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Johann Georg Gichtel

Johann Georg Gichtel (* 4. oder 14. März 1638 in Regensburg; † 21. Januar 1710 in Amsterdam) war ein deutscher Mystiker und Spiritualist.
Leben
Johann Georg Gichtel wurde 1638 als Sohn eines Steuerbeamten in Regensburg geboren. Er studierte zunächst in Straßburg Theologie, wechselte dann aber zur Rechtswissenschaft. Nach einer kurzen Tätigkeit als Advokat in Speyer kehrte er 1664 nach Regensburg zurück.
Entscheidend war für Gichtel die Begegnung mit dem Juristen Justinian von Welz und dessen Schrift De vita solitaria, in der dieser das Ideal eines weltabgewandten Christentums vertrat. In der Folge beschäftigte sich Gichtel mit weiteren religiösen, später besonders mit Jakob Böhmes Schriften, die er zuerst vollständig herausgab (1682).
Gichtel hatte persönlichen Kontakt mit anderen Gleichgesinnten, namentlich mit Pfarrer Friedrich Breckling von Zwolle. 1665 wurde er aus Regensburg ausgewiesen, 1668 kam er in Zwolle infolge seiner heftigen Kirchenkritik ins Gefängnis und an den Pranger und wurde auch aus Zwolle ausgewiesen. Er suchte nun eine Zufluchtsstätte in Amsterdam, wo er mit mehreren Hausbrüdern und -schwestern zusammen lebte. Seine strenge Lehre, dass man einzig auf den Gott in uns hören, dagegen um die Bedürfnisse des Lebens sich nicht bekümmern solle, rief dabei einige Zerwürfnisse hervor.
Gichtel arbeitete unermüdlich an seiner Theosophie. Dazu machte er asketische Übungen, die ihn zu intensiven mystischen Erfahrungen führten. Dass strenge asketische Übungen als Mittel der geistigen Schulung, allerdings nicht ganz unproblematisch sind, hat Rudolf Steiner aufgezeigt. (Lit.: GA 147, S. 36f)
Gichtels Werk wurde zuerst von seinem Schüler Gottfried Arnold unter dem Titel Theosophische Sendschreiben (1701-1708, 3 Bde.) herausgegeben.
Die Glieder der von ihm gestifteten kleinen Gemeinde in Holland hießen nach ihm Gichtelianer; sie selbst nannten sich Engelsbrüder, weil sie bis zur Reinheit der Engel sich zu erheben hofften, indem die vollkommenen Glieder (Melchisedeksche Priester) nur von freiwilligen Gaben lebten und sich des ehelichen Umganges enthielten, da der wahre Christ mit der himmlischen Sophia vermählt sei.
An die Spitze der Gemeinschaft stellte sich nach dem Tode Gichtels der Kaufmann Johann Wilhelm Überfeld in Leiden, während die Kreise in Altona und Hamburg Johann Otto Glüsing folgten. Johann Wilhelm Überfeld gab Gichtels Werk später nochmals unter dem Titel Theosophia practica (Leiden 1722, 6 Bde.) mit seiner Biographie heraus.
„Jakob Böhme selbst kannte noch durchaus eine Art von Schlaf, bei dem das Bewußtsein erfüllt war von wirklichen Einsichten in den Weltzusammenhang. Solch ein Mensch wie Jakob Böhme, und dann auch Gichtel, der sich noch mit großem Fleiße in eine solche Seelenverfassung hineinfand, sagte: Nun ja, wenn man mit seinen Augen die Sinnendinge beobachtet, mit den anderen Sinnen die Welt erfaßt und dann mit Gedanken dasjenige weiter ergreift, was man da mit den Sinnen erfaßt, dann kann man ja allerlei Schönes über die Welt erfahren; aber die wirklichen Geheimnisse der Welt werden einem da nicht offenbar. Da gibt sich doch nur das äußere Bild der Welt kund.
