Hunger

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Hunger ist ein durch äußere Umstände bedingter oder durch Fasten (Askese) bewusst herbeigeführter Mangel an Nahrung. Der Organismus stellt sich dabei auf den katabolischen Hungerstoffwechsel um, wobei die körpereigenen Reserven an Kohlenhydraten (z.B. Glykogen), Proteinen (z.B. Muskelsubstanz) und zuletzt auch an Fetten aufgebraucht wird, bis zuletzt der Tod durch Verhungern eintritt. Betrifft der unfreiwillge Nahrungsmangel ganze Bevölkerungsgruppen, spricht man von einer Hungersnot, die in der Regel aus sozialen Missständen resultiert.

„Da handelt es sich darum, einer solchen Angelegenheit gegenüber die richtige Frage zu stellen. Und die richtige Frage ist diese: Gibt es heute auf der Erde - und die Erde muß hier angezogen werden, denn wir haben seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts nicht mehr Nationalwirtschaft, sondern Weltwirtschaft, das ist das Wichtige, was im sozialen Leben zu beachten ist - , gibt es heute auf der Erde zuwenig Nahrungsmittel für die gesamte Menschheit? Das wird niemand bejahen. Es gibt nicht zuwenig Nahrungsmittel auf der Erde für die gesamte Menschheit! Mag einmal die Zeit kommen, dann müssen die Menschen aus ihrem Genius heraus andere Mittel finden. Heute müssen wir noch sagen: Wenn an einem Fleck der Erde unzählbare Menschen hungern, dann sind es die menschlichen Einrichtungen der letzten Jahrzehnte, die das bewirkt haben. Denn dann sind diese menschlichen Einrichtungen nicht so, daß auf den hungernden Fleck der Erde in der richtigen Zeit die richtigen Nahrungsmittel hinkommen. Es kommt darauf an, wie die Menschen auf der Erde diese Nahrungsmittel im richtigen Augenblick in der richtigen Weise verteilen.“ (Lit.:GA 305, S. 227f)

Die physiologische Grundlage von Hunger, Durst und Atmungsbedarf

In seinen Vorträgen über «Geisteswissenschaft und Medizin» (GA 312) hat Rudolf Steiner auch ausführlich über die physiologisch-organischen Ursachen von Hunger, Durst und Atmungsbedarf gesprochen. Das Luftelement und damit die Atmungstätigkeit hängt eng mit dem Nierensystem und mit der Harnfunktion zusammen. Im Luftelement wirkt besonders der Astralleib. Die Leber hingegen als starkes ätherisches Organ reguliert den Wasserbedarf, der sich durch den Durst kundgibt. Der Hunger resultiert aus der Atmungstätigkeit der Lunge, durch die die Nahrungsstoffe letztlich verzehrt werden. Die Lunge steht dabei in enger Beziehung zum Erdelement bzw. zum physischen Leib.

„Der Tätigkeit in der Luft entspricht all dasjenige, was sich an das Nierensystem im weiteren Sinne anschließt, was vor allen Dingen auch mit all den Harnfunktionen zusammenhängt. Dasjenige, was verwandt ist dem System, das wir da in Betracht ziehen, wenn wir seine nach innen gelegensten Teile, die Niere ins Auge fassen, das ist dasjenige, was unter gewissen Umständen Atemnot hervorrufen kann, Bedürfnis zum Atmen, was Sie ja im hohen Grade als gewisse Nachwirkungen des Einnehmens von Carbo vegetabilis sehen werden. So daß wir sagen können: Die tieferen Gründe für Störungen des Atmungssystems, für Atemnot, müssen wir eigentlich im Nierensystem suchen.

Alles dasjenige nun, was mit dem Wässerigen zusammenhängt, was mit dem Flüssigen zusammenhängt, für das müssen wir die tieferen Gründe in dem Lebersystem suchen. So wie die Atemnot und Atemregulierung, der Atembedarf, mit dem Nierensystem zusammenhängt, so hängt der Durst mit dem Lebersystem zusammen. Aller Durst hängt mit dem Lebersystem zusammen. Das wäre schon eine interessante Aufgabe, einmal die Wechselbeziehungen der verschiedenen menschlichen Dursteigenschaften in den Leberwirkungen zu studieren. Und innig hängen mit der Innenbeschaffenheit der Lunge, gewissermaßen mit dem Innenstoffwechsel der Lunge, die Erscheinungen des Hungers und all dasjenige zusammen, was auf diesem Felde steht.“ (Lit.:GA 312, S. 225)

„Eigentlich besteht unser gewöhnliches physisches Leben darin, daß wir immer ein bißchen krank werden und uns ein bißchen kurieren. Aber das ist doch auch nicht ganz im eigentlichen Sinne. Ein bißchen krank ist jeder von uns, wenn er Durst hat, wenn er Hunger hat, und ein bißchen kuriert er sich, wenn er trinkt und wenn er ißt. Denn Sie begreifen ja, daß man richtig sagen kann: Der Hunger ist der Anfang von einer Krankheit, wenn er sich länger fortsetzt. Man stirbt daran. Denn schließlich kann man ja an Hunger sterben, und noch leichter an Durst. Also es ist schon im gewöhnlichen alltäglichen Dasein etwas da wie der Anfang von einer Krankheit. Jedes Trinken ist eine Heilung, und jedes Essen ist eigentlich eine Heilung.

