Theodor Ziehen

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Theodor Ziehen (um 1900)

Georg Theodor Ziehen (* 12. November 1862 in Frankfurt am Main; † 29. Dezember 1950 in Wiesbaden) war ein deutscher Neurologe, Psychiater, Psychologe, Logiker und Philosoph.

Leben und Werk

Schon während seiner Gymnasialzeit war Ziehen an philosophischen Fragen interessiert und las Schopenhauer und Kant. Nachdem in vier Semstern das Physikum in Würzburg absolviert hatte, studierte er in Berlin Medizin. Als Fachgebiet wählte er die Psychiatrie, da das am besten mit seinem Interesse für Philosophie vereinbar war.

Während des Studiums setzte sich Ziehen mit den Werken von David Hume, Spinoza, Platon und George Berkeley auseinander. Darüber hinaus galt sein Interesse auch der empirischen Medizin und ganz besonders der Hirnanatomie und -physiologie und hörte auch Vorlesungen zur Mathematik und zur theoretischen Physik. Nach seiner Promotion arbeite Ziehen in einer privaten Irrenanstalt in Görlitz, bis er von Otto Binswanger, bei dem er sich auch habitilierte, als Oberarzt nach Jena berufen wurde. Hier behandelte er hauptsächlich den 1889 eingelieferten Friedrich Nietzsche. Im selben Jahr veröffentlichte er auch seine streng rationalistisch begründete Psychophysiologische Erkenntnistheorie.

1900 wurde Ziehen Ordinarius für Psychiatrie in Utrecht, wo er auch ein psychologisches Labor einrichtete. 1903 folgte eine Professur an der Universität Halle. Von 1904 bis 1912 war Ziehen als Ordinarius an der der Universität Berlin angeschlossenen, neuererbauten Psychiatrischen Klink der Charité tätig.

Da ihn die psychiatrische Tätigkeit an der Charité einengte und mit organisatorischen Aufgaben überlastete, Zog sich Ziehen mit seiner Frau und seinen drei Kindern nach Wiesbaden „ganz in die Einsamkeit und in die Philosophie“ zurück. Hier vollendete er 1915 sein psychologisches Hauptwerk Die Grundlagen der Psychologie.

1917 folgte Ziehen einem Ruf an die Universität Halle, wo er Vorlesungen zur Psychologie und Philosophie hielt. 1920 veröffentlichte er sein Lehrbuch der Logik auf positivistischer Grundlage mit Berücksichtigung der Geschichte der Logik, in dem er insbesondere die Verknüpfung zwischen der menschlichen Wahrnehmung und dem menschlichen Denken mit der Logik darstellte und ein entsprechend angepasstes Logikkalkül aufstellte.

Nach seiner Emeritierung 1930 zog sich Ziehen mit seiner Familie wieder nach Wiesbaden zurück. Während der Zeit des Nationalsozialismus war Ziehen Mitglied der NSDAP und der SA. Er starb 1950 kurz nach seinem 89. Geburtstag in Wiesbaden.

Rudolf Steiner über Theodor Ziehen

„Da liegt vor allen Dingen vor eine außerordentlich interessante «Physiologische Psychologie»[1] von Theodor Ziehen. In dieser Psychologie wird, wenn auch zum Teil die noch schwankenden Forschungsergebnisse durch Hypothesen ausgebildet werden, doch in großartiger Weise gezeigt, wie man sich nach modernen naturwissenschaftlichen Beobachtungen vorzustellen hat den Gehirn-, den Nervenmechanismus, um eine Idee davon zu bekommen, wie, während wir uns Vorstellungen bilden, unsere Vorstellungen sich miteinander verknüpfen, der Nervenorganismus arbeitet. Gerade auf diesem Gebiete zeigt es sich aber ganz klar, daß die nach dem Seelischen hin gerichtete naturwissenschaftliche Beobachtungsmethode zu eng umgrenzten, ins Leben nicht eindringenden Begriffen führt. Theodor Ziehen kann zeigen, daß für all dasjenige, was im Vorstellen vorgeht, sich gewissermaßen Gegenbilder finden lassen innerhalb des Nervenmechanismus. Und wenn man das Gebiet der Forschung in dieser Frage durchgeht, dann findet man, daß insbesondere die Schule Haeckels in diesem Bereich ganz Außerordentliches geleistet hat. Man braucht nur hinzuweisen auf die ausgezeichneten Arbeiten, die der Haeckel-Schüler Max Verworn[2] im Göttinger Laboratorium angestellt hat darüber, was etwa vorgeht im menschlichen Gehirn, im menschlichen Nervensystem, wenn wir eine Vorstellung mit der anderen verknüpfen, oder, wie man in der Psychologie sagt: wenn eine Vorstellung sich mit der anderen assoziiert. Auf dieser Verknüpfung der Vorstellungen beruht ja im Grunde unser Denken. Wie man sich diese Verknüpfung der Vorstellungen zu denken hat, wie man sich zu denken hat das Zustandekommen der Erinnerungsvorstellungen, wie da gewisse Mechanismen vorhanden sind, die Vorstellungen, man möchte sagen, aufbewahren, damit sie später aus dem Gedächtnis herausgeholt werden können, alles das ist in zusammenhängender Weise von Theodor Ziehen schön dargestellt. Wenn man überblickt, was er zu sagen hat über das Vorstellungsleben und über dasjenige, was ihm entspricht als menschliches Nervensystem, kann man durchaus mitgehen. Dann aber kommt Ziehen zu einem merkwürdigen weiteren Resultat.

