Selige Sehnsucht

Aus AnthroWiki
Selige Sehnsucht in der Erstausgabe des West-östlichen Divan

Selige Sehnsucht ist der Titel eines Gedichts von Johann Wolfgang von Goethe, das er nach seiner Datierung am 31. Juli 1814 in Wiesbaden schrieb und das sich an vorletzter Stelle im Buch des Sängers aus dem West-östlichen Divan befindet. Der Erstdruck erfolgte im Taschenbuch für Damen auf das Jahr 1817 unter der Überschrift Vollendung.

Selige Sehnsucht gehört zu den meistinterpretierten Gedichten Goethes und zählt mit dem Motiv des Selbstopfers, den religiösen und literarischen Bezügen, ungewöhnlichen Bildern und der berühmten Sentenz „Stirb und werde!“ zu seinen schwierigsten Werken.[1]

Form und Inhalt

Mit dem kreuzgereimten trochäischen Vierzeiler wählte Goethe für den tiefsinnigen Inhalt eine vergleichsweise einfache Form. Die in der deutschen Lyrik beliebte Strophenform verwendete er für den West-östlichen Divan am häufigsten und vertraute ihr im Buch Suleika einige zentrale Aussagen an.[2] Neben der Liedhaftigkeit und Musikalität der Vierzeiler erleichtern die meist weiblichen Kadenzen, ein Geschehen auch über die Versschlüsse hinaus fließend zu erzählen.[3] In den letzten zwei Strophen änderte Goethe das Versmaß. In der vierten Strophe wählte er zwei männliche Kadenzen, in der abschließenden verkürzte er zwei Verszeilen um eine Hebung.

Das Gedicht lautet:[4]

Goethe, Porträt von Karl Josef Raabe, 1814

Sagt es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhöhnet,
Das Lebend’ge will ich preisen,
Das nach Flammentod sich sehnet.

In der Liebesnächte Kühlung,
Die dich zeugte, wo du zeugtest,
Überfällt dich fremde Fühlung,
Wenn die stille Kerze leuchtet.

Nicht mehr bleibest du umfangen
In der Finsternis Beschattung,
Und dich reißet neu Verlangen
Auf zu höherer Begattung.

Keine Ferne macht dich schwierig,
Kommst geflogen und gebannt,
Und zuletzt, des Lichts begierig,
Bist du Schmetterling verbrannt.

Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

Entstehung und Hintergrund

Goethe lernte HafisDīwān 1814 in der Übersetzung von Joseph von Hammer-Purgstall kennen, die sein Verleger Johann Friedrich Cotta ihm im Mai des Jahres geschenkt hatte. Nach dieser literaturgeschichtlich epochalen Begegnung und intensiver Lektüre brach er am 25. Juli von Weimar auf, um nach über siebzehn Jahren erneut seine Geburtsstadt Frankfurt am Main sowie Wiesbaden zu besuchen.

Hatte er bereits in Weimar einige Verse geschrieben, begann erst mit dem Reiseantritt und dem damit verbundenen Gefühl der Befreiung ein mächtiger Schub, der täglich zu diversen Gedichten führte. Als er in Wiesbaden ankam, war mit rund 25 Gedichten bereits ein vorläufiger und schmaler Divan entstanden. In seinen Tages- und Jahresheften beschrieb Goethe den tiefen Eindruck, den Hafis’ Welt auf ihn machte und der so stark gewesen sei, dass er sich „produktiv“ habe verhalten müssen, um „vor der mächtigen Erscheinung“ noch bestehen zu können.[5]

Mag die griechisch-römische Antike für Goethe stets wichtiger gewesen sein als der Orient, war ihm dieser nicht fremd. Bereits in jungen Jahren hatte er die „Patriarchenluft“ der Bücher Mose geschnuppert und war als junger Mann von Johann Gottfried Herder in Straßburg über die kulturgeschichtliche Bedeutung der Bibel aufgeklärt worden.

