Sprachgenius

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Der Sprachgenius hängt, wie jeder Genius, eng mit dem werdenden Geistselbst und der den einzelnen Menschen führenden Engelwesenheit („Schutzengel“) zusammen. Er ist zu unterscheiden von dem auf Erzengel-Stufen stehendem Volksgeist und dem Sprachgeist eines Volkes, der zu den zurückgeblieben Geistern der Form gehört. Der Sprachgenius wirkt weniger in der gehobenen Volkssprache, in der Schriftsprache, sondern am stärksten in den lokalen und regionalen Mundarten, d.h. ihrem spezifischen Dialekt, wirkt. Aus ihm schöpfen die großen Dichter eines Volkes, wie etwa Dante Alighieri oder Goethe.

„Es ist im allgemeinen da, wo ein Dialekt lebt, von außerordentlich großer Wichtigkeit, ihn in der Schule zu pflegen; sonst ist es so, daß das Kind zu einer Sprache, die ihm fremd ist, ein abstraktes Verhältnis gewinnt, während es das konkrete Verhältnis zum Dialekt hat. Man sollte erst einmal aus dem Dialekt heraus dasjenige entwickeln, was sich in der allgemeinen Sprache, wie man sie nennen kann, findet; aus dem Dialekt, der auch gewöhnlich innerlich lebendiger, reicher ist. Wenn ein Kind im Dialekt lebt, nimmt man ihm etwas von dem lebendigen Verbundensein mit dem inneren Sprachgenius, wenn man seinen Dialekt nicht respektiert und das Kind in eine andere Sprache einführt.“ (Lit.:GA 309, S. 94f)

„Daß man von Dichtung in der deutschen Sprache spricht, dem liegt das Bewußtsein zugrunde, daß der Dichter den Sinn, der sonst ausgebreitet liegt in der Welt, zusammendichtet, daß er dasjenige, was sonst draußen in der Welt verbreitet ist, kondensiert. Es wird einmal eine Sprachwissenschaft geben, die nicht so trocken und nüchtern sein wird wie die heutige, weil sie auf den lebendigen Sprachgenius eingehen wird, der heute noch unterhalb dessen liegt, was bei den Ich-Menschen der Gegenwart das bewußte Vorstellungsleben ist. Aus diesem Sprachgenius muß manches herausgeholt werden, wenn man die Dinge der geistigen Welt charakterisieren will, die ja auch hinter demjenigen liegen, was das gewöhnliche Bewußtsein umfaßt.

So muß ein anderer Sprachstil, ein anderer Stil der Darstellung auftreten, wenn geistige Dinge charakterisiert werden sollen. Daher das Befremdliche, das da auftritt in mancherlei Charakteristik der höheren Welten, welches notwendigerweise auftreten muß. Also schon wenn wir nur anfangen, die Dinge der geistigen Welt zu besprechen, dann kommen wir dabei zu etwas, was eigentlich zurückgehen müßte hinter das, was der Mensch in seinem Bewußtsein hat. Es muß aus den unterbewußten Seelengründen heraufgeholt werden.“ (Lit.:GA 129, S. 147)

„Die Menschen kommen schon bis zur Ich-Organisation, aber nicht alle Wesen, mit denen wir es zu tun haben, kommen nur bis zum Ich. Wir haben es durchaus - und gerade, wenn wir es mit aufwachsenden Kindern zu tun haben - zu tun mit Wesen, die bis zum Geistselbst kommen, die voraus sind der Entwickelung des Menschen. Wenn man so etwas ausbilden will, wie die Waldorfschul-Pädagogik, und diese aber lebendig wirken soll, dann muß man nicht bloß an die Menschen appellieren, die man dort anstellt, sondern auch an geistige Wesenheiten, die mehr entwickelt haben als die Menschen, die bis zum Geistselbst eine deutliche Entwickelung zeigen. Mit einer bestimmten Art solcher Wesenheiten haben wir es gerade beim heranwachsenden Kinde besonders zu tun: Mit den Wesen, die man als Sprachgenien bezeichnet. Wenn man es den Menschen überlassen würde, die Sprache zu übertragen auf die nächste Generation, dann würden die Menschen alle verkümmern. In der Sprache lebt etwas so Wesenhaftes wie im Menschen selber. Was mit der Sprache an den Menschen herankommt, darinnen leben Wesen, die durchaus in ihrem gewöhnlichen Leben das Geistselbst so ausgeprägt haben, wie der Mensch die Ich-Organisation. Diese Wesen inspirieren uns; diese Wesen leben in uns, dadurch daß wir sprechen.

