Ontogenese

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Als Ontogenese (von griech. ὀντογένεση; aus ὄν on, „das Seiende“ und γένεσις génesis, „Geburt“, „Entstehung“) bzeichnet man in der Biologie nach Ernst Haeckel (1866) die Entwicklungsgeschichte des einzelnen, individuellen Lebewesens von der befruchteten Eizelle bis zum erwachsenen Stadium. Die Phylogenese beschreibt demgegenüber die stammesgeschichtliche Entwicklung. Das von Haeckel formulierte biogenetische Grundgesetz, wonach die Ontogenese in abgekürzter Form die Phylogenese rekapituliert, gilt heute in der von Haeckel vertretenen Form als widerlegt. Basierend auf einer Sammlung mehrerer hunderttausend Schnitte menschlicher Embryos kam schon Erich Blechschmidt (1904-1992) zu der Ansicht, daß sich die menschliche Embryonalentwicklung von der tierischen schon vom allerersten Moment an unterscheide, so daß von einer "Rekapitulation" im Sinne Haeckels niemals die Rede sein könne. Der Mensch sei von allem Anfang an Mensch und unterscheide sich grundlegend vom Tier.

L.F.C. Mees hat allerdings gezeigt, daß gerade die Wiederholung wichtiger Entwicklungsstufen im Tierreich ein neues Licht auf die Evolution werfen kann, und daß dabei Blechschmidts Ansichten und das Biogenetische Grundgesetz vereinbar sind - nur muß es dann in anderem Sinn angewendet werden, als Haeckel es tat. Er stützt sich dabei auf Aussagen Rudolf Steiners. Steiner hat zwar die Tatsachen, die diesem Gesetz zugrundeliegen, durchaus anerkannt, Haeckels Interpretation dieser Tatsachen hielt er aber für verfehlt:

„Die Tatsachen sind selbstverständlich richtig, denn sie werden durch die Sinne beobachtet. Soll aber nun darüber geurteilt werden, dann kommt das in Betracht, was die Kraft der Verstandesseele ist. Die kann nicht heran an das, was nicht sinnlich gesehen werden kann. Sie ist daher, wenn sie nicht die Wahrheitsanlage im Innern hat, notwendigerweise dem Irrtum unterworfen. Und hier haben wir ein eklatantes Beispiel dafür, wie die Urteilskraft, die aus der Verstandesseele kommt, in den Irrtum hineinsegeln kann [...]

Was zeigt denn die Tatsache, daß der Mensch auf einer gewissen Stufe seines Keimeslebens einem Fischchen ähnlich sieht? Diese Tatsache zeigt, daß der Mensch dasjenige, was Fischform ist, nicht brauchen kann, daß er es ausstoßen mußte, bevor er sein Menschendasein antrat. Und die nächste Keimesgestalt ist wiederum eine solche, die der Mensch ausstoßen mußte, weil sie nicht zu ihm gehört, so wie der Mensch alle Tierformen ausstoßen mußte, weil sie nicht zu ihm gehören. Der Mensch hätte nicht Mensch werden können, wenn er jemals in einer solchen Gestalt auf der Erde erschienen wäre, wie diese Tierformen sind. Er mußte sie eben gerade von sich absondern, damit er hat Mensch werden können. Wenn Sie in richtiger Weise diese Gedanken verfolgen, so werden Sie auch zu einem richtigen Urteil kommen. Was zeigen die Tatsachen, daß der Mensch im Keimesstadium zum Beispiel wie ein Fischchen aussieht? Diese Tatsachen zeigen, daß er niemals einem Fischchen ähnlich gesehen hat im Verlaufe seiner Abstammungslinie, daß er gerade in der Linie seiner Entwickelung ausgestoßen hat die Fischform, sie nicht brauchen konnte, weil er ihr nicht ähnlich sehen durfte. Nehmen Sie nun alle die andern aufeinanderfolgenden Gestalten, welche die moderne Wissenschaft in den Gestalten des Keimeslebens Ihnen zeigt. Was zeigen diese Formen? Sie zeigen alles dasjenige, was der Mensch in der Vorzeit nicht gewesen ist, was er gerade aus sich hat ausstoßen müssen. Sie zeigen alle diejenigen Bilder, denen er niemals ähnlich gesehen hat. So kann man in Wahrheit erfahren durch die Embryologie, wie der Mensch niemals in der Vorzeit ausgesehen hat [...] Gerade die umgekehrte Reihenfolge der Evolution wurde durch das Hineinsegeln in den Irrtum angenommen, dadurch, daß der Verstand sich wirklich recht ungeeignet erwiesen hat, um diese Tatsachen der Wirklichkeit wahrhaftig zu durchdenken. Gewiß sind diese Bilder der Vorzeit für uns außerordentlich wichtig, weil wir eben daran erkennen, wie wir niemals ausgesehen haben.“ (Lit.:GA 115, S. 81ff)

Nach Rudolf Steiner war der Mensch also nicht nur ontogentisch, sondern auch phylogentisch (stammesgeschichtlich) von Anfang an Mensch - freilich nicht in seiner heutigen Form. Zu seiner heutigen Gestalt entwickelte er sich gerade dadurch, dass er die tierischen Formen im Zug der Phylogenese nach und nach aus seinem Wesen ausschied. In diesem Sinn stammt nicht der Mensch vom Tier ab, sondern vielmehr umgekehrt die Tiere vom Menschen.

Literatur

  1. Prof. Dr. med. Erich Blechschmidt: Wie beginnt das menschliche Leben: vom Ei zum Embryo, Christiana Verlag, Stein am Rhein, 6. Aufl., 1989
  2. L.F.C. Mees: Tiere sind, was Menschen haben, J. Ch. Mellinger Verlag, Stuttgart 1987, ISBN 978-3880692237
  3. Rudolf Steiner: Anthroposophie, Psychosophie, Pneumatosophie, GA 115 (1980), Vierter Vortrag, Berlin, 27. Oktober 1909
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