Ödipus

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Gustave Moreau, Ödipus und die Sphinx

Ödipus (altgriechisch Οἰδίπους, Oidípous, heute Οιδίποδας, Idípodas) ist eine Gestalt der griechischen Mythologie. Er ist ein Sohn des Laios, des Königs von Theben, welchen er in einem Handgemenge tötet. Später erhält er als Belohnung dafür, dass er Theben von der Sphinx befreit, Iokaste, die Witwe des Königs und damit seine eigene Mutter, zur Ehefrau. Erst später erfährt er, dass Iokaste und Laios seine leiblichen Eltern sind. Wie es von einem Orakel vorausgesagt wurde, beging Ödipus also sowohl Vatermord als auch Inzest. In Sophokles’ Drama König Ödipus sticht sich Ödipus am Ende die Augen aus und flieht mit seiner Schande ins Exil.

Sagenkreis

Der Fluch

König Laios von Theben hatte einst die Gastfreundschaft des Königs Pelops missbraucht, indem er dessen Sohn Chrysippos entführen und verführen wollte, weil er sich in den Knaben verliebt hatte. Aufgrund dessen wurde er von Pelops verflucht.

Laios und seine Frau Iokaste blieben lange Zeit kinderlos und eines Tages machte sich Laios auf den Weg zum Orakel von Delphi und erhielt Kunde von dem Fluch. Das Orakel sagte: „Solltest du dich je unterstehen, einen Sohn zu zeugen, so wird dieser seinen Vater erschlagen und seine Mutter heiraten.“

Ödipus in Korinth

Iokaste bekam tatsächlich einen Sohn. Laios ließ also im Einverständnis mit seiner Frau Iokaste dem Neugeborenen die Füße durchstechen, zusammenbinden und ihn von einem Hirten so im Kithairon-Gebirge aussetzen.[1] Der Hirte aber hatte Mitleid mit dem Neugeborenen und übergab ihn einem vorbeiziehenden Hirten aus Korinth. Über diesen gelangte Ödipus zum König Polybos von Korinth und wurde von ihm adoptiert. Seine Frau Merope oder nach anderer Überlieferung Periboia heilte seine Wunden. Sie nannte ihn wegen seiner geschwollenen Füße Oidipus („Schwellfuß“).[2]

In neuerer Zeit ist diese Etymologie des Namens angezweifelt worden. Einige Wissenschaftler schlagen vor, „Oidipous“ mit „Der, der alles weiß“ zu übersetzen.[3]

Ödipus tötet seinen Vater

Ödipus wuchs in Korinth auf, ohne von seiner Herkunft zu wissen. Als er erwachsen war, macht ein Betrunkener auf einem Fest Andeutungen, denen zufolge er nicht der leibliche Sohn seiner Eltern sei. Ödipus war beunruhigt, die Antwort von Polybos und Merope befriedigte ihn nicht und so befragte er schließlich seinerseits das Orakel. Als ihm dieses verkündete, er werde seinen Vater töten und seine Mutter zur Frau nehmen, brach er in die Ferne auf, damit sich die Prophezeiung an seinen vermeintlichen Eltern in Korinth nicht bewahrheite.[4]

Auf dem Weg von Delphi nach Daulis traf er an einer engen Weggabelung im Gebirge Parnassos – nach anderen Angaben im Kithairon – auf einen Wagen. Polyphontes, der Fahrer des anderen Wagen, forderte Ödipus auf, sofort Platz zu machen. Da ihm das zu langsam ging, tötete er eins der Pferde des Ödipus, woraufhin Ödipus sowohl den Polyphontes als auch dessen Passagier und somit seinen leiblichen Vater Laios, nichts ahnend, tötete und sich der erste Teil der Vorhersage des Orakels erfüllte.[5]

Ödipus besiegt die Sphinx

Nach Laios’ Tod übernahm dessen Schwager Kreon die Herrschaft über Theben. Zu dieser Zeit lauerte die Sphinx Reisenden in der Nähe von Theben auf. Sie saß auf einem Felsen und stellte den Vorbeikommenden ein Rätsel und verschlang alle, die es nicht lösen konnten. Kreon versprach jenem den Thron von Theben und zusätzlich seine Schwester Iokaste zur Frau, der das Rätsel der Sphinx lösen konnte. Ödipus löste das Rätsel, worauf sich die Sphinx ins Meer stürzte, und befreite so Theben von der Sphinx. Zur Belohnung wurde er zum König von Theben ernannt und erhielt Iokaste, seine eigene Mutter, zur Frau, mit der er die Zwillinge Eteokles und Polyneikes und die Töchter Antigone und Ismene zeugte. So erfüllte sich auch der zweite Teil der Prophezeiungen. Mutter und Sohn wussten jedoch weder von der Tötung des Laios durch Ödipus noch von ihrer biologischen Verwandtschaft.[6]

