Luftlautformen

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Stimmloses «S» wie in «Hast» als Luftlautform; Skizze nach Johanna F. Zinke

Die Luftlautformen sind charakteristische, in ihrer typischen Gestalt reproduzierbare Gebilde, die der durch den Atem ausströmenden Luft durch die artikulierten Laute der menschlichen Sprache flüchtig aufgeprägt werden.

Luftgebärden

Auf diese Luftgebärden hatte zuvor schon Rudolf Steiner aufmerksam gemacht:

„Alles dasjenige, was wir aussprechen, zeichnet in die Luft hinein eine gewisse Form, die man nur nicht sieht, die man aber durchaus als vorhanden voraussetzen muß, von der man sich sogar denken könnte, daß sie durch wissenschaftliche Mittel ohne die menschliche Zeichnung fixiert würde.“ (Lit.:GA 279, S. 47)

„Wer sich in dieses unbefangen vertieft, der kommt darauf, daß das, was wir als Ausatmungsluft durch unsere Atmungsorgane, durch die Sprach- und Gesangsorgane treiben, was wir herausstoßen, wenn es vokalisiert wird, was wir durch Lippen, Zähne, Gaumen formen im Herausstoßen, daß das ja schließlich nichts anderes ist als die Luftgebärde. Nur wird die Luftgebärde in einer solchen Weise in den Raum hineingestellt, daß man sie durch dasjenige, was sie im Raume erzeugt, eben für das Ohr hören kann.“ (S. 27)

Die Vokale entspringen dabei dem inneren Seelenleben, die Konsonanten werden im Nachahmen der äußeren Formen gebildet.

„Aber das Wahre ist, daß der Vokal immer aus dem Seelenleben entspringt, der Konsonant immer in dem Erfühlen, Nachbilden des äußeren Gegenstandes ist. Man bildet nach dasjenige, was der äußere Gegenstand tut, indem man die Ausatmungsluft mit den Lippen hält, oder mit den Zähnen oder mit der Zunge gestaltet, oder mit dem Gaumen formt; indem da die Konsonanten gebildet werden, also diese Luftgebärde geformt wird, wird bei den Vokalen das Innere nach außen strömen gelassen. Die Konsonanten, die bilden dann plastisch in Gestaltungen dasjenige nach, was eben ausgedrückt werden soll. Und so, wie sich der einzelne Laut formt, der einzelne Buchstabe, so formen sich dann die Sätze, so formt sich in der dichterischen Sprache dasjenige, was eben wirkliche Luftgebärde wird.“ (S. 27)

Sichtbarmachung der Luftlautformen

Die formbildenden Kräfte der artikulierten Lautsprache bilden der ausgeatmeten Atemluft charakteristische Formen ein, die durch geeignete Methoden, etwa die Toeplersche Schlierenoptik, sichtbar gemacht werden können. Johanna F. Zinke hat darüber ausführliche Untersuchungen angestellt.

Solche Luftgebärden bzw. Luftlautformen werden allerdings nur unmittelbar von einem menschlichen Sprecher erregt; ein Lautsprecher löscht sie hingegen aus und überträgt nur mechanische Schwingungen. Für das bewusste Erleben mag das wenig Unterschied machen, für den unbewusst wirkenden Nachahmungstrieb des Kindes geht aber möglicherweise Wesentliches verloren. Und das gilt ebenso für die feinere Ausgestaltung der künstlerischen Sprache beim Erwachsenen. (Lit.: Zinke, S 17)

Widerspiegelung der Sprache in den Mikrobewegungen des Körpers

Kinder, wenn sie die Sprache erlernen, fühlen sich sehr sensibel in die gestaltenden Kräfte der Sprache ein. Der US-amerikanische Forscher William S. Condon entdeckte gemeinsam mit Louis W. Sander in den 1970er Jahren, dass Babys ihre Bewegungen mit der gehörten Sprache der Erwachsenen synchronisieren. Wie er mittels Hochgeschwindigkeitskameras feststellte, führt der gesamte menschliche Körper beim Sprechen charakteristische Mikrobewegungen aus, die überraschenderweise unbewusst von dem zuhörenden Menschen mit einer minimalen Zeitverzögerung synchron nachgeahmt werden. Dies ist auch der Fall, wenn man auf Tonband festgehaltene Sprache hört. Condon dokumentierte diese linguistisch-kinesischen Seiten des menschlichen Verhaltens über einen Zeitraum von dreißig Jahren[1].

