Chemische Industrie

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Chemische Produktionsanlagen

Die chemische Industrie (auch Chemieindustrie, Chemiewirtschaft, chemisches Gewerbe) ist ein Wirtschaftszweig (Branche), der sich mit der Herstellung chemischer Produkte beschäftigt. Dieser Industriezweig stellt für viele andere Wirtschaftszweige die benötigten Stoffe her. Wichtige Industriezweige, die diese Stoffe benötigen, sind die Kunststoffindustrie, die Lebensmittelindustrie, der Automobilbau, der Maschinenbau, die Glasindustrie und die Baustoffindustrie.

Gewerbe der chemischen Industrie

Waschmittel – wie Persil – sind Produkte der chemischen Industrie
UHU-Alleskleber – ein Produkt der chemischen Industrie

Nach der Zuordnung des deutschen Statistischen Bundesamtes fallen die gewerblichen Hersteller von den folgenden Produkten (chemische Produkte nach Produktklassifikation) zur chemischen Industrie:

  • Anorganische Grundstoffe und Chemikalien
  • Organische Grundstoffe und Chemikalien
  • Düngemittel, Pflanzenbehandlungsmittel und Schädlingsbekämpfungsmittel
  • Kunststoffe und synthetischer Kautschuk
  • Pharmazeutische Erzeugnisse
  • Sonstige chemische Erzeugnisse (Klebstoffe, Gelatine, Hilfsstoffe für die Leder, Textilien, Farbstoffe und Pigmente, Papier, Dichtungsmaterialien, Bautenschutzmittel, Fotochemische Erzeugnisse, Seifen, Wasch-, Putz-, Reinigungsmittel, Körperpflegemittel (Kosmetika), Konservierungsmittel, pyrotechnische Erzeugnisse, Sprengstoffe).[1]

Im Brockhaus findet man die folgende Definition:

„[Zur chemischen Industrie gehören] im weiteren Sinne diejenigen Industrien, die sich ausschließlich oder vorwiegend mit der Umwandlung von natürlichen und mit der Herstellung von synthetischen Rohstoffen befassen. Abgrenzungen sind schwierig und nicht einheitlich.“[2]

Seifen beispielsweise werden durch chemische Umwandlung von Fetten und Ölen (natürliche Rohstoffe), Kunststoffe werden aus Stoffen wie Ethylen, Styrol, Vinylchlorid (synthetische Rohstoffe) hergestellt. Diese Bereiche gehören zur Chemieindustrie. Beim Kuchenbacken findet auch eine chemische Umwandlung statt, jedoch gehört ein derartiges Gewerbe zur Lebensmittelindustrie. Auch das Gewerbe, das Kunststoffe (unter Zusatz von Pigmenten und anderen Stoffen) verarbeitet (z. B. Reifen, Tragebeuteln), gehört nicht zur Chemieindustrie, sondern zur Kunststoffindustrie – obgleich auch hier chemische Umwandlungen stattfinden.

Nicht zur chemischen Industrie gehören: Die Herstellung von Braunkohlenkoks, Teerprodukten, die Herstellung von Heizöl, Mineralölen für Autos, Flugzeuge, die Herstellung von Raffineriegasen (Propan-, Butan-, Ethylen, Propylen, Butadien), die Uran-Anreicherung (Kokerei- und Mineralölindustrie, bzw. Spalt- und Brutstoffindustrie). Die Metallherstellung (Metallindustrie), die Glas- und Keramikherstellung (Glas- bzw. Keramikindustrie), die Lederindustrie, die Verwertung von Altmetallen, Alttextilien, Altölabfällen, Bruchglas, Elektronikschrott (Recyclingindustrie) sowie die Herstellung von Kokerei-, Hochofengasen, Grubengas, Biogas, Dienstleistungen der Gasversorgung (Energieversorgung) und die Aufarbeitung von Wasser mit Trinkwasserqualität (Wasserversorgung), obgleich in diesen Bereichen chemisches Wissen benötigt wird und chemische Prozesse durchgeführt werden.