Andere Überlieferungen nennen eine zweite Gattin des Ödipus Euryganeia, die Tochter des Hyperphas, als Mutter der Kinder Eteokles, Polyneikes, Antigone und Ismene.[7] Pausanias führt hierzu ein Werk namens Oidipodia an und berichtet von einem Gemälde des Onasias, das er in Platää gesehen hatte. Dieses Gemälde zeigt Euryganeia bestürzt über den Krieg zwischen ihren Söhnen Eteokles und Polyneikes.[8] Mit Iokaste soll er Vater des Phrastor und des Laonytos gewesen sein. Später soll er noch Astymedusa, die Tochter des Sthenelos, geheiratet haben.[9]

„Betrachten wir einen solchen hervorragenden Mythus, der gerade mit dem zusammenhängt, was ich jetzt vor Ihre Seele hingeführt habe, betrachten wir den Mythus, der da erzählt, wie ein Orakel dem Laios von Theben bei seiner Vermählung mit Jokaste weissagte, daß aus seiner Ehe mit Jokaste hervorgehen werde ein Sohn, welcher der Mörder seines Vaters werden wird, der mit seiner Mutter in Blutschande leben wird. Laios hat sich zwar nicht abhalten lassen, die Vermählung zu vollziehen, aber als aus der Ehe doch der Sohn hervorging, ließ er ihm die Fersen durchbohren und ließ ihn aussetzen auf dem Kithäron. Einem Hirten wurde dieser Sohn übergeben. Die Gemahlin des Hirten nannte ihn ödipus, von den durchlochten Fersen. Sie wissen, wie die Sache weitererzählt wurde. Sie wissen, daß der Knabe ödipus heranwuchs, daß sich seine Talente entwickelten, daß er sich früh von Zweifeln in seiner Seele beunruhigt fand wegen seiner Abstammung, weil Jugendgenossen ihn auf verschiedenes aufmerksam machten; daß dann das delphische Orakel einen bedeutsamen Ausspruch tat. Ihn heute zu studieren, ist eine schmerzliche Angelegenheit, wenn man ihn in seinem ganzen Zusammenhange studieren kann. Er heißt ja einfach: Meide die Heimat, sonst wirst du deines Vaters Mörder und deiner Mutter Gemahl, - Das war also dem ödipus gesagt.

Nun war er aber in einer vollkommenen Illusion darinnen. Er wußte nicht, wer sein Vater wirklich war und seine Mutter. Er mußte Korinth für seine Heimat halten, wo er aufgewachsen war. Schließlich wanderte er von Korinth fort, um dort nicht Unheil zu stiften, seinen Vater zu töten und seine Mutter zu heiraten. Aber gerade, daß er fortwanderte, daß er den Weg nach Theben antrat, gerade das wurde ihm zum Verhängnis. Auf dem Wege traf er ein Gefährt, in dem sein Vater Laios fuhr mit einem Wagengefährten. Er kam in Streit, tötete den Vater, setzte den Weg fort nach Theben, und seine erste Tat, die er verrichtete, war ja, wie Sie wissen, die Lösung des Rätsels der Sphinx. Dadurch haben wir ödipus so recht hineingestellt in den ganzen Entwickelungszusammenhang des vierten nachatlantischen Zeitraums. Denn in einer gewissen Beziehung gehörte das Rätsel der Sphinx, das Menschenrätsel, diesem Zeiträume an. Also ödipus war einer von denjenigen, die Bescheid wußten. Er sagte zur Sphinx nicht: «Ungern entdeck' ich höheres Geheimnis», sondern er löste das Geheimnis. Damit war etwas in den vierten nachatlantischen Zeitraum hineinversetzt als ein Impuls, der weiter wirkte, an dem ödipus beteiligt war. Man könnte Stunden über Stunden reden über die Lösung des Rätsels der Sphinx durch ödipus. Aber das ist heute nicht nötig. Wir wollen uns nur klarmachen, daß dasjenige, was da ödipus tut, ihn so recht zeigt als einen Helden des vierten nachatlantischen Zeitraums.

