Unsterblichkeit

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Als Unsterblichkeit (griech. αθανασία athanasia, Athanasie; lat.: Immortalitas) wird im allgemeinen das bewusste Weiterleben der individuellen menschlichen Seele nach dem Tod bezeichnet. Sie ist zu unterscheiden von dem bloßen Fortbestand der Seelensubstanz, die sich in der allgemeinen Seelenwelt zerstreut, wie das beim Tier nach dem Tod geschieht, aber auch von der Auferstehung, die darüber hinaus auch die Wiederherstellung des Leibes, nun aber in unverweslicher Gestalt, bedeutet. Der notwendige, aber meist wenig beachtete Gegenbegriff zur Unsterblichkeit ist die Ungeborenheit, die Präexistenz der menschlichen Individualität vor der Geburt. Beide Begriffe zusammengenommen sind grundlegend für das Verständnis der Reinkarnation des Menschengeistes.

Biologische Unsterblichkeit

Einzeller, die sich unter idealen Bedingungen durch Zellteilung praktisch unbegrenzt ungeschlechtlich vermehren, sind im biologischen Sinn „potentiell unsterblich“. Sie unterliegen in diesem Sinn weder der Alterung noch dem Tod.

Unsterblichkeit der Seele

Betende Madonna auf der Mondsichel, Spanien, 17. Jh. (anonym)
Siehe auch: Seelentod

Die Unsterblichkeit der Seele besteht nicht einfach im Fortleben dessen, was wir als empirisches Seelenleben - im angelsächsischen Sprachraum „mind“ genannt - aus dem Erdendasein kennen, denn dieses ist weitgehend an die Tätigkeit unserer physischen Organistation gebunden.

„Diejenigen, die über die Unsterblichkeit der Seele gedacht haben, haben immer gedacht wie über etwas, was im gewöhnlichen Leben ist und durch die Pforte des Todes geht; während man das, was durch die Pforte des Todes geht, eben erst suchen muß, denn es liegt so tief verborgen in der Seele, daß es gar nicht beachtet wird, daß die Aufmerksamkeit im gewöhnlichen Leben nicht darauf gerichtet ist; aber es ist eben doch da. Und wenn derjenige, der so wirklich, gleichsam chemisch, abtrennt das Geistig-Seelische vom Leiblichen, wenn er dieses Geistig-Seelische dann erlebt, wie es geborgen wird in einer über ihm stehenden, übersinnlichen Welt von geistigen Wesenheiten, dann weiß er auch, daß er in diesem, sich im gewöhnlichen Leben Verbergenden der Seele — so wie der Wasserstoff im Wasser verborgen ist —, daß er in dem etwas hat, was ganz im geheimen arbeitet, sozusagen zwischen den Zeilen des Lebens; was so die feinsten Kräfte der Seele, der Erfahrung, der moralischen Fähigkeiten des Menschen in sich aufnimmt, wie der kleine Pflanzenkeim aufnimmt aus der ganzen Pflanze die Kräfte, um sie zu konzentrieren. Und wie nach dem Abwelken, nachdem die Blätter abwelken und die Blüte erstirbt, die Pflanze als kleinen Keim das, was in der vorigen Pflanze gelebt hat, hinüberträgt in die folgende Pflanze, das, was die Pflanze als Keim hinüber gerettet hat, — so ist es in der Menschenseele. Wenn man sie so herausdestilliert, so merkt man: unablässig arbeitet in jedem Augenblick des Lebens, wachend und schlafend, diese Menschenseele in den Untergründen des alltäglichen Lebens, arbeitet heraus alles das, was wir uns an Fähigkeiten aneignen, wird durchdrungen, tief durchdrungen von dem, was sie getan hat an Unrecht und Recht, Schön und Häßlich; das trägt sie in sich, wie der Pflanzenkeim in sich trägt den Keim der ganzen neuen Pflanze. Und dann weiß man, daß das so verborgen in der Seele Lebende ein Leben durchmacht zwischen Tod und neuer Geburt — und wiederum zurückkehrt zum Erdenleben. In dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt sammelt aus einer geistigen Welt heraus dann der Mensch die Kräfte, die aber Bildekräfte werden, so daß er sich durch eine neue Geburt vereinigen kann mit dem, was ihm gegeben wird von Vater und Mutter, von der Vorfahrenreihe. So durchlebt die Menschenseele nicht ein Erdenleben, sondern aufeinanderfolgende Erdenleben.“ (Lit.:GA 64, S. 342f)

Vor allem aber ist die Unsterblichkeit der Seele nicht etwas, das dem Menschen von vornherein und unverlierbar geben ist, sondern etwas, das er sich aktiv erwerben und ebenso aktiv bewahren muss.

