Raffael: Sixtinische Madonna

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Sixtinische Madonna
Bildausschnitt: Raffaels Engel

Die „Sixtinische Madonna“ von Raffael, heute in der Galerie Alte Meister in Dresden (angekauft 1754) ist eines der berühmtesten Gemälde der italienischen Renaissance. Das Gemälde in seiner Gesamtheit ist den meisten Menschen weniger geläufig als die beiden Puttenfiguren am unteren Bildrand (Raffaels Engel), die als eigenständiges Motiv der Populärkultur millionenfach auf Postern oder Postkarten auftauchen.

„Wir alle kennen ein Bild von tiefer Bedeutung, das uns gewiß allen einmal vor die Seele getreten ist, jenes berühmte Bild des Raffael das durch eine Verkettung verschiedener Umstände in bedeutungsvoller Art gerade bei uns in Mitteldeutschland sich befindet: ich meine die Sixtinische Madonna. Wir haben vielleicht in diesem Bilde, das ja in unzähligen Nachbildungen vor vieler Augen treten kann, bewundern gelernt die wunderbare Reinheit, die über die ganze Gestalt ausgegossen ist; wir haben vielleicht auch in dem Antlitz der Mutter, in dem eigenartigen Schweben der Gestalt, etwas empfunden, vielleicht auch etwas empfunden in dem tiefen Augenausdruck des Kindes. Und wenn wir dann rundherum die Wolkengebilde sehen, aus denen zahlreiche Engelsköpfchen erscheinen, dann haben wir ein noch tieferes Gefühl, ein Gefühl, das uns begreiflicher erscheinen läßt das ganze Bild. Ich weiß, daß ich etwas Gewagtes ausspreche, wenn ich sage: Sieht jemand ganz tief und ernstlich dieses Kind im Arme der Mutter, hinter ihm die Wolken, die sich gliedern zu einer Summe von Engelsköpfchen, dann hat er die Vorstellung: Dieses Kind ist nicht auf natürliche Art geboren, es ist eins von denen, die daneben in den Wolken schweben. Dieses Jesuskindlein ist selbst solch eine Wolkengestalt, nur etwas dichter geworden, als wenn ein solches Engelchen aus den Wolken auf den Arm der Madonna geflogen wäre. Das wäre gerade ein gesundes Empfinden. Wenn wir diesen Gefühlsinhalt in uns lebendig machen, dann wird sich unser Blick erweitern, er wird sich befreien von gewissen engen Auffassungen über die natürlichen Zusammenhänge des Daseins. Gerade aus einem solchen Bilde heraus wird sich der enge Blick erweitern können dazu, daß auch das, was nach heutigen Gesetzen geschehen muß, einmal anders gewesen sein könnte. Wir werden einsehen, daß einstmals eine andere als die geschlechtliche Zeugung bestand. Kurz, wir werden tiefe Zusammenhänge des Menschlichen mit den geistigen Kräften in diesem Bilde erblicken. Das liegt darinnen.“ (Lit.:GA 106, S. 17f)

Geschaffen wurde die Sixtinische Madonna im Jahre 1512/1513 von Raffaelo Santi für den Hochaltar der Klosterkirche San Sisto in Piacenza. Es handelt sich um ein von Papst Julius II. in Auftrag gegebenes Werk, das den Sieg des Papstes über die in Italien eingefallenen Franzosen feiert und aus Anlass der Einverleibung der Stadt Piacenza in den Kirchenstaat gestiftet wurde.

