Der König in Thule

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"Der König von Thule". Gemälde von Pierre Jean Van der Ouderaa

Der König in Thule ist eine Ballade von Johann Wolfgang von Goethe aus dem Jahr 1774. Sie ist in Goethes Faust in die Szene „Abend“ (V. 2759–2782) eingebettet und wird dort von Gretchen gesungen. Die Frage, ob der Text von Anfang an von Goethe als Teil des „Faust“-Stoffes konzipiert war oder ob der Text unabhängig von dem Drama entstanden ist, ist nicht eindeutig zu klären. Oftmals wird auf Goethes Gedicht Bezug genommen, indem als Titel Der König von Thule genannt wird.

Inhalt

Das Gedicht umfasst folgende Verse:[1]

Es war ein König in Thule,
Gar treu bis an das Grab,
Dem sterbend seine Buhle
Einen goldnen Becher gab.
Es ging ihm nichts darüber,
Er leert’ ihn jeden Schmaus;
Die Augen gingen ihm über,
So oft er trank daraus.
Und als er kam zu sterben,
Zählt’ er seine Städt’ im Reich,
Gönnt’ alles seinen Erben,
Den Becher nicht zugleich.
Er saß bei’m Königsmahle,
Die Ritter um ihn her,
Auf hohem Vätersaale,
Dort auf dem Schloß am Meer.
Dort stand der alte Zecher,
Trank letzte Lebensgluth,
Und warf den heiligen Becher
Hinunter in die Fluth.
Er sah ihn stürzen, trinken
Und sinken tief ins Meer,
Die Augen thäten ihm sinken,
Trank nie einen Tropfen mehr.

Das nach Art eines Märchens beginnende Gedicht spielt in dem sagenumwobenen Thule, nach antiker Vorstellung der nördlichsten Insel. Es handelt von der bewundernswerten, beispielhaften Liebe und Treue eines Königs zu seiner vor ihm verstorbenen geliebten Partnerin. Mit dem Wort „Buhle“ kann sowohl die Ehefrau des Königs als auch eine Geliebte gemeint sein.[2]

Der Becher, den die „Buhle“ dem König übergibt, fungiert als Symbol, und zwar der Treue, der Weiblichkeit, der Liebe, der Religion, der Lebenskraft, aber auch des Todes. Der hohe Wert des Bechers wird dadurch betont, dass er aus Gold besteht und bei „jedem Schmaus“ (also täglich) exklusiv vom König benutzt wird. Obwohl es sich um einen „königlichen“ Becher handelt, wird er nicht zum Teil eines „Königsschatzes“[3], der vererbbar wäre oder anderweitig verfügbar gemacht werden dürfte, sondern bleibt ein höchstpersönlicher Wertgegenstand des Königs, von dessen Benutzung er andere nach seinem Tod sicher ausschließen will.

Als der König zum sentimentalen[4] „alten Zecher“ geworden ist[5] und seinen nahen Tod ahnt, ruft er seine Ritter im Ahnensaal zu einer Art „letztem Abendmahl“ zusammen und wirft den Becher ins Meer, wo dieser, bevor er versinkt, sich von einem aktiven Lebensspender in einen „Wasser Trinkenden“ verwandelt. Da Wasser ein Symbol für das Leben ist, nimmt damit der Becher in genau dem Augenblick das Leben auf, in dem es der König verliert.

Der König in Thule ist ein formstrenges Gedicht, das nach Art eines Märchens („Es war“) beginnt. Die von ihm erzählte Handlung spielt in einem nicht genau lokalisierbaren, sagenhaften Land, offenbar im Mittelalter: Die Ritter um den König herum in dem „hohen Vätersaale“ erinnern an König Artus' Tafelrunde, der Becher mitsamt seiner Wirkung an den Heiligen Gral.[6] Die Handlung läuft, ähnlich wie in einer Novelle, auf einen „unerhörten“ Schluss zu: Der König „enterbt“ teilweise seine Nachkommen, indem er ihnen sein wertvollstes Eigentum vorenthält.

Form und Sprachgebrauch

Strophenbau, Metrum und Ton der Ballade Der König in Thule verweisen auf die Gattung Volkslied: Die Ballade besteht aus sechs Strophen mit je vier Versen und enthält einen Kreuzreim mit abwechselnd männlicher und weiblicher Kadenz. Das Metrum ist durchweg dreihebig, die Melodie der Vertonung einfach und einprägsam.

