Seelenmensch

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Als Seelenmensch hat Rudolf Steiner gelegentlich das erste der höheren Wesensglieder der Toten bezeichnet.

Nachdem der Tote den Ätherleib abgelegt hat, wird er von einer Art Geistselbst umhüllt, das aber noch nicht jenes Geistselbst ist, das sich der Mensch später im Laufe der Weltentwicklung durch seine eigene Ich-Tätigkeit erwerben wird. Um Verwechslungen auszuschließen, hat Rudolf Steiner dafür auch den Ausdruck Seelenmensch gebraucht. Dieses dem Toten verliehene Geistselbst gibt ihm eine Art Triebkraft, durch die er während der Läuterungszeit sein vergangenes Erdenleben imaginativ erleben kann. Allerdings erlebt er dann gerade die Dinge, die ihm damals während des Erdenlebens unbewusst geblieben sind.

„Wenn der Mensch in jenes Leben eingetreten ist, das zwischen dem Tode und einer neuen Geburt abläuft, so ist das zunächst Charakteristische, daß er umgeben gefunden wird von einer Summe von Bildern. Diese Bilder stammen alle aus den Erlebnissen zwischen der letzten Geburt und dem letzten Tode oder auch aus früheren Zeiten. Aber wir wollen zunächst bei dem stehenbleiben, was im letzten Erdenleben vorhanden war. Es treten also zunächst die Bilder auf, die aus dem letzten Leben stammen; die sind in der Umgebung des Menschen zu finden. Es ist das Wesentliche, daß diese in der Umgebung des Toten sind. Das Merkwürdige ist, daß der Tote zunächst eine gewisse Schwierigkeit hat, das Bewußtsein zu entwickeln, daß diese Bilder die seinigen sind. Von dieser gesamten Bilderwelt, die ihn da umgibt, ist das, was in dem Buche «Theosophie» beschrieben ist als die Erlebnisse in der Seelenwelt, jenes Zurückgehen in Bildern, nur ein Teil. Es sind außer diesen Bildern andere vorhanden, und das Leben des Toten besteht darin, allmählich diese Bilder als zu ihm gehörig zu erkennen. Darin besteht das Wirken des Bewußtseins: diese Bilder als in der richtigen Weise zu ihm gehörig voll zu erkennen.

Man versteht, um was es sich hierbei handelt, nur dann vollkommen, wenn man sich bewußt wird, daß das Leben, welches man hier zwischen Geburt und Tod führt, ein gar reichlicheres ist als das bewußte Leben. Stellen Sie sich nur einmal vor: Sie leben in gewissen Verhältnissen, in einer Gemeinschaft, mit diesen oder jenen Menschen. Von dem, was da zwischen Ihnen vorgeht, ist das, was sich bewußt abspielt, eigentlich nur ein Teil. Fortwährend gehen Dinge vor. Sie müssen bedenken, daß ja das hiesige Leben so abläuft, daß man nur einen kleinen Teil dessen beachtet, was man erlebt. Nehmen Sie ein gewöhnliches Ereignis: Sie haben sich heute abend hier versammelt, jeder ist zu jedem von denen, die beisammen sind, in irgendein Verhältnis getreten. Aber wenn Sie sich richtig überlegen, wieviel Sie sich darüber zum Bewußtsein gebracht haben, so ist das sehr wenig. Denn indem Sie erst drei Meter von einem andern Menschen entfernt sind und dann auf ihn zugehen, bedeutet dieses Sich-aus-drei-Metern-Nähern eine ganze Summe von Gesichtseindrücken; Sie sehen das Gesicht immer anders, indem Sie näher kommen und so weiter. Es ist mit dem gewöhnlichen physischen Verstände gar nicht auszudenken, was man eigentlich immer erlebt während des physischen Lebens. Davon ist nur ein ganz kleiner Ausschnitt das, was man bewußt erlebt. Das weitaus Bedeutendste bleibt unterbewußt.

Wenn Sie zum Beispiel einen Brief lesen, so werden Sie sich in der Regel des Inhaltes bewußt. In Ihrer Unterseele aber geht viel mehr vor; dort geht nicht nur das vor, daß Sie sich, ohne daß Sie es sich zum Bewußtsein bringen, doch immer etwas leise ärgern oder freuen über die schöne oder häßliche Handschrift, sondern es geht wirklich mit der Handschrift, mit jedem Zuge der Handschrift von dem Schreiber etwas in Sie über, was Sie mit Ihrem Oberbewußtsein nicht beachten, was aber lebt wie ein das ganze Leben fortwährend durchziehender Traum. Deshalb können wir ja die Träume so schwer wirklich verstehen, weil in ihnen vieles von dem auftritt, was im Tagesbewußtsein gar nicht berücksichtigt wird. Nehmen Sie einmal an, hier sitze eine Dame und dort sitze eine andere. Wenn die eine nicht gerade aufmerksam gemacht wird, daß dort eine Dame sitzt und diese sich nicht genauer ansieht, so kann es vorkommen, daß die eine Dame die andere gar nicht beachtet, gar nicht sich irgendwie klarmacht, welche Geste die andere macht und was sie sonst tut. Aber in der Unterseele haftet es, und in die Träume kann gerade das eingehen, womit man sich viel weniger im Tagesbewußtsein beschäftigt hat. Das kommt gerade dann vor, wenn man im Tagesbewußtsein seine Individualität einer besonderen Sache zuwendet, wenn Sie zum Beispiel gedankenvoll auf der Straße gehen und ein Freund geht an Ihnen vorüber. Sie beachten ihn vielleicht gar nicht, aber Sie träumen von ihm, trotzdem Sie gar nicht wissen, daß er an Ihnen vorbeigegangen ist. Es geht eben sehr, sehr viel im Leben vor sich, und furchtbar wenig geht ins Tagesbewußtsein ein. Aber alles, was so furchtbar vieles im Leben des Menschen vorgeht, namentlich was sich auf Seelisches bezieht, was im Unterbewußten bleibt, das alles wird Bild um den Menschen herum. Indem Sie heute hierher gekommen sind und wieder weggehen werden, bleibt das Bild des ganzen Raumes mit Ihnen verbunden, allerdings mehr insofern, als das alles einen mehr seelischen Eindruck gemacht hat, und seelisch hat das keine festen Grenzen.