„Condon stieß auf einen bis dahin unbekannten Vorgang, der gesetzmäßig mit dem Sprechen verknüpft: ist, sich aber nur mit moderner Technik aufdecken ließ: Während des Sprechvorgangs, so stellte er fest, vollführt der gesamte Körper des Sprechers winzige Bewegungen, die der gewöhnlichen Beobachtung entgehen. Zu diesem Resultat kam er, indem er Menschen beim Sprechen mit Hochgeschwindigkeitskameras (30 und 48 Bilder pro Sekunde) filmte und anschließend die Einzelbilder einer aufwendigen Mikroanalyse unterzog. Die Analyse ergab, dass die feinen Bewegungen (Mikrokinesik) genau synchron mit dem Sprechakt ablaufen und die gesamte Körpermuskulatur betreffen, vorn Kopf bis zu den Füßen. Im Fortgang seiner Forschungen spielte Condon die Signale der Tonspur synchron als Lichtsignale auf den Film (ein Verfahren, das vom Kinofilm bekannt war), sodass er bei jedem einzelnen der 30 oder 48 Bilder pro Sekunde genau sehen konnte, bei welchen Lauten im Sprechfluss welche gestischen Bewegungen an der Körperoberßäche auftraten. Dadurch ließ sich eindeutig belegen, dass es sich bei den Mikrobewegungen nicht um eine belanglose Begleiterscheinung handelt, sondern um eine bis in die letzten Feinheiten reichende vollständige Kongruenz von Ton und Bewegung...

Die größte Überraschung aber stand Condon noch bevor: Als er beiläufig die Kamera während eines Dialogs auf beide Partner richtete, musste er feststellen, dass der hörende Mensch auf die wahrgenommene Sprache mit eben denselben feinen Bewegungen antwortet, die der Sprecher unbewusst vollführt, ebenfalls vorn Kopf bis zu den Füßen, und genau synchron zu den gesprochenen Lauten, mit einer minimalen Zeitverzögerung von 40 bis 50 Millisekunden, die für den Weg vom Mund zum Ohr des anderen benötigt werden[2]. Eine bewusste Reaktion ist da mit Sicherheit auszuschließen. Condon beschrieb diese erstaunliche Synchronizität von Sprech- und Hörbewegungen mit den Worten: «Bildlich gesehen ist es, als ob der ganze Körper des Hörers in präziser und füeßender Begleitung zur gesprochenen Sprache tanzte.»[3]“ (Lit.: Patzlaff, S. 148f.)

„In der Synchronie der Interaktion setzt sich das einheitliche linguistischkinesische Verhalten fort. Innerhalb von 50 Millisekunden spiegelt die ganze Organisation der Körperreaktion des Hörers sein Entrainment[4] auf die herankommenden Worte wider. Mit jeder Lautveränderung gibt es parallel verlaufende Bewegungen der Hörer.

«Der Kopf des Hörers neigt sich leicht nach unten, während das rechte Handgelenk die Haltung beibehält, während der rechte Daumen sich leicht anwinkelt, während der rechte Zeigefinger und die zweiten Finger sich leicht strecken, während sich der linke Fuß leicht anwinkelt.»[5]

Condon schließt aus der kurzen Latenzzeit zwischen der Wahrnehmung und der physiologischen Reaktion, dass diese Bewegungen sich nicht gegenseitig verursachen können und dass es eine «zentrale, wahrnehmende neurologische Einheit geben muss, die peripher in der Körperbewegung reflektiert wird».[6]

Eine weitere von Condons überraschenden Entdeckungen war, dass Neugeborene die gleichen Muster des synchronen Entrainments auf die Worte von Erwachsenen zeigten. Diese Reaktion von Neugeborenen scheint nur im Zusammenhang mit Sprachphänomenen aufzutreten, da es keine Beweise für eine synchrone Interaktion mit «Klopfgeräuschen, Rauschen (white noise), nicht-strukturierten Geräuschen» gab. Die sprachspezifischen Qualitäten dieser kinesischen Reaktion werden auch bestätigt durch die Synchronizität, die bei der Reaktion von Neugeborenen festgestellt wurde, wenn sie auf Tonband festgehaltene Sprache hörten.[7]“ (Lit.: Lutzker, S. 65f.)

