Hypostase der Archonten

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Der unter dem Titel Hypostase der Archonten oder Wesen der Archonten bekannte Text ist Teil der Nag-Hammadi-Schriften, einer 1945 in Ägypten gefundenen Sammlung vorwiegend gnostischer Texte. Dort erscheint er als vierte Schrift des Kodex II (NHC II,4).

Der jüdische Hintergrund ist aufgrund deutlicher Parallelen zum Alten Testament klar erkennbar. Ein ägyptischer Einfluss wird wegen der Beschreibung von Herrschern mit Tierköpfen vermutet. Eine Parallele zur Apokalypse des Adam besteht in der Erwähnung eines „königslosen Geschlechts“ im Zusammenhang mit einem Erlöser bzw. Offenbarer. Eine Besonderheit der im Text wiedergegebenen Schöpfungsgeschichte ist die Erwähnung von Norea als Tochter Adam und Evas. Ein großer Teil des Textes besteht aus einer Offenbarung des Engels Eleleth an Norea.

Inhalt

Am Anfang steht ein Prolog[1], in dem auf den „großen Apostel“ verwiesen wird, der über die Mächte der Finsternis sagt: „Unser Kampf ist nicht gegen Fleisch und Blut, sondern gegen die Mächte der Welt und die Geistwesen des Bösen.“[2]. Mit dem großen Apostel ist offenbar Paulus gemeint, wodurch der Text sich von vorneherein in einen christlichen Kontext stellt.

Dem Prolog folgt ein einleitender Abschnitt über den Fall des höchsten Archonten, der als unwissend und überheblich bezeichnet wird. Da dieser sagt „es gibt keinen Gott außer mir“, habe er sich gegen den Gott des Alls versündigt und wird deshalb Samael, Gott der Blinden, genannt.[3]

„Ihr Oberster aber ist blind. Wegen seiner Kraft und seiner Unwissenheit und seiner Überheblichkeit sagte er in seiner Kraft: „Ich bin Gott; es gibt keinen außer mir.“ Als er das gesagt hatte, sündigte er gegen das All. Und diese Rede gelangte hinauf zur Unvergänglichkeit. Siehe, eine Stimme kam aber heraus aus der Unvergänglichkeit, und sie sprach: „Du irrst dich, Samael!, das heißt: ,der Gott der Blinden`“.

Seine Gedanken waren blind. Er warf seine Kraft, das ist das Lästerwort, das er gesagt hatte, heraus. Sie folgte ihm hinab bis ins Chaos und zur Tiefe, zu seiner Mutter, auf Veranlassung der Pistis Sophia. Und sie, Pistis Sophia, setzte seine Kinder ein, einen jeden entsprechend seiner Kraft, nach dem Vorbild der Äonen, das sich oben befindet; denn aus dem Verborgenen fanden sie das Offenbare.“

Hypostase der Archonten: Über die Archonten [1]

Es folgt eine kurze und in einigen Elementen mit dem biblischen Buch Genesis übereinstimmende Schöpfungsgeschichte: Die Archonten erschaffen Adam (die Menschen) nach ihrem Abbild um ihnen zu dienen. Adam lebt im Paradies, anfänglich ist seine Erkenntnis höher als die seiner Schöpfer (Archonten), denn er besaß das Wissen aller Archonten. Dies stellten sie fest, nachdem sie Adam geprüft hatten, indem er den Tieren ihre Namen geben sollte, was er auch tat. Die Archonten erschaffen hiernach Eva aus der Rippe Adams. Die Schlange verführt Eva, vom Baum der Erkenntnis zu essen und Adam davon zu geben. Adam und Eva werden aus dem Paradies vertrieben. Kain wird geboren, hiernach Abel. Nach dem Brudermord von Kain an Abel wird Seth als dritter Sohn Adam und Evas geboren und hiernach deren erste Tochter „Norea“. Die Menschen vermehren sich und die Archonten beschließen eine Sintflut. Noah wird mit dem Bau der Arche beauftragt, lässt Norea jedoch nicht in die Arche hinein, weshalb sie diese mit ihrem Hauch verbrennt. Noah erbaut dann eine zweite Arche, während Norea von den Archonten bedrängt wird. Sie bittet den Gott des Alls um Hilfe, und der Engel Eleleth erscheint ihr in weißem Gewand und mit goldenem Antlitz. Er versichert Norea, dass ihre Seele und auch die ihrer Kinder aus dem unvergänglichen Licht kommt und die Archonten der Finsternis daher keine Macht über sie besitzen. Norea fragt Eleleth, wie die dunklen Mächte entstanden sind, und dieser beschreibt ein komplexe Kosmogonie. Die Unvergänglichkeit ist zuoberst in den grenzenlosen Äonen. Ein Vorhang trennt die oberen von den unteren Äonen, wobei die Trennlinie zwischen dem siebenten und achten Himmel liegt. Als positive Mächte erscheinen Sophia und ihre Tochter Zoe. Zu den dunklen Mächten zählen Samael, der als mannweibliches Wesen mit Löwengestalt beschrieben wird, sowie Saklas (Jaldabaoth), der in die Unterwelt verbannt wurde, und Sabaoth. Letzterer bekehrte sich aber zu Zoe und Sophia und wurde von diesen als Herrscher über den siebten Himmel, also unmittelbar oberhalb der Mächte des Chaos, eingesetzt.

„Oben in den grenzenlosen Äonen existiert die Unvergänglichkeit. Die Sophia, die Pistis genannt wird, wollte allein ohne ihren Paargenossen ein Werk vollbringen. Und ihr Werk wurde zu einem Himmelsabbild. Es existiert ein Vorhang zwischen denen, die oben sind, und den Äonen, die unten sind. Und ein Schatten entstand unterhalb des Vorhangs. Und jener Schatten wurde zur Materie. Und jener Schatten wurde in eine Teilregion geworfen; das, was sie erschaffen hatte, wurde zu einem Werk der Materie, einer Fehlgeburt vergleichbar. Es empfing den Typos durch den Schatten. Es wurde zu einem selbstgefälligen Tier von Löwengestalt. Es ist mannweiblich, wie ich schon gesagt habe, denn es ist aus der Materie hervorgegangen. Es öffnete seine Augen. Es sah eine große, grenzenlose Materie. Und es wurde eitel und sprach: ,Ich bin Gott, und es gibt keinen anderen außer mir.

Als es dies gesagt hatte, sündigte es gegen das All. Eine Stimme aber kam aus der Höhe der absoluten Macht, in-dem sie sprach: ,Du irrst dich, Samael`, das heißt ,der Gott der Blinden.` Und es sagte: ,Wenn ein anderer vor mir existiert, so möge er sich vor mir offenbaren.` Und sogleich streckte die Sophia ihren Finger aus. Sie brachte das Licht in die Materie und folgte ihm bis hinab in die Gegenden des Chaos. Und sie kehrte wieder zurück, hinauf zu ihrem Lichte.

Der Archon, der mannweiblich ist, schuf sich einen großen Äon, eine grenzenlose Größe. Er gedachte aber, sich Söhne zu schaffen. Er schuf sich sieben mannweibliche Söhne und ihren Vater. Und er sprach zu seinen Söhnen: , Ich bin der Gott des Alls`. Und Zoe Leben, die Tochter der Pistis Sophia, rief aus und sagte zu ihm: ,Du irrst dich, Saklas`, dessen Übersetzung Jaldabaoth ist. Sie hauchte in sein Gesicht hinein, und ihr Hauch wurde ihr zu einem feurigen Engel. Und jener Engel fesselte Jaldabaoth. Er warf ihn hinab in den Tartaros unterhalb der Unterwelt.

Als sein Sohn Sabaoth aber die Kraft jenes Engels sah, tat er Buße. Er verurteilte seinen Vater und seine Mutter, die Materie. Er verabscheute sie. Er pries aber die Sophia und ihre Tochter Zoe.

Und Sophia und Zoe entführten ihn nach oben und setzten ihn über den siebten Himmel ein, unterhalb des Vorhangs zwischen oben und unten. Und sie nannten ihn den, Gott der Kräfte Sabaoth`, denn er ist oberhalb der Kräfte des Chaos, weil die Sophia ihn eingesetzt hat.

Als diese Dinge aber geschehen waren, schuf er sich einen großen, viergesichtigen Cherubim-Wagen und unzählbar viele Engel, damit sie ihm dienten, dazu Harfen und Zithern. Und Sophia nahm ihre Tochter Zoe. Sie ließ sie rechts von ihm Platz nehmen, damit sie ihn belehre über die, die in dem achten Himmel sind. Und den Engel des Zorns stellte sie links von ihm. Seit jenem Tag nannte man seine Rechte, Leben`. Und die Linke wurde zum Symbol der Ungerechtigkeit der Eigenmächtigkeit der oberen Region, die vor ihnen entstanden waren.

