Ehernes Lohngesetz

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Nach Ferdinand Lassalle, einem der Gründerväter der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD), schwankt der Lohn bei vollkommener Konkurrenz unter den Bedingungen eines schrankenlosen Kapitalismus stets um das Existenzminimum. Von Malthus und David Ricardo, übernahm er die These, dass Lohnerhöhungen die Geburtenrate steigen lassen, was wiederum, aufgrund eines dann schließlich zu großen Angebots an Arbeitskräften, die Lohnhöhe unter das Existenzminimum drückt und damit die Geburtenrate wieder sinken läßt. Lassalles ehernes Lohngesetz wird heute allgemein in der Ökonomie als falsch beurteilt. Allerdings ist der dahinterstehende Gedanke, der Lohn schwanke in einer reinen (nicht sozialen) Marktwirtschaft beim einfachen ungelernten Arbeiter um das Existenzminimum, neuerdings wieder in der Diskussion. Die heutigen Reformen des Sozialstaates erzeugen einen "entfesselten Kapitalismus", der unter den Bedingungen der Globalisierung einen Anpassungsdruck auf die Lohnhöhe nach unten mit sich bringt. Angelehnt an die Arbeitswerttheorie war Lassalle davon überzeugt, dass der primäre, grundlegende Wertmaßstab für eine Ware (Warenwert) der in der Ware enthaltene Wert menschlicher Arbeit ist. Entsprechend sollten die Löhne gesetzlich festgelegt werden, d.h. für einen bestimmten Arbeitswert der Gegenwert in Geld gesetzlich festgeschrieben werden.

Die Gewerkschaften scheinen gegenüber dieser Entwicklung ebenso machtlos, wie die Regierenden in den westlichen Demokratien dieser Entwicklung ratlos gegenüberstehen. Man denke nur an die "working poor" in den USA, die sich trotz der Annahme meist mehrerer Jobs oftmals unter oder nahe dem Existenzminimum befinden, so dass sie auf die Suppenküchen und Hilfen der privaten Wohlfahrtsorganisationen angewiesen sind. Auch in Deutschland weist die Entwicklung seit Hartz IV in eine solche Richtung.

Rudolf Steiner referierte dazu: „Ich muss gestehen, ich empfinde es als einen gewissen wissenschaftlichen Leichtsinn, dass man immer noch verzeichnet findet, dieses Gesetz sei „überwunden“, denn die Dinge bewahrheiten sich nicht. Die Sache ist nämlich so: Es kann aus der Denkweise des Lassalle heraus und aus der Anschauung, dass Arbeit bezahlt werden kann, nichts Richtigeres erfolgen als dieses eherne Lohngesetz. Es ist so logisch streng, dass man sagen kann: Absolut richtig ist, wenn man so denkt, wie Lassalle denken musste, dass niemand ein Interesse hat, dem Arbeiter mehr Lohn zu geben, als dass gerade noch der Lebensunterhalt des Arbeiters möglich ist. Es wird ihm nicht mehr gegeben, selbstverständlich. Gibt er ihm aber weniger, so wird der Arbeiter verkümmern, und dass muss derjenige, der den Lohn bezahlt, büßen. Es ist im Grunde genommen gar nicht auszukommen, ohne theoretisch das eherne Lohngesetz zuzugeben. Schon innerhalb des Proletariats selber sagen die Leute: Das eherne Lohngesetz ist falsch, denn es ist nicht richtig, dass sich in den letzten Jahrzehnten der Lohn eben auf einem gewissen Minimum, das zugleich sein Maximum wäre, erhalten hat. Ja, aber warum ist das eherne Lohngesetz von Lassalle falsch? Hätten die Verhältnisse fortgedauert, unter denen er es aufgestellt hat – ich will also sagen, die Verhältnisse von 1860 bis 1870 -, hätte man weiter gewirtschaftet unter der rein liberalistischen Anschauung, so wäre das eherne Lohngesetz mit absoluter Richtigkeit in die Wirklichkeit hineingekommen. Man hat es nicht getan, man hat eine Umkehr vollzogen von der liberalistischen Wirtschaft und bessert heute fortwährend das eherne Lohngesetz aus, indem man Staatsgesetze macht, welche eine Korrektur der Wirklichkeit bewirken, die aus dem Gesetz hervorgegangen wäre. Also Sie sehen, ein Gesetz kann richtig sein und doch nicht wirklichkeitsgemäß. Ich kenne keinen Menschen, der ein größerer Denker war als Lassalle. Er war nur sehr einseitig. Er war schon ein sehr konsequenter Denker. Wenn man einem Naturgesetz gegenübersteht, dann konstatiert man es. Wenn man einem sozialen Gesetz gegenüber steht, dann kann man es auch konstatieren, aber es ist nur als eine bestimmte Strömung gültig, und man kann es korrigieren. Insofern unsere Wirtschaft rein auf freier Konkurrenz beruht – und vieles ist noch da, das nur auf freier Konkurrenz beruht -, ist das eherne Lohngesetz gültig. Aber weil es unter diesen Voraussetzungen gültig wäre, muß man die Korrekturen mit der Sozialgesetzgebung, mit einer bestimmten Arbeitszeit und so weiter geben. Lassen Sie den Unternehmern vollständig freie Hand, so gilt das eherne Lohngesetz. Daher kann es in der Volkswirtschaft nicht die rein deduktive Methode geben. Die induktive hilft erst recht nichts. Sie hat Lujo Brentano befolgt. Wir können nur die wirtschaftlichen Tatsachen beobachten – sagt sie – und steigen dann allmählich zu dem Gesetze auf. – Ja, da kommen wir überhaupt zu keinem schöpferischen Denken. Das ist die sogenannte neuere Nationalökonomie, die sich die wissenschaftliche nennt.“ (Rudolf Steiner, GA 341, S. 10 - 11).

Literatur:

  • Geigant/Haslinger/Sobotka/Westphal: Lexikon der Volkswirtschaftslehre, 1994, S. 193 - 194;
  • Barbara Ehrenreich: Arbeit Poor, rororo, 2003;
  • Horst Afheldt: Nachwort, in: B. Ehrenreich: Arbeit Poor, S. 227 - 237
  • Rudolf Steiner: Nationalökonomisches Seminar (GA 341), S. 10 – 11

Weblinks: