Sprachzentren

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Die beiden Hauptkomponenten des Sprachzentrums: Broca-Areal (Sprachproduktion) und Wernicke-Areal (Sprachverständnis)
Paul Broca
Carl Wernicke

Als Sprachzentren werden zusammenfassend jene Hirnareale bezeichnet, die an der Produktion, der Verarbeitung und dem Verständnis der Sprache beteiligt sind. Die zwei hauptsächlichen Sprachzentren sind:

Daneben sind auch weitere relativ weit verteilte Areale der Großhirnrinde und vermutlich auch subkortikale Regionen an der Sprachverarbeitung beteiligt.

Beschädigungen der Sprachzentren können Sprachstörungen - eine sogenannte Aphasie (von griech. ἀφασία aphasía „Sprachlosigkeit“) - zur Folge haben. So können etwa Schädigungen des Broca-Areals zu einer motorischen Aphasie führen. Geschädigte können dann zwar Sprache noch weitgehend problemlos verstehen, können aber selbst nicht mehr oder nur mit großen Schwierigkeiten einigermaßen zusammenhängend sprechen (Broca-Aphasie). Anders ist es bei einer Läsion des Wernicke-Zentrums, die zu einer sensorischen Aphasie (Wernicke-Aphasie) führt, die das Sprachverständnis beinträchtigt. Geschädigte können zwar gehörte Sprachlaute begrenzt nachahmen, produzieren aber nur ein „Kauderwelsch“, das ihnen selbst und ihren Zuhörern völlig unverständlich bleibt.

Die Entdeckung und Erforschung der neuronalen Grundlage der Sprache ist auch aus geisteswissenschaftlicher Sicht höchst interessant. Rudolf Steiner würdigte die herausragende Leistung von Paul Broca in einem 1911 gehaltenen Vortrag wie folgt:

„Es hätte im April dieses Jahres das fünfzigjährige Jubiläum für eine höchst bedeutsame Entdeckung der modernen Wissenschaft gefeiert werden können, welche, wenn sie richtig verstanden wird, ein voller Beleg für die geisteswissenschaftliche Evolutionslehre ist, ein Zeugnis dafür. Gefunden werden können die geisteswissenschaftlichen Ergebnisse nur durch Hellsehen, bestätigt werden können sie durch die Tatsachen, welche die äußere Wissenschaft zutage fördert. Das fünfzigjährige Jubiläum jener bedeutungsvollen Rede hätte gefeiert werden können, die Broca, der große Arzt und Philosoph, in der Pariser anthropologischen Gesellschaft im April des Jahres 1861 gehalten hat über das Sprachzentrum. Denn was Broca geleistet hat, ist ein voller Beweis davon, daß in den inneren Gesetzen des physischen Gehirns die Anlagen liegen für jene Konfiguration, für jene Formung eines bestimmten Teils des Gehirns, die zu dem Bewußtsein der Sprachkunst und auch zum Verständnis der Sprachlaute führt. Als Broca im April 1861 gefunden hatte, daß das Werkzeug des Sprechens in der dritten Stirnwindung des Großhirns liegt und daß dieses Werkzeug in der Ordnung sein muß, wenn der Mensch die Sprachlaute verstehen will, und ebenso ein anderer Teil, wenn er sie aussprechen soll, war ein wichtiger Fortschritt getan, der geisteswissenschaftlich verwertet werden kann und ein Beleg für die geisteswissenschaftlichen Tatsachen ist. Warum? Weil sich gerade daran, wie dieses Sprachzentrum sich ausbildet, zeigt, daß die äußeren Bewegungen des Menschen, die Bewegungen seiner Hände, also das, was der Mensch halb unbewußt im Leben vollzieht, mitwirkt an der Konfiguration dieses Sprachzentrums. Warum ist dieses Sprachzentrum bei den Menschen auf der linken Seite besonders ausgebildet? Weil der Mensch nach den bisherigen Kulturbedingungen die rechte Hand besonders gebrauchte. So ist es der ätherische und astralische Leib, der aus dem Unterbewußtsein die Gesten der Hände ausführt, der hineinwirkt in das Gehirn und dieses formt. Anschaulich lehren heute die Anthropologen, daß von außen herein durch makrokosmische Welttätigkeit das Gehirn geformt wird. Wenn dieser Teil verletzt oder gelähmt wird, dann gibt es keine Sprachfähigkeit. Wenn darauf gesehen wird, daß, wenn die eine Seite des Gehirns, die gewöhnlich durch unsere Rechtshändigkeit stark ausgebildet ist, von der linken Seite aus entfesselt wird, was zum Beispiel in der Kindheit noch möglich ist und in der späteren Zeit nicht mehr, dann zeigt sich, daß wirklich von außen durch systematisierte Tätigkeit das Gehirn so geformt werden kann, daß es ein Sprachzentrum erhält in der dritten entsprechenden Hirnwindung dann auf der rechten Seite. Müssen wir da nicht sagen: Es ist das Irrtümlichste, was wir uns vorstellen können, wenn wir denken, daß die Sprachfähigkeit durch Gehirnanlage gebildet wird? - Nein, die Gehirnanlagen machen sie nicht, sondern der Mensch in seiner Tätigkeit, die er entwickelt. Aus dem Makrokosmos heraus bildet sich die Sprachfähigkeit im Gehirn. Das Sprachorgan kommt von der Sprache, nicht die Sprache von dem Sprachorgan. Das ist es, was durch diese bedeutsame physiologische Tatsache des Broca gefunden worden ist. Dadurch, daß die Götter oder Geister der Hierarchien den Menschen verholfen haben, solche Tätigkeiten auszuführen, welche ihm seine Sprachzentren schaffen, ist von außen das Sprachzentrum gebildet worden. Aus der Sprache entsteht das Sprachzentrum, nicht umgekehrt.“ (Lit.:GA 129, S. 214ff)

