Götz von Berlichingen (Goethe)

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Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand ist ein 1774 uraufgeführtes Schauspiel in fünf Aufzügen von Johann Wolfgang von Goethe. Als Vorbild der Hauptfigur galt der fränkisch-schwäbische Reichsritter Gottfried „Götz“ von Berlichingen zu Hornberg (genannt „mit der Eisernen Hand“).[1]

Das Stück gilt als ein Hauptwerk des Sturm und Drang. Ähnlich wie sein Götz wollte auch Goethe mit diesem Stück Grenzen einreißen. Er stellte sich gegen die bisherigen Theater-Konventionen. Die Einheiten von Ort, Zeit und Handlung werden aufgehoben: Es gibt insgesamt über fünfzig Handlungsorte, und die dargestellte Zeit wird nicht auf einen Tag beschränkt, sondern durch mehrere parallel laufende Handlungen (Verhandlung vor dem Gericht, der Bauernkrieg, mehrere Fehden und Überfälle) gedehnt.

Götz entstammt der mittelalterlichen Welt des Faust- und Fehderechts, agiert aber auch Stände übergreifend, indem er z. B. den Bauern hilft. Mit seiner Figur stößt das auf gewachsenem Naturrecht und Treue gegründete freie Rittertum auf die dem abstrakten römischen Recht verpflichtete Welt des intriganten Adels. Goethes Götz beweist zwar einen die historischen Konventionen überwindenden Charakter, seine auf individueller Unabhängigkeit einerseits und persönlicher Loyalität andererseits basierende Utopie einer idealen Monarchie lassen ihn jedoch in Konflikt mit der gerade entstehenden bürgerlichen Gesellschaft geraten. So kämpft Götz von vornherein auf verlorenem Posten. Resigniert muss er letztlich feststellen: Freiheit gibt es nur im Jenseits, die Welt aber ist ein Gefängnis.

Goethes Götz war u. a. eine wichtige Anregung für Friedrich Schillers Drama Die Räuber.

Handlung

Erster Aufzug

Götz von Berlichingen liegt in Fehde mit dem Bischof von Bamberg, weil dieser einen seiner Knechte gefangen hält und foltert. Ihm gelingt es, Adelbert von Weislingen, einen Jugendfreund im Dienst des Bischofs, gefangen zu nehmen und auf seine Burg Jagsthausen[2] zu bringen, wo er ihn beeinflusst, die Seiten zu wechseln. Zur Besiegelung des neu geschlossenen Treuebündnisses verlobt sich Weislingen mit Berlichingens Schwester Maria.

Zweiter Aufzug

Die Reaktion Bambergs lässt nicht lange auf sich warten. Liebetraut, ein Höfling, überredet Weislingen, zurück nach Bamberg zu gehen. Er lockt ihn mit „Weiber-, Fürstengunst und Schmeichelei“. Weislingen wird unsicher und will einen kurzen Besuch in Bamberg wagen.

In der Bischofsresidenz verliebt sich Weislingen in die verführerische Adelheid von Walldorf und lässt sich von ihr dazu überreden, seinen Dienst beim Bischof wiederaufzunehmen.

Dritter Aufzug

Darstellung des Götz mit dem bekannten, ihm von Goethe zugeschriebenen Zitat, allerdings ungenau zitiert
Steintafel, ebenfalls mit dem von Goethe vereinfachten Zitat. Die Tafel befindet sich in Bensheim, Ortsteil Zell, bei den Koordinaten: N 49° 40.552 E 08° 38.830

Berlichingen verbindet seine Schwester mit Franz von Sickingen, überfällt reiche Kaufleute als Rache für die Gefangennahme eines seiner Reiterbuben und wird daraufhin von dem von Weislingen beeinflussten Kaiser mit der Reichsacht belegt und mit einem eigens rekrutierten Exekutionsheer verfolgt. Der Gejagte verschanzt sich in seiner Burg, bei deren Belagerung das berühmte Götz-Zitat („Schwäbischer Gruß“) fällt: „Mich ergeben! Auf Gnad und Ungnad! Mit wem redet Ihr! Bin ich ein Räuber! Sag deinem Hauptmann: Vor Ihro Kaiserliche Majestät hab ich, wie immer, schuldigen Respekt. Er aber, sag’s ihm, er kann mich im Arsche lecken!“[3] Als er den Angreifern schließlich doch nachgeben muss, handelt er zwar freien Abzug aus, wird aber trotzdem festgenommen.

