Farbige Schatten

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Mit rotem Licht erzeugter Schattenwurf eines Gegenstandes, aufgehellt durch eine zweite, weiße Lichtquelle. Es entsteht ein farbiger Schatten in der grünen Gegenfarbe. Der durch die weiße Lichtquelle geworfene Schatten (rechts) wird durch das rote Licht deutlich intensiver eingefärbt als der weiße Untergrund. Man kann also unterscheiden zwischen dem farbigen Schatten links und dem gefärbten Schatten rechts.

Farbige Schatten entstehen, wenn ein mehr oder weniger undurchsichtiger, also schattenwerfender Gegenstand von wenigstens zwei verschiedenfarbigen Lichtquellen beleuchtet wird. Goethe hat sich in seiner Farbenlehre ausführlich mit dem Phänomen farbiger Schatten beschäftigt. Von den farbigen Schatten streng zu unterscheiden sind die gefärbten Schatten, die als Begleitphänomen entstehen, wenn der durch die zweite Lichtquelle geworfene dunkle, unfarbige Schatten durch die erste farbige Lichtquelle aufgehellt und eingefärbt wird.

Das Phänomen

Mit rotem Licht erzeugter Schattenwurf eines Gegenstandes, aufgehellt durch eine zweite Lichtquelle, deren Licht durch eine vorgehaltene grüne Folie eingefärbt wird. Der rot eingefärbte Schatten dieser Folie ist auf dem Untergrund deutlich sichtbar; der durch die Folie abgedunkelte Untergrund nimmt das rote Licht der ersten Lampe stärker an als der unbeschattete Untergrund. Der Gegenstand wirft auch in diesem Fall einen farbiger Schatten in der grünen Gegenfarbe, die aber durch die grüne Folie vor der zweiten Lichtquelle nun noch etwas stärker hervortritt, weil der Schatten jetzt zusätzlich auch noch grün eingefärbt wird.
Mit grünem Licht erzeugter Schattenwurf (links) eines Gegenstandes, aufgehellt durch eine zweite, weiße Lichtquelle. Es entsteht ein farbiger Schatten in der roten Gegenfarbe. Der durch das weiße Licht geworfene Schatten (rechts) wird durch die grüne Lampe intensiv grün eingefärbt und nimmt die grüne Farbe deutlich stärker an als der weiße Untergrund.
Mit grünem Licht erzeugter Schattenwurf (links) eines Gegenstandes, aufgehellt durch eine zweite Lichtquelle, vor die nun eine rote Folie gehalten wird. Es entsteht ein farbiger Schatten in der roten Gegenfarbe, der durch die rote Folie noch intensiver hervortritt. Der Schatten der roten Folie wird durch die erste Lichtquelle grün eingefärbt und ist gut zu erkennen.
Mit blauem Licht erzeugter Schattenwurf (links) eines Gegenstandes, aufgehellt durch eine zweite, weiße Lichtquelle. Es entsteht ein farbiger Schatten in der orangen Gegenfarbe. Der durch das weiße Licht geworfene Schatten (rechts) wird durch die blaue Lampe intensiv blau eingefärbt und nimmt die blaue Farbe deutlich stärker an als der weiße Untergrund.
Mit gelbem Licht erzeugter Schattenwurf (links) eines Gegenstandes, aufgehellt durch eine zweite, weiße Lichtquelle. Es entsteht ein farbiger Schatten in der violetten Gegenfarbe. Der durch das weiße Licht geworfene Schatten (rechts) wird durch die gelbe Lampe gelb eingefärbt, ist aber in dem gelb beleuchteten weißen Untergrund kaum zu erkennen.

"Zu den farbigen Schatten gehören zwei Bedingungen, erstlich, daß das wirksame Licht auf irgend eine Art die weiße Fläche färbe, zweitens, daß ein Gegenlicht den geworfenen Schatten auf einen gewissen Grad erleuchte." (Lit.: Goethe, Zur Farbenlehre, §64)

Farbige Schatten entstehen im einfachsten Fall, wenn der durch eine farbige Lichtquelle von einem Gegenstand geworfene Schatten durch eine zweite weiße bzw. farbneutrale Lichtquelle aufgehellt wird. In den nebenstehenden Bildern sieht man jeweils links den farbigen Schatten, der in der Gegenfarbe zur ersten, farbigen Lichtquelle erscheint. Davon zu unterscheiden ist der gefärbte Schatten rechts, der durch die zweite, weiße Lichtquelle geworfen, aber durch das farbige Licht der ersten Lampe eingefärbt wird. Dieser gefärbte Schatten zeigt in den nebenstehenden Abbildungen eine noch intensivere Färbung als der farbige Schatten, doch kann man das nicht als allgemeines Gesetz auffassen, sondern hängt davon ab, welche der beiden Lichtquellen die hellere ist; bei gleicher Helligkeit ist auch die Farbintensität beider Schatten annähernd gleich.

Tatsächlich sind immer zwei Lichtquellen notwendig. Wird der Schatten, den die erste Lichtquelle wirft, nicht durch eine zweite aufgehellt, so entsteht auch kein farbiger Schatten. Macht man den Versuch in einem völlig abgedunkelten Raum mit nur einer einzigen Lichtquelle, so erscheint der Schatten stets tiefschwarz, egal ob es sich dabei um eine weiße oder eine beliebige farbige Lichtquelle handelt. Auch das ist auf den nebenstehenden Abbildungen gut zu erkennen. Wird aber dann der schwarze Schatten, der von einer farbigen Lichtquelle erzeugt wird, mit einer zweiten, weißen Lampe aufgehellt, erscheint er sofort sehr intensiv und beinahe gegenständlich kompakt in der Gegenfarbe der farbigen Lichtquelle.

