Oskar Simony

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Oskar Simony (1852-1915)

Oskar Simony (* 23. April 1852 in Wien; † 6. April 1915 in Wien) war Mathematiker, Physiker, Bergsteiger und Weltreisender.

Leben

Oskar Simony wurde am 23. April 1852 in Wien als Sohn des berühmten Dachsteinforschers Friedrich Simony (1813-1896) und dessen Gattin Amalie, geborene Krakowitzer, geboren. Sein Vater hatte die Lehrkanzel für Geographie an der Universität Wien begründet und nach ihm sind im Dachsteingebiet die Simonyhütte und die Simony-Scharte benannt. Schon in jüngsten Jahren achteten die Eltern auf Oskars vielseitig ausgerichtete Erziehung und Bildung. Mit drei Jahren lernte er mit Bleistift und Pinsel umzugehen und zeichnete mit Herzenslust Pflanzen, Käfer und Schmetterlinge. Im Winter besuchte man eifrig die verschiedensten Museen Wiens und vom Frühjahr bis zum Herbst machte man an jedem freien Tag Ausflüge in die Umgebung Wiens.

1863 trat Oskar in die zweite Klasse des Schottengymnasiums ein. Nach der Reifeprüfung belegte Simony 1870 an der Universität Wien die Fächer Mathematik und Physik. 1871 besteigt er gemeinsam mit seinem Bruder Arthur die Spitzmauer im Toten Gebirge mit einer Höhe von 2446 m.

Ab 1873 supplierte Simony nebenher als Mathematikprofessor an der Mittelschule der Wiener Handelskammer. 1874 schloss er sein Mathematikstudium ab und promovierte in Physik mit einer Arbeit über die Theorie der Molekularbewegung; gleichzeitig legte er auch seine Lehramtsprüfung ab.

Die Habilitation erfolgte 1875. Von da an arbeitete Simony als Privatdozent für Mathematik und theoretische Physik an der Universität Wien. Ab 1876 lehrte er Physik und Mechanik an der Universität für Bodenkultur Wien. Im selben Jahr begann sein Vater Friedrich mit der fotographischen Dokumentation der Dachsteinregion. 1877 trifft Simony der tragische Tod seines Bruders Arthur, der mittlerweile ein junger Mediziner geworden war.

1882 besteigt Oskar gemeinsam mit seinem Vater den Hohen Dachstein. Ein enger Freund Simonys wurde zu dieser Zeit Friedrich Eckstein, der ihn ob seiner vielfältigen geistigen Einsichten bewunderte. Über seine Begegnung mit Simony auf der Rax schreibt er:

„Es war ein trüber Nachmittag im Spätsommer des Jahres 1880, als ich, ein kaum zwanzigjähriger Jüngling, durch die Felswände des großen Wetterkogels im steirischen Raxgebiet emporkletterte. Ein scharfer Wind wehte, und schwere Nebelfetzen verhüllten mir immer wieder den Ausblick so, dass ich mitunter die Orientierung völlig verlor. Als die Dunstschleier endlich für einen Augenblick zerrissen, gewahrte ich, hoch über mir, in einer steilen, von Schnee erfüllten Geröllschlucht, einen Mann, der anscheinend gleich mir mit dem Einsammeln von Alpenpflanzen beschäftigt war. Als er mich erblickte, rief er mich an, sprang mit einigen mächtigen Sätzen zu mir herab und begrüßte mich: "Welch herrliches Wetter! Eine besonders schöne Hutchinsia haben sie da gefunden, auch die Saxifragen scheinen nicht schlecht zu sein. Lassen Sie sehen! Also auch ein Pflanzenfreund? Wo wollen Sie den eigentlich hin? Bald gab es zwischen uns ein angeregtes Gespräch, und wir legten die letzte Strecke bis zur Gipfelpyramide gemeinsam zurück.
Mein Begleiter war ein noch nicht dreißigjähriger Mann von hoher Gestalt, breitschultrig, mit gewaltigem Brustkorb. Sein etwas olivbraunes, fein geschnittenes Antlitz war von einem mächtigen, im Winde flatternden Vollbart umrahmt, die breite faltige Stirn über einem paar feucht-brauner Augen und die langen, dunklen Haare, glatt nach rückwärts gestrichen, gaben dem Gesicht etwas eigenartig Sinnendes. Unterwegs war er unablässig mit dem Einsammeln von Pflanzen und Insekten beschäftigt, und ich begann zu vermuten, dass ich einen Naturforscher vor mir habe. Schließlich nannte er mir seinen Namen: Dr. Oskar Simony, Dozent an der Wiener Universität, Professor der Mathematik und Physik an der Hochschule für Bodenkultur.“