Wir wissen ja, daß dieses menschliche Seelenleben in sich nicht nur das Vorstellen hat. Wie man auch über die Beziehung der anderen Seelentätigkeiten zum Vorstellen denken mag - zunächst kann man nicht davon absehen, daß man außer dem Vorstellen mindestens unterscheiden muß andere Seelentätigkeiten oder -fähigkeiten; wir wissen, daß außer dem Vorstellen das Fühlen da ist, die Gefühlstätigkeit in ihrem ganzen weiten Bereich, und außerdem die Willenstätigkeit. Theodor Ziehen spricht so, als ob das Fühlen eigentlich nichts anderes sei als eine Eigenschaft der Vorstellung; er spricht nicht vom eigentlichen Fühlen, sondern vom Gefühlston der Empfindungen oder Vorstellungen. Die Vorstellungen sind da. Sie sind da, nicht nur wie wir sie denken, sondern mit gewissen Eigenschaften behaftet, die ihnen ihren Gefühlston geben. So daß man sagen kann: Für das Fühlen ist nun ein solcher Forscher darauf angewiesen, daß er sagt: Das, was im Nervensystem vorgeht, das reicht nicht zum Fühlen. Deshalb läßt er das Fühlen selber eigentlich weg und betrachtet es nur wie ein Anhängsel zum Vorstellen. Man kann auch sagen: Indem er nun das Nervensystem verfolgt, kommt er nicht im Nervenmechanismus bis zu der Ergreifung desjenigen Seelischen, das als Gefühlsleben erscheint. Daher läßt er das Gefühlsleben als solches weg. Er kommt aber auch nicht zu irgend etwas im Nervenmechanismus, welches notwendig machte, von einem Wollen zu sprechen. Deshalb leugnet Ziehen geradezu die Berechtigung, auf naturwissenschaftlichem Gebiete in bezug auf die Seelen- und Leibeserkenntnis von einem Wollen zu sprechen. Was geschieht, wenn ein Mensch irgend etwas will? Nehmen wir an, er geht, er ist in Bewegung. Da sagt man — so meint solch ein Forscher —, es entspringt die Bewegung, das Gehen, aus seinem Willen. Aber in der Regel, was ist denn eigentlich da? Nichts anderes ist da, als zunächst die Vorstellung der Bewegung. Ich stelle vor gewissermaßen, was das sein wird, wenn ich mich durch den Raum bewege; und dann geschieht nichts weiter, als daß darauf folgt, daß ich mich selber sehe oder fühle, das heißt, daß ich meine Bewegung wahrnehme. Auf die erinnerte Bewegungsvorstellung folgt die Vorstellung, die Wahrnehmung der Bewegung; ein Wille ist nirgends zu finden. - Der Wille wird also geradezu fortgeschafft von Ziehen. Wir sehen, bei der Verfolgung der Nervenmechanismen kommt man nicht zum Fühlen und auch nicht zum Wollen; daher muß man mehr oder weniger, für den Willen sogar ganz, diese Seelengebiete außer acht lassen. Und dann sagt man gewöhnlich gutmütig: Nun ja, das überläßt man den Philosophen, aber der Naturforscher hat keinen Grund, von diesen Dingen zu sprechen, wenn man nicht mit Bezug auf Seelenverrichtungen so weit geht wie Verworn, der sagt: Die Philosophen haben vieles hineingedichtet in das menschliche Seelenleben, das sich vom naturwissenschaftlichen Standpunkte aus als nicht gerechtfertigt herausstellt.“ (Lit.:GA 66, S. 116ff)