Geschichte

Die chemische Industrie ist ein Wirtschaftszweig, der in Europa und den USA um 1850 zu einem eigenständigen Industriezweig wurde.

Die Gewinnung von Metallen aus Erzen wurde jedoch schon in sehr früher Zeit betrieben. Mit wissenschaftlichen Forschungen auf diesem Sektor befassten sich Alchemisten. Gold und Silber sind wichtige Münzmetalle gewesen und waren für den Tausch von Waren und Dienstleistungen sehr wichtig. Silber und Gold waren nicht beliebig vermehrbar, die Zahl der Münzen hing von den Erzbergwerken und den staatlichen Prägeanstalten ab, in denen die Münzen hergestellt wurden. Münzen waren damals häufig sehr knapp, so dass dem Geld, den Münzen, eine sehr hohe Bedeutung zukam. Auch sinnvolle Arbeit blieb über viele Jahrhunderte in ihrer Art und Ausprägung recht konstant, so dass der Geldumlauf konstant blieb. Erst mit Beginn der Industrialisierung und dem Bevölkerungswachstum kamen neue Güter und Produkte – insbesondere durch die Chemie – in den Wirtschaftskreislauf, so dass die Geldmenge kaum noch durch Münzen sichergestellt werden konnte, es wurde zunehmend Papiergeld (z. B. in der Französischen Revolution) gedruckt. Geld sollte die Verteilung der knappen Güter unter den Bürgern gerecht sanktionieren. Die Metallgewinnung und die chemische Industrie waren der Schrittmacher für den Wirtschaftsaufschwung: Metalle wurden für Dampfmaschinen, Verbrennungsmotoren, Eisenträger (z. B. Wohnungsbau, Brücken, Schienen) benötigt, die Chemieindustrie stellte Soda (für die Glasindustrie und für Wasch- und Reinigungsmittel), Chemiefasern und Farbstoffe (z. B. für Textilien) her.

Anorganische Chemieindustrie

Ausgangspunkte für die Entstehung der chemischen Industrie war das Bleikammerverfahren (1740 Richmond bei London) zur Herstellung von Schwefelsäure. 1778 wurde in der ersten Chemiefabrik der Schweiz, dem Laboratorium in Winterthur, die Produktion von konzentrierter Schwefelsäure aufgenommen. Ein zweites Schlüsselprodukt der Chemieindustrie war das Soda (von Nicolas Leblanc 1791 entwickelt). James Muspratt baute im Jahr 1823 die erste Sodafabrik in England (Liverpool), Hermann in Schönebeck (bei Magdeburg) errichtete die erste Sodafabrik in Deutschland, Friedrich Engelhorn gründete 1865 in Mannheim die Badische Anilin- und Sodafabrik. Ab 1852 wurde Schwefelsäure nach Entwicklungen von Friedrich Wöhler, Clemens Winkler und Rudolf Knietsch im Kontaktverfahren erzeugt, ab 1863 wurde das Solvay-Verfahren zur Herstellung von Soda eingeführt. Soda nutzte und nutzt man in der Glasindustrie, neue Spezialgläser (Böhmisches Hartglas, Kristallglas, Crownglas) konnten erzeugt werden. Aus der Salzsäure als Nebenprodukt des Leblanc-Verfahrens konnte Chlorkalk (Tennant (1799), Walter Weldon (1867), Henry Deacon (1872)) erzeugt werden. Seit 1890 wurden Chlor, Wasserstoff und Natronlauge durch Elektrolyse aus Natriumchlorid hergestellt.

Organische Chemieindustrie

Inzwischen stillgelegte Anlage der BASF zur Styrolherstellung – 120-Pf-Briefmarke der Dauermarkenserie Industrie und Technik der Deutschen Bundespost (15. Oktober 1975)[3]

Friedlieb Ferdinand Runge bereite um 1833 bei Oranienburg den Weg zur Entwicklung der organischen Chemieindustrie, als er ein Nebenprodukt der Steinkohleumwandlung zu Koks untersuchte, den Steinkohleteer. Aus den Erkenntnissen über dessen Inhaltsstoffe und deren Reaktionen entwickelten sich technisch nutzbare organisch-chemische Prozesse und die Industriezweige zu synthetischen Farbstoffen, Arzneimitteln und Kunststoffen.