Eckstein: Rax, Athletik und philosophische Träumereien. - In Wiener Tagblatt vom 29. Juli 1930
Pico del Teide mit der markanten Felsnadel Roque Chinchado („Steinerner Baum“) links im Vordergrund.
Friedrich Simony (1813-1896), Geograph und Alpenforscher; Vater von Oskar Simony.

In den Sommerferien 1888, 1889 und 1890 unternimmt er Expeditionen auf die vulkanischen, damals noch weitgehend unerforschten Kanarischen Inseln. Er machte dabei geophysikalische Untersuchungen, studierte die Amphibien und Reptilien und brachte Unmengen an Proben mit. Besonders angetan hatte es ihm der 3718 m hohe Vulkanberg Pico del Teide auf Teneriffa; auf der Spitze des Berges wollte er das Sonnenspektrum untersuchen und trug dazu das 40kg schwere Spektrometer selbst hinauf. Hier in der Bergeshöhe hatte er auch ein geistiges Erweckungserlebnis, das sein weiteres Leben bestimmen sollte. Er führte von nun an ein beinahe asketisches Leben und der Wunsch, tatkräftig menschliche Hilfeleistung zu leisten, wo sie nötig ist, und nach geistiger Arbeit von mystischer Tiefe, inspiriert durch Buddha, Platon und die christlichen Mystiker, verdrängte alle äußerlichen Lebensziele.

Ab 1888 setzt Simony gemeinsam mit seinem schon betagten, aber noch rüstigen Vater, der 1885 in den Ruhestand getreten war, die fotografische Erfassung des Dachsteingebiets fort. Simony vererhrte seinen Vater zeitlebens und war wie er ein vortrefflicher Bergsteiger und Fotograf. Mit der tatkräftigen Unterstützung seines Sohnes wurde ab 1889 Friedrich Simonys große Dachsteinmonografie Das Dachsteingebiet, ein Charakterbild aus den österreichischen Nordalpen fertiggestellt. Am 20. April 1896 starb Oskar Simonys Vater in Sankt Gallen in der Steiermark. Die umfangreiche Sammlung und die Dokumentationen seines Vaters schenkte Oskar Simony 1898 dem Naturhistorischen Museum Wien, mit dessen Direktoren Steindachner und Berwerth er persönlich befreundet war.

1898/99 nahm Oskar Simony an der großen und höchst riskanten Expedition der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften nach Südarabien und an den Golf von Aden zur Insel Sokotra teil. Die Schenkung an das Naturhistorische Museum war auch im Hinblick auf den ungewissen Ausgang dieser Unternehmung geschehen. Simonys Aufgabe war es, landschaftliche Charakterbilder zu fotografieren, die Topografie zu erfassen und barometrische Messungen durchzuführen. Auch sammelte er reichlich Tier- und Pflanzenmaterial. Mit dem Verlauf der Expedition war Simony allerdings höchst unzufrieden und kritisierte besonders dessen Leiter Graf von Landberg und forderte dessen Absetzung.

Es folgten Studienreisen 1901 nach Bosnien und 1908 nach Istrien.