„Ich habe hier zum Beispiel einen «Leitfaden der Physiologischen Psychologie in fünfzehn Vorlesungen»[1] mitgebracht, die der sehr bekannte Professor Dr. Ziehen in Jena verfaßt hat. Er versucht, dasjenige darzustellen, was seelisch-leiblich an dem Menschen zur Erscheinung kommt. In den einzelnen Vorlesungen geht er nun alles durch, indem er über die Empfindung, den Reiz, Geruchs-, Geschmacks-, Gehörs-, Gesichtsempfindungen und so weiter spricht. Ich will Sie mit alledem nicht belästigen, sondern will nur ein paar Stellen besprechen, welche in der fünfzehnten Vorlesung über den «Willen» vorhanden sind. Da finden Sie zum Beispiel Sätze wie die folgenden: «Wir haben aus den zahllosen materiellen Reizen der Außenwelt Rindenerregungen abgeleitet, welchen auf psychischem Gebiet die Empfindungen entsprachen. Wir verfolgten die Rindenerregung alsdann in der Hirnrinde auf den Assoziationsfasern bis in die motorische Zone: von hier wurde die materielle Erregung wieder peripheriewärts der Muskulatur zugeleitet und löste Muskelkontraktionen aus. Psychisch entsprach dem transcorticalen Prozeß das Spiel der Ideenassoziation, und die resultierende Bewegung bezeichneten wir psychologisch als Handlung. Wir vermochten die letztere aus der Empfindung und aus den Erinnerungsbildern früherer Empfindungen, den Vorstellungen, nach den Gesetzen der Ideenassoziation in völlig genügender Weise abzuleiten und hatten damit den psychischen Prozeß bis zu seinem Schlußgliede verfolgt. An dieser Stelle stoßen wir jedoch» - sagt Ziehen weiter - «auf eine Hypothese, welche die Psychologie früher fast ausnahmslos gelehrt hat, und zu welcher zu allen Zeiten der gemeine Menschenverstand scheinbar unbewußt gelangt: ich meine die Annahme eines besonderen Willens als Ursache unserer Handlungen.»

Nun zeigt Ziehen, wie es keinen Sinn hat, von einem solchen Willen zu sprechen, wie der Physiologe nichts findet, was irgendwie diesem Wort «Wille» entsprechen würde. Er zeigt auch noch an der besonderen Ausdeutung, die er hat für Kräfte-Wirkungen, die man als Willens-Entartung bezeichnen könnte, daß es sich da auch dann nicht um einen Willen handelt, sondern um etwas ganz anderes, so daß von einem Willen gar nicht gesprochen werden kann...

Also den Willen findet er nicht. Nun sagt er zu der Frage, wie es stehe mit dem Begriff der Verantwortlichkeit: «Dieser widerspricht in der Tat den Ergebnissen der physiologischen Psychologie. Diese lehrte: unser Handeln ist streng necessitiert» - das heißt, absolut notwendig im physischen Sinn -, «das notwendige Produkt unserer Empfindungen und Erinnerungsbilder. Man könnte also dem Menschen eine schlechte Handlung ebensowenig als Schuld zurechnen wie einer Blume ihre Häßlichkeit. Die Handlung bleibt deshalb - auch psychologisch - schlecht, aber sie ist zunächst keine Schuld. Der Begriff der Schuld und der Verantwortlichkeit ist -um den Gegensatz kurz zu bezeichnen - ein religiöser oder sozialer. Wir können daher hier von demselben absehen. Die Psychologie, um es zu wiederholen, leugnet ästhetische und ethische absolute Gesetze nicht, wofern sie ihr von anderer Seite nachgewiesen werden, sie selbst, in ihrer empirischen Beschränkung, kann nur empirische Gesetze finden.» [...]