Damit wird auch die heute fast ausschließlich anzutreffende einseitig materialistische Deutung der neurowissenschaftlichen Forschungsergebnisse entschieden relativiert. Nicht das Gehirn erzeugt primär die Sprache, das Denken und andere kognitive Leistungen, sondern diese formen zuerst das im Kindesalter noch weitgehend plastische und wenig strukturierte Gehirn durch den immer geschickter werdenden Gebrauch der Hände, der Sprache und des Denkens aus und geben ihm seine individuelle Prägung. Das Ich des Kindes ist an dieser Bildung anfangs noch weitgehend unbewusst beteiligt. Je vollständiger die Gehirnstrukturen ausgebildet sind, desto stärker erwacht auch das Ich-Bewusstsein, weil sich nun erst das Ich an dem von ihm selbt durchformten Gehirn ausreichend spiegeln kann.

Eine besondere Bedeutung für die geistige Entwicklung hat es, wenn man durch eine entsprechende meditative Schulung die sprachbildenden Kräfte ähnlich wie das Denken vom physischen Werkzeug des Gehirns loslösen kann:

„Durch die Methode der Initiation erlangen wir einen Zustand, durch den wir die Denkkraft frei bekommen von dem physischen Gehirn: es wird dann nichts zerstört. Das erreichen wir in der Meditation, Konzentration, Kontemplation.“ (Lit.:GA 150, S. 61)

„Wie wir die Denkkraft loslösen, so können wir auch die Kraft loslösen, die wir zum sprachlichen Ausdruck verwenden. Die materialistische Wissenschaft sagt, die motorischen Sprachorgane hätten ihr Zentrum im sogenannten Brocaschen Sprachorgan. Aber nicht das Brocasche Organ hat die Sprache gebildet, sondern diese hat jenes gebildet.

Die Denkkraft wirkt zerstörend, die Sprache, die aus der sozialen Umgebung kommt, wirkt aufbauend. Nun können wir diese Kraft, die das Brocasche Organ aufbaut, loslösen. Das erreichen wir dadurch, daß wir unsere Meditation durchtränken mit Gefühlswerten. Wenn ich meditiere: Im Lichte strahlet Weisheit - , so spiegelt auch das keine äußere Wahrheit, aber einen tiefen Sinn hat es, eine tiefe Bedeutung. Wenn wir unser Gefühl damit durchdringen: Wir wollen leben mit dem ganzen Lichte, das Weisheit strahlt - , dann fühlen wir, wie wir die Kraft ergreifen, die sonst im Worte zum Ausdruck kommt, und die nun in unserer Seele lebt. Wenn man vom goldenen Schweigen spricht, so bezieht sich das darauf: Wir haben in unserer Seele eine Kraft, die das Wort schafft. - Wir können sie ergreifen wie die Denkkraft. Dann überwinden wir die Zeit, wie wir durch das Ergreifen der Denkkraft den Raum überwinden. Was für das alltägliche Leben ein Erinnern ist bis zur Kindheit, das dehnt sich dann aus über das vorgeburtliche Leben. Das ist der Weg, um Erfahrungen zu bekommen über das Leben vom letzten Tode bis zu unserer jetzigen Geburt, und zugleich der Weg, die Entwickelung der Menschheit zu durchschauen. Wir durchschauen die Kräfte, die die Evolution der Menschengeschichte leiten.“ (S. 62f)

Siehe auch

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Weltenwunder, Seelenprüfungen und Geistesoffenbarungen, GA 129 (1992), ISBN 3-7274-1290-9 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Die Welt des Geistes und ihr Hereinragen in das physische Dasein, GA 150 (1980), ISBN 3-7274-1500-2 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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