Wie gesagt, Jakob Böhme und Gichtei kannten solche Zustände des Bewußtseins, wo sie weder schliefen noch bloß träumten, sondern wo das Bewußtsein angefüllt war mit Einsichten über wirkliche Weltengeheimnisse, die hinter der sinnlichen Welt verborgen sind. Und die schätzten sie höher als das, was sich für ihre Sinne und für den Verstand ergab. Das bloße Denken, das war für diese Menschen noch nichts Bedeutsames. Aber auch das Gegenbild war für sie vorhanden, nämlich das Bewußtsein, daß der Mensch wahrnehmen kann ohne seinen Körper. Denn in solchen Bewußtseinszuständen, die weder Schlafen noch Träumen waren, wußten sie zugleich, daß der eigentliche Mensch sich zum großen Teil von seinem Körper losgerissen hat, aber sich mitgenommen hat die Kraft des Blutes, mitgenommen hat die Kraft des Atmens. Und so wußten sie: Weil der Mensch innerlich verbunden ist mit der Welt, aber sein wacher Körper ihm das Verbundensein verfinstert, kann sich der Mensch, wenn er sich bis zu einem gewissen Teil unabhängig macht von diesem wachen Körper, durch die feineren Kräfte dieses Körpers, die das alte Hellsehen, wie ich erklärt habe, herausgesogen hat aus dem Körper, eine Erkenntnis von den Geheimnissen der Welt verschaffen.
Sie fühlten sich darinnenstehend in dieser feineren Natur. Und wenn sie wachten, dann wußten sie: Dasjenige, womit ich, als mit meiner feineren Menschenwesenheit, in der feineren Natur gewesen bin während des Schlafes, auch während des bewußtlosen Schlafes, das lebt auch in mir während des Wachens. Ich fülle mit diesem meinen Körper aus, wenn ich empfinde, wenn ich denke, was dazumal eben durchaus noch nicht reines Denken war. Also, wenn ich mir denkend Bilder mache, dann lebt diese feinere Menschlichkeit in diesen Bildern.
Kurz, es hatte für diese Menschen eine reale Bedeutung, wenn sie sagten : Das, was ich im Schlafe bin, das lebt in mir auch während des Wachens weiter fort. Und sie fühlten etwa wie ein seelisches Blut in den wachen Bewußtseinszuständen das Schlafen weiter fortpulsieren.
Solch ein Mensch, wie Jakob Böhme oder Gichtel, sagte sich: Wenn ich wach bin, da schlafe ich doch weiter. Nämlich das, was in mir während des Schlafes vorgeht, das wirkt auch im Wachen weiter. Das war eine andere Empfindung, als sie der moderne Mensch hat, der nun schon zum bloßen Denken übergegangen ist, zu dem reinen intellektuellen Denken. Dieser moderne Mensch wacht in der Frühe auf und macht einen scharfen Trennungsstrich zwischen dem, was er im Schlafe war und was er nun im Wachen ist. Er zieht sozusagen vom Schlaf nichts hinüber in das wachende Leben. Es hört auf das, was er im Schlafe war, wenn er anfängt zu wachen. Ja, aus solchen Bewußtseinsverhältnissen, wie sie noch in einem solchen Menschen wie Bon lebten, der ein Gichtelianer war, ist eben die moderne Menschheit herausgewachsen, und sie hat dadurch etwas verwirklicht, was in der Anlage eigentlich schon seit dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts vorhanden war. Sie hat das verwirklicht, indem sie übergegangen ist im wachen Tagesleben zu dem bloßen intellektualistischen Denken. Das beherrscht ja heute alle Menschen. Sie denken nicht mehr in Bildern. Die Bilder betrachten sie als Mythologie, wie ich gestern gesagt habe. Sie denken in Gedanken, und sie schlafen im Nichts.“ (Lit.: GA 221, S. 32ff)
Die Lotosblumen in ihrer Beziehung zu den kosmischen Verhältnissen



Gichtel setzt in seinen Ausführungen über den Inneren Menschen[1] die Lotosblumen (allerdings ohne diese namentlich als solche zu bezeichnen) in Beziehung zu den Planetensphären:
| Scheitelchakra | Saturn | 1000-blättrig |
| Stirnchakra | Jupiter | 2-blättrig |
| Halschakra | Mars | 16-blättrig |
| Herzchakra | Sonne | 12-blättrig |
| Nabelchakra | Venus | 10-blättrig |
| Sakralchakra | Merkur | 6-blättrig |
| Wurzelchakra | Mond | 4-blättrig |
Die Zahl der Blätter der Lotosblumen hängt sehr deutlich mit planetarischen Rhythmen zusammen. So zeigen sich im Wurzelchakra die 4 Mondphasen, im Sakralchakra die drei oberen und die drei unteren Konjunktionen des Merkur (Merkur-Hexagramm) und dem Nabelchakra liegt das Venus-Pentagramm zugrunde. Diese Planetenkräfte wirken übrigens auch bei der Gestaltung äußerer Blütenformen mit: Merkur bei den sechsstrahligen Blüten (Liliengewächse) und Venus bei den fünfstrahligen Blüten (Rosengewächse). Im 12-blättrigen Herzlotos bildet sich der Weg der Sonne durch die 12 Tierkreiszeichen ab.
