Kant-Laplace-Theorie

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Immanuel Kant (1724–1804)
Pierre-Simon Laplace (1749–1827)
Der Orionnebel, heute eines der aktivsten Gebiete der Sternentstehung in der galaktischen Nachbarschaft der Sonne, vergleichbar der Urwolke, aus der sich unser Sonnensystem gebildet hat.
Aufnahme vermutlich protoplanetarer Scheiben um junge Sterne im südlichen Teil des Orionnebels (M42)

Kant-Laplace-Theorie werden zwei verwandte, aber unabhängig voneinander entwickelte kosmologische Hypothesen über die Entwicklung des Universums, über die Sternentstehung und insbesondere über die Entstehung unseres Planetensystems genannt. Immanuel Kant beschrieb seine Theorie in der Schrift Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels (1755). Das andere Modell, die Nebularhypothese, wurde von dem französischen Mathematiker und Astronomen Pierre-Simon Laplace erarbeitet und erschien 1796 im letzten Band seines fünfbändigen Werkes Exposition du systeme du monde (Darstellung des Weltsystems). Schon Arthur Schopenhauer fasste beide Hypothesen unter dem Namen Kant-Laplace’sche Theorie zusammen.

Grundzüge der Kant-Laplaceschen Theorie

Die zentrale These der Kant-Laplace-Theorie lautet, dass das heutige Sonnensystem im Laufe eines Prozesses der „Anziehung und Abstoßung“ entstanden ist. Kant erklärte:

„Ich habe, nachdem ich die Welt in das einfachste Chaos versetzt, keine andere Kräfte als die Anziehungs- und Zurückstossungskraft [XLVII] zur Entwickelung der grossen Ordnung der Natur angewandt, zwey Kräfte, welche beyde gleich gewiß, gleich einfach und zugleich gleich ursprünglich und allgemein sind. Beyde sind aus der Newtonischen Weltweisheit entlehnet.“

Immanuel Kant: Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels, Vorrede (1755) [1]

Kant geht in seiner Theorie von einem Grundzustand aus, in dem die Materie im Universum verstreut war und sich dann durch Anziehung und Abstoßung in das heutige Gleichgewichtsverhältnis bewegte. Laplace ging hingegen von der Ausdehnung einer bereits vorhandenen erhitzten Sonne aus, von der sich schließlich Gasnebel abgelöst und wiederum zu Planeten verdichtet hätten.

Der Kant-Laplace-Theorie wird eine hohe philosophie- und wissenschaftshistorische Bedeutung zugesprochen, da in ihr die Entstehung des Planetensystems ohne Zuhilfenahme einer übernatürlichen Ordnungskraft zu erklären versucht wurde. Noch Isaac Newton hatte eine solche Erklärung für unmöglich gehalten und somit Gott als unverzichtbaren Teil jeder Kosmogonie angenommen.

Wenn auch Kant die Entstehung des Sonnensystems auf rein naturgesetzliche Weise zu erklären suchte, so war ihm zugleich gerade die Existenz dieser Naturgesetze, die eine gesetzmäßige Ordnung des Kosmos ermöglichen, ein unmittelbarer Gottesbeweis:

„Die Materie die der Urstoff aller Dinge ist, ist also an gewisse Gesetze gebunden, welchen sie frey überlassen nothwendig schöne Verbindungen hervorbringen muß. Sie hat keine Freyheit von diesem Plane der Vollkommenheit abzuweichen. Da sie also sich einer höchst weisen Absicht unterworfen befindet, so muß sie nothwendig in solche übereinstimmende Verhältnisse durch eine über sie herrschende erste Ursache versetzt worden seyn, und es ist ein Gott eben deswegen, weil die Natur auch selbst im Chaos nicht anders als regelmäßig und ordentlich verfahren kan.“

Immanuel Kant: Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels, Vorrede (1755) [2]

In seinen Arbeitervorträgen (GA 348) bemerkte Rudolf Steiner zur Kant-Laplace-Theorie:

„Den kleinsten Kindern bringt man heute schon das bei, daß man sagt: Einmal war die Erde mit dem ganzen Sonnensystem ein riesiger Urnebel (siehe Zeichnung). Der Nebel, der tut natürlich nichts, wenn er ruhig ist.