Nun ging er nach Theben, heiratete seine Mutter, die er natürlich nicht für seine Mutter hielt, war verhältnismäßig glücklich, bis eine Pest auftrat. Der Seher Teiresias war es, welcher zuletzt die Wahrheit von dem Ganzen herausbrachte. Jokaste, die sich plötzlich als die Gemahlin des eigenen Sohnes wußte, tötete sich, ödipus blendete sich und wurde vertrieben von seinen eigenen Söhnen, wurde von einem andern dann im Haine von Attika, von Theseus, geschützt bis zu seinem Tode, ruhte dann in attischer Erde. Nur soweit brauchen wir das Ödipus-Drama vor unsere Seele zu führen.

Was stellt es uns denn dar? Es stellt uns dar, wie eine Individualität, die Ödipus-Individualität, herausgenommen wird aus dem Blutszusammenhang, herausversetzt wird, sich entwickelt außerhalb der Blutsbande und dann zu seinem Verderb wiederum hineinversetzt wird. Nicht nur einen subjektiven Rebellen gegen die Blutsbande haben wir vor uns, sondern einen Menschen, der durch die, man möchte sagen, Naturgesetze selber zur Auflehnung gebracht wird gegen die Blutsbande, und diese gerade dadurch gegen sich wachruft.

Versuchen Sie die griechische Mythologie auf solche Menschen hin durchzusehen, auf solche Heroen, die auf eine gewisse Weise hineingestellt sind in den Blutszusammenhang, die ausgesetzt werden, daß sie ihre Entwickelung außerhalb des Biutszusammenhanges durchmachen und dann gerade andere Entwickelungsimpulse hereinbringen dadurch, daß sie aus der alten, der normalen Ordnung hinausversetzt werden. Ein solcher ist Ödipus, ein solcher ist auch Theseus, der ihn schützt im Haine von Attika.“ (Lit.:GA 273, S. 112ff)

Der Albtraum und das Fragemotiv der Sphinx

In verfeinerter Form zeigt sich Albtraum in der Rätselfrage der Sphinx, wie sie durch die Ödipus-Sage überliefert ist. Sie beruht auf dem luziferischen Einfluss auf die Atmung und Blutbewegung, der in der griechisch-lateinischen Zeit besonders stark war und zu einer Ausweitung des Ätherleibs über die Grenzen des physischen Leibs führte. Heute tritt an dessen Stelle vermehrt der ahrimanische Einfluss, der sich im Erleben der Mephistopheles-Gestalt äußert, wie sie Goethe in seiner Faust-Tragödie schildert.

„In das menschliche Leben spielen immer Erlebnisse herein, die von Luzifer und Ahriman stammen. In das Grunderlebnis der vierten nachatlantischen Periode spielte insbesondere Luzifer herein; in unsere Periode spielt Ahriman herein und bedingt das Grunderlebnis. Nun hängt Luzifer mit alledem zusammen, was noch nicht bis zur Deutlichkeit der einzelnen Sinne sich ausgewachsen hat, was undeutlich an den Menschen, undifferenziert an ihn herankommt. Mit andern Worten, Luzifer hängt mit dem Atemerlebnis zusammen, mit dem Erlebnis des Ein- und Ausatmens. Das Atmen des Menschen ist etwas, was in einem ganz bestimmten geregelten Verhältnis stehen muß zu seiner Gesamtorganisation. In dem Augenblick, wo der Atmungsprozeß in irgendeiner Weise gestört ist, verwandelt sich sogleich die Atmung aus dem, wie sie sonst auftritt, nämlich als unbewußter Vorgang, auf den wir nicht zu achten brauchen, in einen bewußten, in einen mehr oder weniger traumhaft bewußten Vorgang. Und wenn - wir können es ganz trivial ausdrücken - der Atmungsprozeß zu energisch wird, wenn er größere Anforderungen an den Organismus stellt, als dieser Organismus leisten kann, dann hat Luzifer die Möglichkeit, mit dem Atmen einzudringen in den menschlichen Organismus. Er muß es ja nicht selbst sein, aber seine Scharen tun es, diejenigen, die zu ihm gehören.

