Lesen

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Lesendes Mädchen Gemälde von Georgios Jakobides, 1882

Lesen (von lat. legere = "sammeln, auswählen, auf- oder auslesen, lesen") im engeren Sinn besteht heute in der Fähigkeit schriftlich festgehaltene Sprache (siehe → Schreiben) gegebenfalls wieder in zusammenhängend gesprochene Worte umzusetzen (Vorlesen) und die darin enthaltenen Gedanken zu erfassen und zu verstehen (sinnerfassendes Lesen), sie gleichsam zu erraten bzw. zu enträtseln (vgl. dazu eng. to read = "lesen", verwandt mit dt. raten bzw. eng. riddle = "Rätsel").

Allgemeines

Carl Spitzweg, Der Bücherwurm, um 1850

Lesen hat traditionell auch die Bedeutung des Auslesens. Scheidung der guten Linsen von den nicht guten (Aschenputtel), in moderner Auffassung: Unterscheidung von beachtenstenswerten Mitteilungen von Informationsmüll, Rezeption was relevant dünkt, und Ignoranz für das andere, das dann oft aber nur unzureichend erfaßt ist, oder oft garnicht mal leider.

Eine sehr wichtige Übung für den Geistesschüler (vgl. z.B. Rudolf Steiner: Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten), heißt: Lerne das Wesentliche von dem Unwesentlichen unterscheiden.

Eine gute Linse ist oftmals in einem Misthaufen verborgen, während faule Linsen im Schaufenster des Juweliers usw. vorkommen, oder andersrum. Lesen heißt insofern urteilen, und wenn das nicht möglich ist, entscheiden: z.B. Welches Buch soll/will ich als nächstes lesen?. Genauso die Entscheidung, wie gründlich will ich dieses Buch lesen, will ich es gründlich studieren, oder zur Unterhaltung darin blättern und ein paar Sätze zur Kenntnis nehmen? Usw.

Goethe empfiehlt, im Buch der Natur zu lesen: "Die Natur ist doch das einzige Buch, das auf allen Blättern großen Gehalt bietet." (Italienische Reise, 9.3.1787).

Zur Geschichte des Lesens

Im Allgemeinen geht man davon aus, dass in der griechisch-römischen Zeit noch bis weit in die ersten christlichen Jahrhunderte auch einsame Leser vornehmlich laut rezitierend zu lesen pflegten[1][2][3], obwohl diese These gelegentlich auch angezweifelt wird[4][5][6]. Oft zitiert wird diesbezüglich die Stelle aus den "Bekentnissen" des Augustinus, der sich über den leise lesenden Bischof Ambrosius von Mailand verwundert:

„Und wenn er las, schweiften die Augen über die Seiten und das Herz erforschte den Sinn, er selbst aber schwieg. Oft, wenn wir gegenwärtig waren, denn jeder hatte Zutritt, auch pflegte der Kommende nicht angemeldet zu werden, sahen wir ihn schweigend lesen, und nie anders; lange Zeit saßen wir schweigend da - denn wer hätte es gewagt, eine solche Vertiefung zu stören?“

Augustinus: Confessiones 6,3

Lesenlernen

Waldorfpädagogik

Um Lesen zu lernen, geht man in der Waldorfpädagogik vom Schreiben aus, das aus einem zeichnenden Malen und malendem Zeichnen entwickelt wird und schließt erst daran das Lesen an:

"... denn für das Kind ist es gut, wenn es gleich Farben verwendet, es lebt ja in der Farbe, das weiß jeder, der das Kind kennt -, wenn man aus dem malenden Zeichnen zum Schreiben übergeht und erst aus dem Schreiben das Lesen gewinnt. Denn das Schreiben ist eine Betätigung des ganzen Menschen. Da muß die Hand in Betracht kommen, da muß sich der ganze Leib in irgendeiner Weise, wenn auch fein, einfügen, da ist der ganze Mensch daran beteiligt. Das hat noch etwas Konkretes, das Schreiben, das aus dem malenden Zeichnen herausgeholt wird. Das Lesen, nun, da sitzt man schon dabei, da ist man schon ein richtiger Duckmäuser, da strengt sich nur noch ein Teil des Menschen an, der Kopf. Das Lesen ist schon abstrakt geworden. Das muß nach und nach als eine Teilerscheinung aus dem Ganzen heraus entwickelt werden.