So verbindet sich unzähliges Bildhaftes mit dem menschlichen Leben. Das alles ist eingerollt - ich kann keinen andern Ausdruck dafür finden - in das Leben des Menschen. Sie tragen Millionen von Bildern eingerollt durch Ihr Leben. Und was nach dem Tode zunächst stattfindet, ist Entrollung der Bilder, so könnte man es nennen, Entrollung der Bilder, von Post-mortem-Imaginationen. Um den Menschen herum bildet sich allmählich eine imaginative Welt; und darin besteht sein Bewußtsein, daß er sich in dieser imaginativen Welt erkennt. Von etwas andern Gesichtspunkten aus ist das geschildert in den Wiener Vorträgen über das Leben zwischen Tod und neuer Geburt; aber man muß die Sachen von den verschiedensten Gesichtspunkten aus betrachten. - Entrollung der Bilder: Man kann hier zum Vergleich heranziehen, wie wir sind, wenn wir kleine Kinder sind, eben geboren worden sind und einen noch etwas unkonfigurierten Leib haben. Manche Menschen - die nicht gerade Mütter der betreffenden Kinder sind - sagen: Jedes kleine Kind sieht wie ein Frosch aus; es ist noch nicht ganz menschlich, aber es konfiguriert sich allmählich. - Gerade so, wie das Kind sich konfiguriert, wie das heranwächst, von dem wir sagen können: In uns haben wir es, wenn wir materiell leben - , so findet ein Wachsen des Lebens statt, das man nennen kann Entrollen der Bilder des Lebens. Denn in diesem Entrollen der Bilder gestaltet sich der Seelenmensch, das eine Glied des Menschen. Sie müssen sich durchaus vorstellen, daß das, was nach dem Tode ist, ausgebreitet ist, und daß in den Imaginationen zunächst der Seelenmensch heranwächst, der Bildermensch, die imaginative Geist-Leiblichkeit, die sich da aufbaut.

Und hierbei ist es, wo man dem Toten auch wieder von der physischen Erde aus ungeheuer helfen kann, wenn man solche Vorstellungen, die zugleich Vorstellungen der Geisteswissenschaft sind, mit ihm durchnimmt, oder solche, wie wir sie gestern entwickelt haben von der blau-rötlichen Erde mit dem goldigen Jerusalem.[1] Das sind Vorstellungen, nach denen der Tote lechzt, denn er lechzt nach richtenden und ordnenden Imaginationen. Damit hilft man ihm. Namentlich hilft man ihm, wenn man mit ihm durchnimmt, was man mit ihm zusammen erlebt hat; denn daran können sich die Bilder anschließen, wenn sie sich entrollen wollen. Wenn man sich im Leben eigentlich nicht beachtete Dinge vorstellt und diese mit dem Toten durchnimmt, dann hat er davon besonders viel. Ich will zum Beispiel sagen, wenn Sie im Gedächtnis bewahren, wie er, während er noch lebte, durch die Tür gegangen ist, wenn er aus seinem Geschäft kam und zu Hause anlangte, wie Sie sich mit ihm begrüßt haben, also worin sich das Seelische in der bildhaften Weise ausdrückt. Es kann ja unendlich viel Liebevolles in diesen Dingen liegen, es kann natürlich auch anders sein. Dann werden Sie sich auch mit dem Toten in Gedanken zusammen treffen. - Ich habe in der verschiedensten Weise gezeigt, wie man diese Bilderwelt, in die der Tote sich entwickeln muß, worin sich sein Bewußtsein ausbreiten muß, mit seinen eigenen Vorstellungen mischen kann. Vorstellungen, die der Tote angestrebt hat, die er nicht voll erreichen konnte und die ihm etwas erklären, sie werden seine Bilderwelt. Da arbeitet man mit an der Formung seines Seelenmenschen.“ (Lit.:GA 181, S. 186ff)

Literatur

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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
Die Rudolf Steiner Ausgaben basieren auf Klartextnachschriften, die dem gesprochenen Wort Rudolf Steiners so nah wie möglich kommen.
Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und
Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
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Einzelnachweise

  1. vgl. → Erdenaura