Aber jetzt müssen wir uns klarmachen, was denn da eigentlich geschieht, wenn wir Hunger kriegen, und wenn wir Durst kriegen. Also nehmen wir das erste: wenn wir Hunger kriegen. Sehen Sie, unser Körper ist nämlich innerlich nie ruhig, der ist immer in einer inneren Tätigkeit. Und diese innerliche Tätigkeit, in der unser Körper immer ist, die kann ich Ihnen auf folgende Weise so ein bißchen, annähernd, durch eine Zeichnung klarmachen. Denken Sie sich, das wäre ein Stückchen unseres Körpers (siehe Zeichnung), und in dieses Stückchen unseres

Zeichnung aus GA 348, S. 160

Körpers lassen wir durch die Ernährung Nahrungsstoffe hineinkommen, also äußere Stoffe, die wir durch die Nahrung aufnehmen. Jetzt sind die da drinnen. Wir haben sie meinetwillen vom Mund durch die Verdauungskanäle irgendwohin nach dem Körper aufgenommen. Aber sehen Sie, wenn diese Nahrungsstoffe in uns hineinkommen, dann wird unser ganzes Menschenwesen gegen diese Nahrungsstoffe sogleich rebellisch. Das Menschenwesen läßt ja die Nahrungsstoffe nicht so, wie sie sind, sondern es zerstört sie. Die Nahrungsstoffe müssen zerstört werden, also eigentlich zersplittert werden. Im Mund werden sie ja schon aufgelöst. Sie werden überhaupt ganz, man möchte sagen, vernichtet. Sie werden vernichtet. Und das ist deshalb, weil fortwährend in unserem Leib drinnen eine Tätigkeit ist, die gar nicht aufhört. Diese Tätigkeit muß man geradeso betrachten, wie man Finger oder Hände betrachten muß, denn der Leib ist fortwährend in innerer Tätigkeit, und man kann es nicht so machen, wie es die gewöhnliche Wissenschaft macht, daß sie einfach hinschaut, wie wir ein Stück Brot essen, wie dann dieses Brot im Munde aufgelöst wird, wie es sich verteilt im Körper, sondern man muß darauf Rücksicht nehmen, daß der Leib des Menschen fortwährend tätig ist. Nun denken Sie aber: Wenn ich nichts in ihn hineintue, wenn der Leib des Menschen da ist, und nichts kommt in ihn hinein, es ist die Mahlzeit schon weit hinter uns, vier, fünf Stunden vorüber, es kommt nichts hinein - ja, aber die Tätigkeit im Leibe hört nicht auf. Also ich werde, was ich da rot gezeichnet habe, als das betrachten, was man gewöhnlich sieht, und dasjenige, was innere Tätigkeit ist, werde ich jetzt gelb hineinmachen. Aber dieses Gelbe ist eigentlich in einem fortwährenden inneren Erzittern, in einer fortwährenden Tätigkeit. Sehen Sie, jetzt sind Sie gewissermaßen ein leerer Schlauch, in dem es aber nicht ruhig ist, sondern in dem es drinnen rumort. In innerer Tätigkeit sind Sie. Und solange Sie für diese innere Tätigkeit etwas haben, worauf sich diese innere Tätigkeit richten kann, dann behagt es dieser inneren Tätigkeit. Das ist insbesondere nach der Mahlzeit der Fall. Da kann diese innere Tätigkeit alle Stoffe auflösen, vernichten. Sie ist damit zufrieden. Sehen Sie, das ist der Unterschied zwischen dieser inneren Tätigkeit, die wir in uns haben, und zwischen dem Menschen im ganzen, wie er unter uns ist. Er kann faul werden. Aber diese innere Tätigkeit wird nie faul, die hört gar nie auf. Und wenn ich nichts in mich hineintue, so ist es so, wie wenn ich einen leeren Mehlsack habe, aber da drinnen eine Tätigkeit ist, auch wenn ich alle Materie vermeide. In der Geisteswissenschaft nennen wir das den Astralleib, aus gewissen Gründen, die ich Ihnen später noch sagen werde; dieser ist niemals faul, ist immer tätig. Wenn er tätig sein kann, diese Nahrungsmittel zu zerstören, zu zersplittern, aufzulösen, dann ist er von innerer Behaglichkeit erfüllt, dann hat er seine innere Lust. Führe ich keine Nahrungsmittel in den Körper hinein, dann ist er unbefriedigt, dann äußert sich diese Unbefriedigung, und die Äußerung dieser Unbefriedigung ist Hunger. Hunger ist nichts Ruhendes; Hunger ist eine Tätigkeit in uns. So daß man sagen muß: Hunger ist richtig eine seelisch-geistige Tätigkeit in uns, die nicht befriedigt werden kann. Es ist eigentlich wirklich so, daß man sagen kann: Diese Tätigkeit in uns, die ist verliebt in die Nahrungsmittel, und wenn sie keine Nahrungsmittel kriegt, dann ist sie ebenso unbefriedigt wie irgendein Liebhaber, dem die Geliebte davongelaufen ist und nicht da ist. Und diese Unbefriedigung ist der Hunger. Das ist durchaus etwas Geistiges, der Hunger.“ (Lit.:GA 348, S. 159ff)

