Johann Kleinfercher

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Fercher von Steinwand (1828-1902); Ölgemälde von Karl Bender.
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Johann Kleinfercher (* 22. März 1828 in der Unteren Steinwand, Gemeinde Stall im Mölltal in Kärnten; † 7. März 1902 in Wien), der sich später Johann Fercher von Steinwand oder kurz Fercher von Steinwand nannte, war ein österreichischer Dichter, der sich durch idealistischen Schwung und eine im Kosmos verwurzelte spirituelle Tiefe auszeichnete. Rudolf Steiner bezeichnete ihn als eine wahre Lichtgestalt und als einen Weisen, der seine Weisheit in echter Dichtung offenbart (s.u.).

Leben

Johann Kleinfercher wurde in ärmlichen Verhältnissen in dem Weiler Untere Steinwand als Sohn der mittellosen ledigen Magd Anna Kleinfercher geboren. Sie stand in den Diensten seines Vaters Georg Frohnwisser, der aus Feldkirchen in Kärnten stammte und auf einem gepachteten Anwesen eine unerfüllte Ehe führte und als recht lebenslustiger Don Juan galt. Aus der Verbindung mit Anna wurde zuerst Josef als das erste gemeinsame Kind der beiden geboren und dann, als Georgs Frau bereits verstorben war, wurde Anna mit Johann schwanger. In dieser Zeit verlor Georg seinen Hof und musste Anna zurück zu ihren Eltern schicken, doch die wollten von ihrer "sündigen" Tochter nichts wissen. In der Steinwand fand Anna schließlich eine bescheidene Wohnstatt, in der Johann das Licht der Welt erblickte. Hunger, bittere Armut und Krankheit mit körperlichen und seelischen Schmerzen prägten schon die frühe Kindheit Johanns und sollten ihn auch auf seinem ganzen Lebensweg begleiten. Und so schreibt Fercher von Steinwand über die Wahl seines späteren Dichternamens im Vorwort seiner dreibändigen Werkausgabe, deren Erscheinen er aber nicht mehr erlebte:

„Die zweite Hälfte des Namens Johann Fercher von Steinwand ist meiner Heimats- und Geburtsstätte entnommen. Ich begann mein Leben am 22. März 1828 auf den Höhen der Steinwand über den Ufern der Möll in Kärnten, also in der Mitte einer trotzigen Gemeinde von hochhäuptigen Bergen, unter deren gebieterischer Grösse der belastete Mensch beständig zu verarmen scheint. Eine strenge Mutter, nicht ohne Heftigkeit, ein Vater, entschiedenen Herzens, doch geizig an Worten, schickten mich bereits im fünften Jahr in die entlegene Schule und zur - Beichte. Der Herr Ortspfarrer von St. Georgen zu Stall entdeckte, dass der scheinbar schroffe Junge schon ganz trefflich das Gute vom Bösen zu unterscheiden wisse. Ihm beistimmend zur Seite stand der tapfre Kaplan Johann Tanzenberger, eines ehrenden Gedenkens würdig. Denn er lehrte seinen eifrigen Zögling beizeiten das ala-œ und sum-es-est kennen.“

Fercher von Steinwand: Sämtliche Werke (Vorwort)

In der Pfarrschule in Stall zeigte sich der Knabe allerdings schon bald als sehr begabt. Er las alles, was es gab: die Bibel, Messbücher, Hauspostillen. Mit neun Jahren war er Messgehilfe in Stall und besuchte die Schule in Obervellach, wo er auch oft seinen Vater traf, dessen lebhaftes Temperament für Johann sehr anregend war. Hier fand er auch Fragmente von Schillers "Räuber", von denen er viele Passagen auswendig lernte und ein altes Predigtbuch, das ihn dazu beflügelte, abends so beeindruckende Predigten für die Mägde und Knechte zu halten, dass alle ihn ermunterten, Geistlicher zu werden: "Håns, du musst wohl Geischtlener wern, predigen kånnste ja sakarisch".

Der Ortspfarrer von St. Georgen und Kaplan Tanzenberger von Stall förderten Johanns Talente und so wurde er 1841 ins Benediktiner-Gymnasium in Klagenfurt aufgenommen, wo er auch eine Stelle als Familiar bekam und unentgeltlich bei Pater Joseph Heilmann wohnen konnte, der das Gymnasium leitete. 1845 wurde hier sein erstes Gedicht gedruckt. Viel Freude bereiteten Johann wild-schaurige Raubrittergeschichten von Josef Alois Gleich (1772-1841), die er zusammen mit einigen Schulkameraden gegen Eintritt heimlich auf die Bühne brachte. Als Pater Joseph die Sache entdeckte, stellte er sie sofort ab und es gab eine saftige Strafe.