„Innere Aktivität, inneres aktives Mittun mit dem, was der Mensch aus sich macht, sogar was er aus sich macht als einem unsterblichen Wesen, das ist notwendig. Der Mensch muß arbeiten an seiner Unsterblichkeit. Das ist dasjenige, was sich die meisten Menschen gern wegzaubern lassen möchten. Sie glauben, eine Erkenntnis kann einen nur etwas von dem lehren, was ja sowieso ist, kann einen höchstens lehren, der Mensch sei unsterblich [...]

Das ist im Grunde genommen in Wahrheit ja die christliche Lehre. Daher soll der Mensch nicht bloß, wie es ein neueres Bekenntnis durchaus will, den Glauben an Christus haben, sondern er soll das Pauluswort beherzigen: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.» Die Kraft des Christus in mir, entwickelt muß sie werden wollen und ausgebildet muß sie werden! Der Glaube als solcher kann durchaus den Menschen nicht retten, sondern einzig und allein das innere Zusammenarbeiten mit dem Christus, das innere Sich-Erarbeiten der Christuskraft, die ja immer da ist, wenn man sie sich erarbeiten will, die aber erarbeitet werden muß. Initiative, Aktivität, das ist es, womit die Menschheit sich wird erfüllen müssen. Und einsehen wird sie müssen, daß der bloß passive Glaube den Menschen einfach zu leicht macht, so daß allmählich die Unsterblichkeit auf der Erde sterben würde. Das ist das Bestreben des Ahriman.“ (Lit.:GA 205, S. 186f)

„Platons "Phaidon" will nichts anderes als Seelenewigkeit. Er will Seelenewigkeit nicht etwa beweisen. Es handelt sich nicht um logische Beweise. Er bezweckt ein Hinaufleben desjenigen, was sich um Sokrates herumschart, und ein Einleben in eine neue Welt. Die Seele soll sich erheben dadurch, dass sie sich abwendet von dem, was man mit Augen sehen und mit Ohren hören kann. Kurz, die Ewigkeit soll etwas sein, was man erwirbt, was man durch die Einführung in die Mysterien erwirbt. Platos Schüler sagt: Die Seele kann unsterblich werden, wenn sie sich erhebt zur Ewigkeitsschau. Wenn sie das Geistige sieht, nimmt sie Anteil am geistigen Leben. Dadurch wird sie ewig. Das ist ein Entwicklungsprozess, den wir im platonischen "Phaidon" durchgemacht haben, auch ein Entwicklungsprozess, den wir im "Gastmahl" sehen [...]

Das ist das, was als Grundelement den platonischen "Phaidon" durchzieht. Da sagt Plato: Ihr könnt sehen, was Ihr wollt, wenn Ihr aber nur das wahrnehmt, was Eure Augen, Ohren, die äusseren Sinne geben, dann könnt Ihr nicht ins Geistige kommen. Das Uebersinnliche ist es, was Euch die Seelenewigkeit verbürgt. - Er konnte die Seelenewigkeit nicht beweisen lassen. Die Schüler sollten sie erwerben, sie sollten unsterblich werden. Das ist die Grundauffassung der platonischen Methode.“ (Lit.: R. Steiner 1901/1902, 12. Vortrag, [1])

Bis zur Zeit des Mysteriums von Golgatha hatten die Menschen, allerdings noch ohne ausgeprägtes Ich-Bewusstsein, ein inneres Wissen von ihrem wahren Ich. Je stärker das leibgebundene Ich-Bewusstsein in den Vordergrund trat, umso mehr ging dieses Wissen verloren. Was der Mensch in seinem Erdenleben bewusst als Seele in sich trug, unterlag damit immer mehr der Sterblichkeit. Darauf deutet auch der Brief des Paulus an die Kolosser (Kol 3,3-4 LUT). Nur durch die bewusste Verbindung mit dem Christus kann die Seele davor bewahrt werden, das Schicksal des vergänglichen Leibes zu teilen. Ausführlich sprach Rudolf Steiner darüber in seinen Vorträgen bei der Begründung der Christengemeinschaft:

„Vor allen Dingen handelt es sich darum, daß Ihr in der richtigen Weise dasjenige vor Eure Seelen stellen könnt, was als das Geheimnis des Christentums ausgesprochen ist im dritten Teil des Kolosserbriefes im dritten Vers. Diese Stelle möchte ich heute so vor Eure Seele rufen, wie sie in Wirklichkeit gemeint ist:

Ihr seid gestorben, und euer Ich ist von euch getrennt und
vereinigt mit Christo in der Geistwelt; wenn aber Christus,
der euer Ich trägt, selber vor die Anschauung getreten ist,
dann werdet auch ihr mit ihm euch offenbaren.

