Sehnsucht

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Die Sehnsucht (mhd. sensuht, als „Krankheit des schmerzlichen Verlangens“[1]) besteht in dem schmerzlichen Verlangen nach etwas, das man innig liebt oder begehrt, aber nicht erreichen kann. Sie kann so verzehrend werden, dass sie sich bis zur Todessehnsucht steigert und dann auch im Selbstmord enden kann.

In seiner höchsten, göttlichen Form schildert Rudolf Steiner die Sehnsucht in seinen Vorträgen über "Die Evolution vom Gesichtspunkte des Wahrhaftigen". Er beschreibt hier, wie die Throne, die Geister des Willens, auf dem alten Saturn ihre Willensubstanz den Cherubim hingeopfert haben und damit die ganze Evolution unserer Planetenkette in Gang brachten. Zugleich damit war die wesenhafte Zeit in Form der Archai entstanden. Indem die Cherubim das Opfer der Throne annahmen, wurden sie aber selbst in die Zeitlichkeit hineingerissen - bis schließlich ein Teil der Cherubim die Annahme dieses Willensopfers verweigerte. Sie konnten sich dadurch dem Reich der Zeitlichkeit entringen und in den Bereich der Ewigkeit eintreten. Die Wesen, deren Opfer zurückgewiesen wurde, waren dadurch allerdings auf sich selbst zurückgeworfen, ihr Wille, den sie hinopfern wollten an höhere Wesen, wird nun in sie selbst zurückgestaut. Sie fühlten sich dadurch abgetrennt von den höheren Wesen und es wuchs in ihnen die Sehnsucht, über ihre enge Begrenzung hinauszukommen. In dieser Begrenzung, dieser Abgeschlossenheit von den höheren Wesen, drückt sich zugleich ein gewisser, allerdings gar nicht selbst verschuldeter Egoismus aus, denn Egoismus bedeutet nichts anderes als abgeschlossen sein vom Ganzen der Welt. Abgeschlossen zu sein vom Ganzen der Welt ist Egoismus – egal ob selbst verschuldet oder nicht!

"Das Wesen, das seinen Willen hinopfern kann, geht auf in gewisser Beziehung in dem anderen Wesen. Auch das kann man fühlen im Menschenleben, wie man lebt und webt in einem Wesen, dem man Opfer bringt, wie man sich befriedigt und glücklich fühlt, wenn man dem Wesen gegenüberstehen kann, dem man Opfer bringt. Und weil wir hier sprechen von der Opferung an höhere Wesen, an umfassendere, universelle Wesenheiten, zu denen hinaufzuschauen die opfernden Wesen als ihre höchste Seligkeit empfinden müssen, so kann, was da zurückbleibt als zurückgehaltene Willenssehnsucht, nimmermehr dasselbe sein an innerer Stimmung, an innerem Seelengehalt als das, was sie erleben könnten, wenn sie opfern dürften. Denn wenn sie opfern dürften, wäre das Opfer bei den anderen Wesen. Wir dürfen gleichsam den Vergleich gebrauchen: wenn die Erden- und die anderen Planetenwesen der Sonne opfern dürften, dann wären sie bei der Sonne. Wenn sie nicht der Sonne opfern dürften, wenn sie zurückhalten müßten, was sie sonst opfern könnten, dann sind sie bei sich selber, sind in sich selber zurückgedrängt.

Wenn wir das fassen, was jetzt eben mit einem Worte ausgesprochen ist, dann merken wir, daß da etwas ins Weltall hineinkommt. Fassen Sie es klar, daß es nicht anders ausgesprochen werden kann: die Wesen, die einem anderen Wesen opfern, das in ihnen allen lebt, die hingegeben wären an ein Universelles, sie sind jetzt, wenn das Opfer nicht angenommen wird, darauf angewiesen, es selbst in sich zu tragen. Spüren Sie nicht, daß da etwas hereinblitzt, was man Egoität nennt, was später als Egoismus in allen Formen herauskommt? In dieser Weise ins Auge gefaßt, muß man fühlen, was später - sozusagen in die Entwickelung hineingegossen - als ein Erbstück nachlebt in den Wesen. Mit der Sehnsucht sehen wir den Egoismus aufblitzen, zunächst in der schwächsten Gestalt, aber wir sehen ihn sich hineinschleichen in die Weltentwickelung. Und so sehen wir, wie die Wesen, die also der Sehnsucht, das heißt sich selbst, ihrer Egoität, sich hingeben, in einer gewissen Beziehung verdammt werden zur Einseitigkeit, zum bloßen Leben nur in sich selber, wenn nicht etwas anderes eintreten würde." (Lit.: GA 132, S. 65)

Es musste also etwas geschehen, damit sich die Wesen, deren Opfer zurückgewiesen wurde, nicht völlig in ihrer Egoität verhärten, und dadurch mangels Abwechslung in tödliche Langeweile verfallen und schließlich und ganz aus der fortschreitenden Entwicklung herausfallen. Das wurde auf dem alten Mond durch die Dynameis, die Geister der Bewegung, verhindert, die die unmittelbaren Lenker der Mondenentwicklung waren. Sie stillen bis zu einem gewissen Grad die Sehnsuch der zurück- und auf sich selbst gewiesenen Wesen, indem sie sie in immer neue, wechselnde Beziehungen zu anderen Wesen bringen, damit sie nicht allein in sich selbst abgeschlossen bleiben müssen. Eine Art von Seelenbewegung bringen sie dadurch in das alte Mondendasein.