Lautformen im Blut des Menschen

Untersuchungen des anthroposophischen Arztes Armin Husemann haben gezeigt, dass beim Sprechen auch charakteristische Lautformen in dem zum Herzen zurückströmenden venösen Blut gebildet werden.

„Hat das Kind gelernt, aufrecht zu gehen, so lernt es sprechen. Schließlich beginnt es zu begreifen, was es spricht, und lernt denken, auch ohne zu sprechen. Das Erwachen der Seele im Leib nimmt also den Weg aus den Beinen über die Atemgestaltung im Wort bis zur Gedankenbildung im Kopf - von unten nach oben. Dieser Weg der Ausatmung ist die Fortsetzung des venösen Blutweges, der aus den Füßen bis zum Herz von unten nach oben strömt und sich als Ausscheidungsweg von Kohlensäure und Wasser unmittelbar in die Ausatmungsluft bis zum Kehlkopf fortsetzt. Hier wird diese Luft zu Klang und Sprache geformt. Venöser Blutstrom, Ausatmungsluft und gestaltetes Wort sind drei Lebensprozesse der Sprachbildung.

80 % unseres Blutvolumens strömt in Venen, 20 % in Arterien. Während der arterielle Blutstrom vom Herzen rhythmisiert wird, fehlt dieser Puls im Venenblut. Dieses ist in seiner Strömung ganz von der Atmung abhängig. Hält ein Mensch in Wut die Luft an, so schwillt ihm die «Zornader» (Venen der Stirn- und Schläfenhaut also), weil das venöse Blut von der angehaltenen Atmung gestaut wird. Die Laute der Sprache sind verschiedenartig differenzierte Stauungen der Atmung, was besonders bei den Stoßlauten auffällt. Die Stoßlaute, aber auch andere Konsonanten und sogar die Vokale, stauen deshalb den venösen Blutstrom, formen die venöse Strömung. Mit der Doppler-Ultraschall- Untersuchung der großen Beinvenen kann man hörbar und in einer farblichen Codierung sichtbar machen, wie jeder Laut spezifisch gestaltend in den venösen Blutstrom eingreift...

Wir finden hier, nach innen gespiegelt, ein komplementäres Phänomen zu den Luftlautformen der Sprache: die Lautformen der Sprache im Blut. Eine künftige Forschung wird vielleicht nachweisen können, daß und in welcher Weise die Art der Sprache eines Menschen die feinere Säftezirkulation über den venösen Blutstrom und damit den Stoffwechsel der Organe, besonders der Leber, beeinflußt.“ (Lit.: Zinke, S. 75ff.)

Dass sowohl die gesprochene als auch die gehörte Sprache einen deutlichen Einfluss auf das Herz-Kreislauf-System hat, wurde von dem amerikanischen Psychologen und Physiologen James J. Lynch, der nach neuen Behandlungsmöglichkeiten für Bluthochdruck-Patienten suchte, 1985 in seinem Buch «The Language of the Heart» beschrieben. Zuvor schon hatte er erkannt, dass Bluthochdruck viel mehr von seelischen als rein physiologischen Faktoren abhängt (Lit.: Lynch 1983).

„Dies sollte dazu führen, dass wir eine völlig neue Behandlungsform entwickelten, die auf dem Verständnis der Verbindung zwischen menschlicher Kommunikation und dem Herz-Kreislaufsystem basiert. Denn Computertechnologie ermöglichte uns die Beobachtung, dass der Blutdruck deutlich ansteigt, sobald jemand zu sprechen beginnt, dass das Herz schneller schlägt und mikroskopisch kleine Blutgefäße in den äußersten Körperpartien sich ebenfalls verändern. Umgekehrt sinkt der Blutdruck gewöhnlich und die Herzfrequenz verringert sich - häufig bis unter das normale Ruheniveau-, wenn man dem Sprechen anderer zuhört oder sich in entspannter Weise intensiv auf seine Umgebung konzentriert.“ (Lit.: Lynch 1987, S. 16)

