Vergiftungsthese

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In seiner Biographie Rudolf Steiners gibt Gerhard Wehr der rätselhaften Erkrankung Rudolf Steiners am 1. Januar 1924, die in einen Zusammenbruch am 28. September des gleichen Jahres mündete und in deren Folge Rudolf Steiner am 30. März 1925 als Pflegefall verstarb, breiten Raum. Seine Darstellungen unterstützen die sogenannte Vergiftungsthese, welche besagt, dass Rudolf Steiner aus den eigenen Reihen erst vergiftet und später wiederum mit Gift (unabsichtlich) getötet wurde.[1]

Allerdings gab es bislang mit Ausnahme persönlicher Erinnerungen enger Schülerinnen von Marie Steiner und weniger anderer Zeitzeugen nur wenig Literatur zum Thema.

1994 ist aber ein Werk von Hermann Keimeyer: "Rudolf Steiners Martyrium und Auferstehung" erschienen, welches über die gesamten Vorgänge aufklärt.

Doch in der Folge wurde auch dieser Aufklärungsversuch welcher beinhaltet, daß Ita Wegman die Haupttäterin gewesen sein soll, im wesentlichen ignoriert und die Frage einer Vergiftung Rudolf Steiners aus den eigenen Reihen bleibt weiter offen.[2]

Marie Steiner selbst wagte nicht mehr, als eine Andeutung: "Sie wüteten mit Gift und Flamme" (Nachwort in: Mein Lebensgang, GA 28, Taschenbuchausgabe, S. 350), jedoch wurde sie ihrer Schülerin Lidia Gentilli Baratto gegenüber deutlicher und erwähnte Einzelheiten des Vergiftungsanschlags.

Erst im Jahre 1970 wagte es die Eurythmistin Ilona Schubert in ihrem Buch "Selbsterlebtes im Zusammensein mit Rudolf Steiner und Marie Steiner" (1. Auflage Basel 1970), Ihre Erinnerungen an den Vorfall zu veröffentlichen. Sie schrieb: "Beim sogenannten Rout an der Weihnachtstagung am 1. Januar 1924 haben einige Eurythmistinnen die Gäste bedient, die in dem großen Saale der Schreinerei an kleinen Tischen saßen. Von dem Saal führte ein Gang an der Bühne vorbei zu den Garderobenräumen. In einem solchen Raum war eine Teeküche eingerichtet worden, und von da aus brachten wir Tee, Kaffee und Kuchen zu den Gästen. So ging auch ich einmal mit einer Tasse Tee durch den Gang. Da teilte sich der Vorhang, der den Gang von dem Saal abschloss und Dr. Steiner kam mir wankend entgegen, schneebleich und heftig stöhnend. Ich setzte schnell meine Tasse ab und konnte ihn gerade noch zu einem Sessel führen. Er sagte nur: `Mir ist ja so schlecht.´ Ich wollte ganz schnell Frau Dr. Steiner und Frau Dr. Wegman holen, aber er hielt meine Hand ganz fest und sagte: `Nein, bleiben Sie bei mir - bitte Wasser, Wasser.´ Fräulein Mitscher, die gerade dazukam, lief gleich, es zu holen, ich konnte nicht weggehen, da ich mit meinem Arm Dr. Steiner stützte. Er leerte das Glas Wasser, das Fräulein Mitscher ihm reichte. Wir fragten, was denn geschehen sei, und da sagte er: `Man hat mich vergiftet.´ Man konnte sehen, dass er furchtbare Schmerzen hatte, er war eiskalt und schweißbedeckt. Fräulein Mitscher und Frau Turgenieff, die auch dazugekommen war, und ich beschlossen nun, sofort Hilfe zu holen. Da kam Frau Dr. Steiner aus dem Saal und fragte: `Ist etwas geschehen?´ Als sie Herrn Doktor so im Stuhl liegen sah, trat sie zu ihm und fragte wieder: `Was ist denn?´ Dr. Steiner sagte zu ihr: `Man hat mich vergiftet - wie geht es den anderen Vorstandsmitgliedern?´ Frau Doktor sagte, dass sie alle sich ruhig unterhielten, nur sie selbst hätte sein langes Fernbleiben beunruhigt. Mit Mühe brachten wir Dr. Steiner dann in sein Zimmer und betteten ihn auf das Sofa. ... Nach einer Weile kam Frau Doktor heraus und sagte, Dr. Steiner bitte darum, dass wir niemandem etwas sagen sollten."