Als aber Jaldabaoth ihn sah, wie er in dieser großen Herrlichkeit und dieser Höhe war, beneidete er ihn. Und der Neid wurde ein mannweibliches Werk, und dieses war der Ursprung des Neides. Und der Neid erzeugte den Tod. Der Tod aber erzeugte seine Söhne. Er setzte jeden einzelnen von ihnen über seinen Himmel. Alle Himmel des Chaos füllten sich mit ihren Mengen. Das alles aber war nach dem Willen des Vaters des Alls entstanden, nach dem Typos aller Oberen, damit sich die Zahl des Chaos vollende. Siehe, ich habe dich belehrt über den Typos der Archonten und die Materie, in der es das Gepräge erzeugt wurde, und ihren Vater und ihre Welt.“

Hypostase der Archonten: Die erste Frage Noreas: Über die Kosmogonie [2]

Eleleth verkündet Norea des Weiteren, dass sich der Same der Wahrheit bald offenbaren wird. Aus einem „königslosen Geschlecht“ wird ein Erlöser gesendet, der die Menschen belehren und mit ewigem Leben salben wird. Dann werden die Menschen den wahren Vater des Alls, den heiligen Geist und den Sohn, der über allem ist, erkennen. Mit diesem an christliche Motive erinnernden Heilsversprechen endet der Text.

„Wenn der wahre Mensch in einem Gebilde offenbart die Existenz des Geistes der]Wahrheit, den der Vater gesandt hat. Dann wird er sie über alles belehren. Und er wird sie salben mit der Salbung des ewigen Lebens, die ihm von dem königslosen Geschlecht gegeben wurde. Dann werden sie das blinde Denken von sich werfen. Und sie werden den Tod der Mächte zu Boden treten. Und sie werden hinaufgehen in das grenzenlose Licht, wo dieser Samen sich befindet. Dann werden die Mächte ihre Zeiten verlassen. Und ihre Engel werden ihren Untergang beweinen. Und ihre Dämonen werden ihren Tod betrauern. Dann werden alle Kinder des Lichtes die Wahrheit zusammen mit ihrer Wurzel wahrhaftig erkennen und den Vater des Alls und den heiligen Geist. Sie werden alle mit einer einzigen Stimme sagen: ,Gerecht ist die Wahrheit des Vaters, und der Sohn ist über allem und durch alles bis in alle Ewigkeit. Heilig, heilig, heilig. Amen.`“

Hypostase der Archonten: Über das Kommen des wahren Menschen [3]

Literatur

Textausgabe

  • Bentley Layton: The Hypostasis of the Archons. Critical edition and Translation. In: Bentley Layton (Hrsg.), Nag Hammadi Codex II, 2–7: Together with XIII,2*, BRIT. LIB. OR.4926(1), and P. OXY. 1, 654, 655. Vol. I. Gospel according to Thomas, Gospel according to Philip, Hypostasis of the Archons, and Indexes. NHS XX. (The Coptic Gnostic Library, ed. J. M. Robinson). Brill, Leiden 1989. S. 234-259, 321-336
  • Bernard Barc: L’Hypostase des archontes. Traité gnostique sur l’origine de l’homme, du monde et des archontes (NH II,4). BCNH 5. Presses de l'Université Laval (Québec) 1980, ISBN 2-7637-6889-X
  • Peter Nagel: Das Wesen der Archonten aus Codex II der gnostischen Bibliothek von Nag Hammadi. Koptischer Text, deutsche Übersetzung und griechische Rückübersetzung. Konkordanz und Indizes. Wissenschaftliche Beiträge der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 1970,6.

Übersetzung

  • Ursula Ulrike Kaiser: Die Hypostase der Archonten (NHC II,4). In: Hans-Martin Schenke u.a. (Hrsg.): Nag Hammadi deutsch. de Gruyter, Berlin/New York 2001/2003. Bd. 2. S. 215-233.
  • Gerd Lüdemann, Martina Janßen: Die Bibel der Häretiker. Radius, Stuttgart 1997. S. 173-183

Sekundärliteratur

  • Ingvild Saelid Gilhus: The nature of the archons. A study in the soteriology of a gnostic treatise from Nag Hammadi (CGII,4). Studies in oriental religions Bd. 12. Harrassowitz, Wiesbaden 1985, ISBN 3-447-02518-2
  • Ursula Ulrike Kaiser: Die Hypostase der Archonten (Nag-Hammadi-Codex II,4). Neu herausgegeben, übersetzt und erklärt. Texte und Untersuchungen zur Geschichte der altchristlichen Literatur 156. de Gruyter, Berlin u.a. 2006, ISBN 978-3-11-019071-7.
  • Martin Krause: Zur Hypostase der Archonten in Codex II von Nag Hammadi. In: Enchoria 2 (1972). S. 1-20.
  • Hans-Martin Schenke: Das sethianische System nach Nag-Hammadi-Handschriften. In: Peter Nagel (Hrsg.): Studia coptica. Berliner byzantinistische Arbeiten 45. Akademie, Berlin 1974. S. 165-172

Weblinks

Einzelnachweise

  1. p. 86,20-27
  2. Vergleiche Kol 1,13 EU und Eph 6,12 EU
  3. p. 86,27-87,11


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