So drückt Ziehen sich noch vorsichtig aus, indem er nicht gleich eine Weltanschauung baut. Aber baut man eine Weltanschauung, dann fällt alle Möglichkeit weg, den Menschen für seine Taten zur Verantwortung zu ziehen, wenn man auf dem Boden steht, auf dem hier der Verfasser dieses Buches, der Halter dieser Vorträge steht. Das kommt deshalb, weil von diesen Leuten über die äußere Welt geträumt wird. Aufwachen würden sie in dem Augenblicke, wo sie dasjenige annehmen, was von der Geisteswissenschaft über die äußere Welt gesagt wird. Aber nun denken Sie, da haben diese Menschen eine Wissenschaft, die sie selbst zu dem Geständnisse führt: Also von all dem, was davon dem äußeren Leib hineinführt bis zum Ich des Menschen, von dem wissen wir nichts. - Aber im Ich müssen leben: erstens die ästhetischen, zweitens die ethischen Gesetze, und wenn wir genauer hinsehen sogar die logischen Gesetze. Das muß alles im Ich leben. Im Ich muß überhaupt das leben, was zum Willen führt. Es ist nichts in dieser Wissenschaft, was irgendwie als ein realer Impuls in dem Willen leben könnte. Es ist gar nichts davon in dieser Wissenschaft. Also ist etwas anderes notwendig.“ (Lit.:GA 166, S. 118ff)

„Indem man das Nervensystem einfach parallelisiert mit dem Seelenleben, verfährt man außerordentlich einseitig. Und niemand zeigt klarer, wie einseitig da verfahren wird, als ein Forscher, den ich ganz besonders schätze als einen der ausgezeichnetsten Psychologen, Theodor Ziehen. Weil er vom Vorurteile ausgeht, vorzugsweise vom Nervensystem zu reden, wenn er von manchen Beziehungen des Seelischen zum Leiblichen, zu den Naturgrundlagen des Menschen spricht, kommt er dazu, das Gefühlsleben, das, wirklich betrachtet, ebenso real ist wie das Denk- oder Vorstellungsleben, nur, ich möchte sagen, wie ein Anhängsel zum Vorstellungsleben zu behandeln. Theodor Ziehen kommt nicht dazu, wirklich das Gefühlsleben zu behandeln in seiner Psychologie. Anderen geht es ebenso. Sie sprechen dann von der «Gefühlsbetonung der Vorstellungen»; die Vorstellungen, die ihr leibliches Gegenbild im Nervensystem haben, seien «gefühlsbetont »; man habe nicht an ein besonders leibliches Gegenstück des Gefühlslebens zu denken.

Und gar erst - lesen Sie nach in der Psychologie von Theodor Ziehen oder in anderen Büchern, ich könnte eine ganze Reihe anführen, wirklich ausgezeichnete Schriften auf diesem Gebiete - , wenn diese Persönlichkeiten auf den Willen zu sprechen kommen, werden Sie sehen, daß da alle Möglichkeit entfällt, von dem Willen wirklich zu sprechen, der ein ganz reales Gebiet im seelischen Erleben ist. Der Wille entfällt einfach Theodor Ziehen, indem er seine physiologisch- psychologischen Dinge schreibt; er wird einfach hinwegdisputiert; er ist gar nicht da für ihn; er ist gewissermaßen nur da als ein Spiel der Vorstellungen. So wird durch den Einfluß einer Einseitigkeit etwas, was ganz offenbar in der Erfahrung da ist, vergewaltigt, wie durch solche Forschungen auch andere Dinge wesentlich vergewaltigt werden.“ (Lit.:GA 73, S. 141f)

„Das aktive Seelenleben, das sich in seinem Wesen von innen heraus betätigt, das kann naturwissenschaftlich nicht betrachtet werden, und es wird vielfach überhaupt aus den Augen verloren. Die Naturwissenschaft betrachtet heute, wenn sie das seelische Erleben ins Auge faßt, vielfach nur die Art, wie sich die Vorstellungen zusammen gruppieren, wie eine Vorstellung, die vielleicht hervorgerufen ist durch eine äußere Wahrnehmung, eine andere hervorruft, die in meinem Gedächtnis aufgespeichert ist, oder auch viele andere. Man betrachtet, wie sich die Vorstellungen assoziieren, wie sie sich verbinden mit Gefühlsabtönungen, mit Willensimpulsen oder dergleichen. Man eignet sich auf diesem Boden keine Methoden an, die sich nach dem Geistigen hin vergleichen ließen mit den strengen Methoden der naturwissenschaftlichen Weltbetrachtung. Wenn Sie die «Physiologische Psychologie» von Theodor Ziehen in die Hand nehmen, so werden Sie sehen, wie alles darauf hinausläuft, daß eigentlich unser ganzes Seelenleben auf solchen Assoziationen aufgebaut ist, wenn es über das bloße Empfindungsleben hinausgeht. Aber es kommt eben diese Art der Betrachtung gar nicht zu einem wirklich unbefangenen Anschauen des Seelenlebens.

