Daidalos

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Daidalos
(Bronzestatue, 3. Jhr., Plaošnik, Makedonien)

Daidalos (griech. Δαίδαλος von daidallein „kunstvoll arbeiten“, lat. Daedalus, dt. Dädalus) ist eine Gestalt in der griechischen Mythologie und dort insbesondere der kretischen Mythologie um den König Minos (minoischer Sagenkreis). Er war ein brillanter Erfinder, Techniker, Baumeister und Künstler. Seine Künste waren weit bekannt, die von ihm gestalteten Figuren sollen lebensecht gewesen sein.

Mythos

Herkunft

Erste Erwähnung findet Daidalos, der Vater des Ikaros, bei Homer als Schöpfer einer großen Tanzbühne für Ariadne.[1] Die Athener vereinnahmten Daidalos für sich, demnach soll er der Enkel des attischen Königs Erechtheus und der Sohn von Eupalamos gewesen sein.[2]

Daidalos und Perdix

Daidalos' Schwester schickte ihren Sohn Perdix (je nach Quelle auch Talos oder Calos bzw. Kalos genannt) zu ihm in die Lehre. Der Neffe stellte sich bald als begabter Schüler heraus, der durch seinen Einfallsreichtum auffiel. Von einem Spaziergang am Strand brachte er das Rückgrat eines Fisches nach Hause, bildete es mit Eisen nach und erfand so die Säge.[3] Ein anderes Mal brachte er zwei Eisenstäbe zusammen, verband sie an einem Ende mit einer Niete und spitzte die anderen Enden zu, was zur Erfindung des Zirkels führte.[3] Daidalos, der stolz auf seine Fähigkeiten war und den Gedanken an einen Rivalen nicht ertragen konnte, wurde so neidisch auf Perdix, dass er einen Ausflug auf die Akropolis[4] nutzte, um seinen Neffen zu beseitigen, indem er ihn den Berg hinunterstieß. Aber die Göttin Athene, die Genialität immer begünstigte, sah ihn fallen und rettete sein Leben, indem sie ihn in einen Vogel verwandelte, der seither seinen Namen trägt. Das Rebhuhn (lat. Perdix perdix, frz. perdrix) baut sein Nest nicht in Bäumen, sondern in Hecken, und eingedenk seines Falls von der Klippe meidet es hohe Stellen. Daidalos hingegen musste sich für dieses Verbrechen vor Gericht verantworten und wurde aus Athen verbannt.

Daidalos und das Labyrinth

Daidalos zimmert die Kuhatrappe für Pasiphaë
(Istoriato-Verzierung, 1533, Nationales Keramikmuseum, Sèvres)

Auf der Insel Kreta fand er am Hofe des seebeherrschenden Königs Minos Asyl. Das antike Kreta ist auch bekannt durch seinen Stierkult. Minos hatte von Poseidon als Zeichen, dass seine Gebete erhört wurden, einen prächtigen silberweißen Stier erhalten. Dieser gefiel dem König so sehr, dass der das Gebot, das Tier dem Meeresgott zu opfern, ignorierte. Poseidons Rache für diese Unterlassung war heimtückisch: Als Minos Pasiphaë, eine Tochter des Sonnengottes Helios, heiratete, sorgte er dafür, dass sich die junge Braut augenblicklich in den Stier verliebte. Pasiphaë verstand es, Daidalos dafür zu gewinnen, eine Kuhattrappe aus Holz zu konstruieren, in die sie hineinschlüpfen konnte, um so den Liebesakt mit dem Stier zu vollbringen. Die Frucht dieser Begegnung war Minotaurus, ein Mischwesen halb Mensch halb Stier. Daidalos erhielt vom König den Auftrag, ein Labyrinth zu bauen, um dieses gefährliche und rabiate Untier wegzusperren. Dieses Labyrinth war so geschickt ausgeheckt, dass selbst Daidalos kaum den Weg ins Freie fand, nachdem er es fertiggestellt hatte.[5]

Daidalos und Ikaros

Ikarus′ Fall
(Peter Paul Rubens, 1636, Musées royaux des Beaux-Arts, Brüssel)

In Ovids Metamorphosen wird berichtet, dass Daidalos vorsorglich in einen Turm gesperrt wurde, denn der eigentliche Zweck des Labyrinths mit seiner Vorgeschichte durfte nicht an die Öffentlichkeit gelangen.[6] Eine andere Quelle sagt aus, dass Minos wütend auf Daidalos war, weil dieser Ariadne den Hinweis gegeben hatte[7], der später Theseus nach seinem Kampf gegen den Minotauros zugutekommen sollte: Theseus bediente sich eines abgewickelten Garnknäuels, um das Labyrinth wieder zu verlassen (→ Ariadnefaden). Jedenfalls wurde Daidalos mit seinem Sohn Ikaros auf Kreta in einem Turm oder in dem von ihm selbst errichteten Labyrinth gefangen gehalten und da der König alle Seewege unter strikter Beobachtung hatte, war der Gedanke einer Flucht von der Insel ziemlich hoffnungslos. Doch Daidalos griff auf seine Erfindergabe zurück: Aus Federn von Vögeln und dem Wachs von Kerzen fertigte er Flügel für sich und seinen Sohn und flog mit ihm davon. Bereits hatten sie die Inseln Samos, Delos und Levitha hinter sich gebracht, als der ausgelassene Ikaros ungeachtet der Warnungen seines Vaters zu hoch stieg und dem Sonnenwagen zu nahe kam. Das Wachs, welches die Flügel zusammenhielt, schmolz, und er stürzte in das Meer, das aufgrund dessen Ikarisches Meer genannt wird. Als der trauernde Daidalos ihn auf der heutigen Insel Ikaria beisetzte, beobachtete ihn ein Rebhuhn, das schließlich laut rief. Dieses Rebhuhn soll Perdix gewesen sein, der durch den Tod von Ikaros – ebenfalls durch einen Sturz ins Meer – gerächt worden war.

