Oratorium

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Konzert in der Kirche La Madeleine, Paris, 2013

Oratorium (kirchenlat. oratorium „Bethaus“, von lat. orare „beten“) nennt man in der musikalischen Formenlehre die dramatische, mehrteilige Vertonung einer zumeist geistlichen Handlung, verteilt auf mehrere Personen, Chor und Orchester. Es ist eine erzählend-dramatische (also mit Handlungselementen durchsetzte) Komposition.

Der Begriff Oratorium leitet sich vom italienischen „oratorio“ beziehungsweise vom lateinischen „oratorium“ ab, das ursprünglich einen Gebetssaal bezeichnete. Dies deutet auf die Anfänge der Gattung hin, die sich aus nicht-liturgischen musikalischen Andachten im römischen Oratorium entwickelte und ihren Namen von ihrem Entstehungs- und Aufführungsort übernahm.

Im Unterschied zum Italienischen und zum Deutschen wird in anderen Sprachen zwischen dem Gebetssaal und der musikalischen Gattung begrifflich unterschieden: der Gebetssaal heißt beispielsweise auf Englisch „oratory“, auf Französisch „oratoire“, die musikalische Gattung hingegen in beiden Sprachen „oratorio“.

Abgrenzung zur Oper

Das Oratorium wird im Gegensatz zur Oper ausschließlich konzertant aufgeführt, die Handlung findet also nur in den Texten und in der Musik statt. Ein weiterer grundlegender Unterschied zwischen Oper und Oratorium besteht darin, dass die Oper zum großen Teil weltliche Stoffe zum Inhalt hat, während sich das Oratorium mehr auf die geistlichen Geschichten konzentriert. Oratorien werden traditionell in kirchlicher Umgebung aufgeführt. In der kirchlichen Fastenzeit wurden in der Regel keine Opern gegeben; in dieser Zeit fand das Oratorium verstärktes öffentliches Interesse. Oratorium und Oper haben sich immer gegenseitig beeinflusst, zum Beispiel in der Einführung der Da-capo-Arie.

Form

Das frühe Oratorium ist generell zweiteilig, woran sich seine musikalische Herkunft ablesen lässt: In den Andachten Philipp Neris diente die Musik als „Rahmen“ für die Predigt, die zwischen den beiden Teilen erfolgte. Die gesamte Aufführungsdauer liegt bei etwa 40–50 Minuten, die Textlänge bei etwa 350–450 Zeilen.

Der Text ist poetisch geformt, häufig gereimt (mit wechselnder Silbenzahl und Reimstellung). Waren bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts erzählende Textpartien, vorgetragen von einem Solisten, dem „Testo“ (von lat. testis=Zeuge), Standard, so setzt sich in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts eine dramatische Form des Oratoriums, ohne epische Textanteile, durch. Damit ist die Grundlage gelegt für den jahrhundertewährenden Streit, ob das Oratorium eher als epische, als dramatische oder vielleicht sogar als lyrische Gattung anzusehen sei.

Die Zahl der Interlocutori, der singenden Personen, beträgt üblicherweise drei bis fünf, wobei die Fünfstimmigkeit (SSATB) ein Charakteristikum des italienischen Madrigals, eines der Vorläufer des Oratoriums, ist. Personengruppen, Volksmengen, Turba-Chöre finden sich in frühen Oratorien, im Laufe des 17. Jahrhunderts jedoch immer seltener. Stattdessen schließen sich die Stimmen für betrachtende oder kommentierende Passagen eher zu Ensembles zusammen.

Musikalisch etabliert sich im Oratorium wie in der Oper die Abfolge aus Rezitativen und Arien, die die ursprüngliche kontinuierliche musikalische Gestaltung ablöst. Entscheidend ist die paarige Anordnung: Jeder Arie geht ein Rezitativ in gleicher Besetzung voraus. Die so entstehenden Sinneinheiten entsprechen im weiteren Sinne der Szeneneinteilung in der Oper.

Das deutsche protestantische Oratorium legt einen Bibeltext, in der Regel die Passionsgeschichte (oft in Evangelienharmonie) zugrunde. Die nach ihrem Verfasser Barthold Heinrich Brockes benannte Brockes-Passion blieb dabei für lange Zeit prägend: Den Handlungsleitfaden liefert im Oratorium der Erzähler (Historicus, Testo oder Evangelist). Er stellt die Rahmenhandlung in Rezitativen dem Publikum vor. Worte Jesu und anderer handelnder Personen sind üblicherweise rezitativisch oder als monodische Ariosi mit Streicherbegleitung vertont. Als Beispiel ein kurzer Ausschnitt aus Johann Sebastian Bachs Johannespassion:

Johannespassion Leugnung Anfang.png

Dazu treten weitere Texte, die vom Chor und den Solisten dargeboten werden, wie madrigalische Dichtungen und geistliche Lyrik, die das Geschehen reflektieren und kommentieren, sowie Choralstrophen. Die lyrischen Textteile werden überwiegend als Da-capo-Arien für Solisten oder Gesangsensembles umgesetzt. Der Chor hat eine dreifache Aufgabe: Er übernimmt die wörtliche Rede von Menschenmengen („Turbaechöre“), als Chorarien vertonte madrigalische Texte sowie – quasi als Stellvertreter der Gemeinde – die Choräle.