Später, zur Zeit der bürgerlichen Revolution von 1848, wurde Johann zum Anführer der heimlich gegründeten Studenten-Burschenschaft "Teurnia", benannt nach der antiken norischen und später römischen Stadt Teurnia in Oberkärnten. Der Gemeinschaft gehörte auch Alois Egger (1829-1904) an, der lebenslang der engste Vertraute Johanns blieb und später ein anerkannter Germanist und Hauslehrer von Kronprinz Rudolf wurde. Es ging im Teurnia-Bund um "Glaube, Hoffnung und (Freundes-)Liebe", man las gemeinsam Gedichte und gab eine Zeitschrift heraus, und alles war ganz unpolitisch - man hielt Johann dennoch für verdächtig und wollte ihn präventiv in die kaiserliche Armee einberufen. Nur durch eine vorgetäuschte Krankheit mit Spitalsaufenthalt konnte er dem vorerst entgehen. Um einem neuerlichen Rekrutierungsbefehl auszuweichen, flüchtete er schließlich 1849 über die Karawanken nach Slowenien, wo er in Gorica (Görz) erfolgreich die ausstehenden Prüfungen über die letzten drei Gymnasialsemester ablegte.

Noch im selben Jahr 1849 begann Johann nach bestandener Reifeprüfung Rechtswissenschaften und Philosophie an der Universität Graz zu studieren. Hier wurden die unerschütterlichen Grundfesten seiner dem Idealismus verpflichteten Gesinnung gemauert.

„Mit meinen Wertpapieren, die natürlich nichts als Schulzeugnisse vorstellten, knapp an der Brust, meldete ich mich in Graz beim Dekan. Das war der Professor Edlauer, ein Kriminalist von bedeutendem Ruf. Er hoffe mich zu sehen (sprach er) als fleißigen Zuhörer in seinem Kollegium, er werde über Naturrecht lesen. Hinter dem Vorhang dieser harmlosen Ankündigung führte er uns das ganze Semester hindurch in begeisternden Vorträgen die deutschen Philosophen vor, die unter der väterlichen Obsorge unserer geistigen Vormünder wohlmeinend durch Verbote ferngehalten worden waren: Fichte, Schelling, Hegel und so weiter, also Helden, das heißt Begründer und Befruchter alles reinen Denkgebietes, Sprachgeber und Begriffsschöpfer für jede andere Wissenschaft, mithin erlauchte Namen, die heutzutage von unseren Gassenecken leuchten und sich dort in ihrer eigentümlichen diamantenen Klarheit fast wunderlich ausnehmen. Dieses Semester war meine vita nuova!“

Fercher von Steinwand: Sämtliche Werke

In Wien studierte Johann ab 1850 Literatur. Am Theresianum belegte er Alt-, Mittel- und Neuhochdeutsch und römische Literatur. Bittere Armut kennzeichnete Ferchers Leben auch in Wien. 1852 erkrankte er schwer an Hungertyphus (Fleckfieber). Das Leben rette ihm sein behandelnder Arzt Dr. Bötticher, der sich für seine Dichtungen begeisterte und ihm freie Wohnung und Pflege anbot. Rudolf Steiner schreibt dazu in einem Brief an Radegunde Fehr vom 15. Juli 1888:

"Sehen Sie, dieser Fercher ist der Sohn eines Bauern, hat als Chorknabe ein Ordensgymnasium absolviert und ist dann nach Wien an die Universität gekommen. Hier hatte er nicht zu leben und er kam so weit, daß ihm selbst ein Stückchen Brot fehlte. Er verfiel dem Hungertyphus und war dem Tode nahe. Seine Rettung verdankt er nur dem Umstande, daß neben seinem Krankenbette im Spitale ein von ihm geschriebenes Drama lag, das sein Arzt sah, las, und nun von der Genialität seines Patienten so durchdrungen war, daß er sein alles dransetzte, ihn zu retten." (Lit.: GA 038, S. 173f)


Bei Sternenhelle

Oben, wo es nächtig blaut,
Funkelndes Gedränge,
Unten, wo das Auge taut,
Milden Sehnens Klänge!

