Grüne Schlange

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Die grüne Schlange ist eine Gestalt aus Goethes Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie und repräsentiert die tief unbewussten Seelekraft, die in den Lehren des Tantra und in der Theosophie als Kundalini, die Heilige Schlangenkraft, bezeichnet wird. In Rudolf Steiners Mysteriendrama "Die Pforte der Einweihung" steht die andre Maria für die grüne Schlange.

Was in den beiden Irrlichtern aus Goethes Märchen an abstrakter Verstandeserkenntnis lebt, wird von der grünen Schlange zum lebendigen Weisheitslicht verwandelt, das die geistige Welt zu erleuchten vermag.

"Was in den Irrlichtern lebt, wird, wenn es in anderer Weise verarbeitet wird, in der menschlichen Seele äußerst fruchtbar werden. Wenn der Mensch sich bestrebt, das, was er in Begriffen, Ideen und idealen Gebilden erleben kann, nicht für sich als ein Abstraktes hinzustellen, sondern es so zu betrachten, daß es ihm Führer und Dolmetscher wird für das, was an Realitäten um ihn herum ist, so daß er sich ebensogern und hingebungsvoll an die Beobachtungen hält wie an die Abstraktheit der Begriffe, dann ist er mit dieser Seelenkraft in dem gleichen Falle wie die grüne Schlange. Dann kann er aus dem bloß Abstrakten, aus den bloßen Begriffen Licht und Weisheit gestalten. Dann führt sie ihn nicht dazu, daß er zur vertikalen Linie wird, die alle Verbindung und Beziehung zur Fläche verliert. Die Irrlichter sind die Verwandten der Schlange, sie sind aber von der vertikalen Linie. Die Goldstücke fallen zwischen die Felsen hinein, die Schlange nimmt sie auf und wird dadurch innerlich leuchtend. Die Weisheit nimmt der auf, der mit diesen Begriffen an die Dinge selbst herangeht.

Goethe gibt uns auch ein Beispiel, wie man an den Begriffen arbeiten soll. Goethe hat den Begriff der Urpflanze. Was ist er zunächst? Ein abstrakter Begriff. Würde er ihn abstrakt ausbilden, so würde er ein leeres Gebilde werden, das alles Lebendige tötet, wie das hingeworfene Gold der Irrlichter den Mops tötet. Denken Sie sich aber, was Goethe mit dem Begriffe der Urpflanze tut. Verfolgen wir ihn auf seiner italienischen Reise, dann sehen wir, wie dieser Begriff nur das Leitmotiv ist, um von Pflanze zu Pflanze, von Wesen zu Wesen zu gehen. Er nimmt den Begriff, geht von ihm aus zur Pflanze über und sieht, wie sie sich in dieser oder jener Form ausgestaltet, wie sie ganz andere Formen annimmt in niederer oder höherer Gegend und so weiter. Nun verfolgt er von Stufe zu Stufe, wie die geistige Realität oder Gestalt in jede sinnliche Gestalt hineinkriecht. Er selbst kriecht da herum wie die Schlange in den Klüften der Erde. So ist für Goethe die Begriffswelt nichts anderes als das, was sich in die objektive Wirklichkeit hineinspinnen läßt. Die Schlange ist ihm der Repräsentant der Seelenkraft, die nicht in egoistischer Weise hinaufstrebt zu den höheren Gebieten des Daseins und sich über alles zu erheben versucht, sondern die geduldig den Begriff durch die Beobachtung fortwährend bewahrheiten läßt, die geduldig von Erfahrung zu Erfahrung, von Erlebnis zu Erlebnis geht.

Wenn der Mensch nicht bloß theoretisiert, nicht bloß in den Begriffen lebt, sondern sie auf das Leben, auf die Erfahrung anwendet, dann ist er mit dieser Seelenkraft in der Lage der Schlange. Das ist in ganz umfassendem Sinne richtig. Wer die Philosophie nicht wie eine Theorie aufnimmt, sondern als das, was sie sein soll, wer die geisteswissenschaftlichen Begriffe als Aufgaben für das Leben betrachtet, der weiß, daß gerade Begriffe, und seien sie auch die höchsten, so verwendet werden sollen, daß sie in das Leben einfließen und an den täglichen Erlebnissen sich bewahrheiten können. Für den, der ein paar Begriffe gelernt hat, sie aber nicht ins Leben übertragen kann, liegt ein ähnliches Verhältnis vor wie für den, der ein Kochbuch auswendig gelernt hat, aber doch nicht kochen kann. So wie das Gold ein Mittel ist, die Dinge zu beleuchten, so beleuchtet Goethe durch seine Begriffe die Dinge, welche um ihn herum sind." (Lit.: GA 057, S. 70ff)

"Das Gold kommt zur Schlange. Das ist das Gold wirklicher Weisheit. Die Schlange ist immer das Symbol gewesen für das Selbst, das nicht in sich bleibt, sondern in Selbstlosigkeit das Göttliche in sich aufnehmen kann, sich hinopfern kann; das demütig, selbstlos Erdenweisheit sammelt, indem es in den «Klüften der Erde» umherkriecht, das hinaufsteigt zum Göttlichen, indem es nicht den Egoismus und die Eitelkeit entfaltet, sondern indem es sich selbst dem Göttlichen ähnlich zu machen sucht. Die Schlange in ihrem selbstlosen Streben nimmt das Gold der Weisheit auf, sie durchdringt sich ganz mit dem Gold und dadurch wird sie leuchtend von innen heraus. Sie wird leuchtend, wie das Selbst es wird, wenn es zu der Stufe der Inspiration sich emporgearbeitet hat, wo der Mensch innerlich leuchtend, lichtvoll geworden ist und Licht dem Licht entgegenströmt. Die Schlange bemerkt, daß sie durchsichtig und leuchtend geworden war. Lange schon hatte man ihr versichert, daß diese Erscheinung möglich sei. War sie vorher grün, so ist sie jetzt leuchtend. Die Schlange ist grün, weil sie in Sympathie ist mit den Wesen ringsumher, mit der ganzen Natur. Wo diese Sympathie lebt, da erscheint die Aura in hellgrüner Farbenschattierung. Grün ist die Farbe, in der die Aura des Menschen erscheint, wenn vorwiegend selbstloses, hingebungsvolles Streben in der Seele lebt. Jetzt, wo sie selbst von innen heraus leuchtend geworden ist, sieht die Schlange, vorher tastete sie nur in ihrem strebenden Bemühen. Alle Blätter scheinen von Smaragd, alle Blumen auf das herrlichste verklärt. Sie sieht alle Dinge in neuem, verklärtem Licht. So leuchtend smaragdfarbig erscheinen uns die Dinge, wenn uns der Geist aus ihnen entgegenströmt, wenn Licht dem Licht entgegenströmt.

Jetzt, wo sie leuchtend geworden ist, wo sie die höhere göttliche Natur in sich aufgenommen hat, findet sie auch den Weg zu dem unterirdischen Tempel." (Lit.: GA 053, S. 342f)

Literatur

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