Zeichnung aus GA 348, S. 151

Und deshalb sagt man: er dreht sich; also dreht er sich flugs. Wenn sich der Nebel nun dreht, wird er allmählich dünner; dann spalten sich einzelne Körper ab, und in der Mitte bleibt der runde Körper zurück. Und man macht den Kindern das vor, man sagt: Das kann man nachmachen. - Man nimmt ein Scheibchen aus Kartenpapier, durch das man eine Stecknadel gesteckt hat, tut einen kleinen Öltropfen in ein Glas Wasser, der dann oben drauf schwimmt. Nun dreht man die Scheibe, der Öltropfen kommt in Bewegung, in Drehung, kleine Öltröpfelchen spalten sich ab, und in der Mitte bleibt der große Öltropfen. Und das ist ein kleines Planetensystem mit der Sonne. Ihr seht ja, Kinder - so sagt man -, man kann das im kleinen immer machen. So ist es ganz erklärlich, daß da einmal ein Nebel war, der hat sich gedreht, und es haben sich allmählich Weltenkörper abgespalten, und in der Mitte ist der große Weltenkörper geblieben.

Ja, aber, meine Herren, man darf das Wichtigste nicht vergessen. Warum dreht sich denn der Öltropfen? Weil da der Lehrer ist, der ihn dreht. Also muß da ein riesiger Schulmeister draußen im Weltenall sein, auf einem Stuhle sitzen und drehen, und nachher werden sich die Planeten abspalten! Meine Herren, wenn man das den Kindern in der Schule von vornherein beibringt, dann werden sie später «gescheite» Leute; dann sagen sie später, wenn einer logisch sein will und die Sache anzweifelt: Nun, der ist ein Phantast, ein Narr, denn wir haben ja schon in der Schule gelernt, wie die ganze Welt entstanden ist! Sehen Sie, solche Gedanken sind eigentlich gar keine Wirklichkeit, sie sind keine Wirklichkeit. Dieser Weltennebel, den einmal der Kant und der Laplace erdacht haben, ist ja keine Wirklichkeit; es ist so töricht, solche sich drehenden Weltennebel eine Wirklichkeit zu nennen. Denn der einzige Grund dafür ist vorhanden, daß man mit dem Fernrohr in den weiten Weltenraum hinaussehen kann, und dann sieht man angeblich solche Spiralnebel. Gewiß, da draußen sind solche Spiralnebel (siehe Zeichnung), das ist richtig.

Zeichnung aus GA 348, S. 152

Aber wer dadurch, daß er mit einem Fernrohr da hinausschaut und diese Spiralnebel sieht, sagt: Nun ja, solch ein Spiralnebel war auch einmal unser ganzes Sonnensystem —, der ist ungefähr so gescheit, wie wenn einer in der Ferne einen Mückenschwarm sieht und ihn für eine Staubwolke hält. Man kann ja einen Mückenschwarm für eine Staubwolke halten; dann vergißt man nur, daß der Mückenschwarm lebt und die Staubwolke tot ist. Der Spiralnebel lebt eben draußen, hat Leben in sich. So hatte früher auch das ganze Sonnensystem sein Leben in sich, seine ganze Geistigkeit in sich.“ (Lit.:GA 348, S. 151f)

Der Urnebel als äußere Offenbarung höherer geistiger Wesenheiten

Der rein materialistischen Theorie der Entstehung unseres Sonnensystems hat Rudolf Steiner entschieden widersprochen, ohne deswegen die äußerlich rein physikalisch konstatierbaren Fakten prinzipiell in Frage zu stellen.