"Stellen wir uns einmal ein Wesen vor, das opfern darf: das lebt in dem anderen Wesen, und es lebt immer in dem anderen. Ein Wesen, das nicht opfern darf, kann nur in sich selber leben. Dadurch ist es ausgeschlossen von dem, was es in den anderen und in diesem Falle in den höheren Wesen erleben dürfte. Ausgeschlossen von der Evolution würden schon an dieser Stelle die entsprechenden Wesen, in die Einseitigkeit hineinverdammt und -verbannt, wenn nicht etwas einträte, was da in die Entwickelung hineinfällt und was die Einseitigkeit hinwegbewegen will. Das ist das Eintreten neuer Wesenheiten, welche die Verdammung und Verbannung in die Einseitigkeit hintanhalten. Wie auf dem Saturn Willenswesen, wie auf der Sonne Weisheitswesen, so sehen wir auf dem Monde die Geister der Bewegung auftreten, wobei wir aber nicht räumliche Bewegung uns vorzustellen haben, sondern wobei wir «Bewegung» so fassen müssen, daß sie einen mehr gedanklichen Charakter trägt. Jeder kennt den Ausdruck «Denkbewegung», obwohl das nur der Ablauf, die Flüssigkeit der eigenen Gedanken ist; aber daraus schon werden Sie sehen, daß, wenn wir uns einen umfassenderen Begriff der Bewegung aneignen wollen, wir zur Erklärung der Bewegung zu etwas anderem als der bloßen Ortsbewegung, die nur eine einzelne Gattung der gesamten Bewegung darstellt, greifen müssen. Wenn viele Menschen einem höheren Wesen hingegeben sind, das sich gleichsam in ihnen allen ausdrückt, weil es von ihnen allen Opfer entgegennimmt, so leben alle diese Vielen in dem Einen und sind darin befriedigt. Wenn aber die Opfer zurückgewiesen werden, so leben die Vielen in sich selber und können nicht befriedigt werden. Da treten die Geister der Bewegung ein und führen gleichsam die Wesen, welche sonst nur auf sich angewiesen wären, zu allen anderen Wesenheiten in einer gewissen Weise hin, bringen sie zu den anderen in eine Beziehung. Die Geister der Bewegung sind zunächst nicht nur als ortsverändernde Wesen zu denken, sondern sie sind solche Wesen, die etwas hervorbringen, wodurch ein Wesen in immer neue Beziehungen zu anderen Wesen tritt.

Man kann sich eine Vorstellung machen von dem, was jetzt damit auf dieser Stufe im Kosmos erlangt ist, wenn man wieder auf eine entsprechende Seelenstimmung reflektiert. Wer weiß nicht, daß die Sehnsucht im Menschen, wenn sie anhält, bleibt, keine Veränderung erleben darf - wer weiß nicht, wie quälend es wird und den Menschen in einen Zustand bannt, der ihm unerträglich wird, der dann bei den flachköpfigen Menschen zu dem wird, was man «Langeweile» nennt. Aber von dieser Langeweile, die man gewöhnlich nur den flachköpfigen Menschen zuschreiben kann, gibt es alle möglichen Zwischenstufen bis zu denen, welche den großen, edlen Naturen eigen sind, in denen das lebt, was ihre eigene Natur als Sehnsucht ausdrückt, und was nicht befriedigt werden kann in der äußeren Welt. Und wodurch wird die Sehnsucht mehr befriedigt als durch Veränderung? Der Beweis dafür ist, daß die Wesen, die diese Sehnsucht fühlen, Beziehungen suchen zu immer neuen und neuen Wesenheiten. Die Qual der Sehnsucht wird oft überwunden durch das, was veränderte Beziehungen sind zu immer neuen Wesenheiten.

Da sehen wir, als die Erde ihre Mondenphase durchmacht, wie die Geister der Bewegung in das Leben der sich sehnenden Wesen, die sonst veröden würden - und Langeweile ist auch eine Art von Verödung -, die Veränderung, die Bewegung hineinbringen, die Beziehung zu immer neuen und neuen Wesenheiten oder zu immer neuen und neuen Zuständen. Die räumliche, örtliche Bewegung ist nur eine Gattung dieser umfassenderen Bewegung, von der wir jetzt gesprochen haben. Eine Bewegung haben wir, wenn wir in der Lage sind, am Morgen einen bestimmten Gedankeninhalt in der Seele zu haben, diesen aber nicht zu behalten brauchen, sondern zu anderem übergehen können. Da überwinden wir die Einseitigkeit in der Sehnsucht durch die Mannigfaltigkeit, durch die Veränderung und die Bewegung des Erlebten. Im Raume draußen haben wir nur eine besondere Art dieser Veränderung." (Lit.: GA 132, S. 65f)

Dadurch entsteht in den zurückgewiesenen Wesen ein traumartiges, flüchtig-flüssiges Bilder-Bewusstsein, das ihre Sehnsucht befriedigt. Allerdings wird dadurch die Seele nicht dauerhaft befriedigt; sie verlangt ohne Ende nach immer neuen und neuen Bildern. Eine dauerhafte Erlösung von der quälenden Sehnsucht ist nur möglich, wenn die Seele nicht nur in Bildern anderen Wesen lebt, sondern sich real mit ihnen vereinigen kann. Erst dann wird auch die Egoität real überwunden. Das konnte erst auf der Erde geschehen; auf dem alten Mond war das noch nicht möglich. Daher blieb der alte Mond der „Planet der Sehnucht“ und erst die Erde kann zum „Planet der Erlösung“ werden.

Literatur

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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
Die Rudolf Steiner Ausgaben basieren auf Klartextnachschriften, die dem gesprochenen Wort Rudolf Steiners so nah wie möglich kommen.
Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und
Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
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Einzelnachweise

  1. So im Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm