Zwischenzustand

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Als Zwischenzustand (tibet. བར་དོ, Bardo; griech. Mesopsychodochismus) wird sowohl in der tibetanisch-buddhistischen Lehre als auch in der christlichen Theologie der Zustand im Leben nach dem Tod bezeichnet. Die Detail werden allerdings sehr unterschiedlich aufgefasst. In der tibetisch-buddhistischen Lehre wird damit auf den Zustand zwischen zwei irdischen Inkarnationen verwiesen, während nach christlich-theologischer Anschauung damit der Zeitraum zwischen dem Tod und der Auferstehung der Toten beim Jüngsten Gericht gemeint ist.

Anthroposophie

Unmittelbar nach dem Tod erlebt der Mensch zunächst für etwa drei Tage einen Rückblick auf sein vergangenes Erdenleben in Form eines umfassenden Lebenspanoramas. In dieser Zeit löst sich sein Ätherleib bis auf einen kleinen Rest im Weltenäther auf. Danach durchlebt der Tote für eine Zeit, die etwa einem Drittel seines vergangenen irdischen Lebens entspricht, den Zustand des Kamalokas (Fegefeuer), in dem er seine Begierde nach dem irdischen Dasein abstreift. Dabei löst sich ein großer Teil des Astralleibs und auch die vergänglichen Teile seiner Seele in der kosmischen Seelenwelt auf. Im weiteren Leben zwischen Tod und neuer Geburt, das der Mensch im Zuge des Reinkarnationsgeschehens wiederholte Male durchlebt, verbindet sich die menschliche Individualität, das unsterbliche Ich, stufenweise aufsteigend bis zur sog. «Weltenmitternacht» mit den geistig-kosmischen Verhältnissen, um dann ebenso stufenweise wieder zu einem neuen irdischen Dasein herab zu steigen. Dabei wird das Karma gewoben. Die Früchte, die sich der Mensch im letzten Erdenleben geistig erworben hat, aber auch seine Schuld, werden dadurch den Leibeshüllen im nächst folgenden Erdenleben als wirksame Kräfte einverwoben, die sein künftiges irdisches Schicksal bestimmen. Die Tatsache, dass der Mensch wiederholte Erdenleben durchmacht, ist allerdings nur für eine bestimmte Zeitspanne der irdischen Entwicklung gültig. Die Folge der Reinkarnationen hat etwa in der Mitte der lemurischen Zeit begonnen und wird am Beginn der sechsten Wurzelrasse wieder aufhören. Der Mensch wird dann in ein geistigeres Dasein übertreten und nicht mehr unmittelbar an einen physischen Körper gebunden sein.

Buddhistische Tradition

Hauptartikel: Bardo

Das Tibetische Totenbuch kennt den Begriff Bardo, der so viel wie "Zwischenzustand" bedeutet. Das Totenbuch enthält Unterweisungen über den Prozess des Sterbens und der Wiedergeburt in drei Zwischenzuständen sowie die Möglichkeit, aus diesem Kreislauf auszubrechen. Es beinhaltet den tibetischen Glauben an die Reinkarnation (Wiedergeburt), auch als ein anderes Lebewesen (beispielsweise als Tier). Die drei Zwischenzustände (tibet. Bardo) gliedern sich vereinfacht in:

  • Moment vor dem Tod: Das Wesen des eigenen Geistes strahlt in hellem Licht.
  • Essenz der höchsten Wirklichkeit: Die friedvollen und rasenden Gottheiten erscheinen als sich entfaltendes Mandala.
  • Zwischenzustand des Werdens: Das persönliche Karma (Schicksal) und die Taten des Lebens werden durchlebt.

Es erfolgt der Eintritt in die sechs Bereiche der Wiedergeburt.

Literatur
  • Frasch, Albrecht: "Die Befreiung durch Hören im Zwischenzustand - Das sogenannte ´Tibetische Totenbuch`", Tashi Verlag, Berlin 1999 ISBN 3-9806802-1-5
  • Thurman, Robert A.F.: Das Tibetische Totenbuch oder Das große Buch der natürlichen Befreiung durch Verstehen im Zwischenzustand, Frankfurt am Main 2000
  • Chögyam Bernd Westphal, "Über den Tod und Danach - Die tibetische Lehre des Nachtodzustandes", Hörbuch, Benjamin von Ammon Verlag, ISBN 3-9810095-6-8

Theosophie

Literatur
  • Annie Besant: Der Tod - und was dann? Eine detaillierte Studie über die Vorgänge beim Tod, im Zwischenzustand u. bei d. Wiedergeburt, Stuttgart 1984

Christlich-jüdische Tradition

Alte Kirche und Mittelalter

Erste Auseinandersetzungen mit der Vorstellung eines Zwischenzustandes findet man in der frühchristlichen Grabeskunst. Theologisch wurde zunächst von Justin und Irenäus, dann vor allem von Tertullian der Begriff des Refrigerium interim geprägt (De monogamia 100.10.), der allerdings von Purgatoriums-Vorstellungen zu unterscheiden ist, wie sie zum Beispiel Augustinus verbreitet hat. Die mittelalterliche Scholastik entwickelte dann aus biblischen und patristischen Motiven einen Komplex von Vorstellungen, der der Frage nach einem ‚Ort‘ für die Toten eine klare Antwort gab. Die wohl umfassendste und bilderreichste Darstellung des nachtodlichen Lebens aus katholischer Sicht gab Dante Alighieri in seiner «Göttlichen Komödie».

Siehe auch
Literatur
  • Stuiber: Refrigerium interim. Die Vorstellungen von Zwischenzustand und die frühchristliche Grabeskunst, Bonn 1957
  • Finé, Heinz: Die Terminologie der Jenseitsvorstellungen bei Tertullian. Ein semasiologischer Beitrag zur Dogmengeschichte des Zwischenzustandes (Theophaneia Bd. 12), Bonn 1958

Katholische Theologie des 20. Jahrhunderts

Mit dem Zwischenzustand wird in Strömungen der katholischen Theologie bzw. der klassischen Schultheologie jener Zeitraum bezeichnet, der sich zwischen Tod und Jüngstem Gericht vollzieht. In der neueren Theologie ist dies umstritten, weil z.B. die Zeit-Ewigkeits-Problematik und das Paradoxon einer leiblosen Seele dem entgegenstehen.

Gerade und besonders in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts entzündete sich eine hitzige Diskussion um diese Frage: Die beiden Gegenpole waren Joseph Kardinal Ratzinger als Verteidiger des kirchlichen Traditionsverständnisses und Gisbert Greshake als Vertreter der "Auferstehung im Tod".

Literatur

Evangelische Theologie des 20. Jahrhunderts

In der evangelischen Theologie wird kaum von Zwischenzustand gesprochen, sondern vielmehr vom Hin-einsterben in die Zeitlosigkeit Gottes (Carl Stange/Emil Brunner), vom Todesschlaf (Oskar Cullmann) oder vom Aufgehobensein im Willen Gottes (Paul Althaus) ausgegangen. Evangelischerseits beteiligte sich an der Diskussion vor allem Jürgen Moltmann und lehnte dabei das Konzept Ratzingers ab.

Literatur
  • Moltmann, Jürgen: Im Ende – der Anfang. Eine kleine Hoffnungslehre, Gütersloh 2003
  • Remenyi, Matthias: Um der Hoffnung willen. Untersuchungen zur eschatologischen Theologie Jürgen Moltmanns, 2005 (mit Darstellung der Positionen Greshakes und Ratzingers)
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