Ich weise damit auf eine Erscheinung hin, welche jeder kennt als Traumerlebnis. Dieses Traumerlebnis kann sich in beliebiger Weise steigern. Der Alptraum, wo also der Mensch durch das gestörte Atmen zum Traumbewußtsein kommt, so daß sich Erlebnisse der geistigen Welt hineinmischen können, und auch alle Angst- und Furchterlebnisse, die mit Alpträumen verbunden sind, haben in dem luziferischen Element der Welt ihren Ursprung. Alles, was vom gewöhnlichen Atmungsprozeß übergeht zum Würgen, zu dem Gefühl des Gewürgtwerdens, das hängt zusammen mit dieser Möglichkeit, daß Luzifer sich einmischt in den Atmungsprozeß. Das ist der grobe Prozeß, wo durch eine Herabminderung des Bewußtseins Luzifer sich in das Atemerlebnis hineinmischt, gestaltenhaf t in das Traumbewußtsein tritt und da zum Würger wird. Das ist das grobe Erlebnis.

Es gibt aber auch ein feineres Erlebnis, das uns dieses Würgeerlebnis gleichsam verfeinert, nicht so grob wie ein physisches Würgen darstellt. Man achtet gewöhnlich nicht darauf, daß eine solche Verfeinerung des Würgens zu den menschlichen Erlebnissen gehört. Aber jedesmal, wenn an die menschliche Seele dasjenige herantritt, was zu einer Frage wird oder zu einem Zweifel an diesem oder jenem in der Welt, dann ist in verfeinerter Weise ein Würgeerlebnis da. Man kann schon sagen: Wenn wir eine Frage aufstellen müssen, wenn ein kleines oder ein großes Weltenrätsel sich uns aufdrängt, dann werden wir gewürgt, aber so, daß wir es nicht merken. - Jeder Zweifel, jede Frage ist ein verfeinertes Alpdrücken oder ein verfeinerter Alptraum.

So verwandeln sich die Erlebnisse, die uns sonst grob entgegentreten, in feinere Erlebnisse, wenn sie mehr seelisch auftreten. Man kann sich schon denken, daß die Wissenschaft einmal dazu kommen wird, den Zusammenhang des Atmungsprozesses mit der Fragestellung oder der Empfindung eines Zweifels in der Menschenseele zu studieren. Aber auch alles das, was mit Fragen und Zweifeln zusammenhängt, alles das, was damit zusammenhängt, daß wir unbefriedigt sind, weil die Welt an uns herantritt und eine Antwort verlangt, oder weil wir gezwungen sind, eine Antwort zu geben durch das, was wir sind, hängt mit dem Luziferischen zusammen.

Wenn wir nun die Sache geisteswissenschaftlich betrachten, so können wir sagen: Bei allem, wo der Würgeengel im Alptraum uns bedrückt, oder wo wir durch die Fragestellung eine innere Bedrückung, einen Anflug von Beängstigung erfahren, haben wir es mit einem gleichsam stärkeren, energischeren Atmungsprozeß zu tun, mit etwas, was im Atem lebt, was aber, damit die menschliche Natur in der richtigen Weise funktioniert, harmonisiert, abgeschwächt werden muß, damit das Leben richtig verläuft. Was findet nun statt, wenn ein energischerer Atmungsprozeß eintritt? Da ist gleichsam der Ätherleib und alles, was mit der ätherischen Natur des Menschen zusammenhängt, zu weit ausgedehnt, zu sehr auseinandergedrängt, und da sich das dann auslebt im physischen Leibe, so kann es sich nicht auf den physischen Leib beschränken, es will ihn gewissermaßen auseinanderzerren. Ein zu üppiger, ein zu weit ausgedehnter Ätherleib liegt einem verstärkten Atmungsprozeß zugrunde, und dann besteht die Möglichkeit für das luziferische Element, sich besonders geltend zu machen. Man kann also sagen: Das Luziferische kann sich in die menschliche Natur hineinschleichen, wenn der Ätherleib geweitet ist. — Man kann auch sagen: Das Luziferische hat die Tendenz, in einem der menschlichen Form gegenüber geweiteten Ätherleibe sich auszudrücken, also in einem Ätherleibe, der mehr Raum braucht, als in der menschlichen Haut eingeschlossen ist, der die Form üppiger gibt. — Man kann sich nun denken, daß man künstlerisch diese Frage beantworten will, und da kann man sagen: So wie der menschliche Ätherleib normal ist, ist er der Bildner der menschlichen Gestalt, die physisch vor uns steht. Aber sobald er sich weitet, sobald er sich einen größeren Raum, weitere Grenzen verschaffen will, als in der menschlichen Haut darinnen sind, will er auch andere Formen geben. Es kann da nicht die menschliche Form bleiben. Er will überall über die menschliche Form hinaus. - Dieses Problem hat man in alter Zeit schon gelöst. Was für eine Form kommt da heraus, wenn der geweitete Ätherleib, der nicht für das menschliche Wesen, sondern für das luziferische Wesen paßt, sich Geltung verschafft und formhaft vor die menschliche Seele tritt? Was kommt da heraus? Die Sphinx!