Bei diesen Dingen ist es heute außerordentlich schwer, im rein Naturgemäßen standzuhalten gegen die Vorurteile der Gegenwart. Denn wenn man anfängt, in einer solch ganz naturgemäßen Weise die Kinder zu unterrichten, dann lernen sie etwas später lesen, als man es heute verlangt. Wenn dann die Kinder von einer solchen Schule übertreten in eine andere Schule, dann können sie noch nicht soviel wie die Kinder der anderen Schule. Ja, aber es kommt doch gar nicht darauf an, was man sich aus dem materialistischen Kulturzeitalter für eine Vorstellung darüber gebildet hat, was das Kind mit acht Jahren können soll. Sondern es kommt darauf an, daß es vielleicht gar nicht gut ist für das Kind, wenn es zu früh lesen lernt. Denn da sperrt man auch wiederum für das spätere Leben etwas zu, wenn das Kind zu früh lesen lernt. Lernt das Kind zu früh lesen, dann führt man es zu früh in die Abstraktheit hinein. Und Sie würden unzählige spätere Sklerotiker beglücken für ihr Leben, wenn Sie ihnen nicht zu früh das Lesen beibrächten als Kinder. Denn diese Verhärtung des ganzen Organismus - ich nenne es populär so -, die in der mannigfaltigsten Form der Sklerose später auftritt, die kann man zurückverfolgen zu einer falschen Art, das Lesen beizubringen. Natürlich kommen diese Dinge auch noch von vielen anderen Sachen, aber darum handelt es sich, daß es diese Dinge durchaus gibt, daß ein naturgemäßer Unterricht vom Seelisch-Geistigen aus überall hygienisch auf den Leib wirkt. Erfassen Sie, wie Sie den Unterricht und die Erziehung gestalten sollen, so erfassen Sie zu gleicher Zeit, wie Sie dem Kinde die beste Gesundheit fürs Leben geben." (Lit.: GA 306, S. 81f)

Durch das verzögerte Lesenlernen wird zumeist die Lesekompetenz gesteigert, jedenfalls aber nicht beeinträchtigt[7].

Siehe auch

Literatur

  • Tobias Landwehr: Lesefähigkeit - Wie Schrift unsere Art zu denken ändert, Spektrum der Wissenschaft 17.07.2017 online
  • Stanislas Dehaene, Laurent Cohen, José Morais, Régine Kolinsky: Illiterate to literate: behavioural and cerebral changes induced by reading acquisition, in Nature Reviews Neuroscience Vol. 16 (4), April 2015, pp. 234-244 doi:10.1038/nrn3924 pdf
  • Stanislas Dehaene, Laurent Cohen: The unique role of the visual word form area in reading, in: Trends in Cognitive Sciences Volume 15, Issue 6, June 01, 2011, pp. 254-262 doi:10.1016/j.tics.2011.04.003 pdf
  • Bruce D. McCandliss, Laurent Cohen, Stanislas Dehaene: The visual word form area: expertise for reading in the fusiform gyrus, in: Trends in Cognitive Sciences Vol.7, No.7 July 2003 doi:10.1016/S1364-6613(03)00134-7 pdf
  • Rudolf Steiner: Die pädagogische Praxis vom Gesichtspunkte geisteswissenschaftlicher Menschenerkenntnis. Die Erziehung des Kindes und jüngeren Menschen., GA 306 (1989), ISBN 3-7274-3060-5 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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Weblinks

Einzelnachweise

  1. Eduard Norden: Die Antike Kunstprosa vom VI. Jahrhundert v.Chr. bis in die Zeit der Renaissance I, Leipzig/Berlin 1909
  2. Josef Balogh: Voces Paginarum. Beiträge zur Geschichte des lauten Lesens und Schreibens, Philologus 82 (1927)
  3. G. L. Hendrickson: Ancient Reading (1929), S 182–196
  4. B. M. W. Knox: Silent Reading in Antiquity (1968), S 421–435
  5. A. K. Gavrilov: Techniques of Reading in Classical Antiquity (1997), S 56–73
  6. M. F. Burnyeat: Postscript on Silent Reading, (1997), S 74–76
  7. Sebastian P. Suggatea, Elizabeth A. Schaughency, Elaine Reese: Children learning to read later catch up to children reading earlier (2012) [1]