Das Aufblühen der chemischen Industrie ging Hand in Hand mit der Wissenzunahme und der Zahl der Absolventen in der Chemie. Zwischen 1860 und 1900 stiegen sowohl die Zahl der Unternehmen in der Chemieindustrie als auch deren Größe schnell an. Die Badische Anilin- und Sodafabrik (BASF, gegründet 1865) beschäftigte 1885 bereits 2.330 Arbeiter und Angestellte, 1890 waren es 3.596, 1895 4.600 und 1900 6.711, davon etwas über 100 Chemiker. Bei Bayer/Elberfeld (gegr. 1863) gab es 1885 zunächst 24 Chemiker und 300 Arbeiter, und 1896 waren es 104 Chemiker und 2.644 Arbeiter.[4]

Die Chemie und die Chemiewirtschaft galten in dieser Phase als friedens- und damit staatserhaltend. Düngemittel, Pflanzenschutzmittel und Herbizide steigerten die Erträge in der Landwirtschaft. Farbstoffe und Pigmente brachten Farben für Kleidung, Druckerzeugnisse, Häuserfassaden, und die Fotografie. Kunstfasern erhöhten das Angebot an preiswerten Textilien. Kunststoffe brachten neue Güter für Haushalte und Gewerbe. Arzneimittel verbesserten den Gesundheitszustand und senkten das Infektionsrisiko bei gefährlichen und ansteckenden Krankheiten wie Tuberkulose, Syphilis oder Diphtherie.

Bismarck bemerkte einmal, dass „es weniger die friedliche Gesinnung aller Regierungen ist, die den Frieden bisher erhält, als die wissenschaftliche Leistungsfähigkeit der Chemiker“.[5]

Umwelt- und Gesundheitsgefahren durch die Chemieindustrie

Zu Beginn der Industrialisierung wurden von der chemischen Industrie viele Produkte hergestellt und in Umlauf gebracht, die schädliche Folgen für die Gesundheit von Menschen, Tieren oder für die Umwelt hatten. Viele der späteren Folgewirkungen blieben den Forschern nach bestem Wissen zunächst völlig unbekannt, ein Umwelt- oder Arbeitsschutzgedanke existierte nicht, mögliche Gefahren wurden dem Profitstreben der Firmengründer untergeordnet und Arbeitnehmerinteressen kaum beachtet.

Beispielsweise war das Schweinfurter Grün ein wichtiges Pigment zur Färbung von Tapeten. Unter normalen, trocknen Raumbedingungen war das arsenhaltige Pigment ungefährlich. In feuchten, modrigen Räumen entwickelte sich nach einiger Zeit jedoch der giftige und flüchtige Arsenwasserstoff, der an die Raumluft abgegeben wurde und so eingeatmet werden konnte.

Ein anderes Beispiel ist der AzofarbstoffButtergelb“, der zur Färbung von Butter diente. Nach heutigen Erkenntnissen ist dieser Stoff krebserregend und wird nicht mehr hergestellt.

Beginn des Umweltschutzes

Durch die Reichseinigung entstanden Institute zur Kontrolle der Umwelteigenschaften von chemischen Stoffen wie die „Preußische Landesanstalt für Wasser-, Boden-, Lufthygiene“ (heute: Umweltbundesamt), 1905 die „Biologische Anstalt für Land- und Forstwirtschaft“ (heute: Biologische Bundesanstalt), 1876 das Kaiserliches Gesundheitsamt (heute: Bundesgesundheitsamt) und zur Erforschung von komplexeren wissenschaftlichen Zusammenhängen die Kaiser-Wilhelm-Institute (heute Max Planck-Institute).