Denken Sie sich, wie wir ein Kunstsprechen in der Eurythmie ausarbeiten müssen, damit eine sichtbare Sprache zustande kommt. Wir umfassen ja die Sprache gar nicht. Einen kleinen Teil dessen, wie der Sprachgenius wirkt, arbeiten wir in der Eurythmie aus, damit eine sichtbare Sprache herauskommt. Denken Sie sich, wie wir in der Heileurythmie appellieren an dasjenige, was diese Wesenheiten mit dem Geistselbst im Menschen erreichen können in der intuitiven Impulsierung seines Willens.

Also wir haben es in dem Augenblick, wo überhaupt von Erziehung gesprochen wird, zu tun mit einem Heranrufen der Geister, die das Geistselbst entwickelt haben. Und in alledem, was wir in der Sprache erläutern, beschreiben wir das Geistselbst.“ (Lit.:GA 317, S. 142f)

Sprachgenius und Eurythmie

„Im Laufe meiner Vorträge habe ich in diesem oder jenem Zusammenhange über den Sprachgenius gesprochen. Ich wollte, indem ich über den Sprachgenius dieses oder jenes sagte, andeuten, daß, wenn der Mensch versucht, jene Zusammenhänge, die sich als durchaus seelische Zusammenhänge ergeben, die in der Sprache selbst liegen, zu erforschen, er eigentlich sozusagen eine eigene Seele in der Sprache findet, eine Seele, die den Menschen überkommt, aus der er sich bildet. Indem er in die Sprache hineinwächst, bildet er sich. Wie ein objektiv Geistiges ist es, was ich als Sprachgenius andeuten wollte.

Nun möchte ich kurz hinweisen auf etwas, was als einzelnes Beispiel ein solches Hinwenden zum Sprachgenius sein kann. Wir reden davon, wenn wir so ganz klug und gescheit über etwas denken, und es mit dem, was wir sonst denken, vereinen können, daß wir es begreifen. Wir sprechen davon, soferne wir uns der deutschen Sprache bedienen: Ich begreife dieses oder jenes.

Nun wende man sich an das Wort «begreifen». Was bedeutet denn das? Das bedeutet, etwas angreifen, es begreifen. Ich begreife die Uhr, indem ich sie nehme. Also wir bezeichnen das Verhältnis, das wir mit unseren Gedanken zu den Dingen haben, durch einen Ausdruck, der eigentlich eine äußere Handlung bedeutet, durch die wir uns handgreiflich zu den äußeren Dingen in eine Beziehung setzen. Warum bringt uns denn die Sprache so etwas höchst Eigentümliches? Sie redet, wenn man vom Standpunkt der heutigen klugen Aufklärung aus spricht, töricht. Sie redet gerade so, als wenn man mit den Händen etwas anfassen würde, wenn man den Sinn allein begreift.

Dennoch redet die Sprache nicht töricht. Und das gehört zu den schönsten Erlebnissen, wenn man darauf kommt, daß die Sprache gerade in solchem Falle gar nicht töricht redet. Wenn man nämlich das tut, wovon man sagt, ich begreife etwas, dann greift man nur nicht mit der physischen Hand eine Sache an, aber man greift sie an mit einer Hand, die man sich erst aus dem sogenannten ätherischen oder Bildekräfteleib heraus formt. Und die Sprache hat ja Recht. Der ätherische Leib führt, wenn er etwas begreift, eine Bewegung aus, welche ein Hindeuten und ein Runden seines zu diesem besonderen Ziele gebildeten Gliedes bedeutet, wenn etwas begriffen wird. Der Ausdruck «begreifen» ist in ganz eigentlichem Sinne gemeint. Nur handelt es sich da nicht um ein Angreifen von Seiten des physischen Leibes, sondern um ein Angreifen von Seiten des ätherischen Leibes. Man muß sich schon fragen: Woher kommt denn etwas so Weises, wie es in der Sprache liegt?

Das kommt aus jenen Zeiten her, in denen man noch lebendiger gefühlt hat, was man eigentlich tut, indem man denkt. Wenn das Wort nicht so paradox klänge - es ist aber richtig, klingt nur so paradox -, so möchte ich es nicht entschuldigen, aber möchte fast um Entschuldigung bitten, daß ich das ausdrücke. Es kommt eine solche Erscheinung aus den Zeiten, in denen man noch gefühlt hat, wie man aktiv ist innerlich, wenn man denkt.