1913 emeritierte Simony frühzeitig auf Grund zunehmender Schwerhörigkeit. Im "Ruhestand" vollendete er sein Lebenswerk über die Primzahlen, betrieb weiter Knotenstudien und beschäftigte sich mit der Mythologie.

1915 erlitt er einen Schlaganfall, der zu einer rechtsseitigen Lähmung führte. Als man ihn am 6. April 1915 zur medizinischen Betreuung abholen wollte, ging er in den Freitod:

„Heute Nachmittag hat sich der pensionierte Professor der Hochschule für Bodenkultur Dr. Oskar Simony aus einem Fenster seiner im zweiten Stocke des Hauses Gersthof, Walrießgasse 116, gelegenen Wohnung gestürzt. Er erlitt eine vollständige Zertrümmerung des Brustkorbes und war nach wenigen Minuten tot.“

Neue Freie Presse: Wien, Mittwoch 7. April 1915; Nr. 18188

Rudolf Steiners Begegnung mit Oskar Simony

Rudolf Steiner berichtet über seine Begegnung mit Oskar Simony:

"Da lebte in Wien ein Mann, der sich auf alle Weise in das Geistgebiet einzuleben versuchte. Er war der Professor der Physik und Mathematik an der Wiener Hochschule für Bodenkultur, Oskar Simony, der dann ja viel später, erst vor ganz kurzer Zeit, tragisch geendet hat. Er begegnete mir einmal - ich weiß das so, wie wenn es gestern gewesen wäre - in der Salesianergasse, auf der Landstraße, in Wien. Ich kannte ihn vom Sehen, gesprochen hatte ich nie mit ihm. Er kannte mich gar nicht, wir begegneten uns eben wie zwei, die auf dem Trottoir aneinander vorbeigehen. Ich war dazumal ein ganz junger Lebensanfänger, ein junger Dachs von 26, 27 Jahren. Nun, Oskar Simony guckte mich an, blieb stehen - ich erzähle nur eine Tatsache - und fing mit mir ein Gespräch an über allerlei Dinge der geistigen Wissenschaft, nahm mich dann auch zu sich nach Hause und schenkte mir seine jüngste Publikation über eine Erweiterung der vier Rechnungsarten, die er in der alten Akademie der Wissenschaften damals veröffentlicht hatte. Es war dazumal gerade die Zeit, in der der österreichische Kronprinz Rudolf zusammen mit dem Erzherzog Johann, der dann als Johann Orth, wie Sie vielleicht wissen, verschwunden ist, sich beschäftigten mit der Entlarvung eines Mediums und überhaupt mit solchen Dingen. Daher war dazumal sehr viel von solchen Dingen in Wien die Rede, und Oskar Simony beschäftigte sich außerdem ja sehr wissenschaftlich mit diesen Dingen, er hat ein Buch geschrieben über das Schlingen eines Knotens in ein ringförmig geschlossenes Band, das sehr interessant ist. - Nun, während wir so sprachen, machte er eine Pause im Gespräche und sagte: «Ach, wenn man sich mit diesen Dingen beschäftigt, da braucht man eigentlich viel Humor dazu!» - Und wahrhaftig, es ist nötig, gerade wenn man in die Tiefen der geistigen Wissenschaft hineingeht, daß man den Humor nicht verlernt, daß man mit anderen Worten sich nicht ständig verpflichtet fühlt, das tragisch verlängerte Gesicht nur zu tragen. Und ich habe sogar die Überzeugung, daß Oskar Simony in der letzten Zeit seines Lebens eben den Humor verloren hatte, bevor er so tragisch geendet hat." (Lit.: GA 169, S. 124f)

Mathematik

Simony beschäftigte sich mit der Zahlentheorie, insbesondere mit den Primzahl, mit der empirisch-experimentellen Topologie von Knoten und zweidimensionalen Flächenstücken im dreidimensionalen Raum. Die "Primzahlenrechnungen für das Successionsgesetz der reellen Primzahlen", die er noch kurz vor seinem Tod vollendete, waren sein eigentliches mathematisches Lebenswerk.