Ein ungeheuer Tiefes ist in diesem Worte verborgen. Es ist eigentlich fast für spätere Zeiten gesprochen als für die Zeit der Apostel. Es ist eigentlich für unsere Zeit gesprochen, damit unsere Zeit es in der richtigen Weise versteht. Denn es ist so, daß in der irdischen Menschheitsentwickelung bis ungefähr um die Zeit des Mysteriums von Golgatha die Menschen in ihrem Innern dasjenige erlebten, was von ihrem [wahren] Selbst in diesem Innern sein konnte. Mit dem, was sie in ihrem Innern erlebten, erlebten sie zugleich etwas Reales von dem, was im vorirdischen Dasein in ihnen lebte. Man hätte zu diesen Menschen nicht sagen können: Werdet euch durch irgend etwas eures ewigen geistig-seelischen Kernes bewußt!, denn sie hatten einfach Bewußtseinszustände, in denen dieser ewige geistig-seelische Kern aufleuchtete. Sie brauchten nur Selbsterkenntnis, so wie die Menschen heute Sinneserkenntnis haben; und im Hinschauen auf ihr Selbst nahmen sie wahr - ohne jenes deutliche Ichbewußtsein, das sich erst später ausbildete - ihr Vorgeburtliches und ihr Nachtodliches. Und so konnten sie verstehen, wenn die Eingeweihten zu ihnen sprachen: Euer Leib stirbt; aber was ihr in eurem Innern erlebt, von dem wißt ihr, es stirbt nicht mit; das ist lebendig, das bleibt lebendig. - Der Tod hatte noch kein Instrument, auch die menschliche Seele zu töten.

Das aber, was den Apostel in eine andere Lage brachte, war, daß die Seelen begonnen hatten, ungefähr um die Zeit des Mysteriums von Golgatha, teilzunehmen an den Schicksalen des Leibes, und daß die Seelen [seit dieser Zeit] in der Gefahr stehen, mitzumachen die Schicksale des Leibes. In den alten Zeiten hatte die Seele nicht die Schicksale des Leibes mitgemacht. Zum Schicksal des Leibes gehört das Sterben, und die Seele war nicht mitgestorben. Das war in alten Zeiten die sehr konkrete Auffassung. Diese Tatsache ist später verabstrahiert worden, weil die Menschen sie in ihrer ganzen Intensität nicht ertragen haben. Die Menschen wollten sich nicht gestehen, daß das, was zwischen Geburt und Tod sich unter dem fortwährenden Hervordrängen des Ichbewußtseins entwickelt hat, nicht mehr Anteil hat an dem ewigen Seelenkern des Menschen, sondern Anteil hat an dem Leibe und teilnimmt an dem Schicksal des Leibes, daß es also mitstirbt. Dies war vor allen Dingen den ersten Christen klar, daß in der Erdenentwickelung die Zeit eingetreten war, wo die Seele zwar auf Erden Ich-begabt wird, aber dadurch mit dem Leibe stirbt. Daß der Leib stirbt, war ja nicht das, was in den ersten Evangelienverkündigungen gesagt worden ist, sondern daß die Seele stirbt, und daß sie in den Menschen, die aus der vorchristlichen Weltentwickelung hervorgingen, schon gestorben ist. Als ein reales Wort war es gemeint: Ihr seid gestorben. - Nicht die früheren Seelen waren gestorben, denn da hatten sie noch nicht teilgenommen an dem Schicksal des Leibes, aber ihr gehört dem Schicksal der Generation derer an, die gestorben sind, das heißt, eure Seelen nehmen teil an dem Schicksal des Leibes; denn das, was ihr als ein Ichbewußtsein hier tragt durch euren physischen Leib, das ist nur ein Abbild eures wahren Ichs. - Vor dem Mysterium von Golgatha hatte man zwar von diesem wahren Ich nichts gewußt, wenn man hineingeschaut hat in das eigene Selbst, aber es war noch nicht vom Menschen getrennt. In der Zeit des Mysteriums von Golgatha ist es gerade vom Menscheninnern getrennt worden, und der Mensch ist erhoben worden in die geistige Welt, und nur den Abglanz des Ichs hat er als Ichbewußtsein hier unten.