Trotz Aufbau dieser Sicherungen zum Schutz der Bevölkerung gab es auch in späterer Zeit im Umgang mit chemischen Stoffen unvorhergesehene Folgen. Pflanzenschutzmittel in den 1950er und 1960er Jahren bestanden noch aus biologisch schwer abbaubaren chlororganischen Verbindungen (z. B. Lindan), dies führte zu einer Belastung der Umwelt.

Auch verzweigte Alkylsulfonate, die als Tenside dienten, waren biologisch schlecht abbaubar. Ab 1961 gab es dazu das „Gesetz über Detergentien in Wasch- und Reinigungsmitteln“. Der medizinische Wirkstoff Thalidomid (Contergan) wurde in den 1960er Jahren von einigen Frauen als Schlafmittel in der Schwangerschaft genutzt. Viele Frauen, die dieses Mittel einnahmen, gebaren später missgebildete Kinder. Die Kontrolle versagte, obgleich sehr umfangreiche Untersuchungen erfolgt waren.

Bei den Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKWs) glaubten die Hersteller damals, gefahrlose Produkte als Kühlmittel von Kühlschränken und Treibgas für Spraydosen gefunden zu haben. In der Atmosphäre traten durch die Freisetzung dieser Substanzen jedoch unbekannte Gasreaktionen auf, in deren Folge das Ozongleichgewicht über der Antarktis gestört wurde, es kam zum sogenannten Ozonloch.

Dem Benzin setzten die Mineralölhersteller bis in die 1970er Jahre das Bleitetraethyl als Antiklopfmittel hinzu. Die Auspuffabgase waren noch stark kohlenmonoxid- oder benzolhaltig, Stoffe, die giftig bzw. krebserregend sind.

Das amerikanische Blacksmith Institute ermittelt seit 2006 die Top 10 der am stärksten verseuchten Orte der Erde. Dabei spielen auch Betriebe der chemischen Industrie immer wieder eine Rolle, wie z. B. Dserschinsk in Russland (Chemiewaffenproduktion); oder Vapi in Indien, Buenos Aires in Argentinien und Jakarta auf Java.[6]

REACH

In Dubai haben sich 120 Staaten bereit erklärt, den Umgang mit Chemikalien weltweit für Mensch und Umwelt einheitlicher und sicherer zu gestalten. Chemikalien sollen weltweit nach Gefährlichkeit eingestuft und für Transport und Umgang gekennzeichnet werden. Regelungen sollen international vereinheitlicht werden. Dazu dient auch die REACH-Verordnung vom 1. Juli 2007 in Europa. Hersteller oder Unternehmen, die chemische Stoffe und Zubereitungen mit mehr als eine Tonne/Jahr in der EU in den Verkehr bringen, müssen umfangreiche Dokumentationen über Toxikologische Wirkungen, Ökotoxizität sowie physikalisch-chemischen Daten dieser Stoffe an die Chemieagentur in Helsinki einreichen. Ferner haben die Unternehmen Informationspflichten für die gesamte Lieferkette wahrzunehmen. Ca. 80.000 Registrierdossiers wurden eingereicht, die Erstellungskosten lagen bei 2 Milliarden €.

Automatisierung und Effizienz

Produktionsbetriebe der chemischen Industrie haben im Allgemeinen einen höheren Bedarf an Kapitalinvestitionen und einen geringeren Personalbedarf verglichen mit Produktionsbetrieben anderer Branchen mit vergleichbarem Umsatz.

Die chemische Industrie zeichnet sich aus durch

  • einen hohen Automationsgrad,
  • eine hohe Wertsteigerung der verarbeiteten Rohstoffe,
  • eine sehr teure Forschung,
  • eine aufwändige Verfahrenstechnik sowie
  • eine große Anzahl hergestellter Produkte.

Hergestellt werden Grundchemikalien, Spezialchemikalien, Zwischen- und Fertigprodukte. Abnehmer sind der Konsumgüterbereich sowie alle Bereiche des verarbeitenden Gewerbes und der Industrie (Automobilindustrie, Baugewerbe, Landwirtschaft).