Daidalos auf Sizilien

Daidalos fand schließlich auf Sizilien beim sikanischen König Kokalos Asyl. Auf Sizilien ließ er einen Tempel errichten und weihte Apollon seine Flügel. Nach Vergil entstand dieses Heiligtum allerdings in Cumae.[8]

Doch Minos versuchte mit seiner Flotte, Daidalos auf Sizilien zu finden. Dazu ersann und verbreitete er eine Aufgabe, von der er richtigerweise annahm, dass sie nur durch den geschickten Daidalos lösbar sei: Wie zieht man einen Faden durch ein spiralig gewundenes Schneckenhaus? Daidalos bohrte das Gehäuse in der Mitte an, befestigte an einem Ende des Fadens eine Ameise, die er durch das Loch kriechen ließ und lockte sie am Ende des Spiralgangs mit einem Tropfen Honig an. König Kokalos erlangte Kenntnis von der Lösung und verriet sich. Als Minos Daidalos' Auslieferung verlangte, täuschte Kokalos Minos Gastfreundschaft vor und lud ihn zum Bade, wo Minos durch Kokals Töchter ermordet wurde.[9] Andere Überlieferungen berichten, dass Daidalos selbst Minos mit brühend heißem Wasser übergossen habe bis dieser starb.

Die erhaltenen mythologischen Überlieferungen brechen mit dem Tod des Minos ab. Es kann daher nur vermutet werden, dass Daidalos auf Sizilien starb. Der römische Gelehrte Plinius der Ältere schrieb ihm zahlreiche Erfindungen zu, so zum Beispiel das Senkblei, die Säge, den Bohrer sowie den Fischkleister [10] und Pausanias sah in ihm den Urheber zahlreicher archaischer Kultfiguren aus Holz.[11] (→ Xoanon)

Der geistige Hintergrund des Mythos

"Sie alle kennen die Sage von Dädalus und Ikarus und auch die Sage von Theseus. Ich möchte kurz den ungeheuer tiefen Sinn berühren, der in der Dädalus- Ikarus-Sage steckt. Man erzählt, daß einst ein Mensch gelebt hat mit Namen Dädalus, der imstande war, Kunstwerke zu schaffen, die lebten, Statuen, die sehen und hören konnten, Maschinen, die sich selbst bewegten. Das alles verstand Dädalus. Er war angesehen im ganzen Lande, aber er war auch außerordentlich ehrgeizig. Er hatte einen Schwestersohn, Talos, den er unterrichtete und der ihn bald übertraf in gewisser Beziehung. Es wird uns geschildert, daß Talos imstande war, Töpferscheiben zu benützen, und daß er auch gewisse Künste beherrschte, die dem Dädalus fremd waren. Talos studierte zum Beispiel die Kinnbacken einer Schlange und hatte die Idee, aus den Zähnen der Schlange eine Säge zu formen. So wurde er der Erfinder der Sage. Wenn wir das einander gegenüberstellen, was uns als Charakter bei Dädalus und was uns als Charakter bei Talos entgegentritt, so werden wir sehen, daß es sich bei Dädalus um Dinge handelt, die unserer fünften Wurzelrasse schon fremd geworden sind. Dagegen erfindet Talos solche Dinge, die zu den technischen Fertigkeiten der fünften Wurzelrasse gehören. Wenn wir einen Vergleich ziehen zu der vierten Wurzelrasse, den Atlantiern, so sehen wir, wie die Atlantier imstande waren, die Vril-Kraft anzuwenden, so wie wir den Dampf zum Antrieb von Lokomotiven, Maschinen und so weiter benutzen. Diese Kunst ist in der nachatlantischen Zeit verlorengegangen. Dagegen hat unsere Zeit die moderne Fähigkeit, unorganische Objekte zu Maschinen zusammenzufügen.

Diesen Übergang will uns die Sage zeigen. Dädalus bringt es dann dazu, daß er sich eine Art von Flügel machen kann, womit er sich über die Erde zu erheben vermag. Sein Sohn Ikarus will das auch machen, aber es gelingt ihm nicht, er geht dabei zugrunde. Diese Gegenüberstellung soll aus dem griechischen Geist heraus zeigen, daß die verschiedenen Epochen unserer Erdentwicklung verschiedene Aufgaben haben. Wollte eine Epoche der Erdentwicklung eine Aufgabe übernehmen, die nur für eine andere taugt, so würde sie dabei zugrundegehen. Alles an seinem Ort, alles zu seiner Zeit.