Hier haben wir eine besondere Art, uns in die Sphinx hinein zu vertiefen. Die Sphinx ist es, was eigentlich an einem würgt. Wenn der Ätherleib des Menschen durch die Energie des Atmens sich ausweitet, taucht ein luziferisches Wesen in der Seele auf. Es lebt in diesem Ätherleibe nicht die menschliche Gestalt, sondern die luziferische Gestalt, die Sphinxgestalt. Die Sphinx taucht auf als die Zweifelaufwerferin, als die Fragepeinigerin. Diese Sphinx hat also eine besondere Beziehung zum Atmungsprozeß. Wiederum wissen wir aber, daß der Atmungsprozeß eine besondere Beziehung zur Blutbildung hat. Daher lebt das Luziferische auch im Blute, durchwogt und durchwallt das Blut. Überall kann auf dem Umwege durch die Atmung das Luziferische in das Blut des Menschen hinein, und wenn zuviel Energie in das Blut hineinkommt, dann ist das Luziferische, die Sphinx, besonders stark.

So steht der Mensch dadurch, daß er in seinem Atmungsprozeß dem Kosmos geöffnet ist, der Sphinxnatur gegenüber. Dieses Erlebnis, in seinem Atmen der Sphinxnatur des Kosmos gegenüberzustehen, dieses Grunderlebnis ging besonders in der vierten nachatlantischen, der griechisch- lateinischen Kulturperiode auf. Und in der Ödipus-Sage sehen wir, wie der Mensch der Sphinx gegenübersteht, wie die Sphinx sich an ihn kettet, zur Fragepeinigerin wird. Der Mensch und die Sphinx, oder wir können auch sagen, der Mensch und das Luziferische im Weltall sollten gleichsam als ein Grunderlebnis der vierten nachatlantischen Kulturperiode so hingestellt werden, daß, wenn der Mensch sein äußeres normales Leben auf dem physischen Plan nur ein wenig durchbricht, er mit der Sphinxnatur in Berührung kommt. Da tritt Luzifer in seinem Leben an ihn heran, und er muß mit Luzifer, mit der Sphinx fertig werden.“ (Lit.:GA 158, S. 99ff)

Iokastes Tod

Als nach glücklichen Jahren in Theben eine Seuche ausbricht, verkündet das Orakel von Delphi, der Mörder des Laios müsse gefunden werden, damit die Seuche verschwinden könne. Der blinde Seher Teiresias enthüllte widerwillig, von Ödipus dazu gedrängt, diesen als den Mörder von Laios. Ödipus glaubte ihm nicht, kam jedoch nach eigener Untersuchung der alten Vorfälle selbst zu der Erkenntnis, dass er Laios getötet hat, dass Laios sein Vater und Iokaste, seine Frau, auch seine Mutter ist. Daraufhin erhängte sich Iokaste an ihrem Schleier und Ödipus stach sich mit der Nadel aus Iokastes Gewand die Augen aus.[10]

Tod des Ödipus

Es gibt zahlreiche Versionen zu den weiteren Begebenheiten:

  • Ödipus übergab die Regierung an Eteokles und verließ zusammen mit seiner Tochter Antigone Theben.[10]
  • Kreon, Bruder der Iokaste, übernahm wieder die Herrschaft und verbannte Ödipus aus der Stadt. Dieser wanderte einige Jahre mit seiner Tochter Antigone umher, bis er in Kolonos bei Athen in einem heiligen Hain für Bittsteller von Theseus aufgenommen wurde und dort starb.[11]
  • Eteokles und Polyneikes nahmen Ödipus gefangen, um die Schande ihres Vaters vor der Öffentlichkeit verborgen zu halten, worauf Ödipus seine eigenen Söhne verfluchte.
  • Ödipus regierte nach dem Tode Iokastes weiter und starb in einer Schlacht.[12]
  • Ödipus stürzte sich aus Verzweiflung in eine Schlucht, die als Tor zum Hades gilt.
  • Ödipus verlangt von Kreon, ihn zu verbannen, was auch erfolgt. Seine Bitte, seine Tochter Antigone mitzunehmen, wird von Kreon nicht erfüllt.

