Naturwissenschaft bis hin zu übersinnlicher Geisteswissenschaft thematisiert und mit Erfahrungen ausgestattet ist. Das bei Cayenne elementare Ur-Modul eines „Es spürt sich was“ gehört als reales Phänomen zum Ätherleib und kann in keiner Weise aus Eigenschaften eines physischen Leibes (z. B. Biomaterie) kausal abgeleitet werden – obwohl es Zuordnungen gibt, wie bestimmte biologische Organe, welche differenziert bestimmte Sinneswahrnehmungen leisten. Ähnlich gibt es keine Brücke von Materie zu Eigenschaften eines Astralleibes, der etwa für therapeutische Erfahrungen aus früheren Leben elementar ist.

Von zentralem Interesse ist beim Cayenne, an der Grenze von Astralleib und „Ich“, der Versuch, „Ichformung“ und „Identitätsentwicklung“ zu verstehen, etwa was heißt „Es denkt in mir“, etwa wie kann ein „eigener Wille“ aufgebaut werden und dann zur „Austilgung“ von „Denken, Fühlen und Wollen“ selbst eingesetzt werden, was ist dabei das „wahre Ich“ usw.? . In der Anfangsphase des Cayenne ging es darum, grundlegende Probleme der Ankopplung von einfachen Bewusstseinsmodulen (Grundformen des elementares Spürens) an signalverarbeitende Materie (biologisch und elektronisch) zu untersuchen und die qualitative Differenzierung von Bewusstsein zu modellieren. Das führte dann weiter zu Formulierungen wie „Die Seele tanzt auf dem Gitter der Röhre“. Gemeint ist die Verstärker-Röhre, die vor den Siliziumkristallen und sonstigen elektronischen Schaltungen verwendet wurde – und womöglich eine Entsprechung in biologischer Materie hat, bei einem Kontakt aus der geistigen Ebene zum Menschen. Insgesamt ist das Cayenne keine anthroposophische Forschung, seine Entwicklung wurde jedoch mit durch anthroposophische Begriffe inspiriert.

Persönliches

Sonntag war von 1968 bis 1978 verheiratet, in erster Ehe mit seiner Frau Uta und in zweiter Ehe mit seiner Frau Mechthild. Er und hat einen Sohn (Leo) und eine Enkelin (Laura) Kind. Seit 2006 lebt er mit seiner früheren Jugendfreundin Agnes zusammen. Philipp Sonntags Mutter war jüdischer Herkunft. 1944, als er 5 Jahre alt war und sein Bruder 13, nahm sie sich das Leben, um in der Hoffnung, ihre Kinder zu retten, denn so konnte der Vater eine „arische“ Frau heiratet. So geschah es, und Philipp konnte als „Child Survivor“ die Verfolgung der Nazis überleben[5]