Wenn wir uns also das vorstellen, was der Mensch vor dem Mysterium von Golgatha erlebte, so hatte er damals sein Seelisches, in welchem er das Vorgeburtliche erlebte, und er hatte das reale Ich, das er aber zunächst nicht wahrnahm. Nach dem Mysterium von Golgatha war es so, daß der Mensch sein Seelisches hatte, aber das Vorgeburtliche erlebte er darin nicht mehr. Sein wahres Ich ist seit jener Zeit ein geistiges, das heißt, es gehört nicht der Erdenwelt, sondern der geistigen Welt an, und er hat den Abglanz dieses Ichs durch den physischen Leib, das Ichbewußtsein: «... und euer Ich ist von euch getrennt und vereinigt mit Christo in der Geistwelt.»

Der ist nun herabgestiegen auf die Erde, so daß diese geistige Welt durch ihn die Erdenwelt durchdringen kann. Aber der Menschen wahres Ich lebt nicht in der Welt, die mit Augen gesehen werden kann und an die man herankommen kann mit den drei gewöhnlichen Fähigkeiten, dem Denken, dem Fühlen und dem Wollen; es lebt in einer Welt, die seit jener Zeit die irdische durchdringt, aber es ist mit dem Christus vereint. Und von dem wahren Ich kann man nur wissen, indem man zugleich von dem Christus weiß; das wahre Ich kann man nur fühlen, wenn man zugleich das Wesen des Christus und das Wesen des Mysteriums von Golgatha fühlt; das wahre Ich kann einen nur durchkraften, wenn man zugleich sich durchkraftet fühlt von demjenigen Impuls, der von dem Mysterium von Golgatha ausgeht.“ (Lit.:GA 344, S. 117ff)

Wiktor Michailowitsch Wasnezow: Die vier apokalyptischen Reiter (1887)

Darauf, dass das Bewusstsein für die Sterblichkeit der leibgebundenen Seele erst in der griechisch-lateinische Zeit auftrat, wird in der Apokalypse des Johannes bei der Öffnung des vierten Siegels hingwiesen:

„Wir werden da gewahr ..., wie auf die Eröffnung des vierten Siegels, das also entspricht einem Geheimnis der vierten nachatlantischen Epoche, ein fahles Pferd erscheint, und wie nun die Rede ist von dem Tode, der in die Welt gekommen ist (Apk 6,8 LUT). Damit wird zunächst eines der wichtigsten Geheimnisse der Apokalypse berührt, insofern dieses Geheimnis ganz besonders wichtig ist für unsere Zeit. In der vierten nachatlantischen Epoche tritt in gewissem Sinne wirklich der Tod in die Menschheit ein. Machen Sie sich das nur klar. Man lernt die menschliche Natur gut erkennen, wenn man so etwas wie den Tod betrachtet [...]

Das war es, was in der vierten nachatlantischen Epoche auftrat, gerade in der Epoche, die zusammenfiel mit dem Mysterium von Golgatha, daß der Mensch sein irdisches Leben sozusagen deutlich eingeschlossen sah durch die zwei Tore: das Tor der Geburt oder Empfängnis und das Tor des Todes.

Dieses Bewußtsein, diese Art von Seelenverfassung, trat wirklich erst in der vierten nachatlantischen Epoche ein, so daß wir es also zu tun haben mit der Entfaltung dieses Bewußtseins, daß der Mensch streng eingeschlossen ist innerhalb der Grenzen des irdischen Lebens, etwa vom achten vorchristlichen Jahrhundert an bis in das 15.Jahrhundert nach dem Mysterium von Golgatha. Seit dieser Zeit bereitet sich ja ein neues Bewußtsein vor, aber da stehen wir erst im Anfang.“ (Lit.:GA 346, S. 74ff)

In diesem Sinn sind auch die Worte zu deuten, die Achileus zu dem in die Unterwelt herabgestiegenen Odysseus spricht:

Preise mir jetzt nicht tröstend den Tod, ruhmvoller Odysseus.
Lieber möcht' ich fürwahr dem unbegüterten Meier,
Der nur kümmerlich lebt, als Tagelöhner das Feld baun,
Als die ganze Schar vermoderter Toten beherrschen.