Die Ödipus- und die Judas-Sage

In christlicher Zeit verwandelt sich die Ödipus-Sage in bedeutsamer Weise zur Judas-Sage.

„Ein Bild ist zum Beispiel das, welches uns gegeben wird in der Ödipus-Sage. Es wird durch ein Orakel, das heißt von einer Stätte her, wo man geheimnisvolle Zusammenhänge hellseherisch erschaut, die sich dem menschlichen Blicke schon entziehen, dem Vater gesagt, daß, wenn er einen Sohn bekommt, dieser Sohn Unheil bringen werde; er werde den Vater morden und die Mutter heiraten. Er bekommt diesen Sohn. Er versucht sogar das zu tun, was dazu führen könnte, daß das, was hellseherisch erschaut ist, sich nicht vollziehen solle. Der Sohn wird ausgesetzt, in eine ganz andere Gegend gebracht. Der Sohn erfährt das Orakel, das heißt, in seine Seele zieht etwas ein, was nur durch hellseherisches Schauen erkundet werden kann. Das griechische Bewußtsein wollte sagen: Zwar ragt so etwas aus alten Zeiten herein, aber die menschliche Organisation ist schon so weit gekommen, daß sie nicht mehr taugt für diese Art des Hellsehens, daß diese ihr nichts mehr nutzt, Ödipus legt das Orakel wegen des gewandelten Bewußtseins so aus, daß es sich erst recht erfüllt, das heißt der Mensch kann nicht mehr das, was das hellseherische Bewußtsein ist, in der richtigen Weise handhaben; es hat sich eben die geistige, spirituelle Welt von ihm zurückgezogen; es nutzt ihm das alte Hellsehen nichts mehr. Aber auch davon ist immer ein Bewußtsein vorhanden gewesen, daß diese Dinge sich wieder umkehren werden, daß wieder das, was aus solchen Welten kommt, etwas werden wird für die Menschheit, daß nur für eine Weile sozusagen eine Schicht des Erlebens hinüber sich breiten soll über das, was aus solchen Welten kommt. Auch davon war ein Bewußtsein vorhanden, auch das haben die mythebildenden Kräfte der Menschheitsentwickelung zum Ausdruck gebracht. Die Christus-Tatsache war in der Menschheitsentwickelung das Maßgebende dafür, daß die beiden Kräfte, das Luzifer-Prinzip und das Christus-Prinzip, übereinandergetreten sind. Da war also der entscheidende Wendepunkt, wo von einer anderen Seite, dem Kosmos her, das, was aus den geistigen Quellen kommt, wie ein Ferment sich hineinergießen sollte in die Menschheitsentwickelung. Verlorengegangen war es, aber es soll wiederum wie ein Ferment hineingegossen werden. Was der Menschheit schädlich geworden war, was ihr selbst zu einem Bösen ausgeschlagen hat, soll wie ein Ferment hineingegossen und umgewandelt werden in das Gute. Das Böse soll hineinfallen in die fruchtbringende geistige Kraft der Menschheitsentwickelung und mitwirken am Guten. Auch das ist in der Mythologie zum Ausdruck gekommen.

