Ur- und Frühgeschichte

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Die Wortverbindungen Ur- und Frühgeschichte, Vor- und Frühgeschichte sowie Prähistorische Archäologie werden häufig synonym verwendet und bezeichnen eine archäologische Disziplin, die Urgeschichte und Frühgeschichte gleichermaßen umfasst und sich als ein Zweig der Geschichtswissenschaft versteht, der sich der Kultur­entwicklung des Menschen von ihren Anfängen an widmet.

Urgeschichte oder Vorgeschichte

Die Vorgeschichte oder Prähistorik bzw. Prähistorie ist die Vor-, Ur- und Kulturgeschichte der Zeit, aus der schriftliche Aufzeichnungen noch nicht bekannt sind.[1] Die Urgeschichte reicht vom Auftreten der ersten Steinwerkzeuge vor etwa 2,6 Millionen Jahren bis zu der Zeit, aus der erste regionale Schriftzeugnisse vorliegen. Die akademischen Forschungsstätten benutzen die Begriffe Urgeschichte und Vorgeschichte gleichrangig, an den Universitäten wird das Fach als Prähistorische Archäologie, Ur- und Frühgeschichte oder Vor- und Frühgeschichte bezeichnet. Wie auch die Liste der Seminare und Institute zeigt, überwiegt dabei der Begriff Urgeschichte den Begriff Vorgeschichte im Verhältnis von etwa 2 : 1. Mit der Verwendung des Begriffs Urgeschichte wird betont, dass der untersuchte Zeitraum als Teil der Geschichte gesehen wird.[2] Demgegenüber wird im Begriff Vorgeschichte die ungeschriebene der geschriebenen „Geschichte“ gegenübergestellt.

Frühgeschichte

Die Frühgeschichte schließt an die Urgeschichte an und umfasste jenen Zeitraum, der mit dem Auftreten erster schriftlicher Zeugnisse beginnt und mit der eigentlichen Geschichtsschreibung im engeren Sinn endet. Da die Schrift in verschiedenen Regionen zu sehr unterschiedlichen Zeiten erstmals in Erscheinung tritt, lässt sich der Beginn der Frühgeschichte nur regional bestimmen. Teils handelt es sich dabei um indirekte Schriftzeugnisse aus anderen Kulturen.

Erforschter Zeitrahmen

Der älteste Abschnitt der Urgeschichte, die Altsteinzeit (Paläolithikum), wird in Altpaläolithikum, Mittelpaläolithikum und Jungpaläolithikum untergliedert.

In Europa schließt sich an das Jungpaläolithikum nach der kurzen Übergangsphase der Mittelsteinzeit (Mesolithikum) die Jungsteinzeit (Neolithikum) an. Es folgen regional begrenzt die Kupfer- und durchgehend die Bronzezeit, dann die vorrömische Eisenzeit (in Mitteleuropa: Hallstatt- und Latènezeit). Mit dem Einsetzen der ersten Schriftzeugnisse in Mitteleuropa im 1. Jahrtausend v. Chr. (im Orient ab dem 3. Jahrtausend v. Chr.), die ergänzend zu den archäologischen Quellen herangezogen werden, beginnt die Mitteleuropäische Frühgeschichte, die in Römische Kaiserzeit, Völkerwanderungszeit und frühes Mittelalter (Merowinger- und Karolingerzeit) untergliedert wird. Die Nordeuropäische Frühgeschichte unterteilt ihr Frühmittelalter in die Vendelzeit und die Wikingerzeit. Die nachfolgenden europäischen Zeitabschnitte deckt die Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit ab.

Gegenstand der Forschung

Gegenstand der Erforschung sind im Gegensatz zu den anderen historischen Disziplinen gegenständliche Quellen (Keramik, Metalle, Holz, Knochen, Glas, Steinartefakte usw.) in ihrem jeweiligen Zusammenhang (Kontext), wie z. B. Bodendenkmale wie Siedlungen, Grabhügel, Burg­anlagen. Diese werden durch Ausgrabungen, Prospektionen und Zufallsfunde entdeckt, zugänglich gemacht und mit Hilfe formenkundlich-typologischer, historischer und sozialgeschichtlicher sowie naturwissenschaftlicher (Dendrochronologie, 14C-Datierung und andere), statistischer sowie Geoinformationssystem-gestützter Analysemethoden untersucht.

Erkenntnispotenzial

Ihr besonderes Erkenntnispotenzial im Konzert der historischen und kulturwissenschaftlichen Disziplinen liegt in zwei Eigenheiten:

  1. Die enorm große untersuchte Zeitspanne: von den Anfängen der Menschheitsgeschichte bis in die Neuzeit. Dies ermöglicht in besonderer Weise Epochen übergreifende Vergleiche und die parallele Beobachtung langfristiger Trends und kurzfristiger Ereignisse (Was ist das Allgemeine, was ist das Besondere?).
  2. Diese Zeittiefe und die Weite der betreuten Räume ermöglichen die Beobachtungen ungemein vieler und sehr unterschiedlicher menschlicher Kulturen.

Abgrenzung zu den anderen archäologischen Fächern

Die Ur- und Frühgeschichte unterscheidet sich von den archäologischen Fächern wie

Einen Grenzfall stellt die Mittelalterarchäologie bzw. Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit dar, die stellenweise als eigenständige Disziplin existiert, stellenweise von Vertretern der Ur- und Frühgeschichte mitbehandelt wird. Als Frühgeschichte bezieht sie zu den archäologischen Methoden in wesentlich stärkerem Maße die Parallelüberlieferung schriftlicher und bildlicher Quellen mit ein.

Auch in der Keltologie, der Sinologie, der Kriminalistik und der Altamerikanistik werden zum Teil archäologische Methoden angewendet.

Berufsbild

Nach einem abgeschlossenen Studium der Ur- und Frühgeschichte bilden vor allem die archäologische Denkmalpflege an den Landesdenkmalämtern sowie Museen, Universitäten und private Grabungsfirmen Tätigkeitsfelder. Daneben werden Archäologen auch als Fachjournalisten, bei Verlagen und in verschiedenen Bereichen im Kultursektor beschäftigt.[3]

Siehe auch

Portal
 Wikipedia:Portal: Ur- und Frühgeschichte – Übersicht zu Wikipedia-Inhalten zum Thema Ur- und Frühgeschichte

Literatur

Zur Einführung

  • Reinhard Bernbeck: Theorien in der Archäologie. Francke, Tübingen/ Basel 1997, ISBN 3-7720-2254-5. (UTB für Wissenschaft, Band 1964, ISBN 3-8252-1964-X)
  • Hans Jürgen Eggers: Einführung in die Vorgeschichte. 4. Auflage. scrîpvaz-Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-931278-08-5.
  • Manfred K. H. Eggert: Prähistorische Archäologie. Konzepte und Methoden. Francke, Tübingen/ Basel 2000, ISBN 3-7720-2274-X. (UTB für Wissenschaft, Band 2092, ISBN 3-8252-2092-3)
  • Manfred K. H. Eggert, Stefanie Samida: Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie. Francke, Tübingen/ Basel 2009, ISBN 978-3-7720-8309-9.[4] (UTB Basics, Band 3254, ISBN 978-3-8252-3254-2)
  • Uta von Freeden, Siegmar von Schnurbein (Hrsg.): Spuren der Jahrtausende. Archäologie und Geschichte in Deutschland. Stuttgart 2002, ISBN 3-8062-1337-2. (zusammen mit dem nächsten Titel: Begleitbücher zur „Leistungsschau der Landesarchäologen“).
  • Wilfried Menghin, Dieter Planck (Hrsg.): Menschen, Zeiten, Räume. Archäologie in Deutschland. Stuttgart 2002, ISBN 3-88609-467-7.
  • Hermann Parzinger: Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift. 5., durchgesehene Aufl. C. H. Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-66657-5.
  • Hermann Parzinger: Vor- und Frühgeschichte. In: Hans-Joachim Gehrke (Hrsg.): Die Welt vor 600. Frühe Zivilisationen (Geschichte der Welt, Band 1). C. H. Beck, München 2017, ISBN 978-3406641015, S. 42–262.
  • Colin Renfrew, Paul Bahn: Archaeology – Theories, Methods and Practice. 5. Auflage. Thames & Hudson, London 2008, ISBN 978-0-500-28719-4.
  • Siegmar von Schnurbein (Hrsg.): Atlas der Vorgeschichte. Europa von den ersten Menschen bis Christi Geburt. Theiss, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-8062-2105-3.

Zum ideologischen Missbrauch der Ur- und Frühgeschichte

  • Focke-Museum (Hrsg.), unter Mitarbeit von Sandra Geringer, Frauke von der Haar, Uta Halle, Dirk Mahsarski und Karin Walter: Graben für Germanien: Archäologie unterm Hakenkreuz. Konrad Theiss-Verlag, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-8062-2673-7. (Begleitpublikation zur gleichnamigen Ausstellung im Focke-Museum Bremen vom 10. März bis 8. September 2013)
  • Heiko Steuer: Eine hervorragend nationale Wissenschaft: Deutsche Prähistoriker zwischen 1900 und 1995. de Gruyter, Berlin/ New York 2001, ISBN 3-11-017184-8.
  • Ingo Wiwjorra: Der Germanenmythos. Konstruktion einer Weltanschauung in der Altertumsforschung des 19. Jahrhunderts. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2006, ISBN 3-534-19016-5. (Inhaltsverzeichnis; PDF; 94 kB)
  • Ingo Wiwjorra: Der völkische Germanenmythos als Konsequenz deutscher Altertumsforschung des 19. Jahrhunderts. In: Heidi Hein-Kircher, Hans Henning Hahn (Hrsg.): Politische Mythen im 19. und 20. Jahrhundert in Mittel- und Osteuropa. (Tagungen zur Ostmitteleuropa-Forschung 24). Herder-Institut, Marburg 2006, ISBN 3-87969-331-5, S. 157–166. (Überarbeitete Fassung auf Archäologie online unter dem Titel Der völkische Germanenmythos. Eine Konsequenz deutscher Altertumsforschung des 19. Jahrhunderts. zuletzt aufgerufen am 11. August 2013)

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Heinz Otremba: Rudolf Virchow. Begründer der Zellularpathologie. Eine Dokumentation. Echter-Verlag, Würzburg 1991, S. 43.
  2. Zur Begriffsgeschichte: Jürgen Hoika: Archäologie, Vorgeschichte, Urgeschichte, Frühgeschichte, Geschichte: Ein Beitrag zu Begriffsgeschichte und Zeitgeist. In: Archäologische Informationen. 21, 1998, S. 51–86. Deutsche Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte: Urgeschichte, Vorgeschichte und andere Archäologien. Eine Begriffsklärung. Website der DGUF 2011.
  3. Stefanie Samida, Manfred K. H Eggert: Archäologie als Beruf: Eine Befragung unter Mitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte. Archäologische Informationen 30/2, 2007 (2009), S. 39–52. (PDF; 725 kB)
  4. Rezension von Thomas Stöllner


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