Flegetanis

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Flegetanis war nach Wolfram von Eschenbach ein arabischer Astronom, der erstmals das Geheimnis des Heiligen Grals in der Sternenschrift gelesen habe. Wolfram beruft sich dabei auf den Bericht des historisch weiter nicht fassbaren provenzalischen Dichters Kyot, den er als Quelle für seinen Parzival-Roman angibt. Väterlicherseits sei Flegetanis Heide gewesen, mütterlicherseits ein Jude aus dem Geschlecht Salomons. Kyot habe dessen vergessenes arabisches Manuskript in Toledo in Spanien, dem damaligen al-Andalus, aufgefunden, das zu dieser Zeit unter muslimischer Herrschaft stand. Nachdem Kyot die arabische Sprache erlernt und die Handschrift entziffert hatte, sei er durch ganz Europa gereist, um mehr über den Gral zu erfahren. Dabei sei er in Anjou auf die Geschichte Parzivals gestoßen.

ein heiden Flegetânîs
bejagte an künste hôhen prîs.
25
der selbe fisîôn
was geborn von Salmôn,
ûz israhêlscher sippe erzilt
von alter her, unz unser schilt
der touf wart fürz hellefiur.
30
der schreip vons grâles âventiur.
454
Er was ein heiden vaterhalp,
Flegetânîs, der an ein kalp
bette als ob ez wær sîn got.
wie mac der tievel selhen spot
5
gefüegen an sô wîser diet,
daz si niht scheidet ode schiet
dâ von der treit die hôhsten hant
unt dem elliu wunder sint bekant?
Flegetânîs der heiden
10
kunde uns wol bescheiden
ieslîches sternen hinganc
unt sîner künfte widerwanc;
wie lange ieslîcher umbe gêt,
ê er wider an sîn zil gestêt.
15
mit der sternen umbereise vart
ist gepüfel aller menschlîch art.
Flegetânîs der heiden sach,
dâ von er blûweclîche sprach,
im gestirn mit sînen ougen
20
verholenbæriu tougen.
er jach, ez hiez ein dinc der grâl:
des namen las er sunder twâl
inme gestirne, wie der hiez.
«ein schar in ûf der erden liez:
25
diu fuor ûf über die sterne hôch.
op die ir unschult wider zôch,
sît muoz sîn pflegn getouftiu fruht
mit alsô kiuschlîcher zuht:
diu menscheit ist immer wert,
30
der zuo dem grâle wirt gegert.»
455
Sus schreip dervon Flegetânîs.

Ein Heide, Flegetanis,
Den man um seltne Künste pries,
25
Hatte manche Vision.
Er stammte von Salomon,
Aus israelischem Geschlecht erzielt
Von Alters her, eh unser Schild
Die Taufe ward vor Höllenqual.
30
Der schrieb der Erste von dem Gral.
454
Ein Heide war er vaterhalb,
Flegetanis, der noch ein Kalb
Anbetete, als wär es Gott.
Wie darf der Teufel solchen Spott
5
Doch an so weisen Völkern thun?
Will sie zu wahren nicht geruhn
Davor des Allerhöchsten Hand,
Dem alle Wunder sind bekannt?
Flegetanis den Heiden
10
Mochte seine Kunst bescheiden
Vom Lauf aller Sterne
Und ihrer Heimkehr aus der Ferne,
Wie lang ein jeder hat zu gehn,
Bis wir am alten Ziel ihn sehn.
15
Menschliches Geschick und Wesen
Ist in der Sterne Gang zu lesen.
Flegetanis der Heid erkannte,
Wenn er den Blick zum Himmel wandte,
Geheimnissvolle Kunde.
20
Er sprach mit scheuem Munde
Davon: »Ein Ding wird Gral genannt;
Im Gestirn geschrieben fand
Er den Namen, wie es hieß.
Eine Schar ihn aus der Erde ließ,
25
Die zu den Sternen wieder flog,
Ob Gnad ob Unschuld heim sie zog.
Dann pflegte sein getaufte Frucht
Mit Demuth und reiner Zucht.
Die Menschheit trägt den höchsten Werth,
30
Die zum Dienst des Grales wird bekehrt.«
455
So schrieb davon Flegetanis.

Literatur