Es gibt eine andere Sage, die etwa folgendermaßen lautet: Es wurde einem Elternpaar von einem Orakel geweissagt, daß es einen Sohn bekommen werde, daß der Sohn werde Unheil bringen über sein ganzes Volk. Dieser Sohn wird seinen Vater ermorden und seine Mutter heiraten. Die Mutter bekam diesen Sohn. Da dieser Spruch vorlag, setzte man auch diesen Sohn aus, man setzte ihn auf die Insel Kariot, und es fand ihn die Königin der Insel Kariot. Und weil dieses Elternpaar keinen Sohn hatte, nahmen sie ihn auf. Später aber bekamen sie einen Sohn. Da glaubte sich der Findling schlecht behandelt und tötete den wirklichen Sohn. Da mußte er fliehen von der Insel Kariot. Er floh und kam an den Hof des Pilatus in Palästina, wo er ein Amt bekam als Aufseher im Hauswesen des Pilatus. Er bekam Streit mit seinem Nachbar, von dem er nichts weiter wußte, als daß es eben sein Nachbar war. Im Streite erschlug er ihn und heiratete später dessen Gattin. Dann erst erfuhr er, daß das sein wirklicher Vater war, den er erschlagen hatte, und daß er also seine Mutter geheiratet hatte. Die Sage sagt uns, daß es dem, der jetzt alles das hat über sich hereinbrechen sehen, nicht ähnlich erging wie dem Ödipus, sondern daß ihn Reue überkam, und daß er hinging zu dem Christus, und der Christus nahm ihn auf; denn das war der Judas aus Kariot. Und das, was hier in dem Judas lebte, dieses Böse, das verleibt sich ein wie ein Ferment der ganzen Menschheitsentwickelung. Denn die Tat von Palästina hat etwas zu tun mit dem Verrate des Judas; er gehört zum Ganzen, er gehört zu den Zwölfen, die sind gar nicht ohne ihn zu denken. Hier zeigte sich, daß der Orakelspruch sich zwar erfüllte, und daß sein Inhalt sich einverleibt der Menschheitsentwickelung wie das Böse, das umgewandelt wird und weiter lebt im guten Sinne. In bedeutungsvoller Weise weist die Sage, die wahrhaftig weiser ist als die äußere Wissenschaft, darauf hin, daß es eine solche Umwandlung in der Menschennatur im Laufe der Zeit gibt, daß man selbst über das gleiche Ding in verschiedenen Zeiten in der verschiedensten Weise denken muß. Wie sich ein Orakelspruch erfüllt, darf man nicht in derselben Weise erzählen, wenn man von der Ödipus-Zeit spricht und von der Christus-Zeit. Dieselbe Tatsache wird einmal zur Ödipus-Sage, das andere Mal in der christlichen Zeit zur Judas-Sage.“ (Lit.:GA 113, S. 145ff)

Fortwirken des Mythos in der Kunst

Als Inbegriff einer griechischen Tragödie wurde das Thema schon in der Antike künstlerisch mehrfach bearbeitet. Sophokles gestaltete Ödipus’ Schicksal gleich in mehreren Stücken. Die Ödipus-Dramen von Aischylos und Euripides sind uns nicht erhalten geblieben. Ebenso verarbeitete der Römer Seneca der Jüngere diesen Stoff.

Auch mehrere neuzeitliche Künstler haben den Ödipus-Mythos dargestellt: z. B. Pierre Corneille, Voltaire, J. Péladan, Hugo von Hofmannsthal, André Gide, Jean Cocteau und Max Frisch in der Literatur sowie Igor Strawinski, George Enescu und Carl Orff in der Musik. Zuletzt Andreas Schmitz in seinem Stück „Schwellfußeinlagen“, dessen Welturaufführung am 12. Juni 2006 vielbejubelt in Salzburg über die Bühne ging. Handelt es sich bei „Schwellfußeinlagen“ um einen übermütigen Jux mit Motiven aus dem Ödipus-Mythos, so ist „König Ödipus – Eine Komödie aus der Alten Zeit“ von Anselm Korff die wahrscheinlich erste Ödipus-Komödie, die den Stoff und den darin enthaltenen Konflikt sehr ernst nimmt.

Aufnahme des Mythos in der Wissenschaft

Sigmund Freud benannte ein psychoanalytisches Phänomen nach dem Mythos „Ödipus-Komplex“ bzw. „Ödipuskonflikt“. Die kindliche Entwicklungsphase, in der die Rivalität zwischen Sohn und Vater ein zentrales Thema bildet, heißt nach Freud dementsprechend „ödipale Phase“.