In der Natur kann das Phänomen bei einiger Aufmerksamkeit leicht so beobachtet werden, wie es Goethe beschreibt:

"Auf einer Harzreise im Winter stieg ich gegen Abend vom Brocken herunter, die weiten Flächen auf- und abwärts waren beschneit, die Heide von Schnee bedeckt, alle zerstreut stehenden Bäume und vorragenden Klippen, auch alle Baum- und Felsenmassen völlig bereift, die Sonne senkte sich eben gegen die Oderteiche hinunter.

Waren den Tag über, bei dem gelblichen Ton des Schnees, schon leise violette Schatten bemerklich gewesen, so mußte man sie nun für hochblau ansprechen, als ein gesteigertes Gelb von den beleuchteten Teilen widerschien.

Als aber die Sonne sich endlich ihrem Niedergang näherte und ihr durch die stärkeren Dünste höchst gemäßigter Strahl die ganze mich umgebende Welt mit der schönsten Purpurfarbe überzog, da verwandelte sich die Schattenfarbe in ein Grün, das nach seiner Klarheit einem Meergrün, nach seiner Schönheit einem Smaragdgrün verglichen werden konnte. Die Erscheinung ward immer lebhafter, man glaubte sich in einer Feenwelt zu befinden, denn alles hatte sich in die zwei lebhaften und so schön übereinstimmenden Farben gekleidet, bis endlich mit dem Sonnenuntergang die Prachterscheinung sich in eine graue Dämmerung, und nach und nach in eine mond- und sternhelle Nacht verlor." (Lit.: Goethe, Zur Farbenlehre, §75)

subjektiv oder objektiv?

Ob der farbige Schatten eine objektive Erscheinung ist, wie Rudolf Steiner im siebenten Vortrag von GA 320 ausführt, oder ob es sich dabei um eine subjektive Reaktion des Auges, um einen Nachbildeffekt handelt, wie Goethe meinte, ist bis heute noch nicht völlig klargestellt. Steiner sagt in diesem Vortrag:

"Sie haben gesehen, daß wir es zu tun haben, wenn Farben entstehen, mit einem Zusammenwirken von Licht und Finsternis. Nun handelt es sich darum, daß man möglichst viele wirkliche Erscheinungen beobachtet, bevor man sich eine Anschauung bildet über das, was in dieser Wechselwirkung von Licht und Finsternis eigentlich zugrunde liegt. Und da möchte ich Ihnen heute zunächst dieses Phänomen der sogenannten farbigen Schatten vorführen.

Ich werde von zwei Lichtquellen aus, die diese Kerzchen hier dar stellen, durch diesen Stab Ihnen Schatten auf dem Schirm erzeugen, der Ihnen gegenübersteht. Sie sehen zwei Schatten, welche eine deutliche Farbe nicht haben. Sie brauchen nur dasjenige, was hier ist, ordentlich anzuschauen, so werden Sie sich sagen müssen: Der Schatten, den Sie hier rechts sehen, ist natürlich der Schatten, der von dieser Lichtquelle (links) ausgeht und der dadurch entsteht, daß das Licht von dieser Quelle ausgeht und durch den Stab verdeckt wird. Und der Schatten ist derjenige, der entsteht, indem das Licht unserer rechten Lichtquelle verdeckt wird. Wir haben es also hier im Grunde genommen nur zu tun mit der Erzeugung gewisser dunkler Räume.

Das, was im Schatten liegt, ist eben dunkler Raum. Wenn Sie die Fläche des Schirmes außerhalb der beiden Schattenbänder sich an sehen, so werden Sie sich sagen: Sie wird beleuchtet von den zwei Lichtquellen. So daß wir es also da zu tun haben mit Licht. Ich will nun das eine der Lichter färben, das heißt, ich will es gehen lassen durch eine farbige Glasplatte, so daß das eine der Lichter gefärbt wird. Wir wissen, was da geschieht: Es wird das eine der Lichter abgedunkelt. Aber jetzt sehen Sie, daß durch das Abdunkeln dieser Schatten (rechts), welcher durch den Stab bewirkt wird von meiner linken Lichtquelle aus, deren Licht ich gerade abdunkle und rötlich mache, daß dieser Schatten grün wird. Er wird so grün, wie grün wird - wenn Sie zum Beispiel scharf an eine kleine rote Fläche hinschauen, dann von dieser roten Fläche das Auge abwenden und dann einfach in gerader Richtung nach einer weißen Fläche lenken -, wie grün wird dasjenige, was Sie früher rot gesehen haben, ohne daß etwas da ist, sondern Sie sehen gleichsam die grüne Farbe selber auf die Fläche hin. Wie Sie da sehen die grüne Fläche als ein zeitliches Nachbild der roten Fläche, die Sie früher wirklich gesehen haben, indem Sie das Auge dem Rot exponiert haben, so sehen Sie hier, indem ich die Lichtquelle rot abdunkle, ihren Schatten. Also, was früher bloße Dunkelheit war, sehen Sie jetzt grün. Wenn ich dieselbe Lichtquelle grün abdunkeln werde, beobachten Sie, was dann entsteht! Sie sehen, der Schatten entsteht dann rot. Wenn ich dieselbe Lichtquelle blau abdunkle, so sehen Sie, der Schatten entsteht dann orange; würde ich die Lichtquelle violett abdunkeln, so gäbe es Gelb.

Nun bitte ich Sie, folgendes zu berücksichtigen - gerade dieses Phänomen ist von einer großen Bedeutung. Wenn Sie - ich erwähne das deshalb noch einmal - zum Beispiel irgendwo liegen haben, sagen wir, ein rotes Kissen, das einen weißen Überzug hat, der so gehäkelt ist, daß es da rote Rhomben gibt, und Sie sehen nach diesen roten Rhomben zuerst hin und von da weg auf das Weiße, so sehen Sie dieselbe Gitterung auf dem Weißen grün. Sie ist natürlich nicht dort, aber Ihr Auge übt eine Nachwirkung aus, und diese erzeugt, indem Sie visieren nach dem Weiß, die grünen - wie man sagt - subjektiven Bilder. Nun, Goethe wußte diese letztere Ihnen erwähnte Erscheinung und er kannte auch dieses Phänomen der farbigen Schatten. Er sagte sich: Ich dunkle diese Lichtquelle ab, bekomme grün, und nun beschreibt er das in der folgenden Weise: Wenn ich hier die Lichtquelle abdunkle, so wird der ganze weiße Schirm mit einem roten Schein bedeckt und ich sehe dann eigentlich nicht den weißen Schirm, sondern einen roten Schein, ich sehe den Schirm rötlich. Dadurch erzeuge ich, wie bei dem Kissen, mit meinem Auge die Kontrastfarbe Grün, so daß also hier kein wirkliches Grün wäre, sondern es wird nur nebenbei gesehen, weil der Schirm rötlich gefärbt ist. Aber diese Goethesche Anschauung ist falsch. Sie können sich leicht überzeugen, daß sie falsch ist, denn wenn Sie eine kleine Röhre nehmen und durchblicken, so daß Sie, nach der Abdunklung, bloß diesen grünen Streifen ansehen, so sehen Sie ihn auch grün. Sie sehen dann nicht dasjenige, was in der Umgebung ist, sondern Sie sehen nur das objektiv an dieser Stelle vorhandene Grün. Sie können sich dadurch überzeugen, daß das Grün objektiv ist, daß hier abgedunkelt wird und daß Sie dann das Grün ansehen. Es bleibt grün, kann also nicht eine Kontrasterscheinung sein, sondern ist eine objektive Erscheinung. Wir können das jetzt nicht so machen, daß es alle einzeln sehen, aber: Durch zweier Zeugen Mund wird alle Wahrheit kund. Ich werde die Erscheinung hervorrufen und Sie müssen so durchsehen, daß Sie auf das grüne Band hinsehen. Das bleibt grün, nicht wahr? Und ebenso würde die andere Farbe, wenn ich durch Grün Rot erzeugen würde, rot bleiben. In diesem Falle hat Goethe in seine Farbenlehre den Irrtum, dem er sich hingegeben hat, aufgenommen, und der muß natürlich durchaus korrigiert werden.

Ich will zunächst nichts anderes, als daß Sie sich unter den mancherlei Erscheinungen auch bewahren das rein Faktische, das wir jetzt vor geführt haben, daß also ein Grau, das heißt ein Dunkles, das sonst als bloßer Schatten entsteht, dann, wenn wir den Schatten selbst mit Farbe gewissermaßen durchtränken, daß dann in anderer Weise Helligkeit und Dunkelheit zusammenwirken, als wenn ich den Schatten nicht durchtränkte mit einer Farbe. Und wir merken uns, daß hier durch die Abdunkelung des Lichtes mit dem Rot die objektive Erscheinung des Grün hervorgerufen wird. Nun habe ich Sie hingewiesen auf dasjenige, was da subjektiv erscheint - wie man sagt, subjektiv. Wir haben eine - wie man sagt - objektive Erscheinung, das Grün, das auf dem Schirme gewissermaßen bleibt, wenn es auch nicht fixiert ist, so lange, als wir die Bedingungen dazu hergestellt haben, und hier etwas, was gewissermaßen subjektiv, von unserem Auge allein abhängig ist. Goethe nennt die grüne Farbe, die dann erscheint, wenn ich eine Zeitlang das Auge der Farbe exponiert habe, die geforderte Farbe, das geforderte Nachbild, das durch die Gegenwirkung selbst hervorgerufen wird.