Wirtschaftliche Entwicklung

Die chemische Industrie ist in der öffentlichen Wahrnehmung stark durch internationale Konzerne geprägt. Der überwiegende Teil der chemischen Industrie besteht jedoch aus mittelständischen Unternehmen.

Der weltweite Gesamtumsatz der chemischen Industrie betrug 2010 3.140 Milliarden Euro. In Deutschland 180,3 Milliarden (Anteil am Weltmarkt: 5,7 %), in den USA 584 Mrd. (18,6 %), in der Volksrepublik China 693,6 Mrd. (22,1 %) und in der Schweiz 55 Milliarden (1,8 %). Beschäftigt wurden in Deutschland 462.000 Personen, in der Schweiz 64.000 Personen. Aus Deutschland wurden Waren im Wert von 80,2 Milliarden Euro exportiert und importiert wurden Waren für 57,9 Milliarden Euro.[7]

Chemieindustrie seit 1990

Die petrochemische Industrie in Europa war vorwiegend national geprägt, in vielen Ländern war dieser Industriesektor in Staatsbesitz. Viele nationale Anbieter hatten eine alte und zu geringe Anlagenkapazität. Es fehlte an Kapital. Im Jahr 1993 verschmolzen die staatlichen Konzerne Neste Oil (Finnland) und Statoil (Norwegen) zu Borealis. Ebenfalls im Jahr 1993 verschmolz das Polypropylengeschäft; die italienische Montedison fusionierte mit Shell, es entstand Montell. Die Firmen BASF und Shell legten ihr PE-Geschäft zusammen, es entstand Basell. Im Jahr 2004 wurde Basell für 4,4 Mrd. Euro verkauft. Die Käufer waren Access Industries und die Chatterjee Group.[8] Basell fusionierte seinerseits mit Lyondell zu Lyondellbasell.

Unter dem Druck, möglichst hohe Gewinne für die Aktionäre zu erzielen und unter dem Eindruck der Entwicklungen in China, bündelten die bisher breit aufgestellten Großunternehmen ihre Aktivitäten auf einzelne Chemiesektoren. Die Chemiefirmen Bayer AG und Hoechst AG waren im Jahr 1993 noch sehr breit aufgestellt. Die beiden Einzelunternehmen verfügten über praktisch alle wichtigen Chemiesektoren wie Kunststoffe, Spezialitäten, Coatings, Agrochemie, Pharma und Feinchemie.

Aus der Bayer AG und der Hoechst AG sind Life-Science-Unternehmen entstanden. Durch Fusion von Hoechst mit der französischen Rhône-Poulenc entstand Aventis, bzw. später Sanofi-Aventis. Alle nicht zum Pharmasektor gehörenden Bereiche wurden abgestoßen.

Bayer ist heute schwerpunktmäßig auf Pharma, Kunststoffe, Agrochemikalien ausgerichtet, die anderen Bereiche wurden ausgegliedert (Lanxess Aktiengesellschaft).

Im August 2008 kaufte Dow Chemical den Chemiehersteller Rohm & Haas für 15,3 Mrd. US$. Rohm & Haas stellt Spezialchemikalien für die Elektronik, Baubranche, Beschichtung her. Das Unternehmen beschäftigt weltweit 16.500 Mitarbeiter, davon 500 in Deutschland.[9]

Chemiewirtschaft in der Krise

Die Chemieindustrie ist ein besonders zyklisch reagierender Industriezweig. Zwischen Januar 2008 und Januar 2009 nahm daher der Absatz der Chemieproduktion in Europa dramatisch ab. Der Absatzrückgang bei Kunststoffen und Polymeren lag um 31 %, bei Chemiefasern um 33,6 %, Düngemitteln 44,2 %, Farbstoffen, Pigmenten 26,7 %, anorganischen Basischemikalien 33 %.[10]

Die BASF musste seit November 2008 Großanlagen herunterfahren. Nur noch 75 % der Kapazität waren ausgelastet. Betroffen sind insbesondere die Zulieferindustrien für die Automobilindustrie. Zu Kurzarbeit kam es in der Lack- und Farbenindustrie; im Werk in Münster wurden 2/3 der Beschäftigten (1500 Personen) in Kurzarbeit geschickt. Die Anlage der BASF-Coating in New Jersey wurde wegen Überkapazitäten geschlossen, ferner eine Anlage in Korea für Kunststoffvorprodukte.[11] Nur in den Sektoren Pflanzenschutzmittel und Pharmaprodukte steigerte der Konzern seine Erlöse.