Homer: Odyssee 11,488-491 (übersetzt von Johann Heinrich Voß)

Rudolf Steiner bemerkt dazu:

„Die vierte Kultur, die griechisch-römische, sie führt den Menschen vollends herab auf den physischen Plan. So lieb hat er ihn jetzt gewonnen, daß er ganz vergessen hat, woher er gekommen ist. Das Verständnis für die geistige Welt ist ihm verlorengegangen. Tief zeigt dieses der Ausspruch des griechischen Helden Achilles: Lieber ein Bettler in der Oberwelt als ein König im Reiche der Schatten.“ (Lit.:GA 109, S. 246f)

Persönliche Unsterblichkeit

Die persönliche Unsterblichkeit - das über den Tod hinaus fortdauernde Bewusstsein von der Persönlichkeit - hat der sich der Mensch überhaupt erst durch die Bewusstseinsseele errungen.

"In Spanien wurde von den maurischen Gelehrten, vor allen Dingen von einer solchen Persönlichkeit wie Averroes, gelehrt, wie die Intelligenz überall waltet, wie die ganze Welt, der Kosmos erfüllt ist von der allwaltenden Intelligenz. Die Menschen unten auf der Erde, sie haben verschiedene Eigenschaften, aber sie haben nicht eine eigene, persönliche Intelligenz. Sondern jedesmal, wenn ein Mensch auf der Erde wirkt, so geht ein Tropfen der Intelligenz, ein Strahl der Intelligenz von der allgemeinen Intelligenz aus, senkt sich gewissermaßen in den Kopf, in den Körper des Menschen, erfüllt ihn, so daß, wenn ein Mensch auf Erden herumgeht, er etwas hat wie eine Art Teil der ganz allgemeinen kosmischen Intelligenz. Stirbt dann der Mensch,

Tafel 9

geht er durch die Pforte des Todes, so geht das, was er als Intelligenz gehabt hat, zurück in die allgemeine Intelligenz, fließt zurück. So daß, was der Mensch während des Lebens zwischen Geburt und Tod an Gedanken, Begriffen, Ideen hat, in das allgemeine Reservoir der allgemeinen Intelligenz zurückfließt und man nicht davon sprechen kann, daß dasjenige, was der Mensch als besonders Wertvolles in seiner Seele trägt, seine Intelligenz, einer persönlichen Unsterblichkeit unterliegt.

Das war auch durchaus gelehrt von den spanisch-maurischen Gelehrten, daß der Mensch eine persönliche Unsterblichkeit nicht hat. Er lebt weiter, aber es ist ja das Wichtigste an ihm - so sagten die Gelehrten -, daß er während des Lebens intelligentes Wissen entfalten kann. Das geht aber nicht mit seinem Wesen mit. Also kann man nicht sagen, daß das intelligente Wesen eine persönliche Unsterblichkeit hat. Sehen Sie, das war, ich möchte sagen, der Furor des Kampfes der Scholastiker unter den Dominikanern, der Furor, geltendzumachen die persönliche Unsterblichkeit des Menschen. Es konnte das in jener Zeit nicht anders auftreten als so, daß diese Dominikaner geltend machten: Der Mensch ist persönlich unsterblich, und das, was Averroes lehrt, ist Ketzerei, ist Häresie. Das müssen wir heute anders sagen. Aber für die damalige Zeit ist begreiflich, daß man einen Menschen, der die persönliche Unsterblichkeit nicht annahm, wie Averroes in Spanien, für einen Häretiker erklärte. Heute müssen wir die Sache der Wirklichkeit, der Realität gemäß betrachten. Wir müssen sagen: In dem Sinne, wie der Mensch unsterblich geworden ist seiner Bewußtseinsseele nach, hat er sich diese Unsterblichkeit - dieses fortdauernde Bewußtsein von der Persönlichkeit -, nachdem er durch die Pforte des Todes durchgegangen war, erst errungen seit der Zeit, da eine Bewußtseinsseele im Erdenmenschen Platz greift. Wenn man also Aristoteles oder Alexander gefragt hätte, wie sie über Unsterblichkeit denken, wie würden sie geantwortet haben? Auf Worte kommt es nicht an, aber wenn sie gefragt worden wären und wenn sie in christlicher Terminologie geantwortet hätten, würden sie gesagt haben: Unsere Seele wird aufgenommen von Michael, und wir leben fort in der Gemeinschaft des Michael. - Oder sie würden es kosmologisch ausgedrückt haben; gerade aus einer solchen Gemeinschaft heraus, wie die des Alexander oder des Aristoteles war, würde man kosmologisch gesagt haben, und man hat es auch gesagt: Die Seele des Menschen ist intelligent auf Erden, aber diese Intelligenz ist ein Tropfen aus der Fülle dessen, was Michael ergießt wie einen intelligenten Regen, der die Menschen überströmt. Und dieser Regen geht von der Sonne aus, die Sonne nimmt in ihr eigenes Wesen wiederum zurück des Menschen Seele, und die Menschenseele, die da besteht zwischen Geburt und Tod, sie strahlt aus der Sonne auf die Erde nieder. Michael-Herrschaft hätte man auf der Sonne gesucht. So würde man kosmologisch geantwortet haben." (Lit.: GA 237, S. 163ff)