Erich Fromm verwirft diese Interpretation Freuds und führt unter Berufung auf Johann Jakob Bachofen aus, der Mythos (also alle drei Teile) beschreibe den Kampf zwischen patriarchalischem und matriarchalischem Prinzip. In allen drei Teilen sei somit auf der familiären Ebene der Vaterkonflikt als Autoritätskonflikt zu deuten. Dies schlage sich auch auf gesellschaftlich-staatlicher Ebene nieder, in Person des Kreon, der für das patriarchalische Gesellschaftssystem eintritt, und seiner Konfrontation mit Antigone und Haimon, die beide die alte matriarchalische Ordnung vertreten. Kreon vertritt die Auffassung, dass die Söhne ihren Vätern zu Diensten sein sollen, das staatliche Gesetz oberste Priorität habe und der Herrscher den Staat und seine Untertanen besitze. Dies müsse laut Bachofen zur Zeit des Mutterrechts anders gewesen sein. Aufgrund der Unmöglichkeit, die Vaterschaft in einer promiskuitiven Gesellschaft zu bestimmen, müssten früher alle Menschen als Brüder und Schwestern gegolten haben und einzig die Frau habe ihre Kinder zuordnen können. Somit kam nach Bachofen der Blutsverwandschaft und dem mütterlich-fürsorglichen Prinzip eine größere Bedeutung zu als staatlichen Bindungen. Das mütterliche Prinzip finde sich jedoch nicht nur in Familie und Gesellschaft wieder, sondern auch in der Religion, weshalb Bachofen darauf hinweist, dass die ältesten Gottheiten Frauen gewesen seien (z. B. Demeter). Ödipus sei in diesem Zusammenhang als einer der letzten Vertreter der matriarchalischen Ordnung zu verstehen.[13]

Der Philosoph Michel Foucault beschrieb den Ödipus-Mythos in Die Wahrheit und die juristischen Formen als die Schilderung eines antiken „Kriminalfalles“, der auf zwei verschiedene Arten gelöst zu werden versucht: Einmal durch das archaische Mittel der „Probe“, also den Orakelspruch und das Gottesurteil, und dann später durch die „enquête“, die Untersuchung von Tathergängen und Befragung von Zeugen, die Ödipus selbst führt. Ödipus ist somit Opfer seines Wissens. Zuerst erhält er dadurch Macht (bei der Begegnung mit der Sphinx) und wird König von Theben, nur um sie dann eben durch sein erworbenes Wissen (nämlich wer er ist und dass er selbst seinen Vater tötete) wieder zu verlieren.

Die beiden poststrukturalistischen Denker Gilles Deleuze und Felix Guattari gaben ihrer Kritik an der Freudschen Psychoanalyse 1972 den plakativen Titel Anti-Ödipus. Als Vertreter der Antipsychiatrie plädieren sie stattdessen für eine „Schizoanalyse“.

Immanuel Velikovsky stellte in seinem (allerdings als pseudowissenschaftlich gewerteten) Buch Ödipus und Echnaton die Theorie auf, dass es sich hierbei um eine Wandersage aus dem „hunderttorigen“ ägyptischen Theben handeln müsse.[14]

Siehe auch

Literatur

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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
Die Rudolf Steiner Ausgaben basieren auf Klartextnachschriften, die dem gesprochenen Wort Rudolf Steiners so nah wie möglich kommen.
Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und
Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
Ausführliche bibliografische Informationen mit Volltextsuche in allen derzeit verfügbaren Online-Ausgaben bietet die Steinerdatenbank.de.

Weblinks

Commons-logo.png Commons: Ödipus - Weitere Bilder oder Audiodateien zum Thema

Einzelnachweise

  1. Pausanias: Reisen in Griechenland. 9, 2, 4.
  2. Apollodor: Bibliotheke. 3, 49.
  3. Wolfgang Christlieb: Der entzauberte Ödipus, Ursprünge und Wandlungen eines Mythos.
  4. Apollodor: Bibliotheke. 3, 50–51.
  5. Pausanias: Reisen in Griechenland. 9, 2, 4 und 10, 5, 3.
  6. Apollodor: Bibliotheke, 3, 52–55.
  7. Apollodor: Bibliotheke. 3, 55.
  8. Pausanias: Reisen in Griechenland. 9, 5, 10–12.
  9. Hesiod: Eoien. 191.
  10. 10,0 10,1 Apollodor: Bibliotheke. 3, 56.
  11. Sophokles: Ödipus auf Kolonos.
  12. Homer: Ilias. 679.
  13. Erich Fromm: Märchen, Mythen, Träume.
  14. Immanuel Velikovsky, Ilse Fuhr: Oedipus und Echnaton.


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