Nun, hier ist eines streng festzuhalten. Die Unterscheidung des Subjektiven und des Objektiven, zwischen der hier vorübergehend fixierten Farbe und der durch das Auge scheinbar bloß als Nachbild geforderten Farbe, diese Unterscheidung hat in keinem objektiven Tat bestand irgendeine Rechtfertigung. Ich habe es zu tun, indem ich durch mein Auge hier das Rot sehe, einfach mit all den Ihnen beschriebenen physikalischen Apparaten, Glaskörper, Linse, der Flüssigkeit zwischen der Linse und der Hornhaut. Ich habe es mit einem sehr differenzierten physikalischen Apparat zu tun. Dieser physikalische Apparat, der in der mannigfaltigsten Weise Helligkeit und Dunkelheit durcheinandermischt, der steht zu dem objektiv vorhandenen Äther in gar keiner anderen Beziehung als die Apparate, die ich hier auf gestellt habe, der Schirm, die Stange usw. Das eine Mal ist bloß die ganze Vorrichtung, die ganze Maschinerie mein Auge, und ich sehe ein objektives Phänomen durch mein Auge, genau dasselbe objektive Phänomen, das ich hier sehe, nur daß hier das Phänomen bleibt. Wenn ich aber mein Auge mir herrichte durch das Sehen so, daß es nachher in der sogenannten geforderten Farbe wirkt, so stellt sich das Auge in seinen Bedingungen wieder her in den neutralen Zustand. Aber dasjenige, wodurch ich Grün sehe, ist durchaus kein anderer Vorgang, wenn ich sogenannt subjektiv durch das Auge sehe, als wenn ich hier objektiv die Farbe fixiere. Deshalb sagte ich: Sie leben nicht so mit Ihrer Subjektivität, daß der Äther draußen Schwingungen macht und die Wirkung derselben als Farbe zum Ausdruck kommt, sondern Sie schwimmen im Äther, sind eins mit ihm, und es ist nur ein anderer Vorgang, ob Sie eins werden mit dem Äther hier durch die Apparate oder durch etwas, was sich in Ihrem Auge selber vollzieht. Es ist kein wirklicher, wesenhafter Unterschied zwischen dem durch die rote Verdunkelung räumlich erzeugten grünen Bild und dem grünen Nachbild, das eben nur zeitlich erscheint; es ist ein - objektiv besehen - greifbarer Unterschied nicht, nur der, daß das eine Mal der Vorgang räumlich, das andere Mal der Vorgang zeitlich ist. Das ist der einzige wesenhafte Unterschied. Die sinngemäße Verfolgung solcher Dinge führt Sie da hin, jenes Entgegenstellen des sogenannten Subjektiven und des Objektiven nicht in der falschen Richtung zu sehen, in der es fortwährend von der neueren Naturwissenschaft gesehen wird, sondern die Sache so zu sehen, wie sie ist, nämlich daß wir das eine Mal eine Vorrichtung haben, durch die wir Farben erzeugen, unser Auge neutral bleibt, das heißt sich neutral macht gegen das Farbenentstehen, also dasjenige, was da ist, mit sich vereinigen kann. Das andere Mal wirkt es selbst als physikalischer Apparat. Ob aber dieser physikalische Apparat hier (außen) ist oder in Ihrer Stirnhöhle drinnen ist, ist einerlei. Wir sind nicht außer den Dingen und projizieren erst die Erscheinungen in den Raum, wir sind durchaus mit unserer Wesenheit in den Dingen und sind um so mehr in den Dingen, als wir aufsteigen von gewissen physikalischen Erscheinungen zu anderen physikalischen Erscheinungen. Kein Unbefangener, der die Farbenerscheinungen durchforscht, kann anders, als sich sagen: Mit unserem gewöhnlichen körperlichen Wesen stecken wir nicht drinnen, sondern mit unserem ätherischen und da durch mit unserem astralischen Wesen." (Lit.: GA 320, S 119ff)

Ganz allgemein zum Verhältnis des Subjektiven zum Objektiven bei den Farberscheinungen ergänzt Rudolf Steiner in GA 291:

"Die Physik soll es bei dem bloßen im Raume Vorhandenen des Lichtes lassen. Das Betrachten des Farbigen kann überhaupt nicht geschehen, ohne in das Seelische heraufgehoben zu werden. Denn es ist eine bloße törichte Rederei, wenn man sagt, das Farbige sei lediglich ein Subjektives. Und wenn man namentlich dann etwa dazu übergeht zu sagen - wobei man sich vom Ich nichts Genaues vorstellt -, draußen wäre irgendeine objektive Veranlassung, und die wirke auf uns, auf unser Ich - - Unsinn ist es; das Ich selber ist in der Farbe drinnen. Es sind das Ich und auch der menschliche Astralleib gar nicht von dem Farbigen zu unterscheiden, sie leben in dem Farbigen und sind insoferne außer dem physischen Leib des Menschen, als sie mit dem Farbigen draußen verbunden sind; und das Ich und der astralische Leib, sie bilden im physischen Leibe und im Ätherleibe die Farben erst ab. Das ist es, worauf es ankommt. So daß die ganze Frage nach der Wirkung eines Objektiven des Farbigen auf ein Subjektives ein Unsinn ist; denn in der Farbe drinnen liegt schon das, was Ich, was astralischer Leib ist, und mit der Farbe herein kommt das Ich und der astralische Leib. Die Farbe ist der Träger des Ichs und des astralischen Leibs in den physischen und in den Ätherleib hinein. So daß die ganze Betrachtungsweise einfach umgekehrt und umgewendet werden muß, wenn man zu der Realität vordringen will.

Was da also hineingekrochen ist in die Physik, und was die Physik mit ihren Strichen und Linien umfängt, das muß wieder heraus. Es müßte geradezu zunächst einmal eine Periode eintreten, wo man es ver schmäht, überhaupt zu zeichnen, wenn man in der Physik von der Farbe spricht, wo man versuchen soll, die Farbe in ihrem Fluktuieren, in ihrem Leben zu erfassen." (Lit.: GA 291, S 59f)

In den Hinweisen der 2., erweiterten Auflage der GA 320 (1964) wird zunächst eher der subjektive Charakter der Erscheinung herausgestrichen:

„Die Nachprüfung dieses Versuches mit dem Rohr führte schon bald zu einem negativen Ergebnis. Dadurch veranlaßt, kam es zu zwei Experimentalabenden Rudolf Steiners zusammen mit vier bzw. drei andern Teilnehmern in Dornach im Herbst 1922. Der farbige Schatten erschien durch das Rohr oder abgewandelte Einrichtungen oft mit einer schwachen Farbnuance, aber meistens derjenigen der farbigen Beleuchtung.
Vom Schluß des zweiten Abends gibt einer der Teilnehmer, V. C. Bennie, folgende Darstellung: Nahe einer Wand hing ein Seil herab, davor brannte noch eine rote Lampe, so daß der Schatten des Seils, von der gewöhnlichen Beleuchtung des Raumes erhellt, intensiv grün erschien. Darauf machte einer der Teilnehmer aufmerksam. Rudolf Steiner betrachtete den Schatten etwa eine halbe Minute und sagte dann: Dieses Grün ist nur im ganzen Zusammenhang vorhanden. Es ist selbstverständlich «subjektiv», wie man sagt. Hier (Rot) hat man zu viel, hier (Grün) zu wenig. Das mit dem Rohr ist Unsinn. Goethe hat recht. Die Stelle wird korrigiert, darauf können Sie sich verlassen. (Mit Lächeln): Mir liegt nicht daran, Goethes Farbenlehre zu widersprechen.
Nach anderen Aussagen sprach Rudolf Steiner einmal davon, die Farbwirkung im Schatten auf chemischem Wege nachzuweisen. Nicht bekannt ist, ob diese Absicht vor oder nach den Versuchen vom Herbst 1922 bestand.
Im obigen Zusammenhang, aber auch im Vortrag, ist von «subjektiv» mit dem Zusatz «wie man sagt» die Rede. Erst in den anschließenden Ausführungen des Vortrages rückt Rudolf Steiner diese Begriffe in seinem Sinn zurecht. Vgl. das Diskussionsvotum S. 20-21 und den Schluß des Vortrages vom 8. Mai 1921 in «Über das Wesen der Farben», Stuttgart 1959 (GA 291).“ (Lit.: GA 320 (1964), S 197f)