Nun hat die griechische Sage mit der Dädalus-Sage noch etwas anderes verknüpft. Dädalus geht, nachdem er Talos getötet hat, nach Kreta zu Minos. Dort ist ein Ungeheuer, der Minotaurus. Der Minotaurus steht im Gegensatz zur Sphinx. Der Minotaurus hat einen Stierkopf mit menschlichem Körper, die Sphinx hat einen Menschenkopf mit tierischem Körper. Der Minotaurus soll gehemmt werden in seinen verheerenden Wirkungen. Dädalos soll ihn bannen; das kann er, indem er ihm ein Labyrinth baut. Der Minotaurus muß mit Menschen ernährt werden. Alle neun Jahre müssen ihm sieben Jünglinge und sieben Jungfrauen geopfert werden. Mit der Minotaurus-Sage steht die Theseus-Sage in Verbindung. Theseus war der Sohn des Ageus. Dieser hatte bestimmt, daß Theseus das Schwert und die Sandalen unter einem großen Felsstück hervorholen sollte, die der Vater dort verborgen hatte. Nachdem Theseus in Athen verschiedenes vollbracht hatte, geht er nach Kreta, um den Minotaurus zu überwinden und die Stadt Athen von der Lieferung der sieben Jünglinge und der sieben Jungfrauen zu befreien. In Kreta wurde von Seiten der Griechen immer etwas ganz besonderes gesucht. In Kreta soll auch Lykurg gelernt und seine Verfassung für eine Art kommunistisches Gemeinwesen erhalten und nach Sparta gebracht haben, denn in Kreta soll es eine Verfassung gegeben haben, die in allen alten Priesterstaaten heimisch war; es waren Überreste des alten atlantischen Priester- Kommunismus, der auf jeden persönlichen Besitz verzichtet. Mit jeder ursprünglichen Religionsgründung hängt eine Art Kommunismus zusammen. Nach Kreta sieht sogar noch Plato als dem Sitz einer mustergültigen Verfassung. Diese Priesterverfassung ist ein Überbleibsel der alten atlantischen Gestaltung. Dädalus konnte das, was in Kreta schädlich war, bannen, weil er mit dem atlantischen Leben bekannt war. In dem Minotaurus haben wir den Repräsentanten der schwarzen Magie in Kreta zu sehen. Das soll jetzt aufhören. Jetzt wollen die Athener nicht mehr die sieben Jünglinge und die sieben Jungfrauen nach Kreta schicken. Das Schiff des Theseus fuhr hinaus mit schwarzen Segeln. Er wollte nach Überwindung des Minotaurus ein weißes Segel hissen statt des früheren schwarzen. Die schwarze Magie sollte weiß werden. Mit Hilfe des Fadens der Ariadne gelingt Theseus das Unternehmen, und er kehrt nach Athen zurück, [aber er vergaß, die weißen Segel zu setzen]. Die Griechen waren aber noch nicht so weit, daß sie des weißen Pfades vollkommen würdig waren. Liebe soll regieren im Ariadnefaden. Es wird aber in jener Zeit schon auf das Christentum so hingedeutet, daß das Liebesprinzip - Ariadne - durch Bacchus geraubt wird, der noch nicht dieses Prinzip ausgebildet hat, welches durch das Christentum verbreitet werden soll. Theseus galt wie Herkules als ein Held, als ein Sonnenläufer, als ein im sechsten Grade Initiierter." (Lit.: GA 092, S. 29ff)

In der Mithras-Einweihung bezeichnete man den sechsten Einweihungsgrad als

"Sonnenheld oder Sonnenläufer, weil sein Lauf ebenso harmonisch, ebenso rhythmisch geworden ist wie der Lauf der Sonne. Die Sonne repräsentierte die rhythmische, lebendige Bewegung des Planetensystems. Die Ikarus-Legende bezieht sich auf die Einweihung. Ikarus hat zu früh, ohne genügende Vorbereitung, versucht, die Sonne zu erreichen und ist abgestürzt." (Lit.: GA 092, S. 46)

Literatur

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Weblinks

Commons-logo.png Commons: Daidalos - Weitere Bilder oder Audiodateien zum Thema

Einzelnachweise

  1. Homer, Ilias xviii.590–593
  2. Hyginus
  3. 3,0 3,1 Ovid, Metamorphosen 8.236
  4. Ovid: Minervas heilige Zitadelle
  5. Ovid, Metamorphosen
  6. Ovid, Metamorphosen 8.183-235
  7. Bibliotheke des Apollodor 4.12
  8. Vergil, Aeneis 6
  9. Pseudo-Apollodor Bibliotheke 4.9-15; Ovid, Metamorphosen viii.155-263
  10. Gaius Plinius Secundus Maior, Naturalis historia 7.198
  11. Pausanias, Reisen in Griechenland


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