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Gretchenfrage
Als Gretchenfrage bezeichnet man eine direkte, an den Kern eines Problems gehende Frage, die die (moralischen) Absichten und die Gesinnung des Gefragten aufdecken soll. Sie ist dem Gefragten meistens unangenehm, da sie ihn zu einem Bekenntnis bewegen soll, das er bisher nicht abgegeben wollte.
Ursprung
Der Ursprung des Konzeptes und Begriffes liegt in Johann Wolfgang von Goethes Tragödie Faust I. Darin stellt die Figur Margarete, genannt Gretchen, der Hauptfigur Heinrich Faust die Frage:
„Nun sag’, wie hast du’s mit der Religion?
Du bist ein herzlich guter Mann,
Allein ich glaub’, du hältst nicht viel davon.“[1]
Im engeren Sinne ist mit Gretchenfrage demnach die Frage nach der Religiosität der jeweils angesprochenen Person oder sozialen Gruppe gemeint. Im weiteren Sinne werden auch andere Fragen mit der expliziten oder impliziten Fragestruktur „Wie hast/hältst du’s mit …“ als Gretchenfragen bezeichnet.
Im weiteren Sinne steht der Begriff Gretchenfrage für eine Gewissensfrage (oder eine Frage nach dem Willen), die vom Befragten nicht gerne beantwortet wird. Typischerweise trifft derjenige, der sie ausspricht, damit den Kern eines Sachverhaltes und verlangt eine eindeutige Stellungnahme des Befragten zu einem Thema, das unter Umständen für ihn eine unangenehme oder zwiespältige Bedeutung hat. Der Fragesteller ist oft misstrauisch gegenüber den Absichten des Gefragten. Seine Frage wird häufig in einem Moment der Entscheidung gestellt, in dem er sich davor schützen möchte, dem Gefragten „blind in die Falle zu tappen“. Eine Gretchenfrage muss nicht unbedingt ausdrücklich beantwortet werden, damit sich der Fragesteller Klarheit verschafft; ein Herumdrücken um eine ehrliche Antwort kann als Hinweis auf die Pläne des Befragten ausreichen.[2]
Gretchenszene in „Marthens Garten“
Die sogenannte „Gretchenfrage“ aus dem Drama Faust I von Johann Wolfgang von Goethe, erschienen im Jahr 1808 in Stuttgart/Tübingen, spielt in der Szene „Marthens Garten“ und handelt von der Frage Margaretes nach der Religionszugehörigkeit Fausts. Margarete, auch Gretchen genannt, ist ein junges Mädchen im Alter von ungefähr 14 Jahren, welches von dem älteren Wissenschaftler Faust umworben wird. Nachdem diese sich in der Szene „Gartenhäuschen“ (V. 3205 ff.) geküsst haben, stellt Margarete Faust im Vers 3415 ff. in „Marthens Garten“ die Frage nach der Religion mit den Worten: „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? Du bist ein herzlich guter Mann, allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.“ Faust weicht trotz Gretchens Nachfragen aus (V. 3420 – V. 3465). Gretchen gibt schließlich das Hinterfragen auf, da sie sich sicher ist, dass Faust kein Christentum habe (V. 3468: „Denn du hast kein Christentum.“).
„Wenn Faust, von Gretchen katechisiert, in den Gesprächen über Gott sagt:
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Gefühl ist alles, |
so wird das als die höchste Darstellung des Göttlichen angesehen, als die höchste Darstellung des Religiösen gefeiert. Man braucht nicht nachzudenken: «Gefühl ist alles»; damit sagt man, das einzige, was man als Religiöses haben will, ist das, was ein Gretchen fassen kann, und vergißt nur immer, daß Faust diesen Unterricht dem sechzehnjährigen Gretchen gibt und daß er darin nur gibt, was Gretchen fassen kann. Nicht für Philosophen ist das da, was Faust sagt über «Umnebelnd Himmelsglut», und das wird nur schlecht verstanden, wenn man die Gretchen-Wissenschaft im professoralen Gewande immer wiederum sieht.“ (Lit.: GA 157, S. 260)
„Noch bedeutungsvoller aber erscheint es mir, dass das Religionsgespräch vonseiten Gretchens so geführt wird, dass aus demselben ersichtlich ist: In diesem Falle ist sie, in ihrer positiven Gläubigkeit, Faust überlegen. Gerade diese Szene wird überall missverstanden. Man preist die Worte Fausts: «Wer darf ihn nennen?» bis: «Umnebelnd Himmelsglut.» überall als etwas besonders Tiefsinniges, während sie doch nichts sind als mit schönen Worten gesprochene Phrasen hohl und seicht. So spricht der Mann, der die Schulwissenschaft abgestreift hat und auf ideellem Gebiete nichts Besseres dafür eingetauscht hat. Schön sind die Worte, aber flach. Das spürt Gretchen und deshalb sagt sie:
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Das ist alles schön und gut; |
Sie weiß es zwar nicht ganz, aber sie steht mit ihrem positiven Christentum viel höher als Faust mit seinen Phrasen, die «leidlich scheinen», mit denen es aber doch «schief steht».