Mit der Lebensfreude und Sinnlichkeit, aber auch Sehnsucht nach Transzendenz und Ewigkeit kam die Poesie von Hafis seinem Lebensgefühl entgegen. Carl Friedrich Zelter gegenüber schwärmte er von der „mohammedanische(n) Religion“ und Mythologie, die der Poesie einen „Raum“ geben würden, „wie sie meinen Jahren ziemt. Unbedingtes Ergeben in den unergründlichen Willen Gottes, heiterer Überblick des beweglichen, immer kreis- und spiralartig wiederkehrenden Erdetreibens, Liebe, Neigung, alles Reale geläutert, sich symbolisch auflösend.“[6]

Vorlage und Motive

Das Ghasel, von dem Goethe ausging, stammt nicht von Hafis. Es ist ein durchschnittliches Werk der persischen Lyrik, das gängige Motive enthält, von denen Goethe einige herausgriff.[7]

Mit ihrer esoterischen Exklusivität und der Verachtung der Uneingeweihten reflektiert die erste Zeile der Seligen Sehnsucht das Horazsche „odi profanum vulgus et arceo“[8] und kann zugleich als Echo auf die Christusworte in der Lutherbibel (Mt 7,6 LUT) von den „Perlen“, die man nicht „vor die Säue werfen“ soll, verstanden werden.[9]

Das Bild der Flamme, in der ein Schmetterling verbrennt, gehört nach Hans Heinrich Schaeder zu den verbreitetsten Motiven der persischen Lyrik und versinnbildlicht eine Liebe, die das Ich verzehrt und eben dadurch rettet.[10] In der Übersetzung Hammer-Purgstalls heißt es u. a.: „Wie die Kerze brennt die Seele, / Hell an Liebesflammen / Und mit reinem Sinne hab´ ich / Meinen Leib geopfert. / Bis du nicht wie Schmetterlinge / Aus Begier verbrennest, / Kannst du nimmer Rettung finden / Von dem Gram der Liebe.“[11] Das Motiv des verbrennenden Insekts war für Goethe nicht neu. Als er 1776 an Charlotte von Stein dachte, drängte sich ihm die Vorstellung einer ums Licht tanzenden Mücke auf, wie er der Freundin brieflich mitteilte.[12]

Interpretationsansätze

Seit Konrad Burdach in seinem Deutungsversuch auf den scheinbaren Widerspruch zwischen den ersten vier Strophen und den abschließenden Versen hinwies, stehen die Interpreten bei dem „geheimnisvollsten der lyrischen Gedichte Goethes“ vor etlichen Schwierigkeiten.[13]

Die kaum zu überblickende Interpretationsgeschichte erschwert nach Gert Ueding den Zugang, indem man sich zunächst „einen Weg durch die Gelehrsamkeit bahnen“ müsse, die vor dem Werk „aufgetürmt wurde.“[14]

Die gleichsam hermetische Unzugänglichkeit wird häufig mit der Gedankenführung und der Bilderfolge von der Zeugung, dem Schmetterling, dessen Flammentod bis zur Idee des „Stirb und werde!“ erklärt.[15] Burdach zufolge widerspricht der „tragisch-mystisch-erotische Gedanke“ des Selbstopfers im ersten Teil des Gedichts der Idee der Metamorphose, die in der abschließenden Sentenz anklingt. Dem im Licht verbrannten, für immer vergangenen Schmetterling töne kein „werde!“ mehr, sei er doch für immer tot. Bei diesen Schwierigkeiten muss nach Auffassung Heinrich Schaders eine gedankliche Analyse dazu führen, die „Einheit des Gedichts“ zu sprengen. Interpreten wie etwa Eduard Spranger bis Karl Viëtor erklären die zentrale Vorstellung der Wandlung, die Goethe auch in seinem Gedicht Die Metamorphose der Pflanzen umkreiste, zum Zentrum des Werkes.[16]

Nach Auffassung Michael Böhlers und Gabriele Schwieders legen die Entstehung wie die Platzierung des Gedichts an das Ende des Buchs der Sänger eine poetologisch ausgerichtete Lektüre nahe, die das Werk als „Dichtung über Dichtung“ begreift. So lassen sich bereits die unterschiedlichen Titel des Gedichts – von Vollendung über Selbstopfer bis zur Seligen Sehnsucht – als Hinweis darauf verstehen, dass Goethe ein zentrales Geschehen aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtete und darstellte. Steht der erste Titel für die selbstbewusste Schöpferkraft, deutet der zweite auf die Preisgabe des Ich, während „Selige Sehnsucht“ die Bereitschaft zeigt, sich auf diesen besonderen Augenblick einzulassen. Zentral gehe es um den Topos der Inspiration, ein jäher Vorgang von heftiger körperlicher und seelischer Intensität.[17]