Ein solches ergibt zum Beispiel das Folgende: Man kann, wenn man auf die Art, wie ich es nachher darstellen werde, zu einer wirklichen Seelen- oder Selbstbeobachtung kommt, sehen, wie wir allerdings im gewöhnlichen Leben als Menschen mit unserem seelischen Erleben abhängig sind von dem, was uns das Leben an Vorstellungen gibt. Wenn der Mensch in der gegenwärtigen Stunde sein Seelenleben sich selbst überläßt, so spielen darinnen die Vorstellungen, die durch die Eindrücke der Außenwelt in seine Seele hineingekommen sind. Er ist in gewissem Sinne wirklich eine Art Sklave seiner Vorstellungen. Theodor Ziehen sagt in eingeschränktem Sinne, aber insofern mit vollständigem Recht: «Wir können nicht denken, wie wir wollen, sondern müssen denken, wie die gerade vorhandenen Assoziationen bestimmen- », weil dieser oder jener Eindruck auf uns gemacht worden ist, der einen anderen Eindruck hervorruft. So sind wir - nach Ziehen - dem Spiele der Eindrücke hingegeben. Dies ist in eingeschränktem Sinne durchaus richtig. Wir sind im gewöhnlichen Leben in bezug auf unser Vorstellen gar nicht so frei, wie wir meinen. Wir sind aber auch nicht so abhängig, wie Theodor Ziehen meint. Derjenige, der zur Seelenbeobachtung vordringen kann, weiß, daß die starke Abhängigkeit von den Eindrücken, die wir bekommen, zwar da ist, aber nur durch eine gewisse Zeit wirklich dauert. Das ist etwas, worüber sich die heutige offizielle Seelenwissenschaft überhaupt nicht viel Gedanken macht. Eine Vorstellung, die durch einen Eindruck hervorgerufen wird, tyrannisiert uns allerdings. Wenn ich einen Freund gesehen habe, so verfolgt mich diese Vorstellung, sie ruft andere Vorstellungen an andere Freunde hervor, an gemeinsame Erlebnisse mit diesen Freunden und so weiter, man ist von diesen Vorstellungen abhängig, aber nur eine gewisse Zeit. Und diese Zeit läßt sich sogar, ich möchte sagen, innerlich experimentell bestimmen. Diese Zeit dauert nur zwei bis drei Tage. Zwei bis drei Tage sind wir allerdings einem empfangenen Eindruck wie Sklaven hingegeben. Nach dieser Zeit verändert sich aber die Kraft, mit welcher ein solcher Eindruck auf unsere Seele wirkt. Wir kommen dann innerlich seelisch in die Lage, einem Eindrucke gegenüber uns so zu verhalten, wie sich der Eindruck vorher uns gegenüber verhalten hat. Wir waren vorher sein Sklave, wir werden nach zwei bis drei Tagen sein Herr.“ (Lit.:GA 67, S. 46ff)

„Ich habe öfter die ausgezeichnete wissenschaftliche Leistung von Theodor Ziehen erwähnt: «Die physiologische Psychologie.»[3] Da ist auf Seite 205 auch die Rede von dem Ich. Nur kommt Ziehen niemals in die Lage, auch nur hinzudeuten auf das wirkliche Ich, sondern er redet nur von der Ich-Vorstellung. Wir wissen, die ist jedoch nur ein Spiegelbild des wirklichen Ich. Aber interessant ist es gerade zu hören, wie ein ausgezeichneter Denker der Gegenwart, aber ein solcher, der da glaubt, mit naturwissenschaftlichen Vorstellungen alles erschöpfen zu können, über das Ich redet. Es sind Vorträge, die wiedergegeben werden, deshalb ist die Sache in Vortragsform vorgebracht. Ziehen sagt: «Es wird Ihnen vielleicht auffallen, daß die mit dem kurzen kleinen Wort Ich bezeichnete Ich-Vorstellung ein so komplexes dreigliedriges Gebilde sein soll, an welchem tausend und abertausend Teilvorstellungen beteiligt sein sollen. Aber ich bitte Sie zu erwägen: das Wort ist zwar kurz, aber daß sein Vorstellungsinhalt dieser Komplex sein muß, geht schon daraus hervor, daß jeder von Ihnen in Verlegenheit geraten wird, wenn er den Denkinhalt seiner sogenannten Ich-Vorstellung angeben soll.»