Zu beachten ist die okkulte Reihenfolge der Planeten (Mond – Merkur – Venus – Sonne – Mars – Jupiter - Saturn), bei der die Planeten Merkur und Venus gegenüber den heutigen Darstellungen nach dem heliozentrischen System vertauscht sind. Gichtel war diese okkulte Reihung ganz offenbar vertraut. Rudolf Steiner hat auch auf diese Vertauschung der Reihenfolge von Merkur und Venus mehrmals sehr hingewiesen.
Literatur
- Johann Gustav Reinbeck: Joh. Gustav Reinbecks Nachricht von Gichtels Lebens-Lauf und Lehren, da jener aus seinen eigenen Brieffen zusammen gezogen ist, diese aber nach der Heiligen Schrifft geprüfet worden, vormahls in denen so genanndten Berlinischen Heb-Opfern heraus gegeben, nun aber aus bewegenden Ursachen besonders wieder abgedrucket. Berlin: Rüdiger, 1732 (Digitalisat in der Google Buchsuche).
- Adolf Harless: Jakob Böhme und die Alchymisten. Ein Beitrag zum Verständniß J. Böhme's. Nebst einem Anhang: J. G. Gichtel's Leben und Irrthümer. Von G. C. Adolf von Harleß. Berlin: Schlawitz, 1870 (Digitalisat der 2., vermehrten Auflage von 1882 im Internet Archive ).
- Peter J.A. Nissen: Gichtel, Johann Georg. In: LThK3 4, 643.
- Rudolf Steiner: Die Geheimnisse der Schwelle, GA 147 (1997), ISBN 3-7274-1470-7 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org English: rsarchive.org
- Rudolf Steiner: Erdenwissen und Himmelserkenntnis, GA 221 (1998), ISBN 3-7274-2210-6 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org English: rsarchive.org
- Rudolf Steiner: Erdenwissen und Himmelserkenntnis, GA 221 (2015), ISBN 978-3-7274-2211-9
Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com.
Freie Werkausgaben gibt es auf steiner.wiki, bdn-steiner.ru, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv. Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com Die Rudolf Steiner Ausgaben basieren auf Klartextnachschriften, die dem gesprochenen Wort Rudolf Steiners so nah wie möglich kommen. Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners. |
Weblinks
- Werke online
- Theosophia practica 1. Teil
- Theosophia practica 2. Teil
- Theosophia practica 3. Teil
- Theosophia practica 4. Teil
- Theosophia practica 5. Teil
- Theosophia practica 6. Teil
- Theosophia practica 7. Teil (Lebensbeschreibung)
- Eine kurze Eröffnung und Anweisung der dreyen Principien und Welten im Menschen
Einzelnachweise
| Dieser Artikel basiert auf einer für AnthroWiki adaptierten Fassung des Artikels Johann Georg Gichtel aus der freien Enzyklopädie de.wikipedia.org und steht unter der Lizenz Creative Commons Attribution/Share Alike. In Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar. |



















