Seelenselbst

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Als Seelenselbst hat Rudolf Steiner gelegentlich das höchste der Wesensglieder der Toten bezeichnet. Durch dieses verbindet er sich bereits intuitiv mit jener Vererbungsströmung, die ihn zu seiner nächsten irdischen Inkarnation herabführen soll.

Nachdem der Tote zuvor schon mit dem sog. Seelenmensch und der Lebensseele umgeben worden war, wird er nun noch von einem höchsten Wesensglied umhüllt, das in gewisser Weise dem Geistesmenschen entspricht, den der Mensch in ferner Zukunft durch die eigene Ich-Tätigkeit erwerben wird. Das Seelenselbst ist dafür gleichsam ein vorläufiger Ersatz.

„Man wird oftmals gefragt, ob diese Hilfe an die Toten nur geleistet werden kann bald nach dem Tode oder auch noch nach Jahren oder Jahrzehnten. Aber das hört nicht auf. Niemand kann so lange auf der Erde leben, daß es unnötig würde, einem vor uns Verstorbenen zu helfen. Wenn einer auch schon dreißig, vierzig Jahre tot ist: immer bleibt die Verbindung, wenn sie karmisch war, vorhanden. Natürlich muß man sich darüber klar sein, daß die Seele, wenn sie unentwickelt ist - die Seele desjenigen, der hier ist -, anfangs ein klareres Bewußtsein dieses Zusammenhanges haben kann. Anfangs kann dieses Bewußtsein des Zusammenhanges mit dem Toten sehr stark gefühlt und empfunden werden, weil die Bilder noch passiv sind und im wesentlichen das enthalten, was sie auch auf der Erde enthalten haben. Dann aber fangen sie an zu tönen, dann tönt die Sphärenmusik aus ihnen heraus. Das ist schon fremd. Und man kann Aufschluß darüber nur aus der Geisteswissenschaft heraus bekommen, indem man weiß, was in zukünftigen Erdepochen sich vollzieht. Aber es ist ja nicht gar so häufig, daß über Jahrzehnte hinaus ein ebenso lebhaftes Bedürfnis vorhanden ist, dem Toten nahezutreten, wie unmittelbar nach seinem Weggange. Da schwindet bei den Lebenden - diese Erfahrung wird nun einmal gemacht - allmählich die Hinneigung zu den Toten, da erstirbt das lebendige Gefühl für sie. Deshalb ist dieses auch schon mit ein Grund, warum nach späterer Zeit der Zusammenhang mit den Toten weniger lebendig gefühlt wird. Dies macht uns darauf aufmerksam, daß die erste Zeit des Lebens zwischen Tod und neuer Geburt vorzugsweise der Ausbildung des Seelenmenschen gewidmet ist, desjenigen, was als eine imaginative Welt um den Menschen herumschwebt. Die spätere Zeit - aber es ist natürlich von Anfang an da - ist der inspirierenden Kraft der Seele, der Lebensseele gewidmet. Und vor sich, gleichsam als ein Ideal, hat der Tote das, was man nennen kann das Seelenselbst. Es ist auch von Anfang an da, denn das Seelenselbst gibt ihm das Individualbewußtsein. Wie die Vernunft beim Kinde erst ausgebildet werden muß, trotzdem sie von Anfang an da ist, so bildet der Mensch zwischen Tod und neuer Geburt das Seelenselbst erst aus. Und dieser Ausbildung des Seelenselbstes im höchsten Maße ist dann schon jene Zeit gewidmet, in welcher es wieder langsam dem Erdenleben zugeht. Wenn der Mensch in der Zeit zwischen Tod und neuer Geburt geistig blühend vor Jugend wird - muß man sagen - , dann steht sein Seelenselbst in der höchsten Entwickelung. Hier auf der Erde sagt man: Man wird alt - ; in der geistigen Welt zwischen Tod und neuer Geburt muß man sagen: Man wird jung. - Hier sagt man: Man ergraut vor Alter - ; dort muß man sagen: Man wird blühend vor Jugend. - Diese Dinge waren vor noch gar nicht langer Zeit durchaus bekannt. Ich erinnere nur an Goethes «Faust», wo es heißt: «im Nebelalter jung geworden» ; das bedeutet: in der nördlichen Welt geboren. Man sagte früher nicht: Jemand wurde geboren -, sondern: Er ist jung geworden, womit man hindeutete auf sein Leben vor der Geburt. Und Goethe hat noch diesen Ausdruck gebraucht: «im Nebelalter jung geworden».

Die letzte Zeit zwischen Tod und neuer Geburt ist also die, in welcher die Seele vorzugsweise den intuitiven Teil ausbildet. In der ersten Zeit nach dem Tode ist ihm lebendig der imaginative Teil der Seele, das ist der Seelenmensch. Dann entwickelt sich nach und nach zur vollen Höhe der inspirierte Teil der Seele, die Lebensseele. Und nachdem entwickelt sich das, was der Seele die volle Individualität gibt, das Seelenselbst, das Intuitive, die Fähigkeit, in anderes aufzugehen, in anderes sich hineinzufinden. In was findet sich da die Seele hinein? Von was wird sie vorzugsweise intuiert? Die Seele fängt schon zwischen Tod und neuer Geburt in einem bestimmten Punkte des Lebens an, sich verwandt zu fühlen mit der Generationenfolge, die dann zu Vater und Mutter führt. Zu den Ahnen, wie die zueinandergeführt werden in den Ehen, wie sie Kinder haben und so weiter, fühlt sich die Seele nach und nach verwandt. Während man unmittelbar nach dem Tode die Bilder fühlt, das Entrollen der Bilder, und indem man hinuntersieht auf die Erde, werden diese Bilder zusammengefaßt in die mehr großen imaginativen Zusammenhänge. Und indem man sich wieder dem Erdenleben zuwendet, wird man immer intuitiver und intuitiver.“ (Lit.:GA 181, S. 191ff)

Literatur

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