Vierter Aufzug

Berlichingen wird im Rathaus von Heilbronn vor Gericht gestellt, wo er seine Unschuld beteuert. Sickingen befreit ihn mit Gewalt, indem er mit 200 Mann vor die Stadt rückt und sie anzuzünden droht. Berlichingen zieht sich erneut auf seine Burg zurück.

Fünfter Aufzug

Aufständische Bauern wollen Berlichingen auf ihrem Mord- und Raubzug zu ihrem Hauptmann machen. Nach anfänglichem Widerstand lässt dieser sich überreden, die Aufgabe auf kurze Zeit zu übernehmen unter der Bedingung, dass die Bauern von weiteren Gewalttaten absehen. Doch die Bauern brechen das Versprechen und Berlichingen muss erleben, dass kurz darauf Miltenberg überfallen und niedergebrannt wird.[4] Berlichingen, der in einem Zigeunerlager Schutz gefunden hat, wird von Weislingens Reitern gefangen genommen.

Adelheid ist Weislingens überdrüssig geworden und strebt nach der Gunst des neuen Kaisers. Weislingens Knappe Franz, Adelheids Geliebter, steht so sehr unter ihrem Einfluss, dass er sich dazu überreden lässt, Weislingen zu vergiften. Die Verzweiflung über seine Tat aber lässt ihn anschließend Selbstmord begehen. Adelheid wird von einem Femegericht wegen Ehebruchs und Mordes zum Tode verurteilt.

Berlichingen, im Turm zu Heilbronn eingekerkert, stirbt in Anwesenheit seiner Frau und seiner Schwester mit den Worten: „Himmlische Luft – Freiheit! Freiheit!“ Elisabeths Antwort: „Nur droben, droben bei dir. Die Welt ist ein Gefängnis.“

Entstehungsgeschichte

Das Konzept des Stückes hat Goethe bereits in Straßburg entwickelt, wovon aber keine Zeugnisse mehr bekannt sind. 1771 hat er in Frankfurt am Main ein erstes Manuskript niedergelegt (der sogenannte „Urgötz“), das aber erst nach seinem Tod im Jahr 1832 veröffentlicht wurde und dem die Autobiographie des Titelhelden zugrunde liegt. Des Weiteren gibt es eine zweite Fassung von 1773, die gegenüber der ersten glatter und konzentrierter ist. Diese wurde am 12. April 1774 am Berliner Comödienhaus in der Inszenierung des Theaterleiters Heinrich Gottfried Koch in (zu jener Zeit unüblichen) historischen Kostümen mit großem Erfolg uraufgeführt. Bereits im Oktober dieses Jahres folgte in Hamburg unter der Leitung von Friedrich Ludwig Schröder die nächste Inszenierung des Stückes, bei der neben historischen Kostümen auch historische Kulissen zur Anwendung kamen.

Es gibt auch noch eine dritte Fassung von 1804, gedacht für das Weimarer Theater, deren Aufführung seinerzeit fünf Stunden dauerte. Die inhaltlichen Unterschiede der drei Fassungen betreffen in erster Linie die Rolle der Adelheid von Walldorf.

Rezeption

Burg Jagsthausen, später in Anlehnung an Goethe auch Götzenburg genannt
Götzenturm in Heilbronn

Die unmittelbare Wirkung des Dramas war sensationell; es machte den jungen Autor mit einem Schlag berühmt.[5] Da der Erfolg des Stückes nicht zuletzt auf der Umkehrung traditioneller Vorstellungen von Rang und Ansehen beruhte, fragten Mitglieder anderer Adelsfamilien beim so plötzlich populär gewordenen Autor an, ob er nicht auch ihr Geschlecht literarisch verewigen wolle.[6]

Heute wird in der Burg Jagsthausen, der literarischen Heimat Götz von Berlichingens, jährlich bei den Burgfestspielen Jagsthausen das Theaterstück aufgeführt. Dazu werden jeweils bedeutende Schauspieler, wie Benno Sterzenbach, Max Reimann und Hermann Schomberg für die Hauptrolle verpflichtet, darunter auch Alexander Golling, einer der profiliertesten Götz-Darsteller der Nachkriegszeit. Unter der Regie von Michael Bogdanov übernahm 2014 die Rolle des Götz der bekannte Filmschauspieler Götz Otto.

In Heilbronn, wo der historische Götz eine Nacht im Bollwerksturm gefangen war, wurde in Erinnerung an Goethes Götz ein weiterer Turm der Stadt „Götzenturm“ genannt.

Unter dem Titel Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand wurde das Drama 1978 in der Regie von Wolfgang Liebeneiner mit Raimund Harmstorf in der Titelrolle verfilmt.

