Makrokosmisches Vaterunser

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Das Makrokosmische Vaterunser, das umgekehrte Vaterunser, entstammt dem sog. Fünften Evangelium, dem Evangelium der Erkenntnis, über das Rudolf Steiner eine Reihe von Vorträgen gehalten hat. Das Fünfte Evangelium schildert die in den vier anderen Evangelien nicht beschriebenen Erlebnisse des Jesus von Nazareth von seinem 12. bis zu seinem 29./30. Lebensjahr. Erstmals wurde das makrokosmische Vaterunser von Rudolf Steiner bei der Grundsteinlegung des Ersten Goetheanums am 20. September 1913 gesprochen.

Wenn wir Verständnis entgegenbringen dem gegenwärtigen Augenblick, dann wird uns auch das Verständnis dafür aufgehen, daß den vier Evangelien hinzugefügt werden kann ein fünftes. So mögen denn am heutigen Abend zu des Mikrokosmos Geheimnissen hinzu die Worte erklingen, welche die Geheimnisse des Makrokosmos ausdrücken. Als erstes des Fünften Evangeliums soll hier ertönen das makrokosmische Gegenbild des mikrokosmischen Gebetes, das einstmals verkündet wurde vom Osten nach dem Westen. So klinge wider als Zeichen des Verständnisses das makrokosmische Weltengebet, enthalten im Fünften, uralten Evangelium, das verbunden ist mit dem Mond und dem Jupiter, so wie die vier Evangelien verbunden sind mit der Erde:

AUM, Amen!
Es walten die Übel,
Zeugen sich lösender Ichheit,
von andern erschuldete Selbstheitschuld,
Erlebet im täglichen Brote,
In dem nicht waltet der Himmel Wille,
Da der Mensch sich schied von Eurem Reich
Und vergaß Euren Namen,
Ihr Väter in den Himmeln.

Das Vaterunser war als Gebet der Menschheit gegeben worden. Dem mikrokosmischen Vaterunser, das verkündet wurde vom Osten nach dem Westen, tönt nun entgegen das uralte makrokosmische Gebet. So tönt es wider, wenn es, recht verstanden von Menschenseelen, hinausklingt in die Weltenweiten und zurückgegeben wird mit den Worten, die geprägt worden sind aus dem Makrokosmos heraus. Nehmen wir es mit uns, das makrokosmische Vaterunser, fühlend, daß wir damit beginnen, das Verständnis zu erringen für das Evangelium der Erkenntnis: das Fünfte Evangelium." (Lit.: GA 245, S. 129)

Jesus hatte das makrokosmische Vaterunser durch die Stimme der Bath-Kol (hebr. בּת קול), der Tochter der Stimme, vernommen, die bei den Rabbinern als eine Art göttlicher Stimme galt, welche neben der Prophetie den zweiten Rang einnahm, später aber nicht mehr sehr hoch geachtet wurde. Jesus stand damals in seinem 24. Lebensjahr und war an eine heidnische Kultstätte gekommen, die aber längst von den Priestern verlassen worden war. Ringsherum war nur mit seelischen und körperlichen Leiden beladenes Volk. In Jesus glaubten sie den neuen Priester zu erkennen, der ihnen gesandt worden war. Sie drängten ihn zum Opferaltar, wo er wie tot hinfiel. Er fühlte sich entrückt in die Sonnensphäre und vernahm die verwandelte Stimme der Bath-Kol:

"Und jetzt hörte sie, wie aus den Sphären des Sonnendaseins herausklingend, Worte, wie diese Seele sie früher durch die Bath-Kol oftmals vernommen hatte. Aber jetzt war die Bath-Kol verwandelt, zu etwas völlig anderem geworden. Die Stimme kam ihm auch von ganz anderer Richtung her, und dasjenige, was Jesus von Nazareth jetzt vernahm, das kann man, wenn man es in unsere Sprache übersetzt, zusammenfassen in die Worte, die ich zum ersten Male mitteilen durfte, als wir vor kurzer Zeit den Grundstein legten für unseren Dornacher Bau.

Es gibt ja okkulte Verpflichtungen! Und einer solchen okkulten Verpflichtung folgend hatte ich damals mitzuteilen, was durch die verwandelte Stimme der Bath-Kol Jesus von Nazareth vernahm dazumal, als dies geschah, was ich jetzt eben erzählt habe. Es vernahm Jesus von Nazareth die Worte:

Amen
Es walten die Übel
Zeugen sich lösender Ichheit
Von andern erschuldete Selbstheitschuld
Erlebet im täglichen Brote
In dem nicht waltet der Himmel Wille
Da der Mensch sich schied von Eurem Reich
Und vergaß Euren Namen
Ihr Väter in den Himmeln.

Nicht anders als so kann ich in die deutsche Sprache übersetzen dasjenige, was wie die verwandelte Stimme der Bath-Kol dazumal von Jesus von Nazareth vernommen worden ist. Nicht anders als so! Es waren diese Worte, welche die Seele des Jesus von Nazareth zurückbrachte, als sie aus der Betäubung wieder erwachte, durch die sie sich entrückt fühlte bei jener eben geschilderten Begebenheit. Und als Jesus von Nazareth wieder zu sich gekommen war, und die Augen rings herum richtete auf die Menge der Mühseligen und Beladenen, die ihn auf den Altar erhoben hatten, da war diese entflohen. Und als er den hellsichtigen Blick in die Ferne schweifen ließ, konnte er ihn nur richten auf eine Schar von dämonischen Gestalten, von dämonischen Wesen, die alle mit diesen Leuten verbunden waren." (Lit.: GA 148, S. 64f)

Das Vaterunser im Zusammenhang mit den Wesensgliedern des Menschen (GA 96, S 207)

Das Vaterunser, das später durch Jesus Christus selbst im Rahmen der Bergpredigt (Mt 6,9-13 LUT) bzw. auf die Frage seiner Jünger hin, wie sie beten sollen (Lk 11,2-4 LUT), gestiftet wurde, ist als mikrokosmisches Vaterunser in gewisser Weise die Umkehrung des makrokosmischen Vaterunser. Beide beziehen sich auf die schädlichen Einflüsse auf die Wesensglieder des Menschen (siehe Zeichnung). Die Versuchung wird alledings im makrokosmischen Vaterunser nicht unmittelbar angesprochen.

„9 Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. 10 Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. 11 Unser tägliches Brot gib uns heute. 12 Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. 13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel. [Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.]“

Matthäus: 6,9-13 LUT

Das "Brot" bezieht sich auf den physischen Leib. Mit "Schuld" sind die Verfehlungen des Ätherleibes gemeint. Diese Verfehlungen bringen den Menschen in Disharmonie zu seiner sozialen Umgebung. Die "Versuchung" bezeichnet Verfehlungen des Astralleibes, sie sind individueller Natur. Entgegen der heute üblichen Übersetzung der vierten Bitte mit "Und erlöse uns von dem Bösen" bezieht sich Steiner mit der Übersetzung von πονηροῦ (ponērou) bzw. malo mit "Übel" auf die spezifische Verfehlung des Ichs: Den Egoismus. "Erlöse uns von dem Übel" meint die Bitte um Erlösung vom Egoismus. (Lit.: GA 097, S. 122)

Literatur

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Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
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