"Eine Zeit, welche die Welt herausentstehen läßt aus dem Kant-Laplaceschen Urnebel, der sich zusammenballt und in seiner Zusammenballung die Lebewesen und zuletzt die Menschen hervorbringt, muß sagen: Ein solches Zusammenwirken kann schließlich auch nur in den Wärmetod hinein verschwinden. Aber dann wird auch das tot sein, was die Menschen sich moralisch erarbeitet haben! Wenn man immer wieder versucht hat, den Beweis zu liefern, die moralische Weltordnung könne Platz haben in einer Welt, an deren Anfange der sogenannte Kant-Laplacesche Urnebel und an deren Ende der Wärmetod steht, so ist das nicht aufrichtig. Und schon gar nicht aufrichtig und gar nicht ehrlich ist es, die moralische Entwickelung so aufzufassen, daß sie aufsteigt mit den Infusorien und verschwindet, wenn der Wärmetod den Untergang bewirken wird." (Lit.: GA 217, S. 187)

Hätte das Gesetz von der Erhaltung des Stoffes und der Kraft absolute Gültigkeit, hätte sich unser Sonnensystem nur durch rein physikalische Kräfte aus dem Kant-Laplaceschen Urnebel herausgebildet, wären alle sittlichen Ideale des Menschen bloße Illusionen und könnten nie real wirksame Kräfte werden.

"Da ist die eine Welt, die Welt der Erkenntnis der Naturtatsachen. Sie glaubt, ein grundlegendes Gesetz gefunden zu haben, das als das Ergebnis des 19. Jahrhunderts unerschütterlich dastehen sollte, das Gesetz von der Erhaltung des Stoffes und der Kraft - das Gesetz, das uns besagen soll, daß alles dasjenige, was im Weltenall vor sich geht, aus einer Summe von Kräften heraus geschieht, die sich wohl umwandeln, die aber niemals vermehrt oder vermindert werden können, die unentstanden und unvergänglich sind. Durch das Zusammenwirken dieser Kräfte wird die Gestaltung der Welt hervorgerufen, wird das Weltgeschehen, das sich äußerlich unseren Sinnen darstellt und aus dem wir selbst als physische Menschen herausgewachsen sind, bewirkt. Wenn nun die Kräfte, um die es sich handelt, unentstanden und unvergänglich sind, wenn man im absoluten Sinne sprechen kann von der Erhaltung des Stoffes und der Kraft, dann sind auch alle die Anschauungen, die im Gefolge dieser Ansicht auftreten müssen, nicht von der Stelle zu weisen. Dann kommen wir dazu anzunehmen - aus denselben Denkgewohnheiten heraus, aus denen die Menschheit gedrängt worden ist zu diesem Gesetz von der Erhaltung und Umwandlung des Stoffes und der Kraft -, daß entstanden sei alles dasjenige Irdisch-Kosmische, innerhalb dessen wir stehen, aus dem berühmten Kant-Laplaceschen Urnebel, aus dem sich das ganze Sonnensystem durch Zusammenballung herausgebildet habe, und daß im Verlaufe dieses natürlichen Vorganges sich auch der Mensch entwickelt habe, nachdem er durch die verschiedenen Tierformen hindurchgegangen ist. Und wir kommen dazu anzunehmen, daß in der menschlichen Seele aufblitzen, wie innerliche Lebensillusionen, diejenigen Dinge, die dieser menschlichen Seele vorkommen wie die Kräfte, die allein dem Menschen seine Würde garantieren können: die sittlichen Ideen und dasjenige, was zum religiösen Bewußtsein führt.

Aber derjenige, der mit allen Konsequenzen festhält an dieser Welt, die also aus dem Kant-Laplaceschen Urnebel sich herausgeballt hat, der muß auch über das Weltenende so denken. Er muß denken, daß diese Welt sich hineinverwandelt in eine solche, in der alles das, was die Menschheit darbietet, auch alles, was jemals in Menschenseelen und Menschengeistern gelebt hat, verschwindet; er muß denken, daß innerhalb eines großen kosmischen Vorgehens das ganze Menschheitswähnen von einer Sittlichkeit, von Göttlichkeit lediglich etwas ist, was herausgeboren wird aus der Naturgesetzmäßigkeit - so wie aus der Naturgesetzmäßigkeit herausgeboren wird Blitz und Donner, der Wechsel von Tag und Nacht und so weiter. Und so sehen wir auf ein ungeistiges, unseelisches Weltentstehen hin, so sehen wir auf ein ungeistiges, unseelisches Weltenende hin. Für den, [der mit allen Konsequenzen festhält an dieser Welt,] ist das Beste, was die Menschheit denkt, geträumt, ist eingesponnen in die Vorgänge, die zwischen diesen beiden Enden - Weltentstehen und Weltenende - liegen; das Beste, was diese Menschheit wähnt, es ist für ihn nur eine Episode, verschwindend im rein natürlichen All.