Man darf eben durchaus nicht vergessen, dass der Faust, der hier Gretchen gegenübersteht, ein in sich doch ganz haltloser schlimmer Geselle ist, und dass erst der Schmerz über das Unrecht, das er an Gretchen begangen, und die heilende Natur ihn erst im zweiten Teile wieder auf einen höheren Standort erheben. Was Gretchen an Faust anzieht, ist der Rest des bedeutenden Menschen, der ja Faust immer war und der dann herrlich zum Vorschein kommt, wenn Faust nur in der Liebe zu dem Mädchen ganz aufgeht. In allem Übrigen aber ist Faust während der Gretchentragödie doch herabgekommen, ungesund, degeneriert. Gretchen weiß also nicht, was sie mit Fausts hohlen Redensarten über Gott anfangen soll, in ihrer Unschuld sieht sie darin etwas Bedeutendes, weil sie voraussetzt, dass an Faust nur Bedeutendes sein kann\ aber bei alledem muss sie höchlich verwundert sein über die Worte, die ihr den Vorstellungen gegenüber unüberzeugend sind, die sie von Gott hat, und sie leitet sie ja auch in ihrem richtigen Instinkte auf den Einfluss des bösen Geistes zurück.“ (Lit.: GA 46, S. 214f)
Die Gretchenfrage bei Goethe
Margarete, genannt Gretchen, ist ein sehr junges Mädchen, das von dem älteren, respektablen Wissenschaftler Faust umworben wird. Nachdem sie sich schon mehrmals getroffen und auch geküsst haben, stellt Gretchen Faust die sog. Gretchenfrage.
Da Faust ausweicht und zunächst zurückfragt, in welchem Sinne sie denn eine Auskunft begehre, ob es ihr um die tieferen Inhalte des Glaubens oder das unhinterfragte Befolgen der Traditionen gehe, gibt Gretchen schließlich das Fragen auf; sie fühlt sich dem Niveau der Diskussion nicht gewachsen und kommt definitiv zu dem Schluss, Faust habe kein Christentum und leugne demzufolge Gott als Trinität aus Vater, Sohn und Heiligem Geist. Margarethes Überzeugung ist insofern begründet, weil Faust in der Osternacht in einem Monolog klargestellt hat, dass ihm der Glaube an die Auferstehung Jesu fehle. Durch diese Frage berührt Margarete intuitiv – sie weiß nicht, dass Faust einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hat – dessen „wunden Punkt“.[3][4][5]
„Faust[s] Dilemma lässt sich vielleicht so beschreiben: Er kann nicht mehr glauben und ist noch kein kämpferischer Atheist. Seinen Entwurf einer pantheistisch gefärbten Gefühlsreligion, seine schwammige Spiritualität kann Gretchen nicht überzeugen.“[6]
Goethe stellt an dieser Stelle mit Gretchen und Faust zwei Entwürfe einander gegenüber: hier das Mädchen aus einfachen traditionsbestimmten Verhältnissen, das den Glauben an Gott und kirchliche Religiosität als Zentrum auch des eigenen Selbstverständnisses übernommen hat, und dort der gelehrte Heinrich Faust, der im Sinne neuzeitlicher Subjektivität auch die überlieferte Religion in Frage stellt und argumentiert, er könne die gleichen Gefühle für das Gute, Schöne und Anständige haben wie Gretchen. Diese Werte müssten aber nicht unbedingt von der Kanzel gepredigt werden, um beherzigt zu werden.
Da zur Zeit Goethes die christliche Religion die Sexualmoral definierte, will Gretchen wissen, mit welcher Haltung Fausts gegenüber der Religion, d. h. gegenüber dem christlichen Glauben, sie rechnen soll. Ihre Frage nach Fausts Glauben ist auch die Frage nach seiner Lebenspraxis und gesellschaftlichen Eingebundenheit.[7]
Literatur
- Rudolf Steiner: Nachgelassene Abhandlungen und Fragmente 1879 – 1924, GA 46 (2020), ISBN 978-3-7274-0460-3 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org English: rsarchive.org
- Rudolf Steiner: Menschenschicksale und Völkerschicksale, GA 157 (1981), ISBN 3-7274-1571-1 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org English: rsarchive.org
Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com.
Freie Werkausgaben gibt es auf steiner.wiki, bdn-steiner.ru, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv. Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com Die Rudolf Steiner Ausgaben basieren auf Klartextnachschriften, die dem gesprochenen Wort Rudolf Steiners so nah wie möglich kommen. Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners. |
Weblinks
- DWDS: Gretchenfrage
- Wie hast du’s mit der Religion? Die Anthologie „Die Gretchenfrage“. Die Berliner Literaturkritik. 13. Mai 2008
- Gretchenfrage – Werden religiöse Frauen unterschätzt? Religiosität und Sexuelle Selektion. 4. April 2008
Einzelnachweise
- ↑ Textauszug aus Faust I (Vers 3415–3417) unter faustedition.net
- ↑ Ida Fröhlich: Die Gretchenfrage – Bedeutung und Herkunft des Idioms
- ↑ Theodore M. Ludwig: Art. Monotheismus. In: Lindsay Jones (u. a.) (Hrsg.): Encyclopedia of Religion. 2., völlig neu erstellte Auflage. New York (u. a.) 2005, Vol. 9, S. 6155–6163.
- ↑ Gisbert Greshake: Der dreieine Gott – Ein trinitarische Theologie, Freiburg/Basel/Wien, 5. Aufl. 2007.
- ↑ Vgl. die altkirchlichen Glaubensbekenntnisse Apostolikum, Nizänum und Athanasium.
- ↑ Konrad Paul Liessmann: Gretchens Frage und warum Faust darauf keine Antwort wusste. Vortrag zur Eröffnung des 11. Philosophicum Lech. (Memento vom 15. November 2017 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft (bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis) 20. September 2007. S. 3
- ↑ Michael Blume: Die (kluge?) Gretchenfrage, 2007 (Memento vom 8. Juni 2008 im Internet Archive)
| Dieser Artikel basiert auf einer für AnthroWiki adaptierten Fassung des Artikels Gretchenfrage aus der freien Enzyklopädie de.wikipedia.org und steht unter der Lizenz Creative Commons Attribution/Share Alike. In Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar. |