„Wir müssen, wenn wir im Gleichnis sprechen wollen, einmal fühlen, wie zu dem Irdischen etwas heranschwebt, wenn wir zum Beispiel des Morgens, insbesondere in einer solchen Gegend wie die ist, in welcher Raffael gelebt hat, unsere Blicke zu einem Sonnenaufgang hinwenden, zu dem goldglänzenden Sonnenaufgang, und da ein Gefühl erhalten können, wie selbst im natürlichen Dasein zu dem, was irdisch ist, etwas hinzukommen muß an Kräften, die in das Irdische hereinwirken, an Kräften, die wir immer mit dem Sonnensein verbinden müssen. Dann steigt vor unserer Seele aus dem goldigen Glänze das Sinnbild dessen auf, was heranschwebt, um sich mit dem Irdischen zu umkleiden. Man kann insbesondere in Perugia das Gefühl haben, daß das Auge denselben Sonnenaufgang sehen darf, den einst Raffael erlebt hat, und daß man in den Naturerscheinungen der aufgehenden Sonne ein Gefühl von dem bekommen kann, was im Menschen überirdisch ist. Aus den von dem Sonnengolde durchglänzten Wolken kann einem aufgehen - oder man kann wenigstens empfinden, als ob es einem so erscheint - das Bild der Madonna mit dem Kinde als ein Sinnbild des ewig Überirdischen im Menschen, das an die Erde eben aus dem Außerirdischen herankommt und unter sich noch, durch Wolken getrennt, alles das hat, was nur aus dem Irdischen hervorgehen kann. Zu höchsten geistigen Höhen kann sich unser Empfinden erhoben fühlen, wenn man sich, nicht theoretisch, nicht im Abstrakten, aber mit ganzer Seele, dem hingeben und sich damit durchdringen kann, was in Raffaels Madonna auf uns wirkt. Es ist eine naturgemäße Empfindung, die wir so vor dem weltberühmten Dresdner Bilde haben können.“ (Lit.:GA 62, S. 302f)

„Denken Sie einmal an die Zeit, als eine große Anzahl von Menschen noch in der Lage war, auch ohne okkulte Schulung, noch durch ihre natürlichen Anlagen hineinzuschauen in die geistige Welt. Da werden Sie einen etwas anderen Begriff bekommen von manchem alten Bilde, das frühere Maler gemalt haben. Ich erinnere Sie nur an die «Sixtinische Madonna», die sich in Dresden befindet. Auch wenn manche die «Sixtinische Madonna» nicht selbst gesehen haben, so kennen sie jedenfalls die guten Stiche, die es von ihr gibt. Da werden Sie gesehen haben, daß im Hintergrunde die ganze Atmosphäre mit Engelköpfen oder Genienköpfen erfüllt ist. So wie sonst die Naturanschauung aus der Luft Wolkengebilde herauswachsen läßt, so wachsen da Engels- oder Geniengestalten heraus. Das ist nicht etwa bloße Phantasie, sondern etwas, was für den, der die astralische Welt sehen kann, eine volle Wirklichkeit ist. So ist die astralische Welt, die uns als wogendes Lichtmeer umgibt, angefüllt mit Wesenheiten, die gleichsam in einer unendlichen Lebendigkeit an jedem Punkt aus dem Raum hervorsprießen. So nimmt sich in jeder Beziehung der astralische Plan aus; bewegtes geistiges Leben ist in ihm. Nun soll nicht etwa gesagt werden, daß die Maler, die zur Zeit Raffaels gelebt haben, noch im vollen Umfange diese Anschauung gehabt haben. Das wäre zu viel gesagt; aber es waren große Vorgänger dieser Maler da, deren Werke längst nicht mehr vorhanden sind, die in mancher Beziehung wirkliche Hellseher waren, die aus ihrer Hellsichtigkeit heraus die Tradition so angegeben haben, daß ein Maler wie Raffael, auch wenn er nicht Hellseher war, aus der Überlieferung wußte: so ist es, und daher sachgemäß das wiedergeben konnte. Noch viel sachgemäßer sind ältere Bilder aus dem 13. und 14. Jahrhundert. Wenn Sie zurückgehen und zu einer Zeit kommen, die am meisten bekannt ist durch den Maler Cimabue, so werden Sie sehen, wie auf den Bildern Ihnen die merkwürdige Erscheinung des Goldgrundes entgegentritt, und wie aus ihm herauswachsen Engel- oder Geniengestalten. Auch das entspricht in vollem Sinne der Wirklichkeit des astralischen Anschauens. Bis auf den Goldgrund hin entspricht das der Wirklichkeit. Denn tatsächlich, wenn wir in die höheren Partien des astralischen Planes kommen, verwandelt sich das flutende Lichtmeer, das in anderen Farbentönen erglänzt und durchhellt ist, in ein solches flutendes Lichtmeer, das wie von Gold durchglüht erscheint.“ (Lit.:GA 101, S. 30f)

„Diese Raffaelische Sixtinische Madonna ist noch aus den großen naiven Natur- und Geist-Erkenntnissen einer alten Zeit heraus geboren. Denn sie ist das Bild jener Imagination, die der Mensch eigentlich haben muß, der sich mit innerer Schauung in die Geheimnisse des Weihnachtswebens so hineinversetzt, daß ihm dieses Weihnachtsweben eben zum Bilde wird.