Meine sehr verehrten Anwesenden, mit dem besten Willen ist nichts zu halten von all den Quacksalbereien, die die Menschen noch vorbringen möchten für die Gültigkeit einer sittlichen und religiösen Welt, wenn sie mit allen Konsequenzen zugeben dasjenige, dem diese naturwissenschaftliche Gesinnung zugrunde liegt. Ich weiß, wieviel heute nach der Richtung hin gepredigt wird, daß ja trotz dieser naturwissenschaftlichen Gesinnung eine ideale Weltanschauung möglich sei. Sie ist nur für den möglich, der nicht bis zu den Konsequenzen des Denkens wirklich gehen will." (Lit.: GA 335, S. 133f)

Die Wirklichkeit sieht nach Rudolf Steiner aber ganz anders aus. Tatsächlich sei unser Plantensystem ursprünglich aus einem rein geistigen Zustand hervorgegangen, aus dem sog. Pralaya, und habe sich erst nach und nach zur physischen Erscheinung verdichtet und durch die Taten geistiger Wesen zu der heute gegeben konkreten Gestalt geformt, aber ohne dass dabei die äußeren Naturgsetze durch einen gleichsam übernatürlichen Eingriff aufgehoben wurden - sowenig wie wir die Naturgesetze verletzen, wenn wir durch unseren Willen, also durch einen geistigen Impuls, unseren Arm bewegen. Das äußerlich sichtbare Planetensystem sei demnach nur die Hülle, das Kleid, einer Fülle von geistigen Wesenheiten. Unserem heutigen Planetensystem seien dabei noch frühere planetarische Weltentwicklungsstufen vorangegangen, weitere werden in der Zukunft folgen. So ging nach Rudolf Steiner der Erdentwicklung der sog. alte Mond voraus und der neue Juptiter (das ind der Apokalypse des Johannes erwähnte Neue Jerusalem) wird unserer planetarischen Entwicklung nachfolgen.

"Als unsere Erde aus dem rein geistigen, devachanischen Zustand hervortrat, als sie zum erstenmal eine Art von äußerlich wahrnehmbarem Dasein erhielt, war sie nicht so, wie sie heute ist; sondern da war sie so, daß sie, äußerlich angesehen, wirklich etwa wie ein großer Urnebel aufgefaßt werden könnte, wie ihn die äußere, physische Wissenschaft schildert. Nur müssen wir uns diesen Urnebel groß, weit größer als die heutige Erde denken, und daß er weit über die äußersten Planeten hinausreichte, die heute zu unserem Sonnensystem gehören, bis weit über den Uranus hinaus. Geisteswissenschaftlich stellen wir uns die Sache so vor, daß das, was wir hervorkommen sehen aus einem geistigen Zustand, nicht lediglich eine Art physischer Urnebel ist. Wer das, was da hervorkommt, als eine Art physischen Urnebel und als sonst nichts weiter schildert, ist etwa ebenso weise wie ein Mensch, der einen anderen Menschen gesehen hat und nun, wenn er gefragt wird, was er gesehen hat, sagt: Muskeln, die an Knochen hängen, und Blut habe ich gesehen! - der also nur das Physische beschreibt. Denn in dem Urnebel sind eine Fülle von geistigen Kräften und geistigen Wesenheiten enthalten. Die gehören dazu, und was in dem Urnebel geschieht, ist eine Folge der Taten der geistigen Wesenheiten. Alles, was der Physiker beschreibt, ist so, wie wenn er sich einen Stuhl in den Weltenraum hinausstellt und die ganze Geschichte sich anschaut. Er beschreibt wirklich so wie jener Beobachter, der den Zorn und die Leidenschaft, die eine Ohrfeige hervorrufen, leugnet und nur die sich bewegende Hand sieht. In Wahrheit ist das, was da geschieht, das Heraustreten von Weltkörpern und Weltkugeln, Tat von geistigen Wesenheiten; so daß wir in dem Urnebel das Kleid, die äußere Offenbarung einer Fülle von geistigen Wesenheiten sehen." (Lit.: GA 102, S. 48f)

"Sie wissen ja, daß das sich mehr an das. Materielle haltende Denken den Ursprung unseres Weltensystems in einer Art Urnebel sieht, das heißt, man kommt mit dem rein an das Materielle gebundenen Denken dazu, sich vorzustellen, daß unser Kosmos, so wie wir ihn überschauen, daß unser Sonnensystem hervorgegangen ist aus einer Art Urnebel (weiß), der sich dann geballt und zusammengezogen hat zu demjenigen, was eben das Sonnensystem darstellt.