Die Wort- und Bildwahl verweist durch Formulierungen wie „gar treu“, „Buhle“ oder „Die Augen gingen ihm über“ auf eine schon Ende des 18. Jahrhunderts längst vergangene Zeit. Trotz der an sich einfachen Sprache des Gedichts können sich aus der Verwendung veralteter Begriffe und Wendungen Verständnisprobleme ergeben.[7]

Funktion des Liedes im Drama „Faust“

Für den Urfaust hatte Goethe die folgende Version seines Gedichts vorgesehen:

Es war ein König in Tule,
Einen goldnen Bächer er hätt
Empfangen von seiner Bule
Auf ihrem Todtesbett.
Der Becher war ihm lieber,
Tranck draus bey iedem Schmaus.
Die Augen gingen ihm über,
So offt er tranck daraus. […][8]

In beiden Versionen des „Faust“-Dramas singt Gretchen das Lied beim Auskleiden, bevor sie das Geschenk findet, das Faust mit Mephistopheles’ Hilfe in ihrem Zimmer hinterlassen hat. Gretchen träumt nach Teenager-Art von der „romantischen Liebe“, die durch einen kostbaren Gegenstand (hier: den goldenen Becher) besiegelt wird, und zeigt damit ihre Bereitschaft zu einer solchen Liebe. Der diabolische Charakter des Geschenks, das anschließend auf sie wartet, und letztlich auch der sich anbahnenden Beziehung zu Faust wird ihr angesichts der Stimmung, in der sie sich befindet, nicht bewusst.

Das Lied „passt“ nicht nur thematisch zur Gretchentragödie, sondern auch sprachlich zur Figur Gretchen, und zwar insofern, als diese in Faust überwiegend im neuhochdeutschen Knittelvers spricht, dem Rhythmus des „Thule“-Gedichts.[9]

Siehe auch

Weblinks

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Einzelnachweise

  1. Vgl. Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur (= Kröners Taschenausgabe. Band 231). 8., verbesserte und erweiterte Auflage. Kröner, Stuttgart 2001, ISBN 3-520-23108-5, S. 1012–1013.
  2. Es ist daher unklar, ob die Geschichte einen anstößigen Beigeschmack hat: Joachim Kahl ([1]) vertritt die Ansicht, dass „Buhle im archaisierenden Balladenton nicht abfällig gemeint ist“. Der Umgang mit dem Gedicht in Theodor Fontanes Roman Effi Briest (s. u.) erweckt den gegenteiligen Eindruck. Auch das Gedicht Der bekehrte König in Thule aus einem 1917 herausgegebenen „Abstinenten-Liederbuch“ betont die „Sündhaftigkeit“ des Königs. Der Begriff „Buhle“ erfuhr seit der Reformationszeit eine Bedeutungsverschlechterung und war bereits zu Lebzeiten Goethes veraltet; vgl. Vorlage:Deutsches Volksliedarchiv
  3. Wie einen solchen behandelt der Jäger in Brentanos Gedicht (s. u.) den Becher
  4. Das Gedicht ist in der Zeit des Sturm und Drang entstanden. Damals galt es nicht als „unmännlich“, wenn Männer in der Öffentlichkeit weinten; vgl. V. 7
  5. Es ist unklar, ob die von Heine (s. u.) aufgegriffene negative Konnotation „notorischer Alkoholiker“, die dieser Begriff enthält, beabsichtigt ist; vgl. auch die Parodie: Es war ein Studio in Jene im „Allgemeinen Deutschen Commersbuch“ (1861)
  6. Nikolaus von Festenberg / Johannes Saltzwedel / Martin Wolf: Die letzte Lebensglut. Der Spiegel 52/2004, S. 135
  7. vgl. Die Augen gehen jemandem über. Universallexikon
  8. Johann Wolfgang Goethe: Urfaust – Abend. Ein kleines reinliches Zimmer. Bibliotheca Augustana
  9. Sorin Dan Vadan Grundlagen der Textgestaltung – Zum Gebrauch metrischer Formen. litde.com



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