Und jetzt geht Ziehen daran, etwas zu sagen über den Denkinhalt der Ich-Vorstellungen. Nun wollen wir einmal sehen, was der ausgezeichnete Gelehrte über dasjenige zu sagen weiß, woran man eigentlich denken soll, wenn man über sein Ich denkt: «Sie werden alsbald an Ihren Körper denken» - also an Ihren Körper denken! — «an Ihre Relationen zur Außenwelt, Ihre verwandtschaftlichen und Eigentumsbeziehungen» — also man wird bald daran gehen, an seine Börse zu denken und sein Geld abzuzählen! - «Ihre Namen und Titel...»

Nun, der ausgezeichnete Gelehrte weist ausdrücklich darauf hin, daß man auch an seinen Namen und an seinen Titel denken soll, wenn man sein Ich in der Vorstellung umfassen, umspannen soll.

«... Ihre Hauptneigungen und dominierenden Vorstellungen und endlich an Ihre Vergangenheit, und damit selbst den Beweis führen, wie äußerst zusammengesetzt diese Ich-Vorstellung ist. Freilich reduziert der reflektierende Mensch diese Kompliziertheit der Ich-Vorstellung wieder auf eine relative Einfachheit, indem er den äußeren Objekten und anderen Ichs sein eigenes Ich als das Subjekt seiner Empfindungen, Vorstellungen und Bewegungen gegenüberstellt. Gewiß hat auch diese Gegenüberstellung und diese Vereinfachung der Ich-Vorstellung ihre tiefe erkenntnistheoretische Begründung, aber, rein psychologisch betrachtet, ist dieses einfache Ich nur eine theoretische Fiktion.»

Also «dieses einfache Ich» ist nur eine «theoretische Fiktion», das heißt eine bloße Phantasievorstellung, die sich aufbaut, wenn man seinen Namen, seine Titel, vermutlich auch seine Orden und andere dergleichen Dinge zusammenstellt, die einem Gewicht geben! An solchen Punkten kann man die ganze Schwäche des heutigen Denkens erkennen. Und diese Schwäche muß um so mehr ins Auge gefaßt werden, weil ja dasjenige, was sich als entscheidende Schwäche für die Erkenntnis des seelischen Lebens erweist, eine Stärke ist für die Erkenntnis der äußeren naturwissenschaftlichen Tatsachen. Gerade was untauglich ist für die Erkenntnis des seelischen Lebens, ist sehr tauglich, um die äußere sinnenfällige Tatsache in ihrer unmittelbaren äußeren Notwendigkeit zu durchschauen.“ (Lit.:GA 179, S. 125f)

„Auf zwei Wegen kommt man heraus aus demjenigen, was in der menschlichen Seele entweder nur Innenleben ist oder abhängig ist vom Leibe. Auf jenem Wege kommt man nicht heraus, auf dem es zum Beispiel die «Physiologische Psychologie»[1] von Theodor Ziehen versucht. Wenn Ziehen sagt, wir können nicht denken, was wir wollen, sondern wir müssen denken, wie es die Assoziationen bestimmen, wie sich die Vorstellungen zueinander vergesellschaften, gerade dann zeigt er, daß er im Grunde genommen mit seiner ganzen Betrachtung vom Geiste ablenkt. Man kann sagen, die Ziehensche Betrachtung des menschlichen Seelenlebens ist dadurch allein so, wie sie ist, daß Ziehen die wirklichen Geistimpulse der menschlichen Seele verschläft. Daher kann Ziehen sagen, das Hauptgesetz des menschlichen Seelenlebens ist, daß sich eine Vorstellung mit der andern entweder nach ihrer inneren Ähnlichkeit oder nach ihrer zeitlichen Folge verbindet. Wenn ich einen Freund an einem bestimmten Orte gesehen habe und nachher den Freund wiederum sehe, so kann der Ort, der mit ihm zeitlich verbunden war, sich wiederum mit ihm assoziieren. Wenn das Seelenleben so abläuft, nur nach diesen Assoziationsgesetzen, dann läuft es so ab, wie der Leib dieses Seelische ablaufen läßt. Es schläft eben gerade der Geist. Es taucht der Geist unter in das bloß vom Leibe abhängige Seelenleben. Die gegenwärtige Psychologie drängt das ganze Leben der Seele hinunter in das Leibliche, sie betrachtet nur dasjenige Seelenleben, in das der Geist so untertaucht, daß er darinnen nicht mehr wirklich ist. Denn das wirklich Geistige beginnt überall da, wo wir uns von den Assoziationen durch innerliche Aktivität unabhängig machen. Das wirklich Geistige beginnt überall da, wo Ziehen zu reden aufhört, und wo überhaupt alle Psychologie, die sich heute auf Naturwissenschaft begründen will, zu reden aufhört.