In den Hinweisen zur 3. Auflage der GA 320 (1987) findet man dann eine andere Darstellung, die in Richtung Objektivität weist:

Mit weißem Licht erzeugter schwarzer Schattenwurf eines Gegenstandes.
Mit weißem Licht erzeugter Schattenwurf (links) eines Gegenstandes, aufgehellt durch eine zweite gelblich-weiße Lampe. Der Schatten ist, bedingt durch den schwachen Gelbstich der zweiten Lampe, ganz leicht gelbrötlich verfärbt und liegt durchschnittlich bei RGB (104,87,67). Auch der weiße Untergrund erscheint durch die zweite Lampe gelbstichig.
Mit rotem Licht erzeugter unfarbig-schwarzer Schattenwurf eines Gegenstandes.
Mit grünem Licht erzeugter Schatten, der ebenfalls unfarbig-schwarz erscheint.
Mit blauem Licht erzeugter tiefschwarzer Schatten.

"Dieser Versuch wurde von V. C. Bennie, damals Dozent für Physik am Kings College der Universität London, wiederholt angestellt, nachdem er 1921 die Nachschrift des Kurses durch Rudolf Steiner erhalten hatte. Immer mit negativem Ergebnis. Dadurch veranlaßt, kam es zu zwei Experimentalabenden in Dornach Ende September 1922. Rudolf Steiner hatte gewünscht dabeizusein. Die anderen Mitwirkenden waren Dr. Ernst Blümel, Mathematiker, V. C. Bennie und Dr. Oskar Schmiedel, Pharmazeut und Leiter von Kursen über Goethes Farbenlehre. Am ersten Abend war auch Dr. W. J. Stein beteiligt. Die beiden Abende führten zu keiner Bestätigung des Experimentes mit dem Rohr. Im übrigen wird das Ergebnis von den Teilnehmern verschieden überliefert. Worauf es hier aber ankommt, scheint an den beiden Abenden gar nicht zur Sprache gekommen zu sein, nämlich die durch Dr. Blümel überlieferte Absicht Rudolf Steiners, die Objektivität der Farbe im Schatten auf fotografischem oder chemischem Wege im Stuttgarter Forschungsinstitut nachzuweisen. Von solchen Versuchen des damaligen Forschungsinstituts ist aber nichts bekannt, sicher nicht von positiven Ergebnissen. Später, als die erste Auflage des Kurses in der Gesamtausgabe erscheinen sollte, lagen fotografische Versuche mit negativem Ergebnis vor: Trotz des Fortschrittes der Farbfotografie seit der Zeit Rudolf Steiners war in den Aufnahmen des farbigen Schattens die Farbe nicht fixiert. Das Gesamtbild zeigte zwar den Schatten in der geforderten Farbe, aber ausgeschnitten erschien er grau. Das ist heute anders. Es ergeben sich fixierte Farben, sogar ohne besondere Veranstaltungen. - Ausgangspunkt neuer Versuche war eine Aufnahme, welche der Berufsfotograf und Erarbeiter von Goethes Farbenlehre, Hans-Georg Hetzel, von einem Experiment des farbigen Schattens im Goethe-Farbstudio, Dornach, machen konnte. Sie zeigte außer der gewohnten Dreiheit von fordernder Farbe, farbigem Schatten und aufgehellter Farbe des Umfeldes, im Vordergrund noch eine kleine technische Grauskala. Diese erschienen trotz der intensiven Farbe des Schattens grau, auf derselben Aufnahme! Heute liegen von Hans-Georg Hetzel reproduzierbare Serienaufnahmen verschiedenfarbiger Schatten vor, jede Serie auf denselben Film aufgenommen und zur Kontrolle ergänzt durch dazwischengeschaltete Aufnahmen eines grauen Schattens. Es handelt sich um Dia-Filme. Jeder Film ist gewerbsmäßig in einem Automaten entwickelt als einer unter vielen Kundenaufträgen. Damit sind die verschiedenen Farben einer Serie in ein und demselben Entwicklungsprozeß hervorgebracht. Auch die Aufnahmen sind ganz undifferenziert erfolgt, alle mit derselben Farbfolie vor dem Objektiv, der Folie, welche der Farbtemperaturmesser für die Aufnahme von Grau angezeigt hat. Dadurch wird erreicht, daß Grau wirklich grau wird. Ist diese Bedingung nicht erfüllt, fällt dennoch eine Entscheidung: Entweder es erscheinen alle farbigen Schatten gleich wie Grau, dann könnten die Farben der Schatten subjektiv sein; oder die Schatten erscheinen anders als das Grau, dann liegt in ihrem Räume eine besondere Wirksamkeit vor. Daß letzteres zutrifft, zeigt schon die Polaroidkamera mit ihrem besonderen Farbprozeß. Sie macht die farbigen Schatten stark grünstichig, nicht gleich wie den grauen. Es kann keine Rede davon sein, daß die farbigen Schatten gleich wie die grauen herauskommen. Ginge es nur um subjektiv oder objektiv, könnte es dabei sein Bewenden haben. Will man aber möglichst nahe an die wahren Farben der Schatten herankommen, ist natürlich notwendig, daß Grau grau wird. Beschreiben wir die bis jetzt beste der gewonnenen Serien: Grau ist ein schönes Mausgrau. Der blaue Schatten erscheint grau mit höchstens einem Hauch von Blau. Die anderen Schatten sind entschiedener farbig, alle braunstichig, gegen welche Farbe die geforderte sich nur in einer Nuance ankündigt. Auch Grün kommt entschieden anders als Grau heraus, aber in einem schwer zu beurteilenden Farbton, der meistens als bräunlich bezeichnet wird. Die im automatischen Verfahren vergrößert auf Papier kopierte Serie zeigt Blau und Grau gleich, und im übrigen dominiert der Braunton so, daß die anderen Nuancen untergehen. - Es ist schon angedeutet, daß die Sorte des Films eine große Rolle spielt. Interessanterweise ist aber auch die Art der Beleuchtung von Bedeutung. Diffuses Licht (z.B. Bühnenlampen) gibt bessere Farben als streng fokussiertes Licht. - Einzelaufnahmen von farbigen Schatten sind mit sehr schöner, fixierter Farbe erhalten worden. Sie werden aber schön durch besondere Behandlung der einzelnen Aufnahme. Damit kommt ihnen nicht dieselbe Beweiskraft zu. Beweiskräftig ist allerdings jede Aufnahme, welche nur aus Maßnahmen hervorgeht, die routinemäßig auch für die Aufnahme gewöhnlicher Farben getroffen werden, zeigt sie doch, daß der fotografische Prozeß, der ja für gewöhnliche Farben entwickelt worden ist, auch auf die farbigen Schatten reagiert. Mehr soll hier nicht behauptet werden. Zum Ganzen des farbigen Schattens vgl. man G. Ott und H. O. Proskauer, «Das Rätsel des farbigen Schattens», Basel 1979. - Eine Serie der oben erwähnten Aufnahmen befindet sich im Archiv der Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung, Dornach. Näheres über die Versuche ist ausgeführt in den «Beiträgen zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe», Heft Nr. 97, Michaeli 1987." (Lit.: GA 320 (1987), S 197f)