So können wir sagen: Der Jahreslauf, er muß sich für die innere Schauung in ganz bestimmten grandiosen Imaginationen ausleben. Geht man seelisch mit seinem ganzen Menschen hinaus in die Welt, so wird einem der Herbstesbeginn zu der grandiosen Imagination des Streites des Michael mit dem Drachen. Und wie der Drache nur sulfurisch dargestellt werden kann - die Schwefelmasse, die sich in die Drachengestalt hineinfindet -, wie da das Schwert Michaels entsteht, wenn wir uns das Meteoreisen zu diesem Schwerte konzentriert, vereinigt denken, so entsteht uns aus dem, was wir in der Weihnachtszeit empfinden können, das Bild der Marienmutter, deren Kleid in den Kräften der Erde gefaltet ist, während das Gewand - bis in diese Einzelheiten geht da die Malerei in einer bestimmten Weise vor - sich innerlich runden muß, quecksilbrig werden muß, so daß man eine innere Geschlossenheit in dem Brustgebilde hat. Da aber halten die Sonnenkräfte ihren Einzug. Und das unschuldige Jesuskind, das so gedacht werden muß, daß es noch keine Erdennahrung genossen hat, das ist die auf dem Arm der Maria sitzende Sonnenwirkung selber; oben die Sternenstrahlungswirkung. So daß wir, wie von innen heraus leuchtend in Auge und Haupt selbst, darzustellen haben, dem Menschen entgegenglänzend, das Haupt der Maria, daß wir wie in lieblicher Milde aus den Wolkengebilden in sphärischer Rundung, innerlich geschlossen, das Jesuskind auf dem Arm der Maria darzustellen haben, und dann nach unten gehend die Gewandung, von der Erdenschwere übernommen, in der Gewandung ausdrückend dasjenige, was Erdenschwere werden kann.

Und wir tun am besten, wenn wir das auch in den Farben ausdrücken. Dann haben wir jenes Bild, das uns aufdämmert als eine kosmische Imagination zur Weihnachtszeit, mit dem wir hinüberleben können bis zur Osterzeit, wo uns wiederum aus dem kosmischen Zusammenhange eine ebensolche Osterimagination aufgehen kann, von der wir dann morgen sprechen wollen.“ (Lit.:GA 229, S. 39f)

Gegenstand des Bildes ist die klassisch in Rot und Blau gewandete Madonna mit dem Jesuskind, die von Papst Sixtus II., der die Porträtzüge von Julius II. trägt, und der Heiligen Barbara flankiert wird. (Die Gebeine dieser beiden Heiligen wurden in der Kirche San Sisto als Reliquien aufbewahrt.) Die drei Figuren sind im Dreieck angeordnet; zurückgeschlagene Vorhänge in den oberen Bildecken betonen die geometrische Komposition. Der Gesamtkomposition liegt allerdings sehr deutlich das Pentagramm zugrunde, worauf auch Rudolf Steiner laut Notizen von Maria Strakosch-Giesler hingewiesen hat:

„Im Vollbild der Sixtinischen Madonna ist das Hauptmotiv zu sehen. Der Gesamtkomposition derselben liegt das Pentagramm zugrunde. Wiederholt hat Dr. Steiner angedeutet, daß dem Pentagramm als Zeichen die tiefsten Menschheitsgeheimnisse zugrunde liegen.“ (Lit.:GA 291a, S. 477)

Der Heilige, zu dessen Füßen die Papstkrone als Würdezeichen abgestellt ist, weist aus dem Bild hinaus, und die Madonna und das Kind blicken ernst in die gewiesene Richtung, während die Frau zur Rechten den Blick demütig niederschlägt. An seinem ursprünglichen Platz war das Bild an der Rückwand des Altars gegenüber einem großen Kruzifix angebracht; das Spiel der Figuren steht also im Bezug zum Kreuzestod Christi.

„Die Kunsthistoriker sollten nur wirklich tief genug schürfen, dann würden sie schon finden, wie ohne den katholischen Symbolismus die ganze Kunstentwickelung von Giotto, Cimabue, über Leonardo bis zu Raffael, Michelangelo unmöglich ist, denn diese Kunstentwickelung ist durchaus eine Fortsetzung des christlichen Kultusinhaltes, und sie gehört in das Christentum so stark hinein, daß die Leute zum Beispiel gar nicht begreifen, warum die Sixtinische Madonna so aussieht, wie sie aussieht. Wenn Sie die Sixtinische Madonna betrachten, sie ist großartig. Soweit man nach oben sieht, sind Wolkengebilde, die sich umwandeln in lauter Engelsköpfe, dann die Madonna selber mit dem Kinde, das wie verdichtet ist aus den Engeln, die in den Wolken sind. Es ist, wie wenn sich aus den Wolkengebilden eine der Engelgestalten verdichtet hätte und heruntergestiegen wäre auf den Erdboden, aber alles wunderbar ins Geistige gehoben. Dann zwei Vorhänge (es wird an der Tafel skizziert, Tafel 7 links oben), und darunter eine kokette Frauengestalt und eine furchtbare Priestergestalt, alles Dinge, die gar nicht dazugehören. Warum ist denn das so? Es ist das aus dem einfachen Grunde, weil Raffael ursprünglich in diesem Bilde das Seelenerlebnis beim Umgange [mit einem Marienbild] an einem bestimmten Marien-Feiertage wiederzugeben gedachte — jetzt ist dies an das Fronleichnamsfest verlegt -, wo man [in Prozession mit einem Marienbild] herumgeht, das unter einem Baldachin [getragen wird] und zu Altären kommt, [wo man niederkniet]. Daher ergeben sich hier (siehe Tafel) die Vorhänge, und unten knieen eben eine weibliche und eine männliche Gestalt an einer solchen Kapelle vor dem Marienbild. Also das ist gewissermaßen schülerhaft hinzugezeichnet zu dem, was [Raffael gemalt hat]. Was da eigentlich gemeint ist, steht ganz im römischkatholischen Kultus drinnen - absolut steht es darinnen.“ (Lit.:GA 343a, S. 227f)

„Hinter dem Maler stehen die großen Weltanschauungsperspektiven, die sich in ihm zum Ausdruck bringen. Das kennzeichnet solch einen Maler wie Raffael gerade als den Maler des ausgehenden Zeitalters, das wir als den vierten nachatlantischen Zeitraum bezeichnet haben. Solche Zeiträume, zu Ende gehend oder auch in ihrer Innerlichkeit noch herüberragend über die Zeitengrenze, drücken ein Höchstes aus [...]

Dasjenige, was dargestellt ist, interessiert vor allen Dingen dadurch, daß es sich abhebt von einer größeren Weltanschauungsperspektive - und ohne den Hintergrund einer größeren Weltanschauungsperspektive ist die Sache nicht zu denken.

Von diesem Gesichtspunkte aus sehen wir uns einmal Raffaels Bilder an, soweit sie uns heute zur Verfügung stehen, und beachten wir gerade diesen charakterisierten Gesichtspunkt. Um in diesem charakterisierten Gesichtspunkte zu schaffen, um gerade von diesem Gesichtspunkte aus herauszuheben die Schöpfungen aus einer großen Weltenperspektive, mußte in Raffaels Seele etwas so, ich möchte sagen auch Kosmisch-Gesetzmäßiges wirken, wie es sich ausdrückt in seinem ja höchst merkwürdigen Lebensgange.“ (Lit.:GA 292, S. 199)

