Schwanenritter

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Schwanenritter (Darstellung um 1900)
August von Heckel: Lohengrin, Gemälde auf Schloss Neuschwanstein im Auftrag von Ludwig II. (1886)

Die Schwanenritter hängen mit der in mehreren Varianten überlieferten mittelalterliche Schwanenrittersage aus dem Raum der Burgundischen Niederlanden zusammen. Bekannt ist die Verserzählung „Der Schwanritter“ von Konrad von Würzburg. Die Sage wird auch mit der Gralserzählung verknüpft, so etwa in Wolfram von Eschenbachs Versepos «Parzival». Beide Quellen benutzte Richard Wagner als Anregung für seine romantische OperLohengrin“.

Geistiger Hintergrund

Siehe auch: Schwan und Lohengrin

Als Schwan bezeichnet Rudolf Steiner die dritte Stufe des geistigen Erkenntnispfades, auf der der Mensch ungestört von seinem Ego in der Liebe zu allen Wesen sein höheres Ich findet und in die Welt auströmen kann, ohne sich dabei zu verlieren.

„Wenn der Mensch die ersten Stufen des Erkenntnispfades hinangegangen ist, dann kommen die schweren Momente des Zweifels. Indem wir die Welt mehr und mehr kennenlernen und uns mehr und mehr in Liebe versenken, um so mehr lernen wir auch die schwarze und böse Seite der Welt kennen. Das sind die schweren Tage der Eingeweihten. Der Eingeweihte ringt sich allmählich hinauf. Dann erwacht jenes Seelenlicht, welches wie eine innere Sonne um ihn herum die geistigen Dinge und Wesen beleuchtet sein läßt. Wir sehen die Gegenstände um uns herum mit Augen, weil das Licht diese Gegenstände bescheint. Eigentlich sehen wir nur die Strahlen, welche von den Gegenständen zu uns zurückgeworfen werden. Wir sehen die geistigen Dinge nicht, weil kein geistiges Licht sie bescheint. Wer es aber dahin gebracht hat, daß ihm erstrahlt das sogenannte Kundalinilicht, der steht auf der zweiten Stufe des Erkenntnispfades. Auf der dritten Stufe ist derjenige angelangt, welcher es dahin gebracht hat, sein Ich ohne Bevorzugung zu empfinden, der sich nicht höher achtet wie andere Menschen, der in der Liebe zu allen Wesen sein höheres Ich findet. Wer nicht mehr auf sein eigenes egoistisches Ich hofft, sondern aus den Wesen ihre Eigenart sprechen hört und vernimmt, von dem sagen wir, daß er auf der dritten Stufe des Erkenntnispfades angelangt ist. Wir nennen ihn in der Geheimlehre einen Schwan, und das ist ein Ausdruck, der in der ganzen Welt üblich ist, wo es geistige Forschung gibt.

Und was bringt dieser Grad? Er bringt das Ausfließen über alle Wesenheiten. Da sind wir nicht mehr wie mit einer Haut abgeschlossen von der Welt. Fremder Schmerz ist unser Schmerz, fremde Freude ist unsere Freude, wir leben und weben in dem Dasein. Die ganze Erde gehört zu uns. Wir fühlen uns in allem. Dann weiß man nicht mehr, daß man die Gegenstände von außen anschaut, dann ist es, als ob man in ihnen steckt, als ob man durch die Liebe in sie gedrungen wäre und sie dadurch weiß. Durch Mitleid, durch das Sich-Eins-Fühlen ist alles Wissen geworden.

Durch einen Klausner, Trevrizent, wird Parzival in diese Weisheit eingeweiht. Daß es ein Klausner ist, ein Einsiedler, das ist bezeichnend. Es ist einer, der herausgehoben ist aus der übrigen Menschheit, der wirklich alles zurückgelassen hat: Vater, Mutter, Bruder, Schwester, und ein Jünger dessen geworden ist, der solche Unterschiede nicht kennt. Da wird Parzival in den höheren Tugenden unterrichtet, und da wird er reif, hineinzukommen in die Burg des Heiligen Gral und auch zu fragen, welches die Wunder des Heiligen Grals sind. Er wird aufgenommen, er befreit den wunden Amfortas und wird selbst Gralskönig. Es ist ein innerer, menschlicher Weg, der Weg, den die Geheimwissenschaft in aller Welt vorschreibt, ins Christliche umgesetzt, ein Weg, auf dem uns der Parzival geschildert wird. Lohengrin gehört zu der Runde des Gral. Er ist der Sohn des Parzival. Während uns im Parzival selbst geschildert wird der höhere Gang des Menschen zu dem höheren Selbst hinauf, wird uns in Lohengrin eine historischsoziale Mission von der Mitte des Mittelalters geschildert. Das mittelalterliche Volksbewußtsein war geleitet von Eingeweihten, nicht blind, wie die Gelehrten es sich vorstellen. Dieses Volksbewußtsein hat in der Mitte des Mittelalters eine wichtige Epoche festgehalten. Was geschieht da? Kurz gesagt: ein wichtiges historisches Ereignis geschah, die sogenannte Städtekultur nimmt ihren Anfang. Die alte Feudalzeit erleidet eine mächtige Revolution. Während man früher es nur mit Landbesitz, nur mit Landbevölkerung zu tun hatte, sehen wir jetzt in Deutschland, Frankreich, Belgien, bis nach Rußland hinein überall einzelne Städte entstehen. Städte werden begründet; einen Ruck vorwärts in der Menschheitsentwickelung bemerkt man. Was war da geschehen in dieser mittelalterlichen Städtebegründung? Die Menschen wurden herausgerissen aus den Verbindungen, zu denen sie früher gehört haben. Alles, was sich geknechtet fühlte, ging in die Stadt. Da war man auf sich selbst gestellt. Da war man nur so viel wert, als man leisten konnte. Was man in der Mitte des Mittelalters als Bürgertum begründet hat, das kam herauf. Dieser mächtige Umschwung kommt in der Sage von Lohengrin zum Ausdruck.