Klimme, Seele, leis' empor
Auf des Klanges Gleisen,
Sterne, glänzt der Seele vor
In des Himmels Kreisen!

Dass ihn das Ehepaar Bötticher schließlich adoptierte, ermöglichte Fercher sein Dichterleben und sein weiteres Studium. Von 1852 bis 1857 war er Gasthörer an der Universität Wien, wo er Vorlesungen über Geschichte, Geographie, klassische Philologie, Kunstgeschichte und auch über die Sternenkunde hörte.

„Nur die erhabenste Wissenschaft, die Sternkunde, behielt und bewahrte ihre alte Turmherberge, wie vergessen im Wirbel der ungestümen und feindseligen Tage. Um mich von dem unruhigen Missbehagen zu befreien, das mir mein geringer Einblick in den unermesslichen, ideenbevölkerten Lichtstaat einflösste, besuchte ich drei Jahre hindurch die Schule der Sterne. Das war für Gemüt und Geist eine Aufrichtung, ein immer wieder zu Herzen sprechender Trost.“

Fercher von Steinwand: Sämtliche Werke

Für die Zeitschrift "Der Wanderer" schrieb Fercher 1854 die Dichtungen "Der Eisenbahnzug" und "Grabbe". Im selben Jahr entstand auch "Ein Prometheus", eine Künstlertragödie um Christian Dietrich Grabbe.

Ludwig August Frankl und Robert Hamerling unterstützen Ferchers Pläne als Dichter, mit denen er dem materialistischen Zeitgeist schroff entgegentreten wollte, so etwa in der 1874 erschienen kritischen Verssatire "Gräfin Seelenbrand", die den ausdrücklichen Beifall Hamerlings fand.

Der Anatom Josef Hyrtl (1810-1894), Förderer und Gönner von Fercher von Steinwand.
Robert Hamerling (1830-1889)

In dem weltbekannten Anatomen Josef Hyrtl, den Fercher durch seinen Studienfreund und späteren Herausgeber seiner Werke, Johann Fachbach Edler von Lohnbach, kennenlernte, fand er einen bedeutsamen Förderer und Gesinnungsgenossen, mit dem er die kritische Haltung gegenüber dem materialistischen Fortschrittsglauben teilte, die Hyrtl auch in seiner Inaugurationsrede als Rektor der Universität Wien deutlich herausgestrichen hatte:

„Fasse ich, zum Schlusse eilend, das Gesagte zusammen, so kann ich mir nicht erklären, welche wissenschaftlichen Gründe das Wiederaufleben der alten, materialistischen Weltanschauung des Epikur und Lucrez in Schutz nehmen oder rechtfertigen und ihr eine allgemeine oder bleibende Herrschaft zusichern sollen. Beobachtung und Erfahrung sprechen heute nicht mehr als damals zu ihren Gunsten, und die mit Recht so gepriesene, exacte Methode der Naturwissenschaften hat nichts gebracht, ihre Haltbarkeit zu vermehren. Sie ist, was sie damals war, eine Ansicht, keine cognita certa ex principiis certis, wie der römische Redner die Wissenschaft definiert. Ihre Erfolge beruhen nicht auf der Klarheit und Unangreifbarkeit ihrer Argumente, sondern auf der Kühnheit ihres Auftretens und in dem herrschenden Geiste der Zeit, welcher Lehren dieser Art um so lieber popularisiert, je gefährlicher sie der bestehenden Ordnung der Dinge zu werden versprechen. Zu einem bleibenden Siege des Wissens hat es der erdgebundene Titan des Materialismus nicht gebracht, und er wird es auch nicht bringen, so lange die ernste Wissenschaft sich nicht selbst aufgibt, und sie deren Stärke und Macht auf Grund und Boden sichergestellter und wohlverstandener Thatsachen beruht, nicht dem Götzen der Meinung opfert und ihre eigene Sache für verloren hält.“

Josef Hyrtl: Die Materialistische Weltanschauung unserer Zeit. Inaugurationsrede am 1. Oktober 1864.

Ab 1857 war Fercher von Steinwand Mitarbeiter der Zeitschrift "Die Lyra". Von 1862 bis 1879 lebte Fercher in Perchtoldsdorf.

Dem idealistischen Schwung des wahren, nicht nationalistisch verzerrten «deutschen Volksgeistes» fühlte sich Fercher von Steinwand tief verpflichtet und vermochte ihn in vielen seiner Dichtungen in kosmische Höhen zu führen. Das wird besonders auch in den 1881 erschienen «Deutschen Klängen aus Österreich» deutlich, in denen er diesen Geist preist.

