Entschleunigung

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Entschleunigung ist ein relativ neu geprägter Begriff, der auf ein menschliches Verhalten zielt, das der gegenwärtig beobachtbaren rasanten Beschleunigung entgegenwirken soll, die in vielen Abläufen im sozialen Leben durch die moderne Arbeitswelt erzwungen wird. Hartmut Rosa hat in seinem vielbeachteten Buch Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne auf diese Beschleunigung nachdrücklich hingewiesen. Tatsächlich handelt es sich dabei um ein typisch ahrimanisches Phänomen, durch das der Lebensrhythmus des Menschen immer mehr dem Tempo und dem gleichförmigen Takt der Maschinenwelt angeglichen werden soll.

Entschleunigung und Anthroposophie

Gefordert wird mehr Muße und Ruhe zur Erholung und zur selbstverantwortlichen eigenständigen kreativen Tätigkeit, die nicht primär auf den wirtschaftlichen Gewinn gerichtet ist. Die einseitige Verherrlichung des Fortschrittsdenkens wird in Frage gestellt. Auf diese Problematik hat Rudolf Steiner schon vor mehr als 100 Jahren hingewiesen.

„Ist es wirklich des Menschen einziges Schicksal, in der Besorgung dessen aufzugehen, was das Leben bringt, um ebenso rasch von diesem Leben auch wieder verzehrt zu werden? - Aber nennt man nicht im Grunde diese Besorgung heute «Menschheitfortschritt» ? Ist es aber ein Fortschritt im höheren Sinne, was man da im Auge hat? Der unzivilisierte Wilde befriedigt sein Nahrungsbedürfnis, indem er sich einfache Werkzeuge macht, und auf die nächsten Tiere des Waldes jagt, indem er mit primitiven Mitteln die Körner zermahlt, die ihm die Erde schenkt. Und ihm verschönt das Leben das, was er als «Liebe» empfindet, und was er in einfacher, wenig über die tierische ragender Weise genießt. Der Zivilisierte von heute gestaltet mit feinstem «wissenschaftlichen» Geiste die kompliziertesten Fabriken und Werkzeuge, um dasselbe Nahrungsbedürfnis zu befriedigen. Er umkleidet den Trieb der «Liebe » mit allem möglichen Raffinement, vielleicht auch mit dem, was er Poesie nennt, aber, wer die verschiedenen Schleier hinwegzuheben vermag - der entdeckt hinter all dem dasselbe, was im Wilden als Trieb lebt, wie er hinter dem in Fabriken verkörperten «wissenschaftlichen Geist» das gemeine Nahrungsbedürfnis entdeckt.

Es erscheint fast hirnverbrannt, solches auszusprechen. Aber es erscheint nur denen so, die nicht ahnen, wie ihr ganzes Denken nichts ist, als eine von ihrem Zeitalter ihnen eingeimpfte Gewohnheit, und die da doch glauben, ganz «selbständig und unabhängig » zu urteilen. - Wir haben es ja doch, nach allgemeiner Meinung, in der «Kultur» so herrlich weit gebracht. Niemand könnte doch die Wahrheit des Ausgesprochenen leugnen, wenn er wirklich einmal erwägen wollte, wie sich eine rein materielle Zivilisation von der Wildheit und Barbarei unterscheidet, wenn er sich einmal wirklich die Stille eines halben Tages gönnen wollte. Ist es denn im höheren Sinne so viel anderes, ob man Getreidekörner mit Reibsteinen zermahlt und in den Wald geht, um Tiere zu jagen; oder ob man Telegraphen und Telephone in Betrieb setzt, um Getreide von entfernten Orten zu beziehen? Bedeutet es nicht schließlich, von einem gewissen Gesichtspunkte aus, dasselbe, ob nun die eine Base der andern erzählt, sie habe in diesem Jahre so und so viel Linnen gewebt; oder ob täglich Hunderte von Zeitungen erzählen, der Abgeordnete X habe eine herrliche Rede gehalten, damit da oder dort eine Eisenbahn gebaut werden solle, und wenn diese Eisenbahn zuletzt auch zu nichts dienen soll, als die Gegend Y mit Getreide aus Z zu versorgen. Und endlich: steht es um so viel höher, wenn uns ein Romanschriftsteller erzählt, in wie raffinierter Weise Eugehius seine Hermine gefreit hat, als wenn der Knecht Franz in naiver Weise erzählt, wie er zu seiner Katharine gekommen ist?“ (Lit.:GA 34, S. 26f)

Hartmut Rosa zu einem Mißverständnis seiner Lehre (im Interview taz-online): "Entschleunigung ist ja gerade nicht die Lösung. Beschleunigung ist ein soziales Problem. Da kann der Einzelne nicht einfach aussteigen, dauerhaft entschleunigen, dann fällt er im sozialen Wettbewerb zurück." [Sondern Resonanz. Zu diesem sozialen Wettbewerb ist z.B. auch der Kampf von "Kreativen" um Aufmerksamkeit und Reputation zu zählen, der von Rudolf Steiner gepriesene Konkurrenzkampf im Geistesleben.]

Siehe auch

Literatur

  • Hartmut Rosa: Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005, zugleich Habil.-Schrift, Univ. Jena 2004. ISBN 3-518-29360-5
  • Beschleunigung und Entfremdung - Entwurf einer kritischen Theorie spätmoderner Zeitlichkeit. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2013, ISBN 978-3-518-58596-2. (Im Original unter dem Titel Alienation and Acceleration. Towards a Critical Theory of Late-Modern Temporality. NSU Press, 2010, ISBN 978-87-87564-14-4; im Französischen: Aliénation et accélération : Vers une théorie critique de la modernité tardive. Editions La Découverte, 2012, ISBN 978-2-7071-7138-2)[1] (Hartmut Rosa im Interview taz-online: "Das ist die deutsche Übersetzung eines englischen Essays, den ich vor einigen Jahren geschrieben habe. Der Verlag wollte das gern auflegen, weil es im Prinzip eine leicht geschriebene Variante des Beschleunigungsbuchs ist.")
  • Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung. Inhaltsverzeichnis Suhrkamp, Frankfurt am Main 2016, 814 S., ISBN 978-3-518-58626-6.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Leseprobe