Hans Primas

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Hans Primas (* 18. Juni 1928 in Zürich; † 6. Oktober 2014) war ein Schweizer Chemiker.

Primas studierte von 1948 bis 1951 Chemie am Technikum Winterthur. Nach der Habilitation 1960 wurde er 1961 ausserordentlicher Professor und 1966 ordentlicher Professor ad personam für physikalische und theoretische Chemie an der ETH Zürich. 1967/68 und von 1976 bis 1978 war er Vorstand der Abteilung für Chemie an der ETH Zürich.

Umdenken in den Naturwissenschaften

Primas forderte ein radikales „Umdenken in den Naturwissenschaften“. Die cartesianische Trennung in Subjekt und Objekt könne angesichts der Erkenntnisse der neueren Naturforschung nicht in einem absoluten Sinne aufrechterhalten werden. Eine neue ganzheitliche Naturforschung müsse entwickelt werden, die nicht allein auf das Baconsche Ideal von der „Beherrschung der Natur“ abziele, sondern in einen „vernünftigen Dialog mit der Natur“ trete, der der irreduziblen Vielfalt ihrer Phänomene gerecht werde.

„In den modernen Naturwissenschaften ist von der Natur kaum die Rede. Die Ausklammerung der Frage nach dem Wesen der Natur war in der Tat die Vorbedingung für die Entwicklung und den Erfolg der neuzeitlichen experimentellen Naturwissenschaften. Erste Voraussetzung der traditionellen Naturwissenschaften ist die cartesische Unterscheidung von «res cogitans» und «res extensa». Die Idee einer vom Bewusstsein losgelösten «res extensa» war die Ausgangsbasis für eine mathematische Physik. Damit war aber auch ein tiefer Bruch zwischen Natur und menschlichem Bewusstsein entstanden. Das zweite ausschlaggebende Moment in der Entwicklung der experimentellen Naturwissenschaften ist die Verbannung finaler Fragestellungen aus den Naturwissenschaften durch Francis Bacon. Dieses Postulat öffnete den Weg zur Naturbeherrschung und einer wissenschaftlich untermauerten Technik, schloss aber zugleich die Möglichkeit eines «vernünftigen Dialogs mit der Natur» aus. Es ist überraschend und bedenkenswert, dass der Gang der neueren NaturwissenschafI gezeigt hat: die cartesische Trennung von Subjekt und Objekt kann in einem absoluten Sinne nicht aufrechterhalten werden. Somit sind die Grundvoraussetzungen der traditionellen Naturforschung ernsthaft in Frage gestellt, und es ist selbst aus der engen Sicht der Naturwissenschaften notwendig, über die Natur und die Naturwissenschaft nachzudenken.“

Hans Primas: Umdenken in der Naturwissenschaft[1]

Primas zeigte auch die Problematik des einseitigen Reduktionismus auf, der das gegenwärtige naturwissenschaftliche Denken dominiert.

„Die partikulären Erfolge der heutigen Naturwissenschaften bekunden, dass die reduktionistisch-mechanistische Vorgehensweise heuristisch wertvoll ist und auch in einer zukünftigen Naturforschung eine wichtige Rolle spielen wird. Aber eine reduktionistische Denkweise darf nicht mit der «rechten Weise zu denken» identifiziert werden. So zeigen uns die besten heute verfügbaren fundamentalen Theorien der Materie, dass die materielle Welt eine Einheit ist, welche nicht aus Teilen besteht, sondern lediglich in einem sehr speziellen Kontext durch komplex wechselwirkende fiktive Teilsysteme beschrieben werden kann. Das heisst, die traditionelle, reduktionistisch verengte Denkweise in Physik, Chemie und Molekularbiologie ist zu überwinden. Wie das geschehen soll, ist eine Aufgabe, mit der sich die Denker unserer Zeit ernsthaft auseinandersetzen müssen.

Zweierlei scheint unausweichlich: Erstens wird eine zukünftige Naturforschung die Atomisierung globaler Zusammenhänge vermeiden, die «Barbarei des Spezialistentums»[2] überwinden und sich wieder mit der Natur als Ganzem beschäftigen müssen. Zweitens werden die grundlegenden physikalischen, chemischen und biologischen Resultate der heutigen reduktionistischen Naturwissenschaften ihre Richtigkeit behalten, aber auch in einen allgemeineren Zusammenhang gestellt sein, der ihre beschränkte Verbindlichkeit klarstellt.