"... jener Geist, wie gesagt, den auch Fercher von Steinwand, der Dichter der «Deutschen Klänge aus Österreich» empfindet als den Geist, der die Seele der einzelnen Menschen stets verjüngt, weil er dahinein stets scheinen läßt dasjenige, was da spricht aus der Sternenwelt, aus Sonnen und Monden; den Geist, der zum Herzen spricht im intimsten Sinne, weil er von den Weiten des Weltalls spricht; diesen deutschen Geist, diesen verjüngenden deutschen Geist ..." (Lit.: GA 064, S. 322)

Aus der Sehnsucht, ein diesem Geist würdiges deutsches Nationaldrama zu schaffen, entstanden die Dramen und Dramenfragmente "Drahomira", "Der Thronwechsel", "Berengar" und "Dankmar", für das Kleinfercher 1867 den Literaturpreis des österreichischen Reichsrats erhielt. In ihnen lebt das Feuer und der idealistische Schwung von Schillers frühen Dramen.

Die Beziehung Ferchers zum «deutschen Volksgeist» hatte dabei durchaus auch pessimistisch-melancholische Züge, entstanden aus der Empfindung, dass dieser unruhevoll bewegte deutsche Volksgeist seine wahre Bestimmung, seinen Platz in der Welt, noch nicht gefunden habe. So sagte er in seiner berühmten «Zigeuner-Rede», in der er die Deutschen mit den Zigeunern vergleicht und auf ihren gemeinsamen indogermanischen Ursprung verweist, und die er während einer Deutschlandreise am 4. April 1859 im Dresdener Altertumsverein in Gegenwart des damaligen Kronprinzen Georg von Sachsen und vor sämtlichen Ministern und hohen militärischen Würdeträgern an die Deutschen richtete:

„Was wir reden, hat nicht Mark; was wir tun, hat nicht Kern; was wir künstlerisch schaffen, hat nicht den Klang, nicht den Adel der großen Natur. Es sieht aus, als hätten wir uns die Aufgabe gestellt, die Kunst durch dürre Eigenheiten, durch nüchterne Volkstümlichkeit, durch erzwungene Naturalismen zu necken. Was wir im übrigen noch denken oder zur Geschichte beitragen, hat Raum genug im Hohlkegel einer Schlafmütze.“

Fercher von Steinwand: Sämtliche Werke, zit. nach GA 185a, S. 86f
Die Fercher von Steinwand Gedächtnisschule in Steinwand.
Die Dichterstube in der Fercher von Steinwand Gedächtmnisschule.

Durch seinen Jugendfreund Fritz Lemmermayer, in dessen Dichterkreis er sich zeitweilig bewegte, war Rudolf Steiner am Ende der 1880er Jahre Fercher von Steinwand begegnet und von dessen Persönlichkeit, durch die sich tiefe Weisheit in dichterischer Sprache offenbarte, nachhaltig beeindruckt; auch später griff er oft auf seine Dichtungen zurück. 1891, nachdem Steiner schon in Weimar an der Herausgabe der Naturwissenschaftlichen Schriften Goethes für die große Weimarer Goethe-Ausgabe arbeitete, rief man den Schrifstellerbund Iduna - benannt nach Iduna, der nordischen Göttin der Jugend und Unsterblichkeit - als katholisch-konservatives Gegengewicht gegen die Strömungen des Naturalismus und insbesondere gegen die von Hermann Bahr angeführte Gruppe Jung-Wien ins Leben. Organ des Bundes war die gleichnamige "Iduna - Zeitschrift für Dichtung und Kritik". Dem Iduna-Bund, dessen Ehrenvorsitz Fercher bis 1893 führte, gehörten auch die Dichterinnen Marie Eugenie delle Grazie und Emilie Mataja und der katholische Schriftsteller und Kulturphilosoph Richard Kralik an. Lemmermayer war Vizepräsident und Auguste Hyrtl, die Gattin Josef Hyrtls, Vorstandsmitglied dieses Kreises.