Bei Lanxess kam es zu einem 50-prozentigen Rückgang an Kautschuk für Autoreifen. Das Schweizer Unternehmen Clariant sparte bis Ende 2008 etwa 2200 (von insgesamt 20.000) Mitarbeiter weltweit ein, 1000 weitere Mitarbeiter sollen in naher Zukunft folgen.[11] Im Raum um Frankfurt beschäftigt das Unternehmen etwa 2500 Mitarbeiter.

Auch bei der Wacker Chemie kam es zu einem Ertragsrückgang von 42 %. Vom Abschwung waren auch Mitarbeiter von Evonik und Celanese betroffen. Um 800 Mitarbeiter wurden in die Kurzarbeit geschickt.[11]

Branche lässt Krise 2010 hinter sich

In allen Regionen und in fast allen Ländern der Welt stieg die Industrieproduktion 2010 kräftig an. Von dieser Entwicklung profitierten die deutschen Chemieunternehmen vor allem durch den Export ihrer Produkte. Bereits im Jahresverlauf 2009 deutete sich an, dass die Branche die Krise rascher überwinden würde als von den meisten Wirtschaftsexperten angenommen. Nach dem Anziehen der Nachfrage aus dem Ausland trug auch die Inlandsnachfrage zur Erholung der wirtschaftlichen Situation bei. Bereits im Sommer 2010 erreichte die Kapazitätsauslastung so wieder ihr normales Niveau Deutschlands viertgrößte Branche erlebte 2010 ein bemerkenswertes Jahr, das sich in dieser Weise wohl kaum mehr wiederholen lässt. Sie konnte mit einem Produktionsplus von 11 Prozent den größten Zuwachs seit 1976 verbuchen. Die Chemieproduktion verfehlte damit das Vorkrisenniveau nur noch knapp. Höhere Preise und größere Mengen führten zu einem deutlichen Umsatzplus: Das Geschäft mit Chemikalien in Deutschland legte um 17,5 Prozent auf 170,6 Milliarden Euro zu. Der Auslandsumsatz lag 2010 bereits wieder auf einem höheren Niveau als im Jahr 2007. Die Produktionsanlagen, die im Zuge der Krise stark heruntergefahren und teilweise auch ganz abgestellt worden waren, laufen inzwischen wieder auf Hochtouren. Die Unternehmen konnten deshalb die Kurzarbeit beenden.[12]

Der Umsatz (Angabe vom VCI) lag im Jahr 2011 bei 184,2 Mrd. €. Im Jahr 2012 rechnet die deutsche Chemieindustrie mit einem Umsatzrückgang. Verkaufsrückgänge gab es durch die Euro-Krise mit dem europäischen Ausland, Umsatzsteigerungen gab es mit Asien und Nordamerika.

Beschäftigungssituation in der Chemieindustrie

Während zwischen 1991 und 2006 der Umsatz pro Chemiebeschäftigten von 148.700 €/Jahr auf 372.000 €/Jahr gestiegen ist, wurde gleichzeitig die Zahl der Beschäftigten in diesem Zeitraum von 716.700 auf 436.000 Personen abgebaut. Der durchschnittliche Bruttolohn in der chemischen Industrie stieg von 36100 €/Jahr (1994) auf 46.800 €/Jahr (2006). Besonders einschneidend war der Abbau (1995–2006) im Bereich der organischen Chemikalien (–17.000 Beschäftigte), Polymere (–30.000 Beschäftigte), Fein-, Spezialchemikalien (–21.000 Beschäftigte), Wasch- und Körperpflegemittel (–13.000 Beschäftigte).