Der geistige Hintergrund des «Stirb und Werde»

Die oben genannten Interpretationen bleiben noch weitgehend im Äußerlichen stehen. Sie gehen nicht weit genug. Was Goethe hier nach Rudolf Steiner tatsächlich beschreibt, ist der Weg zur Einweihung. Wer diesen Weg beschreiten will, muss schon mitten im Erdenleben den Tod erfahren, d. h. mit vollem Bewusstsein schon im Leben die Welt erfahren, in die man nach dem Tod eintritt:

„Erst dann wird der Mensch einen Begriff bekommen von dem, was Einweihung ist, wenn er aufhört, sich aus äußerlichsinnlichen Begriffen eine Weltanschauung zu zimmern. Er muß ganz Gefühl, ganz Seelenstimmung werden, eine solche Seelenstimmung, die dem entspricht, was Goethe als höchste Errungenschaft des Menschen in seinem «Westöstlichen Divan» charakterisiert:

Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und Werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

Stirb und Werde! Lerne kennen, was das Leben bieten kann, gehe hindurch, aber überwinde, gehe über dich hinaus. Laß es dir zur Brücke werden, und du wirst in einem höheren Leben aufleben, mit dem Wesen der Dinge eines sein, wenn du nicht mehr in dem Wahne lebst, daß du, getrennt von dem höheren Ich, das Wesen der Dinge erschöpfen kannst. Goethe erinnert sich gern, da, wo er von der Hinopferung des Begriffes und des Seelenmaterials spricht, um in höheren Sphären aufzuleben, wo er von der tiefsten innersten Liebe spricht, an die Worte des Mystikers Jakob Böhme, der dieses Erlebnis der Hinopferung der Schlange in sich kennt. Jakob Böhme hat ihn vielleicht gerade darauf hingewiesen und bewirkt, daß es ihm so klar war, daß der Mensch schon im physischen Leibe hinüberleben kann in eine Welt, die er sonst erst nach dem Tode betritt: in die Welt des Ewigen, des Geistigen. Jakob Böhme wußte auch, daß es von dem Menschen abhängt, ob er in höherem Sinne in die geistige Welt hinübergleiten kann. Er zeigt es in dem Spruche: Wer nicht stirbt, eh’ er stirbt, der verdirbt, wenn er stirbt. - Ein bedeutsames Wort! Der Mensch, der nicht stirbt, bevor er stirbt, das heißt, der nicht das Ewige, den inneren Wesenskern in sich entwickelt, der wird auch nicht in der Lage sein, wenn er stirbt, den geistigen Wesenskern in sich wiederzufinden. Das Ewige ist in uns. Wir müssen es im Leibe entwickeln, damit wir es außer dem Leibe finden können. «Wer nicht stirbt, eh’ er stirbt, der verdirbt, wenn er stirbt.» So ist es auch mit dem andern Satze: «Und so ist der Tod die Wurzel alles Lebens.»“ (Lit.:GA 57, S. 78ff)

Ein Symbol dafür ist das Rosenkreuz, wie es Goethe schon in seinem Gedicht «Die Geheimnisse» verwendet hat:

„In dem Gedicht «Die Geheimnisse» hat Goethe beschrieben, wie ein Mensch wandert zu einem geheimnisvollen Tempel, um zusammenzukommen mit verschiedenen Menschen, durch die zusammenströmen die verschiedenen Denkrichtungen. Goethe setzt das Kreuz mit Rosen umwunden an die Eingangspforte des Tempels. «Wer hat dem Kreuz die Rosen zugesellt?» heißt es in dem Gedicht. Das sagt nur der, der weiß, daß ausgedrückt wird in dem von Rosen umwundenen Kreuze eine Entwickelung zu einem höheren Menschheitszustand. Er hat das auch ausgesprochen in den Worten:

Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und Werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

Der Mensch muß sich immer mehr dem Zustande nähern, wo er aus dem absterbenden Teil innerlich neu erstehen wird. Wie beim Baum äußerlich die Rinde abstirbt und er innerlich neue Keime entwickelt, so muß auch der Mensch dadurch, daß er sich äußerlich mit dem Tode umgibt, innerlich neu erstehen. Darum wurden in früheren Zeiten die Eingeweihten mit der Eiche verglichen und Druiden genannt. Dieses «Stirb und Werde» bedeutet, daß der Mensch im Innern immer frisches Leben ansetzt. Das Sterbende wird ihm zum Erhalter des neuen Lebens. Deshalb heißt es:

Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.