Proskauer ist von der Objektivität des farbigen Schattens überzeugt und schreibt dazu:

"Kehren wir aber noch einmal zu einem einfachen Schatten zurück, der nur durch ein Licht im dunklen Raum entsteht, wenn ein undurchsichtiger Körper zwischen der Lichtquelle und dem Auffangkörper steht. Was als dunkler Schatten zwischen den Helligkeiten hier erscheint, ist Ausdruck der Polarität. Nun färbe man dieses eine Licht durch Vorsetzen der Farbscheibe: Man sieht: einen schwarzen Schatten zwischen der gefärbten Helligkeit zu seinen Seiten. Dieser schwarze Schatten ist gewissermaßen die Forderung des Lichtes (nicht des Auges!) als bloßer Helligkeit: es muß die Polarität: Dunkelheit auftreten. - Indem er auch im gefärbten Licht schwarz bleibt, steht er noch auf der untersten (1.) Stufe.

Nun lasse man langsam das zweite, ungefärbte Licht auf diesen schwarzen Schatten leuchten, indem man es durch einen Widerstand oder durch eine Blende ganz allmählich verstärkt. Was geschieht nun mit unserem Schatten? Wir sahen oben schon: Er wird, als Gegenschlag zum Licht, das ihn erzeugt, durch das 2. Licht an das 1. gebunden: Wird das erzeugende Licht schwächer, so wird der Schatten heller und umgekehrt. Je mehr die Farbscheibe jetzt das Licht verdunkelt, desto heller will auch der Schatten werden.

Man lösche nun das 2. Licht nochmals aus: Dann steht wieder ein schwarzer Schatten (die 1. Stufe) innerhalb einer farbigen Umgebung. (2. Stufe). Bringt man nun, wie vorher, das 2. Licht, es allmählich verstärkend, hinzu, - was geschieht? Das Auge sieht an der Stelle unseres farbigen Schattens eine schöne, erstaunlich intensive Farbe entstehen. Mit den «Augen des Geistes», der Vernunft, «sieht» man aber noch immer ihre Schattenunterlage. Hier wird die Finsternis zur Farbe! Nicht um ein gefärbtes Licht handelt es sich hier, sondern die Finsternis im Schattenraum ist in der Farbe, die hier allmählich erscheint, gewissermaßen integriert, ist ihre «Leiblichkeit». - Deshalb verschwindet diese zarte Farbe auch sofort, wenn man mit diesem Schatten Versuche anstellt, die entweder auf seine Finsternisqualität nicht gebührend Rücksicht nehmen oder seine Bindung an das ihn erzeugende Licht zerstören.