Eine Übersicht über die Schichtungen von beschäftigten Personen in Betrieben gibt die folgende Tabelle:[13]

Beschäftigte Personen Anzahl der Unternehmen Gesamtzahl Beschäftigte Gesamtumsatz Mio. €
1–9 1.494 6.449 829
10–19 609 8.464 1.865
20–49 390 13.262 3.548
50–99 369 26.037 6.833
100–249 330 52.250 15.736
250–499 149 54.920 17.638
500–999 77 53.123 16.336
Über 1000 67 237.084 91.639

Siehe auch

Literatur

Bücher

  • Karl H. Büchel, Hans-Heinrich Moretto: Industrielle anorganische Chemie, Wiley-VCH Verlag, Weinheim 1999, ISBN 3-527-28858-9
  • Hans-Jürgen Arpe: Industrielle Organische Chemie, 6. Auflage 2007, Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KG, ISBN 978-3-527-31540-6
  • Winnacker-Küchler, Band 3 : Anorganische Grundstoffe (ISBN 3-527-30768-0),
  • Hans-Bernd Amecke: Chemiewirtschaft im Überblick – Produkte, Märkte, Strukturen, VCH Verlagsgesellschaft mbH, Weinheim 1987, ISBN 3-527-26540-6
  • Band 4: Energieträger Organische Grundstoffe (ISBN 3-527-30769-9),
  • Band 5: Organische Zwischenverbindungen (ISBN 3-527-30770-2),
  • Band 7: Industrieprodukte (ISBN 3-527-30772-9),
  • Band 8: Ernährung, Gesundheit, Konsumgüter (ISBN 3-527-30773-7), 5. Auflage, Wiley-VCH Verlag 2005
  • Alfred Dupont Chandler Jr.: Shaping the industrial century. The remarkable story of the evolution of the modern chemical and pharmaceutical industries. Harvard Univ. Press, Cambridge MA 2005, ISBN 0-674-01720-X
  • Ludwig Klasen: Grundriss-Vorbilder von Gebäuden aller Art. Abth. XV. Industrielle Anlagen. Theil 7. Fabriken für die chemische Industrie. Baumgartner, Leipzig 1896
  • Hermann-Josef Rupieper, Friederike Sattler, Georg Wagner-Kyora (Hrsg.): Die mitteldeutsche Chemieindustrie und ihre Arbeiter im 20. Jahrhundert. Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2005, ISBN 3-89812-246-8

Zeitschriften

  • Chemical Business
  • Chemical Week

Weblinks

Commons-logo.png Commons: Unternehmen des chemischen Gewerbes - Weitere Bilder oder Audiodateien zum Thema

Einzelnachweise

  1. Hans-Bernd Amecke: Chemiewirtschaft im Überblick. Verlag Chemie, Weinheim 1987, S. 14.
  2. Brockhaus-Enzyklopädie. F.A. Brockhaus GmbH Mannheim 1987, 19. Auflage, Band 4, S. 447.
  3. Ersttagsblatt 21/1975.
  4. Hans-Werner Schütt: Der Chemiker im Wandel der Zeiten. Verlag Chemie, Weinheim 1973, S. 302.
  5. Hans-Bernd Amecke: Chemiewirtschaft im Überblick. Verlag Chemie, Weinheim 1987, S. 10.
  6. Top Ten Threats 2013.pdf des Blacksmith Institutes.
  7. VCI: Chemiewirtschaft in Zahlen 2011 (PDF)
  8. Chemische Rundschau, Mai 2005, S. 10.
  9. Chemische Rundschau, August 2008.
  10. Chemische Rundschau: CEFIC-Trendreport, April 2009, S. 12.
  11. 11,0 11,1 11,2 Chemische Rundschau, Februar 2009, S. 4–6.
  12. Rede VCI-Präsident Engel Jahrespressekonferenz 14. Dezember 2010.
  13. VCI: Chemiewirtschaft in Zahlen 2007. Tab. 18.


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