Das heißt: das gewöhnliche Leben überwinden, es zur Schale machen, damit im Innern die sprossenden Keime eines höheren Lebens zur Entwickelung kommen können.“ (Lit.:GA 98, S. 55f)

„Das «Stirb und Werde» - es muss ernst werden. Ein Symbol für das Goethe’sche «Stirb und Werde» ist das Rosenkreuz. Das «Stirb» haben wir in dem toten schwarzen Kreuz des Holzes, unser Blut, das abgestorben ist für Triebe und niedere Begierden, und in den Rosen haben wir das «Werde». Ja, der Mensch, er kann etwas «werden». Das Symbol dafür sind die sprießenden roten Rosen. Nun kann man sagen: Ja, das sind doch Vorstellungen, die der Sinneswelt entnommen sind. Aber aus dem schwarzen Holz wachsen niemals Rosen. - Das schwarze Holz und die roten Rosen sind wohl der Sinneswelt entnommen, aber die Zusammenstellung ist nur als Symbol für die Seele gebildet.“ (Lit.:GA 69d, S. 33)

„«Stirb und Werde»: Was heißt das? Stirb und Werde ist ein tief symbolisches Wort. Es drückt ungefähr dasjenige aus, was jetzt in dem Symbolum gesagt worden ist, es drückt aus, dass der Mensch dasjenige, was er in Kauf genommen hat, um auf eine höhere Stufe zu kommen, um es zu einer höheren Blüte zu bringen, seine niedere Natur, absterben lassen will, und eine höhere Natur als eine Blüte des Übersinnlichen herausgetrieben werden soll.“ (Lit.:GA 68b, S. 643)

Das gleiche Motiv findet sich, nur in etwas anderen Worten, auch in Goethes Faust. Der Tragödie zweiter Teil:

„Goethe hat auf die einmal an ihn gestellte Frage, wie Faust endige, ausdrücklich die Antwort gegeben: er werde am Schlüsse Mystiker. Und nur in dieser Art sind die bedeutungsvollen Worte des Chorus mysticus zu deuten, in welche das Gedicht ausklingt. - Im «West-Östlichen Diwan» spricht er sich ja auch deutlich über die «geistige Menschwerdung» aus. Es ist für ihn die Vereinigung der Menschenseele mit dem «höheren Selbst». Die Illusion, daß der wahre Mensch in seinen äußeren Hüllen bestehe, muß absterben; dann entsteht («wird») der «höhere Mensch». Deshalb beginnt er sein Gedicht «Selige Sehnsucht» mit den Worten:

Sagt es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhöhnet:
Das Lebendge will ich preisen,
Das nach Flammentod sich sehnet.

Und er schließt:

Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und Werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

Ganz im Einklang damit ist der Chorus mysticus. Denn nichts anderes spricht dieser aus als das Folgende: Den vergänglichen Erscheinungen der äußeren Welt liegt das Geistig-Unvergängliche zum Grunde, und man gelangt zu dem letzteren, wenn man das Vergängliche nur als ein Sinnbild des verborgenen Geistigen ansieht:

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis.

Was der auf die Sinnenwelt und ihre Formen hingeordnete Verstand nicht erreichen kann, das enthüllt sich in wirklicher Anschauung vor dem «geistigen Schauen», und was dieser Verstand nicht beschreiben kann, das ist eine «Tat» in den Regionen des Geistigen:

Das Unzulängliche,
Hier wirds Ereignis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ists getan ...

Und im Einklänge mit aller mystischen Symbolik stellt Goethe die höhere Natur des Menschen als ein «Weibliches» dar, das mit dem göttlichen Geiste sich vereinigt. Denn nur diese Befruchtung der geläuterten und zum Göttlichen hinanziehenden Menschenseele meint Goethe in den Endzeilen zu charakterisieren:

Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.