Die Farbe des farbigen Schattens, als «Gegenschlag», als «Forderung» zum gefärbten Licht, ist somit auf viel subtilere, kompliziertere Weise zustande gekommen, als die des gefärbten Schattens. Durch die dargestellten Beziehungen zwischen den beiden Lichtern und Schatten ergibt sich, daß der farbige Schatten die Erfüllung der aForderung», (3. Stufe) nicht des Auges, sondern eines gefärbten Lichtes darstellt! Das, was sich bei den Nachbildern jederzeit im Auge abspielt, spielt sich bei der Verumständung einer doppelten Beleuchtung und einer Beschattung außerhalb des Auges ab als Ausdruck einer umfassenden, von der Totalität ausgehenden «Forderung». Deshalb kann Rudolf Steiner (in seinem 1. Naturwissenschaftlichen Kurs, im 7. Vortrag) bei Besprechung dieses Phänomens sagen: «Ob aber dieser physikalische Apparat (beim farbigen Schatten d.V.) hier (außen) ist oder in Ihrer Stirnhöhle drinnen ist, ist einerlei. »Und vorher hieß es vom Nachbild« das eben nur zeitlich erscheint; es ist ein - objektiv besehen - greifbarer Unterschied nicht, nur der, daß das eine Mal der Vorgang räumlich, (beim farbigen Schatten, d.V.) das andere Mal der Vorgang zeitlich ist. Das ist der einzige wesenhafte Unterschied.»" (Lit.: Ott/Proskauer, S 108f)

Der experimentelle Befund

RGB-Farbwürfel

Für die Objektivität der Erscheinung des farbigen Schattens spricht, dass sie sofort sehr intensiv und beinahe gegenständlich kompakt auftritt, wenn die zweite Lichtquelle dazukommt, während Nachbilder viel flüchtiger erscheinen und in der Regel erst dann deutlich hervortreten, wenn das Auge für einige Zeit auf der Erscheinung ruht. Goethe irrt, wie man sich leicht durch eigene Beobachtung überzeugen kann, wenn er schreibt:

"Hier ist der Ort zu bemerken, daß es wahrscheinlich eines Zeitmomentes bedarf, um die geforderte Farbe hervorzubringen. Die Retina muß von der fordernden Farbe erst recht affiziert sein, ehe die geforderte lebhaft bemerklich wird." (Lit.: Goethe, Zur Farbenlehre, §77)

Sehr treffend argumentiert Gehard Ott gegen den bloßen Nachbildeffekt. Er weist darauf hin, dass, wenn die beiden Lichtquellen sehr hell sind, der farbige Schatten so intensiv hervortritt, dass er selbst ein Nachbild in seiner Gegenfarbe hervorrufen kann. Dann kann aber der farbige Schatten nicht selbst schon ein Nachbild sein:

"Nun gibt es aber ein ganz einfaches Experiment, das Goethes Ansicht wirklich widerlegt und das zudem geeignet ist, auf die Natur der farbigen Schatten zweiter Art ein ganz eigentümliches Licht zu werfen. Es ist dieses Experiment aber nur dann wirksam zu erzielen, wenn die farbigen Schatten selbst mit einer genügenden Deutlichkeit durch zwei Lichtquellen hervorgerufen werden. Man kann dann nämlich den ganzen Farbigen-Schatten-Versuch eine Zeitlang deutlich mit dem Auge fixieren, also etwa die schwach purpurrot beleuchtete Schirmfläche mit den zwei in gleicher Stärke hervortretenden farbigen Halbschatten Purpurrot und Grün. Nimmt man dann gleichzeitig den schattenwerfenden Gegenstand weg, sowie die die eine Lichtquelle färbende Folie oder Glasplatte und dämpft beide Lichtquellen zugleich ab, so erscheint auf der nun mäßig erhellten weißen Fläche ein eindeutiges Nachbild des ganzen Vorganges in den geforderten Kontrastfarben, das heißt grünlich beleuchtete Schirmfläche und deutliche - aber jetzt umgekehrte! - Grün-und-Purpurrot-Farbstreifen an der Stelle der früheren Doppelschatten! Und diese Erscheinung hat alles Charakteristische eines echten farbigen Nachbildes.

Damit ist aber eindeutig die Möglichkeit ausgeschlossen, daß der farbige Schatten zweiter Art selbst schon ein Nachbild sei, denn wann hätte je ein Nachbild von sich abermals ein Nachbild erzeugt! Besteht doch das Wesen des Nachbildes gerade darin, daß sich das Auge von einer Farberregung als Organ wiederherzustellen versucht! Dann wäre es aber doch sinnlos, wenn es sich von einer solchen Wiederherstellung zu einer abermaligen Wiederherstellung hiervon bereit fände. Das Auge kann zwar ein Nachbild sich «von außen vergegenwärtigen», es kann aber niemals sich veranlaßt sehen, von einem «nach außen hin vergegenständlichten» inneren Prozeß zur Schaffung eines zweiten, abermals umgekehrten Nachbildes zu kommen. Ein Nachbild verklingt in eine neutrale Farblosigkeit und kündigt damit den Augenblick an, wo das Sinnesorgan Auge wieder die von ihm geforderte Neutralität gegenüber der Farbenwelt zurückgewonnen hat.

Die farbigen Schatten (der zweiten Art) sind also keine physiologisch vom Auge her bedingten Erscheinungen. Sie sind vielmehr so «gegenständlicher Art», daß sie auf das Auge in derselben Weise erregend einwirken, wie ein entsprechender farbloser Gegenstand in grüner Beleuchtung oder gar ein grüngefärbter Gegenstand selbst. Denn sie bringen ein Nachbild im Auge hervor, wie es sonst nur farbigen Gegenständen eigen ist." (Lit.: Ott/Proskauer, S 16)

