Historisches Gewissen

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Wandtafelzeichnung Rudolf Steiners zur Johanniimagination.

Das historische Gewissen wird von Rudolf Steiner in einem Vortrag über die Johanni-Imagination erwähnt.

Zur Johanni-Zeit ist das Geistig-Seelische der Erde – auf der Hemisphäre, wo eben gerade Sommer ist – am stärksten ausgeatmet. In den Höhen der Erde spiegelt sich im Bilde Uriels die kosmische Intelligenz (Michael hat als Verwalter der kosmischen Intelligenz eine etwas andere Aufgabe). Darunter, im dunklen Blau der Erdentiefe erscheint die Stoffesmutter, die Erdenmutter. Als silberglänzende Fäden und Linien werden die kristallbildenden Kräfte in dieser bläulichen Tiefe sichtbar und zeigen sich in ihrer strengen, aber lebendig gestalteten geometrischen Ordnung. Diese strenge Ordnung ist allerdings nur ein Idealbild. Tatsächlich erscheinen in dieser Tiefe Fehler, Verrückungen und Verzerrungen in dieser Ordnung, die durch die Irrtümer und Verfehlungen der Menschheit entstanden sind - ein Bild des Menschheitskarmas, das sich die Menschen im Zuge ihrer Entwicklung aufgebürdet haben. Mit ernster Geste weist Uriel auf dieses Bild und will damit in uns das erwecken, was Rudolf Steiner das „historische Gewissen“ genannt hat.

„Und auf diesen Kontrast der Naturkristallisation in ihrer regelmäßigen Schöne und der menschlichen sich darüber webenden Fehler ist der ernste Blick des Uriel gerichtet. Hier wird zur Hochsommerzeit durchschaut, was im Menschengeschlechte noch unvollkommen ist gegenüber den regelmäßig sich aufbauenden Kristallgestaltungen. Da ist es, wo man, ich möchte sagen, aus dem ernsten Blick des Uriel den Eindruck empfängt: Es verwebt sich Natürliches mit Moralischem. Da steht nicht bloß die moralische Weltordnung in uns selber wie abstrakte Impulse, sondern wir sehen jetzt, während wir sonst das Naturdasein anschauen und nicht fragen: Lebt im Pflanzenwuchs Moralität? Lebt in der Kristallisation Moralität? -, wie sich auch naturhaft zusammenweben in der Hochsommerzeit menschliche Fehler und regelmäßige, in sich konsequente, in sich konsolidierte Naturkristallisation. Dagegen alles das, was menschliche Tugend, was menschliche Tüchtigkeit ist, das geht mit den silberglänzenden Linien nach oben und erscheint wie die einhüllenden Wolken des Uriel (rot), tritt sozusagen als in Kunstwerke, in Wolkenplastik verwandelte menschliche Tugend in die leuchtende Intelligenz ein. Man kann nicht bloß hinschauen auf das ernste, durch den Blick auf die Erdentiefen ernst werdende Antlitz-Auge des Uriel, sondern man kann auch hinschauen auf etwas, was, ich möchte sagen, wie flügelartige Arme oder armartige Flügel in ernster Mahnung da ist, und was gerade als Gebärde des Uriel wirkt, was in das Menschengeschlecht hineinleitet dasjenige, was ich nennen möchte das historische Gewissen. Hier in der Hochsommerzeit erscheint das historische Gewissen, das insbesondere in der Gegenwart außerordentlich schwach entwickelt ist. Das erscheint wie in der mahnenden Gebärde des Uriel.“ (Lit.:GA 229, S. 69)

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Das Miterleben des Jahreslaufes in vier kosmischen Imaginationen, GA 229 (1984), Vierter Vortrag, Dornach, 10. Oktober 1923
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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
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Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
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