Zeichnung aus GA 213, S 47

Nun ist es Ihnen ja wohl von vorneherein klar, nach allem, was Sie auf dem Boden der Anthroposophie gehört haben, daß dies nicht eine restlose Darstellung des Vorganges sein kann. Wie sehr man diese materielle Ausdeutung des Weltgeschehens auch modifiziert, sie mit Kräften durchsetzt und dergleichen: dasjenige, was wirklich ist, kann damit nicht erschöpft sein, aus dem Grunde nicht, weil ja aus allem, was so ein Kant-Laplacescher oder ein anderer Urnebel enthält, und was er nach den Gesetzen der Gas- oder Luftmechanik aus sich heraus entwickeln kann, niemals dasjenige sich bilden könnte, was auf der Erde als Tier- und Menschenseelen, ja nicht einmal was als Pflanzen- Wachstumskräfte lebt. Wir haben es, wenn wir eine solche Ausdeutung vollziehen, eben zu tun mit einer Abstraktion, wenn diese Abstraktion auch eine materialistische Abstraktion ist. Es muß klar sein, daß dem, was da von dem materialistischen Denken als Urnebeimasse gedachtist, schon innewohnt ein Geistiges (s. Zeichnung S. 49 links, rot), und daß diese Urnebeimasse nur der äußere materielle Ausdruck eines Geistigen ist. Also es muß, wenn die Vorstellung eine vollständige ist, darinnen das Weben und Wesen von Geistigem gedacht werden. So daß wir, wenn wir auf diesen Kant-Laplaceschen Urnebel hinschauen, ihn ergänzen müssen dadurch, daß wir ihn als den Leib ansehen eines Geistig-Seelischen, eines Geistig-Seelischen allerdings, das nicht jene Einheitsnatur ist, wie der Mensch sie hat, sondern das mannigfaltig, vielgestaltig ist, aber das eben doch ein Geistig-Seelisches ist.

Die bloß materialistische Denkbetrachtung, die bloß materialistische Hypothesenbildung kommt ja nicht weiter zurück als zu diesem Urnebel. Nun stellen wir uns einmal vor, nicht wir, sondern andere Wesen, Wesen der Zukunft würden sich einmal aus einem solchen materialistischen Denken heraus Vorstellungen machen über die Entstehung des Weltensystems, in welchem sie sind oder sein werden. Es hängt gar nichts davon ab, ob das, was ich jetzt darstelle, eine Wirklichkeit darstellt, es soll nur zur Verdeutlichung eines Gedankens dienen. Wir nehmen also an, es würde Wesen in einer fernen Zukunft geben, die einen solchen Kant-Laplaceschen Urnebel an dem Ausgangspunkt der Weltenentstehung sehen. Wohin würde er in dem Zeitenlaufe fallen? Es müßte doch, wenn solche Zukunftswesen zurückschauen, angenommen werden, damit der Gedanke richtig verdeutlicht werden kann, unsere Erde, das heißt unser Sonnensystem, wäre längst zugrunde gegangen, der Raum wäre gewissermaßen frei geworden, und in diesem frei gewordenen Räume würde dann angenommen werden müssen das Kant-Laplacesche Urnebeisystem einer zukünftigen Welt. Denn solange unser Sonnensystem da ist, könnte ja in ihrem Raum dieser Kant-Laplacesche Urnebel selbstverständlich nicht angenommen werden. Ich will das Beispiel so gestalten, daß die Wesen, die dann eine solche materialistische Zukunftstheorie ausbilden, ihren Kant-Laplaceschen Urnebel an die Stelle unseres Weltensystems hinsetzen. Nach dem, was wir eben gesagt haben, müßte aber auch in diesem Kant-Laplaceschen Zukunftsnebel Geistig-Seelisches enthalten sein. Er müßte nur die körperliche Ausgestaltung eines kosmischen Geistig-Seelischen sein. Woher würde dieses Geistig-Seelische kommen? Was würde es mit diesem Geistig-Seelischen für eine Bewandtnis haben? Ich will schematisch zeichnen.

