Stil

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Stil (von lat. stilus „Stängel, Schreibgerät, Griffel“) ist im weitesten Sinn die charakteristisch Erscheinungsform, das einheitliche typische Gepräge eines Menschen oder einer sozialen Gemeinschaft, einer historischen Epoche, eines bestimmt gestalteten Gegenstandes usw. Im engeren Sinn bezieht sich der Begriff als Kunststil auf alle Arten von Kunstwerken, etwa der Literatur, der Musik, des Schauspiels oder Gesangs, wie auch auf alle Werke der bildenden Kunst (Architektur, Bildhauerei, Malerei). Wirklicher Stil entsteht dort, wo die äußere Erscheinung Ausdruck des Inneren, d.h. des Geistigen ist.

„Wahre Kunst erhebt sich über Manier und Nachahmung zum Stil. Aber der Stil kann sich nicht anders entwickeln als dadurch, daß der Mensch mit seinem ganzen Innenleben in einer wahren Wirklichkeit wurzelt, die noch hinausgeht über dasjenige, was sinnlich-physischer Natur ist, aus der heraus daher auch etwas geschaffen werden kann, was nur aus der menschlichen Schöpferkraft kommen kann. Wahre Kunst, sie muß zum Stile streben, und wahrer Stil, er kann nur auf dem Erleben des Übersinnlichen durch den Menschen beruhen. Wer in der Kunst nicht etwas wie eine Luxusbeigabe zum Leben sieht, sondern eine notwendige Bedingung jedes menschenwürdigen Daseins, etwas, was den Menschen erst zum ganzen Menschen macht und die menschliche Zivilisation erst zu ihrem vollen Sinne bringt, der wird sich sagen müssen: Agnostizismus nimmt den Menschen jene Wahrheit, die in der Kunst leben will und leben muß.“ (Lit.:GA 78, S. 16)

„Wir müssen den geisteswissenschaftlich-spirituellen Gedanken so verstehen, daß er in alle einzelnen Zweige des Lebens eindringt. In unserer materialistischen Zeit ist das äußere Leben nur wenig ein Ausdruck des Innern. Früher war jedes Türschloß, jeder Schlüssel der Ausdruck eines Geistigen. Jetzt ist alles so nichtssagend dagegen. Der Mensch wird wieder in der Weise schaffen lernen, daß das Äußere ein Abbild des Innern ist. Dann wird auch ein Bahnhof als ein Gedanke entstehen, wie der griechische Tempel und der gotische Dom entstanden. Auch unsere Zeit hat einen Baustil, der unserer Zeit entspricht. Das ist das Warenhaus. Das ist der Abdruck des Nützlichkeitsgedankens, der Abdruck des Menschenegoismus. Die Zeit der Nützlichkeit hat als einzigen originalen Stil das Warenhaus erzeugt.

Früher bauten die Menschen ihre Seelenempfindungen in den Baustil hinein. Das Warenhaus ist der Ausdruck für die Empfindungen des 19. Jahrhunderts. Aber jetzt ist schon eine spirituelle Bewegung da, die vorarbeitet für eine spätere Vergeistigung. Die Menschen, welche so die anthroposophische Bewegung verstehen, die verwirklichen den Pfingstgedanken. Wir werden in der Zukunft in dem, was die Erde bedecken wird, die anthroposophischen Gedanken kristallisiert sehen.“ (Lit.:GA 98, S. 269f)