Gegenstand einer ganzheitlichen Naturforschung ist die ungeteilte Natur. Diese Forschung ist primär weder reduktionistisch noch mechanistisch, aber die Resultate der heutigen Naturwissenschaften sind darin in einer neuen Einbettung aufgehoben.

Hans Primas: Umdenken in der Naturwissenschaft[3]

So ging er etwa der Frage nach, ob Chemie auf Physik reduziert werden könne. Wolfhard Koch fasst die Aussagen von Primas wie folgt kurz zusammen:

„Hierarchisch höhere Theorien können im schwachen Sinne auf die ersten Prinzipien der Quantenmechanik reduziert werden. Dazu ist allerdings eine Brechung der ganzheitlichen Symmetrie der fundamentalen Theorie notwendig. Dieser schöpferische Vorgang kann nicht aus der Fundamentaltheorie abgeleitet werden. Er ist aber mit deren first principles verträglich.

Im starken Sinne gelingt eine Reduktion der Chemie auf Physik nicht. Jede Beschreibungsebene erfordert vielmehr ihre eigene Theorie. Ein Theorienpluralismus ist also ebenso unausweichlich wie erwünscht.“

Wolfhard Koch: Kann Chemie auf Physik reduziert werden?, S. 24[4]

Verschiedene komplementäre, hierarchisch geordnete Beschreibungsebenen bezüglich der Naturphänomene sind nicht nur zulässig, sondern auch gleichberechtigt und notwendig.

„Höhere Theorien besitzen eine gewisse Autonomie und können nicht von allgemeingültigen Grundprinzipien abgeleitet werden, ohne die für die Beobachtung höherer Phänomene notwendigen Mustererkennungseinrichtungen zu berücksichtigen. Jede mathematisch formulierte Reduktion einer höheren Beschreibungsebene auf eine fundamentale Theorie ist nur denkbar, wenn in der grundlegenden Theorie eine neue kontextuelle Topologie eingeführt wird. Diese neue Topologie ist niemals a priori gegeben, sondern hängt entscheidend von den Abstraktionen ab, die durch den kognitiven Apparat oder die verwendeten Mustererkennungsvorrichtungen vom Experimentator hergestellt werden. Dieses Programm kann durch die moderne algebraische Quantenmechanik realisiert werden. In diesem Rahmen ist es möglich, das Verhalten der Materie auf vielen, mathematisch genau charakterisierten, sich gegenseitig ausschließenden komplementären Wege zu beschreiben. Jede Hierarchieebene erfordert eine autonome, nicht reduzierbare Sprache, die nicht zugunsten einer leeren <universellen Sprache> eliminiert werden sollte. Einander gegenseitig ergänzende Naturbeschreibungen sind nicht nur zulässig, sondern sie sind auch gleichberechtigt und notwendig. Das heißt, Wissenschaft ist notwendigerweise pluralistisch.“

Hans Primas: Reductionism: Palaver without Precedent[5]

Hans Primas wies auch auf den fundamental holistischen Charakter der Quantentheorie hin, die aber erst ein erster kleiner Schritt in die richtige Richtung sei. Eine zukunftsorientierte Naturwissenschaft brauche Forscher, die einen individuellen Zugang zur Natur suchen und in lebendiger Beziehung zu ihrer Innenwelt leben:

„Die Ganzheitsvorstellung der Quantenmechanik ist vielleicht ein erster kleiner Schritt auf dem rechten Weg. Ein genuin ganzheitliches Denken muss sich aber von weiteren Zwangsjacken befreien. Es kann beispielsweise nicht mehr postulieren, dass das einzig Wirkliche die Aussenwelt sei, sondern muss anerkennen, dass wir selbst Teil der Natur sind. Ein Denker, der seine Seele verloren hat[6], kann wahrscheinlich bald durch ein computergestütztes Expertensystem ersetzt werden. Was eine zukunftsorientierte Naturforschung braucht, sind neben den unvermeidlichen Expertensystemen vor allem Denker, die in lebendiger Beziehung zu ihrer Innenwelt leben. Erst dann kann die wachsende Naturentfremdung mit ihrer selbstzerstörerischen Tendenz vermieden werden.“

Hans Primas: Umdenken in der Naturwissenschaft[7]

Werke

  • H. Primas: Chemistry, Quantum Mechanics and Reductionism. Berlin: Springer, 1981, 2. Auflage 1983.
  • H. Primas, U. Müller-Herold: Elementare Quantenchemie. Stuttgart: Teubner, 1984, 2. Auflage 1990.
  • H. Atmanspacher, H. Primas und E. Wertenschlag-Birkhäuser (Hrsg.): Der Pauli-Jung-Dialog und seine Bedeutung für die moderne Wissenschaft. Berlin: Springer, 1995. ISBN 3-540-58518-4.
  • Harald Atmanspacher, Hans Primas (Hrsg.): Recasting Reality : Wolfgang Pauli's Philosophical Ideas and Contemporary Science. Berlin: Springer, 2009. ISBN 3-540-85197-6.
Artikel
  • Kann Chemie auf Physik reduziert werden? Erster Teil: Das Molekulare Programm in: Chemie in unserer Zeit 19/4 (August 1985) doi:10.1002/ciuz.19850190402
  • Kann Chemie auf Physik reduziert werden? Zweiter Teil: Die Chemie der Makrowelt in: Chemie in unserer Zeit 19/5 (Oktober 1985) doi:10.1002/ciuz.19850190504
  • Umdenken in der Naturwissenschaft in: Vierteljahrsschrift der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich (1992) 137/l, S. 41-62 (genehmigter Nachdruck aus «GAIA; Ecological Perspectives in Science, Humanities and Economics» (1992) 1, l, 5-15 pdf
  • Reductionism: Palaver without Precedent in: Evandro Agazzi (Hrsg.): The Problem of Reductionism in Science, Springer 1991, ISBN 978-0792314066, S. 161-172

Literatur

  • Atmanspacher, Harald, Amann, Anton, Müller-Herold, U. (Eds.): On Quanta, Mind and Matter : Hans Primas in Context. (Series: Fundamental Theories of Physics, Vol. 102). Springer 1999. ISBN 0792356969.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Hans Primas in: Vierteljahrsschrift der Naturforschenden Gesellschaft in Zürich (1992) 137/l, S. 41-62 (genehmigter Nachdruck aus «GAIA; Ecological Perspectives in Science, Humanities and Economics» (1992) 1, l, 5-15 pdf
  2. vgl. J. Ortega y Gasset: La «Filosofia de la historia» de Hegel y la historiologia (1926); deutsche Übersetzung «Hegels Philosophie der Geschichte und die Historiologie», in José Ortega y Gasset, Gesammelte Werke, Band HI, Manesse, Zürich (1956).
  3. H. Primas: Umdenken ..., S. 45
  4. Wolfhard Koch: Kann Chemie auf Physik reduziert werden? - Vortragsmanuskript Universität Tübingen (1999)
  5. Im englischen Original:
    „Higher-level theories do possess a certain autonomy and cannot be deduced from universally valid first principles without taking into consideration the pattern recognition devices necessary for the observation of higher phenomena. Any mathematically formulated reduction of a higher-level description to a fundamental theory is conceivable only if in the basic theory a new contextual topology is introduced. This new topology is never given a priori but depends in a crucial way on the abstractions made by the cognitive apparatus or the pattern recognition devices used by the experimentalist. This program can be rea lized in terms of modern algebraic quantum mechanics. In this framework it is possible to describe the behavior of matter in many, mathematically precisely characterized, mutually exclusive complementary ways. Each hierarchical level requires an autonomous, non-reducible language which should not be eliminated in favor of an empty <universal language>. Mutually exclusive complementary descriptions of nature are not only admissible, but they are equally entitled and necessary. That is, science is necessarily pluralistic.
    Hans Primas: Reductionism: Palaver without Precedent in: Evandro Agazzi (Hrsg.): The Problem of Reductionism in Science, Springer 1991, ISBN 978-0792314066, S. 161-172
  6. Im heutigen Jargon würde man eher von einem psychopathologischen Zustand sprechen, der vor allem durch den Abbruch der Beziehungen des Bewusstseins zum Unbewussten gekennzeichnet ist; vergleiche dazu C. G. Jung, Gesammelte Werke, elfter Band: Zur Psychologie westlicher und östlicher Religionen, Rascher, Zürich, 1963, Ziff. 688.
  7. H. Primas: Umdenken ..., S. 61
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