Das hier (siehe Zeichnung links) wäre das Geistig-Seelisch-Physische unseres Kant-Laplaceschen Urnebels; und da wäre in einem Zukunftsmomente der Kant-Laplacesche Urnebel jener Zukunftswesen, von denen ich eben gesprochen habe (rechts). In diesem Kant- Laplaceschen Urnebel müßte nun auch wiederum ein Geistig-Seelisches enthalten sein (rot). Woher würde denn das kommen? Nun, wenn dieser Kant-Laplacesche Urnebel (rechts) gewissermaßen an der Stelle wäre, wo unser Sonnensystem gestanden hat, dann würde er sich gebildet haben; er würde ein kosmisches Geistig-Seelisches umkleidet haben. Aber dieses kosmische Geistig-Seelische wäre dasjenige, was übriggeblieben ist von dem Sonnensystem, in dem wir gelebt haben. Wir würden also unser Sonnensystem, wie wir es jetzt haben, zu Ende leben. Das würde zerstäuben im Weltenraum. Übrigbleiben würde das Geistig-Seelische, und das würde sich verkörpern

Zeichnung aus GA 213, S 49

in einem neuen Kant-Laplaceschen Urnebel. Mit anderen Worten: Was ich hier geschildert habe (Zeichnung S. 49 rechts), würde die Jupiterentwickelung darstellen. Aber innerhalb dieser Jupiterentwickelung würde sich als Geistig-Seelisches dasjenige finden, was bereitet worden ist während des Erdendaseins der Menschheit. Und ebenso muß man eigentlich von dem Kant-Laplaceschen Urnebel der Erde wiederum weiter zurückgehen zu dem Geistig-Seelischen, das er enthält. Und das ist von den Wesenheiten des Mondendaseins bereitet worden. Wenn Sie also hinausschauen, das gegenwärtige Sonnensystem anschauen, so ist das gewissermaßen die äußere Körperlichkeit desjenigen, was vom Mondendasein verschwunden ist oder sich vom Mondendasein verwandelt hat zu dem Erdendasein. Und wiederum, was wir heute hinaussenden in unseren Weltenraum, das bereitet das Jupiterdasein vor. Wir haben also, indem wir das äußere Sonnensystem anschauen, eigentlich immer etwas, was das Werk einer früheren Daseinsstufe ist." (Lit.: GA 213, S. 47ff)

"Man hat es ja niemals mit abstraktem Raum bei konkreten Erscheinungen zu tun, sondern es sind ja überall die konkreten Dinge auch da, und man muß sie mitrechnen. Sonst kommt es eben dahin, das Himmelssystem in seiner Entstehung nach dem Muster zu erklären, wie man das tut: Man nimmt ein kleines Öltröpfchen, das im Wasser schwimmt, schneidet ein Kartenblatt in Kreisform aus, schiebt es hinein, steckt von oben eine Stecknadel durch und fängt nun an zu drehen. Das öltröpfchen plattet sich ab, sondert kleine Tröpfchen ab: Ein Planetensystem ist entstanden! Man erklärt das den Zuhörern und sagt ihnen: Da, seht Ihr, das ist das Planetensystem. - Das vergleicht man mit dem Planetensystem draußen, mit dem kopernikanischen System, und sagt: Das ist das gleiche. - Nun schön, aber man darf nicht vergessen, der Herr Lehrer war ja da und hat gedreht. Also man muß auch, wenn man nicht unwahr sein will, diesen Riesendämon dazusetzen, der da draußen die Weltenachse dreht, sonst entsteht ja nicht dasjenige, wovon man erklärt hat, daß es entstünde. Sonst dürfte man ja nicht die Sache als Versinnlichung anführen, wenn man da draußen nicht den Riesendämon hätte. Man muß auch in der wissenschaftlichen Erklärung ehrlicher und auch bedachter werden, als man es heute eigentlich im Grunde ist." (Lit.: GA 323, S. 337)