Aus dieser textlichen Aufteilung ergibt sich eine spezielle Dramaturgie, die sogenannte Drei-Ebenen-Dramaturgie, die als charakteristisch für das Oratorium gelten darf: Zum epischen Erzählerbericht (1) treten individuelle Gefühlsäußerungen in den Arien (2), sowie kollektive Reflexionen der gläubigen Gemeinde in den Chorälen (3). Auch wenn sich das Oratorium phasenweise immer wieder an der Oper orientiert hat und dramatischer gestalteten Entwürfen aufgeschlossen war (bis hin zu einzelnen szenischen Oratorien), wirkt dieser Gestaltungstypus bis in die heutige Zeit nach.

Die Stoffe für ein Oratorium stammen meistens aus dem Alten oder dem Neuen Testament, der Hagiographie und der christlichen Allegorik. Selbst Figuren der Mythologie (so bei Hans Werner Henze) oder der Weltgeschichte (Martin Luther oder Dietrich Bonhoeffer) sind im Oratorium darstellbar.

Zur Geschichte und zu anderen Themen siehe auch

Siehe auch

Literatur (chronologisch)

  • Arnold Schering: Geschichte des Oratoriums (= Kleine Handbücher der Musikgeschichte nach Gattungen. Band 13). Breitkopf & Härtel, Leipzig 1911.
  • Hermann Kretzschmar: Führer durch den Concertsaal, II.Abt II.Theil, Oratorien und weltliche Chorwerke. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1890;. (Ausgabe letzter Hand: 4. Auflage 1920)
  • Erich Reimer: Oratorium. In: Handwörterbuch der musikalischen Terminologie. Bd. 4, hrsg. von Hans Heinrich Eggebrecht und Albrecht Riethmüller, Schriftleitung Markus Bandur, Steiner, Stuttgart 1972 (Digitalisat).
  • Werner Oehlmann, Alexander Wagner: Chormusik und Oratorienführer. Reclam-Verlag, Stuttgart 1976. (Neuausgabe: 1999, ISBN 3-15-010450-5)
  • Howard E. Smither: A History of the Oratorio. 4 Bände. University of North Carolina Press, Chapel Hill 1977–2000.
    • Vol. 1: The Oratorio in the Baroque Era: Italy, Vienna, Paris. ISBN 0-8078-1274-9.
    • Vol. 2: The Oratorio in the Baroque Era: Protestant Germany and England. ISBN 0-8078-1294-3.
    • Vol. 3: The Oratorio in the Classical Era.
    • Vol. 4: The Ooratorio in the Nineteenth and Twentieth Centuries. ISBN 0-8078-2511-5.
  • Günther Massenkeil u. a.: Oratorium. In: Musik in Geschichte und Gegenwart. 2. Ausgabe, Sachteil Band 7 (1997), Sp. 741–811.
  • Günther Massenkeil: Oratorium und Passion (= Handbuch der musikalischen Gattungen. Band 10). 2 Bände. Laaber, Laaber 1998/99, ISBN 3-89007-133-3 (Band 1), ISBN 3-89007-481-2 (Band 2).
  • Imanuel Geiss: Geschichte im Oratorium. Von der Schöpfung zur Apokalypse. Eine historische Handreichung für die Chorarbeit. Hochschule Bremen, Musikforum. Herausgegeben von Ronald Mönch und Joshard Daus, Talpa, Berlin 1999, ISBN 3-933689-02-3 und ISBN 3-933689-03-1.
  • Silke Leopold, Ullrich Scheideler (Hrsg.): Oratorienführer. Metzler, Stuttgart 2000, ISBN 3-476-00977-7.
  • Howard E. Smither: Oratorio. In: New Grove Dictionary of Music and Musicians. 2. Ausgabe. 2001.
  • Cäcilie Kowald: Das deutschsprachige Oratorienlibretto 1945–2000. Berlin 2007, (Dissertation TU Berlin 2007, Volltext online PDF, 1,19 MB, mit einem Verzeichnis deutschsprachiger Oratorien 1945–2007).


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