In «Mein Lebensgang» schreibt Steiner über die Begegnung mit Fercher von Steinwand:

"In diesem Kreise hörte ich nun mit großer Begeisterung von einem deutsch-österreichischen Dichter sprechen und lernte auch zunächst einige seiner Dichtungen kennen. Diese machten auf mich einen starken Eindruck. Ich strebte danach, ihn kennen zu lernen. Ich fragte Fritz Lemmermayer, der ihn gut kannte, und einige andere, ob der Dichter nicht zu unseren Versammlungen eingeladen werden könnte. Aber man sagte mir, der ist nicht herzukriegen, wenn man vier Pferde anspannte. Der sei ein Sonderling und wolle nicht unter Leute gehen. Ich wollte aber durchaus ihn kennen lernen. Da machte sich denn die ganze Gesellschaft eines Abends auf und wanderte nach dem Orte, wo ihn die «Wissenden» finden konnten. Es war eine kleine Weinstube in einer Parallelgasse zur Kärntnerstraße. Da saß er in einer Ecke, sein nicht kleines Glas Rotwein vor sich. Er saß, wie wenn er seit unbegrenzt langer Zeit gesessen hätte und noch unbegrenzte Zeit sitzen bleiben wollte. Ein schon recht alter Herr, aber mit jugendlich leuchtenden Augen und einem Antlitz, das in den feinsten, sprechendsten Zügen den Dichter und Idealisten offenbarte. Er sah uns Eintretende zunächst nicht. Denn durch den edelgeformten Kopf zog sichtlich eine entstehende Dichtung. Fritz Lemmermayer mußte ihn erst am Arm fassen; da wendete er das Gesicht zu uns und blickte uns an. Wir hatten ihn gestört. Das konnte sein betroffener Blick nicht verbergen; aber er offenbarte es auf die allerliebenswürdigste Weise. Wir stellten uns um ihn. Zum Sitzen war für so viele kein Platz in der engen Stube. Es war nun merkwürdig, wie der Mann, der als ein «Sonderling» geschildert worden war, sich nach ganz kurzer Zeit als geistvoll-gesprächig erwies. Wir empfanden alle, mit dem, was sich da zwischen Seelen im Gespräche abspielte, können wir in der dumpfen Enge dieser Stube nicht bleiben. Und es gehörte nun gar nicht viel dazu, um den «Sonderling» mit uns in ein anderes «Lokal» zu bringen. Wir ändern außer ihm und einem Bekannten von ihm, der schon lange in unserem Kreise verkehrte, waren alle jung; doch bald zeigte es sich, daß wir noch nie so jung waren, als an diesem Abend, da der alte Herr unter uns war, denn der war eigentlich der allerjüngste.

Ich war in tiefster Seele ergriffen von dem Zauber dieser Persönlichkeit. Es war mir ohne weiteres klar, daß dieser Mann noch viel Bedeutenderes geschaffen haben müsse, als er veröffentlicht hatte, und ich fragte ihn kühnlich danach. Da antwortete er fast scheu: ja, ich habe zu Hause noch einige kosmische Sachen. Und ich konnte ihn dahin bringen, daß er versprach, diese das nächste Mal, wenn wir ihn sehen dürfen, mitzubringen.

So lernte ich Fercher von Steinwand kennen. Ein kerniger, ideenvoller, idealistisch fühlender Dichter aus dem Kärntnerland. Er war das Kind armer Leute und hat seine Jugend unter großen Entbehrungen verlebt. Der bedeutende Anatom Hyrtl hat ihn schätzen gelernt und ihm ein Dasein ermöglicht, in dem er ganz seinem Dichten, Denken und Sinnen leben konnte. Die Welt wußte recht lange wenig von ihm. Robert Hamerling brachte ihm von dem Erscheinen seiner ersten Dichtung, der «Gräfin Seelenbrand», an die vollste Anerkennung entgegen.

Wir brauchten nunmehr den «Sonderling» nicht mehr zu holen. Er erschien fast regelmäßig an unseren Abenden. Mir wurde die große Freude, daß er an einem derselben seine «kosmischen Sachen» mitbrachte. Es waren der «Chor der Urtriebe» und der «Chor der Urträume», Dichtungen, in denen in schwungvollen Rhythmen Empfindungen leben, die an die Schöpferkräfte der Welt heranzudringen scheinen. Da weben wie wesenhaft Ideen in herrlichem Wohlklang, die als Bilder der Weltkeimesmächte wirken. Ich betrachte die Tatsache, daß ich Fercher von Steinwand habe kennenlernen dürfen, als eine der wichtigen, die in jungen Jahren an mich herangetreten sind. Denn seine Persönlichkeit wirkte wie die eines Weisen, der seine Weisheit in echter Dichtung offenbart.