Erste Versuchsserie

Die obenstehenden Digitalfotos[1], die auch eine objektive Einschätzung der Farbqualität der farbigen Schatten unabhängig von der subjektiven Wahrnehmung ermöglichen, sprechen ebenfalls dafür, dass es sich beim farbigen Schatten um ein objektives Phänomen handelt. Für die Aufnahme der Fotos wurde als erste Lichtquelle eine helle weiße Lampe gewählt, deren Licht mit entsprechenden Farbfolien eingefärbt wurde. Die zweite Lichtquelle, die den Schattenwurf der ersten Lampe aufhellt und dabei den farbigen Schatten hervorruft, hatte eine schwach gelbliche Färbung, wodurch die farbigen Schatten ganz leicht in den gelbroten Bereich verschoben erscheinen.

schwarze bzw. graue Schatten mit nur einer Lichtquelle

Der schwarze Schatten, der von einer weißen Lichtquelle geworfen wird ist mit RGB (18,18,18) tatsächlich nach dem RGB-Modell völlig farbneutral und entspricht einem sehr dunklen Grau. Wird dieser Schatten durch die zweite, gelbstichige Lichtquelle aufgehellt, nimmt er eine leicht gelbrötliche Färbung an und liegt dann durchschnittlich bei RGB (104,87,67).

Der schwarz erscheinende Schatten, der von einer einzelnen roten Lichtquelle erzeugt wird, ist mit RGB (12,2,1) ganz leicht ins Rötliche verschoben. Der Schatten der einzelnen grünen Lampe ist mit RGB (3,5,2) nur ganz minimal grün tingiert und der Schatten der blauen Lampe ist mit RGB (2,2,2) tiefschwarz.

Farbige Schatten mit zwei Lichtquellen

Der rötliche Schatten im Bild ganz oben rechts zeigt im RGB-Farbraum mit den RGB-Komponenten (181,137,136) einen signifikant höheren Rot-Anteil. Nicht so eindeutig ist das Ergebnis allerdings für den grünen Schatten im dritten Bild von oben mit einem durchschnittlichen RGB-Wert (146,120,93), was insgesamt einem mehr hellbräunlichem Farbton entspricht. Für den orange gefärbten Schatten ist das Ergebnis mit RGB (208,124,62) wieder sehr eindeutig. Der violette Schatten liegt bei etwa RGB (107,81,80), entsprechend einem bräunlich-violettem Farbton.

Die Ergebnisse und ihre Interpretation

Die durch eine grüne bzw. blaue Beleuchtung hervorgerufenen rötlichen bzw. orangefarbenen Schatten sind eindeutig und objektiv in Richtung der Gegenfarbe gefärbt. Die mit roter bzw. gelber Folie erzeugten Schatten unterscheiden sich hingegen nicht signifikant von der ursprünglichen aufgehellten Schattenfarbe. Zumindest unter den gegebenen Versuchsbedingungen scheinen sich die aktiven Farben leichter gegen den schattigen Hintergrund, mit dem sie sich vermischen ("integrieren", wie Proskauer sagt), durchzusetzen. Farbe entsteht, wenn sich das Licht mit Finsternis durchdringt. Die Farbe selbst ist, wie Goethe richtig erkannt hat, ein Schattiges und verbindet sich leicht mit allem Schattenhaften. Das erkennt man in den Fotos oben auch sehr gut an den rechts weisenden, durch die farbige Lichtquelle gefärbten Schatten, die die Farbe wesentlich stärker annehmen als der umliegende weiße Untergrund:

"Es tritt hier eine wichtige Betrachtung ein, auf die wir noch öfters zurückkommen werden. Die Farbe selbst ist ein Schattiges (grch.) deswegen Kircher vollkommen recht hat, sie Lumen opacatum zu nennen; und wie sie mit dem Schatten verwandt ist, so verbindet sie sich auch gern mit ihm, sie erscheint uns gern in ihm und durch ihn, sobald der Anlaß nur gegeben ist; und so müssen wir bei Gelegenheit der farbigen Schatten zugleich eines Phänomens erwähnen, dessen Ableitung und Entwickelung erst später vorgenommen werden kann." (Lit.: Goethe, Zur Farbenlehre, §69)

Subjektiv in der Wahrnehmung treten die farbigen Schatten noch deutlicher hervor, als es durch die objektiv gemessenen Daten gerechtfertigt erscheint. Das deutet darauf hin, dass zu der relativ zarten objektiven Erscheinung zusätzlich ein subjektiver, durch die Funktion des Auges mitbedingter Nachbildeffekt hinzutritt.

Die Versuchsergebnisse zeigen einerseits, dass - zumindest bei den aktiven roten und gelben Schattenfarben - der farbige Schatten objektiv und unabhängig von der menschlichen Wahrnehmung zustande kommt, dass aber anderseits ein subjektiver Nachbildeffekt hinzutritt, wenn wir unser Auge auf das Phänomen richten.

Zweite Versuchsserie

Referenzversuche mit einer anderen Digitalkamera[2] unter leicht veränderten Bedingungen bestätigen diese Ergebnisse. Als zweite Lichtquelle diente nun das ins Zimmer hereinfallende diffuse Tageslicht, das den Schatten eine schwach blaugrünliche Tönung gibt:

Literatur

  1. Johann Wolfgang Goethe: Von den farbigen Schatten (1792)
  2. Johann Wolfgang Goethe: Zur Farbenlehre (1810)
  3. Gerhard Ott, Heinrich O. Proskauer: Das Rätsel des farbigen Schattens, Zbinden Verlag, Basel 1979
  4. Rudolf Steiner: Geisteswissenschaftliche Impulse zur Entwickelung der Physik, I, 2., erweiterte Auflage, GA 320 (1964)
  5. Rudolf Steiner: Geisteswissenschaftliche Impulse zur Entwickelung der Physik, I, 3. Auflage, GA 320 (1987)
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Einzelanchweise

  1. Fuji FinePix S 5500
  2. Nikon CoolPix L5