„Was nun auf diese Art über des Menschen Zukunft prophetisch ausgesagt werden kann, das ist die Grundlage für alle Ideale, die eine wirkliche praktische Bedeutung haben. Ideale müssen, wenn sie Wert haben sollen, so tief in der geistigen Welt begründet sein wie Naturgesetze in der bloß natürlichen Welt. Gesetze der Entwickelung müssen solche wahren Ideale sein. Sonst entspringen sie aus einer wertlosen Schwärmerei und Phantasie und können niemals Verwirklichung finden. Alle großen Ideale der Weltgeschichte im weitesten Sinne sind aus schauender Erkenntnis hervorgegangen. Denn zuletzt stammen alle diese großen Ideale von den großen Geheimforschern oder Eingeweihten, und die Kleineren, die mitarbeiten an dem Menschheitsbau, richten sich entweder bewußt oder — allermeistem — unbewußt nach den von den Geheimforschern bestimmten Angaben. Alles Unbewußte hat zuletzt nämlich doch in einem Bewußten seinen Ursprung. Der Maurer, der an einem Hause arbeitet, richtet sich «unbewußt» nach Dingen, die anderen bewußt sind, welche den Ort bestimmt haben, an dem das Haus gebaut werden soll, den Stil, in dem es errichtet werden soll und so weiter. Aber auch diesem Bestimmen von Ort und Stil liegt etwas zugrunde, was den Bestimmern unbewußt bleibt, andern aber bewußt ist oder bewußt war. Ein Künstler zum Beispiel weiß, warum der betreffende Stil dort eine gerade, dort eine gewundene Linie verlangt und so weiter. Der, welcher den Stil zu seinem Hause verwendet, bringt sich dieses «Warum» vielleicht nicht zum Bewußtsein. — Es ist ebenso auch mit den großen Vorgängen in der Welt- und Menschheitsentwickelung. Hinter denen, welche auf einem bestimmten Gebiete arbeiten, stehen höhere bewußtere Arbeiter, und so geht die Stufenleiter der Bewußtheit auf- und abwärts. — Hinter den Alltagsmenschen stehen die Erfinder, Künstler, Forscher und so weiter. Hinter diesen stehen die geheimwissenschaftlichen Eingeweihten — und hinter diesen stehen übermenschliche Wesen.“ (Lit.:GA 11, S. 135f)

Sprachgestaltung und dramatische Kunst

„Man kann materialistisch in der Weltanschauung werden, muß es sogar in gewisser Beziehung für die äußere organische Welt, man kann materialistisch in bezug auf das äußere Leben werden, aber man kann nicht materialistisch in der Kunst werden! Denn wenn man es wird, dann ist das, was man hervorbringt, auf keinem Gebiete mehr Kunst. Und das zeigt sich sowohl am Dramatischen als auch in der Sprachbehandlung des das Dramatische Darstellenden.

Da handelt es sich darum, daß nun wirklich in die Sprachbehandlung hineinkommt all dasjenige, dessen die künstlerische Gestaltung der Sprache als solche fähig ist. Die künstlerische Sprachbehandlung hat in sich die verschiedensten Elemente. Ich möchte nur auf einzelnes hindeuten - die Kürze der Zeit gestattet selbstverständlich nicht, auf vieles einzugehen -, ich möchte darauf aufmerksam machen, daß es zum Beispiel mit Bezug auf das, was sich darstellen läßt durch Sprachbehandlung, eine Art Durchschnittstempo geben kann. Man empfindet dieses, und von diesem Durchschnittstempo ausgehend, kann es den Übergang geben zu einem schnelleren Tempo, einem Eilen mit den Worten, oder auch zu einem Verlangsamen der Worte. Das erste, das Beschleunigte, wird immer zum Ausdrucke bringen ein gewisses Herausgehen des menschlichen Ich aus sich selber, ein Sich-Entfernen, aber ein Sich-Entfernen in die Breite. Man wird dieses Entfernen in die Breite natürlich in der verschiedensten Art empfinden können; es kann auch zum Beispiel sein ein Entferntsein von etwas, nach dem man sich sehnt und dergleichen.

Ein Verlangsamen des Wortes wird gerade in der dramatischen Behandlung eine Art in sich selber Sein darstellen; daher wird alles, was ausdrücken soll das Zur-Besinnung-Kommen, das still in sich Geschlossene, mit einem Verlangsamen des Tempos zusammenhängen.