Ausgaben (Auswahl)

  • 1. Fassung: Goethes Werke. Weimarer Ausgabe, Bd. 39. Weimar 1897.
  • 2. Fassung: Goethes Werke. Weimarer Ausgabe, Bd. 8. Weimar 1889.
  • 3. Fassung: Goethes Werke. Weimarer Ausgabe, Bd. 13,1 und 13,2. Weimar 1894 und 1901.
  • Leseausgabe: Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand. Ein Schauspiel. Mit Anmerkungen von Volker Neuhaus. Stuttgart: Reclam, 2002 (Reclams Universal-Bibliothek Nr. 71). ISBN 3-15-000071-8.
  • Hörspiel: Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand. Bayerischer Rundfunk, 1958. Bearbeitung: Leopold Ahlsen, Heinz von Cramer. Musik: Bernd Scholz. Regie: Heinz-Günter Stamm.

Siehe auch

Literatur (Auswahl)

  • Ilse Appelbaum-Graham: Vom Urgötz zum Götz. In: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 6, 1965, S. 245–282.
  • Rüdiger Bernhardt: Johann Wolfgang von Goethe: Götz von Berlichingen. Königs Erläuterungen und Materialien (Bd. 8). C. Bange Verlag, Hollfeld 2002, ISBN 978-3-8044-1696-3.
  • Kathleen Ellenrieder: Lektüreschlüssel zu Johann Wolfgang Goethe: Götz von Berlichingen. Reclam (Reclams Universal-Bibliothek 15331), Stuttgart 2003, ISBN 978-3-15-015331-4.
  • Walter Hinderer (Hrsg.): Goethes Dramen. Interpretationen. Reclam (Reclams Universal-Bibliothek Nr. 8417), Stuttgart 1993, ISBN 3-15-008417-2.
  • Ekkehart Mittelberg (Hrsg.): Johann Wolfgang Goethe: Götz von Berlichingen. Text und Materialien, bearbeitet von Heinz Joachim Schüßler. Reihe „Klassische Schullektüre“. Cornelsen, Berlin 1997, ISBN 3-464-12132-1.
  • Ekkehart Mittelberg: Johann Wolfgang Goethe: Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand. Lehrerheft. Reihe Klassische Schullektüre. Cornelsen, Berlin 1999, ISBN 3-464-12133-X.
  • Volker Neuhaus: Johann Wolfgang Goethe, Götz von Berlichingen. Erläuterungen und Dokumente. Erweiterte und bibliographisch ergänzte Ausgabe. Reclam (Reclams Universal-Bibliothek Nr. 8122), Stuttgart 2003, ISBN 3-15-008122-X.
  • Gero von Wilpert: Goethe-Lexikon (= Kröners Taschenausgabe. Band 407). Kröner, Stuttgart 1998, ISBN 3-520-40701-9, S. 5 (letzter Eintrag: Adelheid von Walldorf).

Weblinks

Commons-logo.png Commons: Götz von Berlichingen (Goethe) - Weitere Bilder oder Audiodateien zum Thema

Einzelnachweise

  1. Während Goethe seinen Götz in Jagsthausen (Alternative Schreibweise: Jaxthausen) leben und in jungen Jahren sterben ließ, wurde der historische Götz über 80 Jahre alt und verbrachte die meiste Zeit seines Lebens auf seiner Burg Hornberg.
  2. Alternative Schreibweise: Jaxthausen (Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand bei Wikisource)
  3. In einigen Ausgaben wird die Stelle (Abschluss der 17. Szene) in einer entschärften Version angegeben:
    […] Er aber, sag’s ihm, er kann … zum Teufel fahren (Ausgaben deutscher Klassiker, 14. Band, Goethes Götz von Berlichingen, Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 1922, S. 117) bzw.
    […] Er aber, sag’s ihm, er kann mich … (Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand bei Wikisource)
  4. Historisch sah die Sache anders aus: Die Bauern brannten die Burgen Wildenberg und Limbach nieder, die Bürger der Stadt Miltenberg jedoch sympathisierten mit den Bauern.
  5. Kindlers Neues Literaturlexikon, Band 6, S. 472.
  6. Weil Goethe sich nicht dazu bereit fand, setzte ein Baron von Riedesel einen Preis von 20 Dukaten aus für ein Schauspiel, „welches seine Familie so berühmt machen sollte wie die der Berlichingen. Der Preis sollte bei der Leipziger Messe 1777 vergeben werden, und der Freiherr war kühn genug, sich Lessing als Preisrichter zu wünschen. Es fand sich aber keiner, der sich der Riedesels annahm.“ -Vgl. Rüdiger Safranski, Goethe und Schiller. Geschichte einer Freundschaft. München 2009, S. 21.



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