Werke

  • Alert Forever – Child Survivors in Action before 1945 and beyond 2019. Beggerow Verlag, Berlin; Oktober 2019; 240 Seiten download
  • Umgang mit Zeitzeugen – Erfahrungen aus der Sicht von Überlebenden des Holocaust, Daten zur Lehrerfortbildung, eine detaillierte Zusammenstellung von Hinweisen und Informationen, nach meinem Beitrag zur Lehrerfortbildung 2018 in Minden, auf 23 Seiten. Eine Kurzfassung ist für eine pädagogische Zeitschrift vorgesehen: EDUCkurz.pdf
  • Religiöses Erspüren von Wahrheit und Willkür, in der Anthologie Band 7 der Serie "Zu Wahrheiten vereint"; Karin Manke-Hengsbach und Philipp Sonntag (Hrsg.): "Gretchenfrage neu ..."; Beggerow Verlag, Anfang 2019, S. 79-97
  • Deutsche Atomphysiker übernahmen Verantwortung wegen Atomrüstung. Umstrittene Rollen sensibler Akteure vor und in der Demokratie. Vortrag, gehalten am 26. Oktober 2017 bei einer Veranstaltung der Zeitzeugenbörse Berlin www.zeitzeugenboerse.de in der Berliner Landeszentrale für politische Bildung, Hardenbergstr. 22, S. 1 (Philipp Sonntag: Deutsche Atomphysiker …) pdf
  • Laudatio auf Dr. Léon Gruenbaum, S. 129 - 140. In: Dieter Deiseroth und Hartmut Graßl (Hrsg.): Whisteblower Enthüllungen; BWV Berliner Wissenschafts-Verlag, (2016). Dies ist der Text von Sonntags Laudatio für die Vergabe des Posthum- Whistleblower-Ehrenpreises an Dr. Léon Gruenbaum (am Freitag, dem 16. Oktober 2015, im Bürgersaal des Rathauses in Karlsruhe, im Rahmen der Veranstaltung von VDW und IULANA zur Vergabe der Whistleblower Preise 2015); siehe hierzu auch den Beitrag "Aktuelle Folgerungen aus dem Whistleblowing von Dr. Léon Gruenbaum" zum Pressegespräch am 8. Juni 2016 aus Anlass des Buches "Whistleblower Enthüllungen", einerseits für die Pressemappe und andererseits in vereinfachter, verbaler Kurzform. Zum Video der Laudatio.
  • Philipp Sonntag: Herausforderung Homaranismus. In: Esperanto. Sprache und Kultur in Berlin und Brandenburg 111 Jahre, Jubiläumsbuch 1903-2014, Redaktion: Fritz Wollenberg. Esperanto-Verband Berlin-Brandenburg (Hrsg.), Mondial, New York - Berlin 2017, 509 Beiträge in Deutsch und Esperanto, S. 342-354. ISBN 978-1-59569-340-2
  • Raus aus dem finsteren Mittelalter der Menschen. In: Kreibich, Rolf und Fritz Lietsch (Hrsg.): Zukunft gewinnen! Die sanfte (R)evolution für das 21. Jahrhundert - inspiriert vom Visionär Robert Jungk. ALTP Verlag, München (2015), S. 184 - 187.
  • Improvisation ist ein weites Feld. In: Ringgespräch über Gruppenimprovisation - Theorie und Praxis improvisierter Musik. Ausgabe LXXVI, April 2013, S. 11-12
  • Radioaktivität als moderne Apokalypse - Das Gefährdungspotenzial ihrer zivilen und militärischen Nutzung. In: DIE DREI, 5/2011, S. 9-20
  • Verletzbarkeit und Überlebensfähigkeit der Gesellschaft. In: Zivilverteidigung, 2/1989. S.5-10.
  • Ulrich Brasche und Philipp Sonntag: Intelligent Sensors Technology, Applications and European Markets. VDE Verlag, Berlin/Offenbach 1989. 128 S.
  • Peter Otto und Philipp Sonntag: Wege in die Informationsgesellschaft - Steuerungsprobleme in Wirtschaft und Politik. München dtv, 1985, 340 S.
  • Das Verhältnis von natürlicher, künstlicher und spiritueller Intelligenz. Spirituelle Dimensionen / Brahma Kumaris World Spiritual University Frankfurt/Main, 9/1985
  • Eine ordnende Hand im Chaos der Probleme (Dietrich Goldschmidt und Philipp Sonntag würdigen den Jubilar Carl-Friedrich von Weizsäcker zum siebzigsten Geburtstag) In: VDW intern, Sonderteil der Ausgabe Nr. 67, Juni 1982, Seite IV bis VI
  • Verhinderung und Linderung Atomarer Katastrophen. Mit einem Vorwort von C.F. von Weizsäcker. Bonn, Osang. Mai 1981, 234 S.
  • Ansätze zu einer ökologisch fundierten Wirtschaftspolitik. In: Arnoldshainer Schriften zur Interdisziplinären Ökonomie. (Hrsg. Jens Harms, Christian Leipert und Philipp Sonntag). Band 1/80: Alternative Ökonomie und Ökonomische Theorie. [Und gemeinsame Herausgabe der Arnoldhainer Schriften z. I. Ök. bis 1990].
  • Der Einfluß des menschlichen Faktors auf atomare Katastrophen. In: 20. Deutscher Soziologentag, Reihe Tagungsberichte. Gruppe Katastrophensoziologie 1980.
  • Reich, U.-P.; Sonntag, Ph.; Holub, H-W.: Arbeit-Konsum-Rechnung - Axiomatische Kritik und Erweiterung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Köln:Bund Verlag 1977, 252 S.
  • Afheldt, H.; Potyka, Ch.; Reich, U.-P.; Sonntag, Ph.; Weizsäcker, CF.v.: Durch Kriegsverhütung zum Krieg? Die politischen Aussagen der Weizsäcker - Studie ‘Kriegsfolgen und Kriegsverhütung‘. München: Hanser 1972. 178 S.
  • 2 Beiträge zur „Kriegsfolgenstudie“: Carl-Friedrich von Weizsäcker (Hrsg.): „Kriegsfolgen und Kriegsverhütung. Hanser München, 1971: Mathematische Analyse der Wirkungen von Kernwaffen in der BRD. S. 75-198.
  • Afheldt, Horst und Sonntag, Philipp: Stabilität und Abschreckung durch strategische Kernwaffen. Eine Systemanalyse. S. 303 - 415.

Siehe auch

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Carl Friedrich von Weizsäcker (Hrsg.): Kriegsfolgen und Kriegsverhütung. München, Hanser Verlag, (1971), 599 Seiten.
  2. Liebesknurren - Als Maus unter den großen Tramplern pdf
  3. [https://www.lovelybooks.de/autor/Erika-Ruckd%C3%A4schel/Glutkern-2575011136-w/rezension/2617604406/ Rezension zu: Erika Ruckdäschel: Glutkern
  4. Cayenne - Evolutionäres Modell vernetzter Neuronen an der Grenze von Reflex und Bewusstsein (pdf)
  5. Sylvia Dienel: Der Selbstmord der Mutter rettete ihm das Leben. In: Freie Presse, Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co vom 15.06.2017 pdf
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