Die kosmologische Bedeutung des Mysteriums von Golgatha

Rudolf Steiner hat in diesem Zusammenhang auf die kosmologische Bedeutung des Mysteriums von Golgatha hingewiesen:

"Alles aber hängt daran, daß der Christus nicht bloß seinem Lehrinhalt nach genommen werde, sondern daß das Mysterium von Golgatha in seiner Realität, in seiner Wirklichkeit geschaut wird, daß geschaut wird, daß da tatsächlich etwas Überirdisches durch die Person des Jesus von Nazareth sich mit dem Irdischen verbunden hat. Denn dann wird man darauf kommen, daß das Moralische nicht bloß dasjenige ist, was verweht und vergeht, wenn die Erde oder selbst das Himmelsgebäude ein Grab geworden ist, sondern daß die gegenwärtige Erde und das gegenwärtige Himmelsgebäude ein Grab werden kann, wie die gegenwärtige Pflanze zu Staub wird. Aber wie in der gegenwärtigen Pflanze der Keim zu der nächsten darinnensteckt, so steckt in der gegenwärtigen Welt der Keim zu der nächsten darinnen. Und die Menschen sind mit diesem Keim verbunden. Nur bedarf dieser Keim des Zusammenhanges mit dem Christus, damit er nicht, wie etwa der Pflanzenkeim, wenn er nicht befruchtet wird, mit dem Staub der Pflanze zerfällt, so mit dem Grabe der Erde zerfällt. Daß die moralische Weltenordnung in der Gegenwart die Keimkraft künftiger Naturordnung ist, das ist der realste Gedanke, den es geben kann. Das Moralische ist nicht bloß etwas Ausgedachtes; das Moralische ist jetzt, wenn es wirklichkeitsgetränkt ist, als Keim vorhanden für spätere äußere Realitäten.

Zu diesem Gedanken kommt keine solche Weltanschauung, von der Herman Grimm sagte, daß ein Stück Aasknochen, um den ein hungriger Hund herumschleicht, ein appetitlicherer Anblick sei als die Kant- Laplacesche Weltordnung. Zu diesem Gedanken, daß das Moralische in sich die Kraft hat, ein Natürliches zu werden, daß es der Keim des Natürlichen ist, des Natürlichen der Zukunft, zu dem dringt die mechanische Weltenordnung niemals. Und warum nicht? Ja, sie muß ja in der Täuschung leben. Denn stellen Sie sich vor, das Mysterium von Golgatha hätte nicht stattgefunden, dann wäre es so, wie die Kant-Laplacesche Theorie es sich vorstellt. Sie brauchen bloß das Mysterium von Golgatha von der Erde wegzudenken, dann wäre diese Theorie richtig. Denn die Erde mußte in einen Zustand einmal kommen, der, wenn er, sich selbst überlassen, weiterlaufen würde, das Menschliche in der Grabesöde enden ließe. Das mußte so geschehen, damit der Mensch durch Erdenverwandtheit die Freiheit erringen könne. Er findet dieses Grab nicht, weil die Erde in dem Augenblick, in dem die Krisis war, befruchtet wurde durch den Christus, weil der Christus heruntergestiegen ist - und weil der Christus die umgekehrte Kraft ist gegenüber der zum Grabesende führenden, das nämlich, was Keimeskraft ist - , hinaufzutragen den Menschen in die geistige Welt; das heißt, wenn die Erde Grab wird, wenn sie ihrem Schicksal nach der Kant-Laplaceschen Theorie folgt, das nicht mit zugrunde gehen zu lassen, was als Keim in ihr liegt, sondern es hinüberzutragen in die Zukunft. So daß die christlich- moralische Weltordnung dasjenige denkt, was Goethe die «höhere Natur in der Natur» nennt, und man sagen kann: Wer das Mysterium von Golgatha in der richtigen Weise als eine Realität denken kann, der kann auch real denken, der kann sich auch wirklichkeitsgesättigte Begriffe machen." (Lit.: GA 175, S. 87ff)

Siehe auch

Literatur

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Weblinks

 Wikisource: Kant-Laplace-Theorie – Quellen und Volltexte
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