„Raffael malt so, daß wir es mit über den Völkern stehenden allgemeinen Wiedergaben christlicher Geheimnisse zu tun haben. Darum sehen wir, wie in kurzer Zeit die Sixtinische Madonna selbst in protestantischen Gegenden sich in die Seelen einlebt. Und wenn Anthroposophie wirken soll für das Verständnis der christlichen Mysterien, wird sie in denjenigen Seelen am besten Eingang finden, in denen die Empfindungen leben, welche gewonnen sind an Bildern wie die Sixtinische Madonna, in denjenigen Seelen, die auf diese Weise vorbereitet sind. Und wenn wir heute davon sprechen, daß das Christentum erst im Anfang seiner Entwickelung ist, daß es erst durch den spirituellen Schlüssel, den die Anthroposophie zu geben vermag, seine wahre Gestalt erhalten wird, dann wissen wir, daß diesem Christentum gegenüber wie ein Herold dasteht Raffael.“ (Lit.:GA 143, S. 197)

Eine maltechnische Meisterleistung dieses Werkes birgt der Hintergrund – aus größerer Entfernung glaubt man, Wolken zu sehen, bei näherer Betrachtung sind es jedoch zahllose Engelsköpfe.

„Sehen Sie, Raffael war groß. Die Sixtinische Madonna ist eine sehr bedeutende malerische Schöpfung. Sie richtig zu würdigen ist eigentlich nur derjenige berechtigt, der, wenn heute ein Maler die Sixtinische Madonna malen würde, sie für ein schlechtes Bild hielte. Denn nicht darauf kommt es an, daß man irgend etwas absolut nimmt, sondern darauf kommt es an, daß man sich in den großen Menschheitszusammenhang hineinzustellen versteht. Und das ist die große Sünde, das ist das eigentliche Unheil in unserer Zeit, wenn das mißachtet wird. Heute liegt die Notwendigkeit vor, endlich einmal nicht bloß, wie es in der Vorzeit erlaubt war, sich absolut hineinzustellen in die Welt, sondern im Zeitalter der Bewußtseinsentwickelung wird es eine Notwendigkeit, sich bewußt in dem Zeitpunkt zu fühlen, auf den man in einer bestimmten Inkarnation gesetzt ist. So paradox das klingt, zur richtigen Schätzung der Raffaelischen Sixtinischen Madonna wird nur der kommen, der, wenn heute ein Maler diese Sixtinische Madonna malen würde, sie für ein schlechtes Bild zu halten vermöchte aus den heutigen Gesinnungen des Malens heraus. Denn nichts hat einen absoluten Wert, sondern die Dinge haben ihren Wert an der Stelle der Welt, an der sie stehen. Bisher konnte man ohne eine solche Einsicht auskommen. Von heute ab ist eine solche Einsicht notwendig. Schließlich ist sie ja nicht einmal so ganz besonders tief. Der den pythagoräischen Lehrsatz erfunden hat, war zu seiner Zeit ein großer Mann. Wenn ihn heute einer erfindet oder entdeckt, wäre es interessant, nicht wahr; es wäre ja auch interessant, wenn heute jemand die Sixtinische Madonna macht - aber es ist halt nicht die Zeit dazu, es ist nicht das, was geschehen muß an dem Punkte der Entwickelung, an dem wir stehen.“ (Lit.:GA 189, S. 167f)

„Sie können nachdenken darüber, wie merkwürdig es Goethe gegangen ist, als er das erste Mal die Dresdener Galerie besucht hat. Vielleicht werden Sie voraussetzen, wenn Sie vor die «Sixtinische Madonna» hintreten, daß da ein lichtes Entzücken über dieses Bild in Goethes Seele aufgegangen sei. Sie könnten es voraussetzen nach all den Lobeshymnen, mit denen er später über die «Sixtinische Madonna» gesprochen hat. Aber wir müssen uns erinnern, was er gehört hatte von den Dresdener Galeriebeamten und von denen, welche die offiziellen Hüter dieses Bildes waren. Da hörte er, daß das Kind in den Armen der Mutter, dem wir das ungemeine Hellsehen in den Augen ansehen, gemein realistisch gemalt sei; es könnte nicht von Raffael herrühren, sondern müsse von einem andern übermalt worden sein. Und besonders könnten die kleinen Engel nicht von Raffael herstammen. Es war nicht ein Siegeszug, als die «Sixtinische Madonna» in Dresden einzog. Allerdings ist es dann ein Verdienst Goethes gewesen, daß er, nachdem er zu einer Würdigung Raffaels gekommen war, zum Verständnisse der «Sixtinischen Madonna» und Raffaels überhaupt beigetragen hat.“ (Lit.:GA 133, S. 89f)