Ein anderes formales Prinzip liegt in der Steigerung oder in der Senkung des Tones. Das erstere wird immer zusammenhängen mit einem, ich möchte sagen, Vergeistigen des inneren Erlebens, mit einem über sich Hinaufsteigen des Ich. Ein, ich möchte sagen, in die Weite sich Entfernendes hat es zu tun mit dem Tempo; ein Hinaufsteigen über sich hat es zu tun mit einer Steigerung des Tones. Es wird alles, was nach einer Vergeistigung strebt im Inhalte, wenn es auch nur eine solche Vergeistigung ist, daß der menschliche Intellekt zum Beispiel gefangengenommen wird von dem Willen, von Begeisterung, Enthusiasmus, durch eine Steigerung im Ton sich formal zum Ausdruck bringen. Und es wird dann, wenn der Mensch gewissermaßen unter sich in seinem gewöhnlichen Leben hinuntersinkt, sei es durch Trauer, sei es durch Innigkeit, mit einer Senkung des Tones zusammenhängen müssen. Diese Dinge werden sich ganz besonders im Dramatischen ausdrücken können. Und es wird alles das, was die dramatische SprachbehandLung fordert, überfließen müssen in ein solches Formales, so daß man nichts durch das bloße verständnismäßige Urteilen im Dramatischen wird erfassen müssen, sondern alles durch diese besondere Art der Sprachbehandlung, natürlich auch durch die gebärdenmäßige Behandlung, wenn es sich um die bühnenmäßige Darstellung handelt und so weiter. Es wird alles überfließen müssen in die besondere Art der Sprache, so daß man alles das, was Inhalt ist, in der Sprache fühlt. Es wird in der dramatischen Kunst aus dem Grunde nicht besonders leicht sein, manches zu einer gewissen Vollkommenheit zu bringen, weil das Dramatische, wie schon Aristoteles wußte, es gerade zu tun hat mit den Kausalzusammenhängen des Lebens. Daher liegen auch demjenigen, was in dem früher besprochenen Sinne wie eine Partitur zugrunde liegt und dann künstlerisch zur Offenbarung kommen soll, im hohen Grade auch implizite verstandesmäßige Elemente urteilsweise zugrunde. Die werden umgeschaffen werden müssen in dasjenige, was durch die Sprachbehandlung, durch Tempo, Takt, Rhythmus, Steigerung oder Fallen des Tones und so weiter erreicht wird. Und das, was als Bild vor der Phantasie entsteht, wird entstehen müssen dadurch, daß diese Sprachbehandlung es ist, aus welcher die Gestaltung der Bilder fließt.

Man muß schon auf diese Intimitäten im menschlichen Leben eingehen, wenn man auf das wahrhaft Künstlerische kommen will. Das Dramatische selbst wird, weil es sich aus dem physischen Erleben heraushebt durch das Imaginative, das ihm, wenn auch im Abglanz, in der Abschattierung eigen ist, durch all das nur wirken können, was als Sprachbehandlung, als Stil zutage tritt.

Daher wird im Dramatischen bis in die Sprachbehandlung hinein dieser dramatische Stil dasjenige sein, wofür man ein besonderes Organ wird haben müssen. Stil muß alles sein, nicht Naturalismus. Daher kann man sagen, daß in einer gewissen Weise das, was sich innerhalb der französischen Bühnenkunst als Bühnenstil ausgebildet hat, was dann auch in anderen Sprachgebieten Nachahmung gefunden hat, was in der klassischen französischen Tragödiendarstellung seinen Höhepunkt gefunden hat, schon in einer gewissen Weise so vor uns stehen soll, daß wir daran die Gestaltung des dramatischen Stiles lernen. Und man wird, wenn wir von da ausgehen, an der Art, wie auf der französischen Bühne noch bis in die jüngste Zeit herein die französischen Klassiker dargestellt worden sind, und von ihnen ausgehend dann dasjenige, was auch nicht klassische Dramatik war, sehr gut dasjenige studieren können, was die dramatische Sprache als etwas Besonderes heraushebt von der naturalistischen Sprache, bei der es auf das Verständliche, nicht so sehr auf die Gestaltung ankommt.“ (Lit.:GA 281, S. 82ff)

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Aus der Akasha-Chronik, GA 11 (1986), ISBN 3-7274-0110-9 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Anthroposophie, ihre Erkenntniswurzeln und Lebensfrüchte, GA 78 (1986), ISBN 3-7274-0780-8 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Natur- und Geistwesen – ihr Wirken in unserer sichtbaren Welt, GA 98 (1996), ISBN 3-7274-0980-0 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  4. Rudolf Steiner: Die Kunst der Rezitation und Deklamation, GA 281 (1987), ISBN 3-7274-2810-4 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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