Heute denkt man eigentlich am allerwenigsten, wenn man denkt. Man fühlt am wenigsten heute, wenn man denkt. Man weiß eigentlich heute gar nicht, was man tut, wenn man denkt. Man schläft am allermeisten, wenn man denkt.

Wenn man irgend etwas angreift, fühlt man, man bewegt den Arm, die Hand. Wenn man denkt, fühlt man nichts mehr. Aber als die Leute ihr Begreifen aus dem Innersten ihrer Seele heraus gebildet haben, da war es so, daß die Leute noch fühlten, sie tun da etwas; sie greifen an mit einem feineren Leibe als mit dem physischen. Und als man die Sache so gefühlt hat noch, als man gefühlt hat noch, wenn du denkst, da streckst du etwas aus, da befühlst du etwas mit dem ätherischen Leibe, da wußte man, wie eng das Sprechen mit diesem Begreifen zusammenhängt, das im Denken enthalten ist, und was die enge Beziehung zwischen dem Atmen und dem Begreifen wußte. Man wußte, daß das Gehirn des Menschen - natürlich nicht so, wie wir heute die Dinge wissen, aber das ist ja ohnedies nicht sehr viel wert - heraussaugt das, was es dann als feine, wenn ich so sagen darf, Substanz zum Begreifen verwendet, aus dem Atmungsprozesse. Man fühlte, wenn man zum Beispiel sagte: Der Tag ist klar, die Nacht ist dumpf - in dem «klar», daß man noch mit dem Herumgreifen keinen Widerstand findet. Der ätherische oder Bildekräfteleib findet da, wo es klar ist, keinen Widerstand, kann herumgreifen. Da, wo es dumpf ist, findet man überall Widerstand; da kann man nicht herumgreifen, da stößt man überall an, kann nicht herumgreifen. Nun, sehen Sie, da fühlte man, wie im Sprechen der Atem wirkt, wie aber in dem, was das Denken ist, aus dem Atem gewissermaßen herausgezogen wird dasjenige, womit man begreift; wie also das Sprechen ein dichteres Begreifen ist, ein in der Luft vor sich gehendes Begreifen. Und wenn Sie jetzt beim Begreifen merken, das ist ja eine Geste, eine Handlung, ein Angreifen, ein Hindeuten auf die Dinge mit dem Bildekräfteleib, dann werden Sie auch begreifen, wie das dichtere Atmen im Sprechen eigentlich Gebärde ist, nur die verdichtete Gebärde des Denkens.

Warum wird die Gebärde verdichtet? Weil durch diese Verdichtung das Denken hinuntergebracht wird zum Fühlen, weil das eingetaucht wird in das Fühlen.

Nun, in unserem Denken ziehen wir gewissermaßen den Bildekräfteleib heraus aus unserem Körperlichen, aus unseren leiblichen Bewegungen und machen mit ihm unsichtbare Bewegungen.

Die Eurythmie geht den umgekehrten Weg. Sie fragt jetzt nicht nach abstrakten Gedanken, aber nach dem Gefühl: Wie begreift man die Dinge? Wie begreift man namentlich dasjenige, was richtig künstlerisch erfaßt wird? - Und sie schiebt wiederum zurück die Gebärde des ätherischen Leibes in den physischen Leib. Läßt das ausführen, was im feinen gefühls- und willensmäßigen künstlerischen Begreifen, wie es der Dichter auch hat, wenn er sein Gedicht formt, wie es im Musikalischen ist, läßt das, was im seelischen Tun liegt, wiederum hinunterfallen in leibliche Bewegungen, so daß dann der physische Leib sich so bewegt, wie das eigentlich dem Ätherleib naturgemäß ist, sich zu bewegen.“ (Lit.:GA 277, S. 342ff)

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Weltenwunder, Seelenprüfungen und Geistesoffenbarungen, GA 129 (1992), ISBN 3-7274-1290-9 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Eurythmie – Die Offenbarung der sprechenden Seele, GA 277 (1999), ISBN 3-7274-2770-1 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Anthroposophische Pädagogik und ihre Voraussetzungen, GA 309 (1981), ISBN 3-7274-3090-7 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  4. Rudolf Steiner: Heilpädagogischer Kurs, GA 317 (1995), ISBN 3-7274-3171-7 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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