Alle nicht im Sinne der Mystik gegebenen Deutungen versagen hier.“ (Lit.:GA 35, S. 32ff)

Schon in den altägyptischen und indischen Mysterien war dieses Einweihungsprinzip bekannt:

„Die ägyptischen Mysterien und Mysterienpriester haben erreicht ihren Höhepunkt in der Initiation. Der Initiationsprozess gehörte auch den Kulten der indischen Religion an und wurde auch da vollzogen. Der Prozess hat darin bestanden, dass das große OsirisDrama als Einweihungsprozess an der einzelnen Persönlichkeit vollzogen worden ist. Die einzelne Persönlichkeit musste sich einem Vorgang unterwerfen, wodurch die Sinnlichkeit und das Leibliche so weit gereinigt wurden, dass sie die Welt auf geistige Weise begreifen konnte. Der Prozess wurde vollzogen innerhalb der ägyptischen Priestermysterien so, dass man denjenigen, welchen man für reif hielt, dass man ihn einer Atherisierung des Leibes unterwerfen konnte, in eine Art höhere Hypnose versetzte, ihn in einen Sarg, in ein Grab legte. Mit ausgestreckten Händen lag er da im mystischen Schlaf, aus dem er am dritten Tage erweckt werden sollte. Das Erwecken aus dem mystischen Schlaf wurde dadurch vollzogen, dass es durch die aufgehende Morgensonne geschehen sollte. Jetzt hat aber dieser ganze Vorgang auf ihn einen so großen Eindruck gemacht, dass er ein tatsächlich neues Leben führte, wenn er diesen Prozess durchgemacht hatte. Jetzt konnte er verstehen, wenn die ägyptischen und indischen Weltanschauungen behaupten, dass das Irdische ein Nichts ist und dass die Sinnenwelt nichts mehr bedeutet. Goethes Worte dafür waren: «Stirb und werde.»

Wer die mystischen Schriften studiert, wird dieses «Stirb und werde» öfters wiederfinden. Da, wo das Geistige erwacht und das Niedere, das Greifliche wirklich verdunstet. Das Niedere, Greifliche wird zu dem Nichtigen gegenüber dem Höheren, das in uns auferwacht. Daher dieses mystische Bekenntnis in der verschiedensten Weise. Wer mystische Schriften studiert, wird häufig diesen Ausdruck gefunden haben. So ist er zum Beispiel zu finden bei Jakob Böhme, der ihn in die Worte fasste: «Wer nicht stirbt, bevor er stirbt, der verdirbt, wenn er stirbt». Für den, der dies nicht erreicht hat, ist die Sache so, dass er den Prozess auf höheren Ebenen oder in einem nächsten Leben durchmachen muss.“ (Lit.:GA 87, S. 277f)

In der Aufzeichnung B[18] zu einer von Rudolf Steiner in Hamburg, 14. März 1909 gehaltenen esoterischen Stunde heißt es:

„Zuletzt sprach Dr. Steiner vom Seelenfrieden: Vergleichsam mit der blanken Fläche des Meeres, doch wie dasselbe Wasser, das da so still und friedlich erglänzt, zu hohen Wogen, überstürzenden Wellen aufgeregt wird, so auch in der Geisterwelt. Furchtbare Kämpfe werden da ausgeführt und ausgefochten. Gegen die Kämpfe der Götter sind alle Kämpfe hier auf der Erde ein Kinderspiel, ein schwaches Abbild. Ist es da möglich, den Seelenfrieden zu bewahren? Es ist möglich, und zwar so, wie es hier auf der Erde kaum möglich ist. Aber wir können es uns doch an einem Gleichnis klarmachen. Denken wir uns einen Menschen auf hoher See. Wellen und Wellen türmen sich, krachend brechen die Masten, das Schiff ist den Wellen preisgegeben, der leibliche Tod steht vor den Augen. Der Untergang ist gewiß; und der Mensch ist so hingenommen von der Großartigkeit der Naturgewalten, von dem imposanten Schauspiel, daß er sich selbst und seinen Tod vergißt und mit diesen erhabenen, ehrfurchtsvollen Gefühlen untergeht. Kann er das, und er wird es erlangen auf dem geistigen Plan, früher oder später, so hat er erfahren das «Stirb und Werde!»“ (Lit.:GA 266a, S. 468f)