Durch die spiritistischen Experimente Karl Friedrich Zöllners wurde Simony angeregt, sich mit dem Problem des Raumes zu befassen, das durch die Entdeckung der nichteuklidischen Geometrie und mehrdimensionaler Räume entstanden war. Er unterschied dabei klar zwischen dem empirisch gegebenen und dem mathematisch denkbaren Raum und spannte den Bogen seiner Untersuchungen von der Physiologie bis hin zur Erkenntnistheorie. Er widersprach der zur Erklärung der spriritistischen Phänomene aufgestellten These Zöllners, dass sämtliche Gegenstände des dreidimensionalen Raumes Projektionen sinnlich nicht wahrnehmbaren vierdimensionalen Objekten seien, ohne deswegen die Möglichkeit spiritistischer Phänomene grundsätzlich zu verneinen. Wie Zöllner war ihm an einer wissenschaftlichen Klärung dieser Frage gelegen, nur wollte er dabei möglichst auf dem Boden der klassischen Physik und Physiologie bleiben und seine experimentelle Topologie auf den empirischen dreidimensionalen Raum beschränken (Lit.: GA 324a, S. 235). Rudolf Steiner gab dazu ein Beispiel in den Lehrerkonferenzen der Stuttgarter Waldorfschule:

"Zum Beispiel, Knoten zu machen in ein geschlossenes Band. Oskar Simony behandelte das in seiner Abhandlung „In ein ringförmig geschlossenes Band einen Knoten zu schlingen".

Weil es den meisten der Lehrer unbekannt war, machte Dr. Steiner vor, wie man ringförmig zusammengeklebte Papierstreifen, die ein-, zwei- oder dreimal in sich verwunden sind, der Lange nach in der Mitte durchschneidet. Bei einmal verwundenen Streifen ergibt das einen großen Ring; bei zweimaliger Verwindung zwei ineinanderhängende Ringe; bei dreimaliger wieder nur einen Ring, der aber in sich verknotet ist. Dabei erzählte Dr. Steiner ausführlich von Oskar Simony. Von dem, was er dabei sagte, ist fast nichts aufgezeichnet worden." (Lit.: GA 300c, S. 109)

Werke (Auswahl)

Mathematik
  • Über jene Flächen, welche aus ringförmig geschlossenen, knotenfreien Bändern durch in sich selbst zurückkehrende Längsschnitte erzeugt werden. Sitzungsberichte der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien 1880, Mathematisch-Naturwissenschaftliche Klasse, Abteilung II, Band 82, S. 691-697.
  • Über jene Gebilde, welche aus kreuzförmigen Flächen durch paarweise Vereinigung ihrer Enden und gewisse in sich selbst zurückkehrende Schnitte entstehen. Sitzungsberichte der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien 1881, Mathematisch-Naturwissenschaftliche Klasse, Abteilung II, Band 84, S. 237-257.
  • Gemeinfassliche, leicht controlirbare Lösung der Aufgabe: «In ein ringförmig geschlossenes Band einen Knoten zu machen» und verwandter merkwürdiger Probleme. Gerold, Wien 1881 (3. Auflage).
  • Über eine Reihe neuer mathematischer Erfahrungssätze. Sitzungsberichte der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Wien 1883, Mathematisch-Naturwissenschaftliche Klasse, Abteilung II, Band 88, S. 939-974
  • Über zwei universelle Verallgemeinerungen der algebraischen Grundoperationen, Wien 1885
Spiritismus
  • Über spiritistische Manifestationen vom naturwissenschaftlichen Standpunkte, Wien 1884

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Weltwesen und Ichheit, GA 169 (1998), ISBN 3-7274-1690-4 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Die vierte Dimension, GA 324a (1995), ISBN 3-7274-3245-4 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Konferenzen mit den Lehrern der Freien Waldorfschule 1919 bis 1924, GA 300c (1995), ISBN 3-7274-3000-1 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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Weblinks

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