Das Haupt hungert beständig

Das Haupt hungert beständig und schafft dadurch den Freiraum, in dem sich das Vorstellungsleben entfalten kann.

„Wenn man das gewöhnliche Vorstellen des gewöhnlichen Bewußtseins hat, merkt man nicht, was im Haupt vorgeht. Das merkt man erst, wenn man zum imaginativen Denken aufsteigt; man erlebt den materiellen Prozeß mit.

Und wissen Sie, was vorgeht im Haupt, im Kopfe, während wir das gewöhnliche Bewußtsein entwickeln? Ein Hungerprozeß geht vor. Darin besteht das wache Vorstellungsleben, daß unser Haupt hungert. Die falschen Asketen und falschen Mystiker haben das instinktiv eingesehen. Daher haben sie den ganzen Leib hungern lassen. Normal ist das aber nicht, daß geistige Erlebnisse dadurch auftreten, daß der ganze Leib hungert. Das ist immer falsch. Die Hungeraskese, die zu mystischen Verzückungen führen soll, ist eine Einseitigkeit, eine ungesunde Richtung. Aber normalerweise ist das Gleichgewichtsverhältnis unseres Leibes so eingerichtet, daß vom Morgen bis zum Abend, vom äußeren Aufwachen bis zum Einschlafen, nicht der ganze Leib, aber das Haupt in einem fortwährenden Hungerprozeß ist. Es ist immer das Haupt unterernährt. Das ist so etwas, was zur Rückentwickelung gehört. Und durch die Unterernährung des Hauptes sind wir imstande, Platz zu machen für das vorstellende Geistesleben. Und derjenige, der das vorstellende Geistesleben als Imagination kennenlernt, der lernt auch kennen, was andere nur in etwas unteren Regionen kennen, wenn sie das Knurren des Magens verspüren, der lernt erkennen, daß er vom Morgen bis zum Abend, bis zum Einschlafen, im Haupt Magenknurren hat. Da findet statt, was man nennen kann Annäherung des Geistes an das Materielle in unserem eigenen Leibe. Einseitige Mystik ist ein behagliches Sich-Versenken in das Innere, wo man doch nicht viel mehr erlebt, als etwas verdichteter dasjenige, was man sonst auch erlebt. Wahre geisteswissenschaftliche Entwickelung ist eine solche Erstarkung, eine solche Erkraftung des Geisteslebens, daß, wenn man es auf das eigene Erleben anwendet, man sich genauer kennenlernt, aber nun wirklich genauer kennenlernt. Man lernt dann auch das Leibliche genauer kennen, weil man das Leibliche an sich so heranrückt, daß man mit dem Leiblichen in das Geistige heraufrückt, daß man den Abgrund überbrückt, der sonst immer da ist zwischen dem Geistigen und dem Leiblichen.“ (Lit.:GA 174a, S. 257f)

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Mitteleuropa zwischen Ost und West, GA 174a (1982), ISBN 3-7274-1741-2 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Die geistig-seelischen Grundkräfte der Erziehungskunst. Spirituelle Werte in Erziehung und sozialem Leben., GA 305 (1991), ISBN 3-7274-3050-8 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Geisteswissenschaft und Medizin, GA 312 (1999), ISBN 3-7274-3120-2 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  4. Rudolf Steiner: Über Gesundheit und Krankheit. Grundlagen einer geisteswissenschaftlichen Sinneslehre, GA 348 (1997), ISBN 3-7274-3480-5 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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