Nach zwei Richtungen kommt man heute aus dem bloßen Seelenleben hinaus. Auf der einen Seite können wir dadurch hinauskommen und zum Geiste aufsteigen, daß wir, nachdem wir uns in unserm eigentlichen Ich bewußt geworden sind, indem wir den Bildekräfte-Leib erfühlen, wie wir sonst den physischen Leib erfühlen, dadurch in der äußeren Welt das Übersinnliche sehen. Dann kommen wir aber zu einer noch höheren Vorstellung von unserm Ich, dann kommen wir zu der Erkenntnis, warum für das gewöhnliche Bewußtsein dieses Ich sich verbirgt: Im Grunde genommen entspringt dieses Ich so wenig aus dem gewöhnlichen Seelenleben heraus, wie aus der Lunge die Luft kommt, die wir atmen. Wer da glaubt, daß das wahre Ich drinnen im Leibe irgendwie erzeugt wird, glaubt auf diesem Gebiete dasselbe wie der, der glaubt, daß der Atem irgendwie aus der Lunge erzeugt werde. Nein, unser wahres Ich ist in der Welt drinnen, die wir imaginativ aufnehmen. Da finden wir auf der einen Seite das Ich, indem wir es zum Erwachen bringen, es über die bloße Sinneswahrnehmung zum Übersinnlichen bringen. In diesem Ich finden wir die eine Seite des Ewigen, jene Seite, die uns den Keim zu alle dem zeigt, was aus uns wird, wenn wir durch die Pforte des Todes durchgehen und uns in die geistige Welt hineinleben, um zu folgenden Erdenleben zurückzukehren.

Auf der andern Seite finden wir das Ich wiederum. Es ist dasselbe. Der Mensch im gewöhnlichen Leben verschläft das eigentliche Wesen seines Ich, er verschläft aber auch das eigentliche Wesen seines Willens. Wird der Bildekräfte- Leib ihm bewußt, so erwacht in gewisser Weise dasjenige, was im Willen lebt. Was weiß der Mensch im gewöhnlichen Leben von dem, was im Willen lebt? Hebt er die Hand, so weiß er, es kommt aus seiner Vorstellung. Aber wie diese wirkt, wie sie in den physischen Leib übergeht, das verschläft der Mensch vollständig im gewöhnlichen Wachbewußtsein. Das wacht auch auf, nach und nach, wenn auch nicht im Bildekräfte-Leib. Wir erleben dann, aus welchen wirklichen tieferen Impulsen unsere Handlungen sich in die Welt hineinstellen, wir erleben hinter unserm Wollen ein Übersinnliches, von dem das gewöhnliche Bewußtsein nichts weiß. Indem wir auf der andern Seite über unser gewöhnliches Seelenleben nach dem Geist hinausgehen, erleben wir den Geist im Wollen, jenen Geist, der uns schon getragen und gewoben hat, bevor wir durch die Geburt oder die Empfängnis in das physische Dasein eingetreten sind, durch den wir aus der geistigen Welt in das physische Dasein hineingekommen sind. So methodisch nach zwei Seiten hin über das gewöhnliche Seelenleben hinaustretend, erlebt der Geistesforscher sein Ewiges.“ (Lit.:GA 67, S. 63ff)