Zeigt uns Parzival, wie der Mensch in sich selbst ein höheres menschliches Ich findet, wie er sich der Pilgerschafl zu dem höheren Ich hingibt, so zeigt uns Lohengrin, wie das mittelalterliche Volk eine gewaltige Epoche der Menschheitsentwickelung durchmacht, nämlich die Befreiung des Menschen, das Heraustreten der Persönlichkeit aus den alten Verbänden. Wollen wir den Zusammenhang dieses historischen Ereignisses mit der Sage von Lohengrin verstehen, dann müssen wir wissen, daß in aller Mystik diese Stufe durch eine weibliche Persönlichkeit symbolisiert wird. Deshalb hat auch Goethe am Ende des zweiten Teiles seines «Faust» davon gesprochen, daß das Ewig-Weibliche uns hinanzieht. Das darf nicht in trivialer Weise gedeutet werden. In Wahrheit ist die menschliche Seele gemeint, die den Menschen hinaufzieht. Im allgemeinen ist die Seele als weiblich dargestellt und das, was von außen den Menschen umgibt, als das Männliche. Immer wird die strebende Seele als weiblich dargestellt.

In der Geheimlehre weiß man, daß die großen Führer der Menschheit, die Eingeweihten, es sind, die die Menschheit immer um eine Stufe weiterbringen. Lohengrin ist der Gesandte des Heiligen Gral. Er wird von dem mittelalterlichen Bewußtsein als der große eingeweihte Führer hingestellt, welcher in der Mitte des Mittelalters die Menschheit um eine Stufe weiterbringt. Er war der Bringer der Städtekultur, derjenige, der das Bürgertum bei seinem Entstehen inspiriert hat. Das ist die Individualität des Lohengrin. Und Elsa von Brabant ist nichts anderes als das Symbol für die mittelalterliche Volksseele, die unter dem Einflüsse des Lohengrin wieder eine Stufe in der Entwickelung hinansteigen soll. Schön und gewaltig wird in der Sage dieser Fortschritt in der Menschheitsgeschichte dargestellt.

Wir haben gesehen, daß der im dritten Grade eingeweihte Schüler ein Schwan genannt wird. Der Meister, der tief eingeweiht ist, steigt höher, er steigt in die jenseitige Welt, in die Welten, zu denen das Menschheitsbewußtsein nicht hinanreicht. Er kennt alles, was durch die Menschheit spricht, lediglich in seinem Inneren. Ihn kann man nicht fragen: Woher bist du, welchen Namen hast du? - Der Schwan ist es, der ihn bringt aus noch höheren Sphären. Daher wird Lohengrin durch den Schwan in die Städteepoche gebracht. Sehen Sie den Fortschritt an, der im alten Griechentum gemacht worden ist. Die Götter in Griechenland sind nichts anderes als vergottete Eingeweihte. Nehmen Sie Zeus, der sich verbindet mit Semele; aus dieser Verbindung wird Dionysos. Die griechische Kultur geht daraus hervor. Alle großen Fortschritte der Menschheit werden in dieser Weise dargestellt. Nicht fragen soll Elsa nach Name und Herkunft dessen, der sie führt und ihr Gatte wird. So ist es mit allen großen Meistern, sie gehen unerkannt und unbemerkt durch die Menschheit hindurch. Würde man sie fragen, so würde sie das aus der Menschheit wegscheuchen. Notwendig ist es, daß sie das Heiligtum vor profanen Blicken und Fragen bewahren. So ist es auch, wenn dem menschlichen Verständnis nahegebracht würde das Wesen eines solchen Eingeweihten. In einem solchen Augenblicke würde ein solches Wesen auch verschwinden, wie das Lohengrin auch tat. Und daß die Befreiung des mittelalterlichen Bürgertums unter dem Einflüsse des Christentums geschehen ist, selbst das wird dargestellt dadurch, daß uns Lohengrin als Sohn des Parzival genannt wird.“ (Lit.:GA 54, S. 442ff)

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Die Welträtsel und die Anthroposophie, GA 54 (1983), ISBN 3-7274-0540-6 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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