Ich hatte gerungen mit dem Rätsel der wiederholten Erdenleben des Menschen. Manche Anschauung in dieser Richtung war mir aufgegangen, wenn ich Menschen nahegetreten war, die in dem Habitus ihres Lebens, in dem Gepräge ihrer Persönlichkeit unschwer die Spuren eines Wesensinhaltes offenbaren, den man nicht in dem suchen darf, was sie durch die Geburt ererbt und seit dieser erfahren haben. Aber in dem Mienenspiel, in jeder Geberde Ferchers zeigte sich mir die Seelenwesenheit, die nur gebildet sein konnte in der Zeit vom Anfange der christlichen Entwickelung, da noch griechisches Heidentum nachwirkte in dieser Entwickelung." (Lit.: GA 028, S. 147ff)

Und in «Vom Menschenrätsel» heißt es:

"Er war «ein guter Deutscher, Österreicher und Kärntner, alles gewesen»; wenn man auch wohl kaum von ihm sagen konnte, daß er «außerhalb des Bezirkes seiner engsten Heimat kaum denkbar war». Ich lernte ihn Ende der achtziger Jahre in Wien kennen und konnte während einer kurzen Zeit mit ihm persönlich verkehren. Er war damals sechzigjährig; eine wahre Lichtgestalt; schon äußerlich; aus edlen Zügen, aus sprechenden Augen, in ausdrucksreichen Gesten offenbarte sich einnehmende Wärme; durch Abgeklärtheit und Besonnenheit hindurch wirkte im Greise noch wie mit Jugendfrische diese Seele. Und lernte man näher kennen diese Seele, ihre Eigenart, ihre Schöpfungen, so sah man, wie in ihr sich vereint hatte die von den Kärntner Bergen zugerichtete Empfindung mit einem zum Sinnen gewordenen Leben in der Kraft des deutschen Weltanschauungsidealismus. — Ein Sinnen, das ganz als dichterische Bilderwelt schon in der Seele geboren wird; das mit dieser Bilderwelt in Daseinstiefen weist; das Weltenrätseln sich künstlerisch gegenüberstellt, ohne daß die Ursprünglichkeit des Kunstschaffens sich in Gedankendichtung verblaßt ..." (Lit.: GA 020, S. 99f)

Seine Mölltaler Heimat besuchte Fercher von Steinwand zum letzten Mal im Sommer 1901. Am 7. März 1902 starb er in Wien, wo er ein Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof (Gruppe 0, Reihe 1, Nummer 30) erhielt. 1904 wurde die Ferchergasse in Wien-Hernals nach ihm benannt.

Ihm zu Ehren wurde auf Betreiben des damaligen Oberlehrers und späterem Direktor Franz Joachim von 1930 bis 1932 in Steinwand die Fercher von Steinwand Gedächtnisschule errichtet, die ursprünglich als einklassige Volksschule geführt wurde. Mit EU-Fördermitteln konnte darin später ein Dichterzimmer eingerichtet werden, das am 22. März 1998 anlässlich Ferchers 170. Geburtstages feierlich eingeweiht wurde.

Zitat

"«Wir Deutschen haben die unselige Tugend, ein fremdes Volk bis zur blöden Hintansetzung unsrer selbst zu achten, auch wenn dasselbe wenig oder nichts Lobenswertes für sich hätte, als eine hervorstechende Eigenheit.»" (Zitat von Johann Kleinfercher (Fercher von Steinwand) in Rudolf Steiner, GA 185a, S. 84f)

Werke

  • Ein Prometheus, 1854
  • Der Eisenbahnzug, 1854
  • Grabbe, 1854
  • Dankmar. Eine Tragödie in fünf Aufzügen., 1867; ausgezeichnet mit dem Literaturpreis des österreichischen Reichsrats [1]
  • Gräfin Seelenbrand, 1874
  • Deutsche Klänge aus Österreich, Gedichtband, 1881
  • Johannesfeuer, 1898
  • Sämtliche Werke, 3 Bde., Hg. Johann Fachbach Edler von Lohnbach, Wien 1903; darin enthalten die posthum veröffentlichten Dramenfragmente Drahomira, König Chunrad und Berengar
  • Briefe, Hg. Johann Fachbach Edler von Lohnbach, Wien 1905
  • Kosmische Chöre, Hg. Heinrich O. Proskauer, Stuttgartt 1966

Literatur


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Weblinks

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