Schriften

  • Sphygmographische Untersuchungen an Geisteskranken, Jena, 1887
  • Psychophysiologische Erkenntnistheorie; Jena, 1898 archive.org
  • Leitfaden der physiologischen Psychologie; Jena, 1891; 12. Aufl. 1924 archive.org
  • Das Centralnervensystem der Cetaceen; 1892
  • Psychiatrie für Ärzte und Studirende; Verlag F. Wreden Berlin 1894
  • Das Centralnervensystem der Monotremen und Marsupialier; 1897
  • Anatomie des Centralnervensystems, in: Handbuch der Anatomie des Menschen; Jena 1899
  • Über die allgemeinen Beziehungen zwischen Gehirn und Seelenleben; Leipzig 1902 archive.org
  • Physiologische Psychologie der Gefühle und Affekte, 1903 archive.org
  • Die Geisteskrankheiten des Kindesalters mit besonderer Berücksichtigung des schulpflichtigen Alters, Berlin 1906 archive.org
  • Die Erkennung und Behandlung der Melancholie in der Praxis, Halle a. S. 1907 archive.org
  • Die Prinzipien und Methoden der Begabungs-, insbesondere der Intelligenzprüfung; Jena 1908; 5. Aufl. 1923
  • Das Gedächtnis: Festrede gehalten am Stiftungstage der Kaiser Wilhelms-Akademie, Berlin 1908 archive.org
  • Die Erkennung der psychopathischen Konstitutionen und die öffentliche Fürsorge für psychopathisch veranlagte Kinder; Jena 1912; 3. Aufl. 1916
  • Ärztliche Wünsche zur Fürsorgeerziehung; Langensalza 1913
  • Zum gegenwärtigen Stand der Erkenntnistheorie : zugleich Versuch einer Einteilung der Erkenntnistheorien; Verlag J. F. Bergmann Wiesbaden 1914 archive.org
  • Die Grundlagen der Psychologie; Leipzig und Berlin 1915 archive.org
  • Die Geisteskrankheiten des Kindesalters einschließlich des Schwachsinns und der psychopathischen Konstitutionen 2 Teile; Berlin, 1915–1917; 2. Aufl. 1926
  • Über das Wesen der Beanlagung und ihre methodische Erforschung; Langensalza 1918; 4. Aufl. 1929
  • Lehrbuch der Logik auf positivistischer Grundlage mit Berücksichtigung der Geschichte der Logik, A. Marcus & E. Webers Verlag Bonn 1920 archive.org
  • Die Beziehungen der Lebenserscheinungen zum Bewußtsein; 1921
  • Grundlage der Naturphilosophie; 1922
  • Vorlesungen über Ästhetik; 2 Bände, 1923 und 1925
  • Das Seelenleben der Jugendlichen; Langensalza 1923; 4. Aufl. 1931
  • Die Grundlagen der Charakterologie; Langensalza 1930

Siehe auch

Literatur

Steiner big.jpg
Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
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Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und
Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
Ausführliche bibliografische Informationen mit Volltextsuche in allen derzeit verfügbaren Online-Ausgaben bietet die Steinerdatenbank.de.

Weblinks

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Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 „Es wird Ihnen vielleicht auffallen , dass die mit dem kurzen kleinen Wort Ich bezeichnete Ich-Vorstellung ein so complexes dreigliedriges Gebilde sein soll, an welchem tausend und aber tausend Theilvorstellungen betheiligt sein sollen. Aber ich bitte Sie zu erwägen: das Wort ist zwar kurz, aber dass sein Vorstellungsinhalt sehr complex sein muss, geht schon daraus hervor, dass jeder von Ihnen in Verlegenheit gerathen wird, wenn er den Denkinhalt seiner sogenannten Ich-Vorstellung angeben soll: Sie werden alsbald an ihren Körper denken, an Ihre Relation zur Aussenwelt, Ihre verwandtschaftlichen und Eigenthumsbeziehungen, Ihre Namen und Titel, Ihre Hauptneigungen und dominierenden Vorstellungen und end1ich an Ihre Vergangenheit und damit selbst den Beweis führen , wie äusserst zusammengesetzt diese Ich-Vorstellung ist. Freilich reduciert der reflectierende Mensch diese Compliciertheit der Ich-Vorstellung wieder auf eine relative Einfachheit , indem er den äusseren Objecten und anderen Ich's sein eigenes Ich als das Subject seiner Empfindungen , Vorstellungen und Bewegungen gegenüber stellt. Gewiss hat auch diese Gegenüberstellung und diese Vereinfachung der Ich-Vorstellung ihre tiefe erkenntnisstheoretische Begründung, aber, rein psychologisch betrachtet, ist dieses einfache Ich nur eine theoretische Fiction.“
    Theodor Ziehen: Leitfaden der physiologischen Psychologie in 15 Vorlesungen, Jena 1891, 5. Auflage Jena 1900 archive.org
  2. Max Verworn: Die Mechanik des Geisteslebens, Leipzig 1907
  3. Theodor Ziehen: Leitfaden der physiologischen Psychologie in 15 Vorlesungen, Jena 1896, S. 183f