Als erstes Wort des Vorstandes erwähnte Rudolf Grosse in seinem Buch "Die Weihnachtstagung als Zeitenwende" (Dornach 1976, S. 88) das Geschehen: "Was Marie Steiner von seiner ganz plötzlichen schweren Erkrankung bei der geselligen Zusammenkunft am Nachmittag des 1. Januar 1924 antönte, betraf ein mit unerwarteter Gewalt hereinbrechendes Unwohlsein, nachdem er eine Kleinigkeit bei der Bewirtung zu sich genommen hatte. Weiss im Gesicht erhob er sich und ging mit schwachem Gang sofort hinter den blauen Vorhang des Schreinerei-Saales und brach dort, von einer Eurythmistin aufgefangen, zusammen. Er verlangte Wasser und nochmals Wasser, das er in großen Mengen trank und dann sofort wieder von sich gab. Das wiederholte sich mehrere Male. Marie Steiner hatte etwas geahnt und kam hinzu und liess ihn in ihr kleines Zimmer hinter der Bühne bringen. Dann suchte sie eilends im Saal die Ärztin Ita Wegmann und brachte die zur Hilfeleistung herbei. Rudolf Steiner machte alle Anstrengungen, um der Vergiftung Herr zu werden, was ihm aus den grenzenlosen Kräften seines Geistes gelang. Er bekam langsam seinen Körper wieder in seine Gewalt und bat die wenigen Zeugen dieses Vorfalls, nichts davon verlauten zu lassen. Und am Abend desselben Tages hielt er einen seiner kraftvollsten Vorträge, jenen, der die ganze Tagung abschloss und das Thema des Vorbeigehens am Hüter der Schwelle behandelte. Wer hätte wohl geahnt, dass er vor wenigen Stunden dicht am Tode vorbeigegangen war?" Wer der oder die Täter dieses Anschlages war oder waren, ist bis heute im Dunkeln geblieben. Auf der Weihnachtstagung und besonders zum Rout, dem geselligen Beisammensein, waren aber nur Anthroposophen zugelassen.


Nachweise, Anmerkungen

  1. Auf medizinische Fragen zu diesem Themenkomplex geht Dr. Werner Hartinger ein: http://www.menschenkunde.com/pdf/blankertz/weltgeschehen/buchleitner.pdf
  2. Vgl. auch: http://www.ffpx.de/ag/studer-ob-021212.html

Literatur

  • Aargauer Zeitung vom 27.12.2002, S. 5
  • Gerhard Wehr: Rudolf Steiner. Leben - Erkenntnis - Kulturimpuls, Kösel Verlag, München 1987, S. 355 - 357
  • Hermann Keimeyer: Rudolf Steiners Martyrium und Auferstehung, Selbstverlag, Owingen 1994, S. 97 - 139
  • Ralph Melas Große: Meditative Studien zur Kaspar-Hauser-Forschung, Hiram-Horizont Vlg., 1996, S. 187
  • Ehrenfried Pfeiffer: Ein Leben für den Geist. Ehrenfried Pfeiffer (1899 - 1961), Perseus Vlg., Basel 2003, S. 233 - 234
  • Richard Dürich: Vom Ich-Abbild des Christus-Jesus, Selbstverlag, o.O. 1975, 2. Anhang, S. 4
  • Lidia Gentilli Baratto: Eine Erinnerung an Marie Steiner, Selbstverlag 1947, S. 20 – 21
  • Ilona Schubert: Selbsterlebtes im Zusammensein mit Rudolf Steiner und Marie Steiner, Basel 1970
  • Rudolf Grosse: Die Weihnachtstagung als Zeitenwende, Dornach 1976, S. 88
  • Michael Heinen-Anders: Aus anthroposophischen Zusammenhängen. Beiträge zu Anthroposophie, Dreigliederung und Esoterik, BOD, Norderstedt 2010, S. 34 - 35

Kritische Literatur

  • Christoph Lindenberg: Rudolf Steiner. Eine Biographie, Vlg. Freies Geistesleben, Stuttgart 2011, S. 872 - 873

Weblinks