„Als Goethe seinerzeit von Leipzig nach Dresden fuhr, da hörte er etwas anderes über das Bild der Madonna. Die Beamten der Galerie m Dresden sagten ungefähr so: Da haben wir auch ein Bild von Raffael. Es ist aber nichts Besonderes. Es ist schlecht gemalt. Der Blick des Kindes, das ganze Kind, alles, was da gemalt ist an dem Kinde, ist gemein. Die Madonna selber ebenso. Man kann nur glauben, daß sie gemalt worden ist von einem Stümper. Und nun gar noch unten die Figuren, von denen man nicht weiß, ob es Kinderköpfe oder Engel sein sollen. — Dieses grobe Urteil hat Goethe damals gehört. Daher hatte er auch zunächst keine richtige Schätzung des Bildes. Alles, was wir heute über das Bild hören, das lebte sich erst nachher ein, und der Umstand, daß Raffaels Bilder in den Nachbildungen ihren Siegeszug durch die Welt machten, ist eine Folge dieser besseren Einschätzung. Man braucht nur zu erinnern daran, was gerade England für die Reproduktion und Verbreitung der Bilder Raffaels getan hat. Was aber bewirkt wurde in England dadurch, daß so gesorgt worden ist für die Reproduktion und Verbreitung Raffaelscher Bilder, das wird man erst erkennen, wenn man die Sache vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus mehr betrachten lernen wird.

So ist uns Raffael durch seine Bilder wie ein Vorherverkündiger eines Christentums, das international werden wird. Der spekulative Protestantismus sah die Madonna lange Zeit als spezifisch katholisch an. Heute ist die Madonna auch in die evangelischen Länder überall eingedrungen, und man erhebt sich mehr zu der okkulten Auffassung, zu einem höheren, interkonfessionellen Christentum. So wird es immer weitergehen.

Wenn wir diese Wirkungen für ein interkonfessionelles Christentum erhoffen dürfen, so wird uns das, was Raffael gemacht hat, auch in der Geisteswissenschaft helfen.“ (Lit.:GA 155, S. 25)

Literatur

  • Claudia Brink/ Andreas Henning (Hrsg.): Raffaels Sixtinische Madonna. Geschichte und Mythos eines Meisterwerks, Berlin 2005
  • Andreas Henning: Raffaels Transfiguration und der Wettstreit um die Farbe. Koloritgeschichtliche Untersuchung zur römischen Hochrenaissance, Deutscher Kunstverlag, München 2005, ISBN 3-422-06525-3, zugl.: Berlin FU Diss. 2002
  • Theodor Hetzer: Die Sixtinische Madonna, Verlag Urachhaus, Stuttgart 1991
  • Michael Ladwein: Raffaels Sixtinische Madonna. Literarische Zeugnisse aus zwei Jahrhunderten, Pforte-Verlag, Dornach 2004, ISBN 3-85636-159-6
  • Marielene Putscher: Raphaels Sixtinische Madonna. Das Werk und seine Wirkung, Hopfer, Tübingen 1955, zugl.: Hamburg Univ. Diss. 1955
    • 1. - Textband
    • 2. - 195 Blätter (in einer Mappe)
  • Michael Rohlmann (Hrsg.): Raffaels Sixtinische Madonna, in: Römisches Jahrbuch der Bibliotheca Hertziana Jg. 30 (1995), S. 221-248
  • Angelo Walther: Raffael, die Sixtinische Madonna, Seemann, Leipzig 2004, ISBN 3-86502-100-X
  • Giorgio Vasari, Leben der ausgezeichnetsten Maler, Bildhauer und Baumeister, von Cimabue bis zum Jahre 1567, Übersetzung von Ludwig Schorn und Ernst Förster, Stuttgart 1843, Bd.3/I
  • Michael Frensch: Anthroposophie neu denken: Anthroposophie und ihr gnostizistischer Schatten; Das Wesen Anthroposophia; Harry Potter und die sieben Tore der Theosophie, Novalis-Verlag 2017, ISBN 978-3941664555
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