Siehe auch

Literatur

Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com.
Freie Werkausgaben gibt es auf steiner.wiki, bdn-steiner.ru, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
Die Rudolf Steiner Ausgaben basieren auf Klartextnachschriften, die dem gesprochenen Wort Rudolf Steiners so nah wie möglich kommen.
Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Karl Otto Conrady: Goethe, Leben und Werk. Zwiesprache mit Hafis und Reise in die Rheingegenden. Patmos, Düsseldorf 2006, ISBN 3-491-69136-2. S. 870.
  2. Karl Otto Conrady: Goethe, Leben und Werk. Zwiesprache mit Hafis und Reise in die Rheingegenden. Patmos, Düsseldorf 2006, S. 870.
  3. Gert Ueding: Selige Sehnsucht. In: Goethe-Handbuch, (Hrsg.) Bernd Witte..., Band 1, Gedichte, Metzler, Stuttgart 1996, S. 378.
  4. Johann Wolfgang von Goethe, Selige Sehnsucht. In: Goethes Werke, Gedichte und Epen II, Hamburger Ausgabe, C.H. Beck, München 1998, S. 18–19.
  5. Zit. nach: Michael Böhler und Gabriele Schwieder: Schöpferischer Augenblick, in: Interpretationen, Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe. Hrsg. Bernd Witte, Reclam, Stuttgart 2005, S. 210.
  6. Karl Otto Conrady: Goethe, Leben und Werk. Zwiesprache mit Hafis und Reise in die Rheingegenden. Patmos, Düsseldorf 2006, S. 867.
  7. Karl Otto Conrady: Goethe, Leben und Werk. Zwiesprache mit Hafis und Reise in die Rheingegenden. Patmos, Düsseldorf 2006, S. 870.
  8. Gert Ueding: Selige Sehnsucht. In: Bernd Witte u. a. (Hrsg.): Goethe-Handbuch. Band 1: Gedichte. Metzler, Stuttgart 1996, S. 378.
  9. Karl Otto Conrady: Goethe, Leben und Werk. Zwiesprache mit Hafis und Reise in die Rheingegenden. Patmos, Düsseldorf 2006, S. 870.
  10. Gert Ueding: Selige Sehnsucht. In: Bernd Witte u. a. (Hrsg.): Goethe-Handbuch. Band 1: Gedichte. Metzler, Stuttgart 1996, S. 378.
  11. Zit. nach: Michael Böhler und Gabriele Schwieder: Schöpferischer Augenblick, in: Interpretationen, Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe, Reclam, Hrsg. Bernd Witte, Stuttgart 2005, S. 206.
  12. Karl Otto Conrady: Goethe, Leben und Werk. Zwiesprache mit Hafis und Reise in die Rheingegenden. Patmos, Düsseldorf 2006, S. 870.
  13. Michael Böhler und Gabriele Schwieder: Schöpferischer Augenblick, in: Interpretationen, Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe, Hrsg. Bernd Witte, Reclam, Stuttgart 2005, S. 202.
  14. Gert Ueding: Stirb und werde! In: Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): 1000 Deutsche Gedichte und ihre Interpretationen, Johann Wolfgang von Goethe. Insel-Verlag, Frankfurt am Main/ Leipzig 1994, S. 338.
  15. Michael Böhler und Gabriele Schwieder: Schöpferischer Augenblick, in: Interpretationen, Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe, Reclam, Hrsg. Bernd Witte, Stuttgart 2005, S. 205.
  16. Gert Ueding: Selige Sehnsucht. In: Goethe-Handbuch, (Hrsg.) Bernd Witte..., Band 1, Gedichte, Metzler, Stuttgart 1996, S. 378.
  17. Michael Böhler und Gabriele Schwieder: Schöpferischer Augenblick, in: Interpretationen, Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe. Hrsg. Bernd Witte, Reclam, Stuttgart 2005, S. 211.
  18. Aufzeichnung von Amalie Wagner.
Dieser Artikel basiert (teilweise) auf dem Artikel Selige Sehnsucht aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und steht unter der Lizenz Creative Commons Attribution/Share Alike. In Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.