Eine entsprechende Differenzierung kennt schon die hebräische Seelenlehre, indem sie zwischen nephesch (hebr. נפש; Empfindungsseele), ruach (hebr. רוח; Verstandesseele) und neschama (hebr. שמה‎נ; Bewusstseinsseele) unterscheidet. Die niederen Seelenglieder nephesch und ruach sind sterblich und lösen sich nach dem Tod auf. Neschama ist der lebendige Odem, der „Hauch des Lebens“, den Jahve-Elohim dem Menschen einbläst (1 Mos 2,7 LUT) und bezeichnet in der Genesis die Bewusstseinsseele, insbesondere in ihrer Verschmelzung mit dem Geistselbst. Derart ist sie der zwar während der irdischen Inkarnation im Leib wohnende, aber deswegen doch nicht leibgebundene, unsterbliche Teil der Seele.

Seelentod

Siehe auch: Seelentod und Ganztod

Der Seelentod, das Absterben bzw. die völlige Auflösung der Seele, droht jenen Menschen, die ihre Seele während des Erdenlebens nur mit irdisch vergänglichem Wissen erfüllen. Sie wird zur Zeit des Jüngsten Gerichts der zweite Tod, wenn nicht nur der physische Leib, sondern auch der Ätherleib in seiner der Erdentwicklung entsprechenden Form endgültig abgelegt wird, besonders hart treffen, da sie nicht über die notwendige Seelensubstanz verfügen, durch die sie ihre weitere Entwicklung auf dem Neuen Jupiter - dem Neuen Jerusalem aus der Apokalypse des Johannes - fortführen können. Nur an denjenigen, die ihren Astralleib erfüllt haben mit der Christus-Wesenheit, wird der zweite Tod unbemerkt vorüber gehen.

„Diejenigen, deren Ätherleib ganz im Einklang ist mit dem astralischen Leib, die werfen ohne Schmerzen diesen Ätherleib ab, denn sie bleiben in ihrem astralischen Leibe, der erfüllt ist von der Christus-Wesenheit, und sie empfinden es als Entwickelungsnotwendigkeit, daß der Ätherleib abgestreift wird. Denn sie fühlen in sich die Fähigkeit, ihn wiederum selbst aufzubauen, weil sie Christus in sich aufgenommen haben. Diejenigen aber, die in diesem Ätherleib die Begierde nach dem haben, was vergangen ist, die können diesen Ätherleib auch nicht behalten, wenn alles astralisch wird. Er wird ihnen genommen werden, wird aus ihnen gerissen werden, und jetzt empfinden sie das als ein zweites Sterben, als den «zweiten Tod». Dieser zweite Tod geht an den anderen, die ihren Ätherleib mit dem astralischen Leib durch Aufnahme des Christus-Prinzips harmonisch gemacht haben, unvermerkt vorüber. Über sie hat der zweite Tod keine Macht. Die anderen empfinden aber den zweiten Tod beim weiteren Hinüberleben in jene folgende astralische Gestalt. Dann ist die Menschheit in jenem Zustand, wo diejenigen, die das Ziel der Entwickelung erreicht haben, ihren astralischen Leib ganz durchdrungen haben mit Christus. Sie sind reif, hinüberzuleben nach dem Jupiter, sie entwerfen auf unserer Erde den Plan zur Jupiterentwickelung. Das ist der Plan, der genannt wird das neue Jerusalem. Sie leben in einem «neuen Himmel» und einer «neuen Erde»: das ist Jupiter. Dieser neue Jupiter wird begleitet sein wie von einem Trabanten von denjenigen, die ausgeschlossen sind von dem Leben im Geistigen, die den zweiten Tod erlebt haben, die daher keine Möglichkeit haben, das Jupiterbewußtsein zu erlangen.“ (Lit.:GA 104, S. 246f)

Siehe auch

Literatur

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