Zusammenhang der Sprache mit den rhythmischen Bewegungen des Gehirnwassers

Siehe auch: Liquor cerebrospinalis

Armin Husemann hat auch auf den möglichen Zusammenhang der Sprache mit den Bewegungen der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit (Liquor cerebrospinalis) aufmerksam gemacht. Rainer Patzlaff berichtet:

„Armin Husemann wies im Anschluss an seine Entdeckung der Lautformen im Blut mündndlich daraufhin, dass es einen weiteren Organbereich gibt, der vom gesprochenen Wort betroffen ist: das Wasser im Rückenmark und im Gehirn, der Liquor cerebrospinalis, wie ihn der Mediziner nennt. Es ist als sicher anzunehmen, dass die gesprochenen Laute (die ja durch die Knochenleitung des Schalls auch in das Körperinnere dringen) in der Flüssigkeit des Rückenmarks Bewegungsformen erzeugen, Wirbel, die sich bis zu dem vom Liquor umschlossenen Gehirn fortpflanzen. Aber was spielt sich dort ab? Man wagt kaum sich vorzustellen, wie die dynamischen Wasserbewegungen auf das noch weiche, in Entwicklung befindliche Gehirn eines Kindes einwirken. Und sofort taucht die Frage auf: Geschieht dieser Vorgang auch schon in der Zeit, in der das Kind zwar hören, aber noch nicht selber sprechen kann, also ab dem letzten Drittel der Schwangerschaft und in den Monaten bis zum Beginn des eigenen Sprechens?

Da nachgewiesen ist, dass der hörfahige Fötus nicht nur die Sprache der Mutter wahrnimmt, sondern in einem gewissen Maße auch die von außen kommende Sprache z.B. des Vaters, sehen wir uns vor Fragen gestellt, auf die zuvor niemand gekommen wäre: Nehmen die Eltern und andere Personen in der Umgebung durch ihre Sprache Einfluss auf die Gehirnbildung des Kindes schon vor der Geburt und auch danach? Angenommen, dem wäre so, dann drängt sich geradezu erschütternd der Gedanke auf, welch eine gewaltige Verantwortung den Erwachsenen zukommt, auf ihre Sprache zu achten, denn wenn sie einen Einfluss hat, dann ist die Wirkung auch von der Beschaffenheit dieser Sprache abhängig. [...]

Was tatsächlich geschieht, wissen wir nicht, weil die Lautformen im Venenblut während des Hörens noch nicht untersucht sind und weil es für die Vorgänge im Liquor des Gehirns derzeit wohl keine ethisch vertretbare Technik zur Beobachtung gibt. Aber wir werden in jedem Falle gut daran tun, Steiners Wort von der leibgestaltenden Kraft der Sprache absolut wörtlich zu nehmen, noch tiefergehend, als wir es zuvor getan haben. Im Übrigen kann uns alles, was bisher aus der Forschung bekannt ist, in der Gewissheit bestärken, dass der Mensch im Sprechen und Hören mit der Sprache inniger verwoben ist, als es sich der aufgeklärte neuzeitliche Verstand jemals hätte träumen lassen. Sprache ergreift den Menschen bis in die Tiefen seines Leibesseins.“ (Lit.: Patzlaff, S. 281ff)

Auf einen entsprechenden Zusammenhang mit dem musikalischen Erleben hatte schon Rudolf Steiner hingewiesen:

„Dieses Leben im Musikalischen, es ist der allerbeste Beweis - zunächst einer von vielen, wir werden noch verschiedene kennenlernen, aber vielleicht einer der besten Beweise - für die besondere Zuordnung des Gefühlslebens zum rhythmischen Leben des Organismus. Dieses rhythmische Leben wird in seinem Zusammenhang mit dem Gefühlsleben wahrgenommen von dem Vorstellungsleben, das an den Nerven-Sinnes-Organismus gebunden ist. Wenn wir etwas Musikalisches hören, ja, wenn wir irgendwie uns einem Tonbilde hingeben, dann ist das allerdings scheinbar zunächst aufgenommen durch den Sinn. Aber diejenigen Physiologen, die etwas feiner beobachten können, merken, wie innerlich beteiligt ist an dem Verfolgen eines Tonbildes das Atmen, und wie wirklich unser Atmen etwas zu tun hat mit dem, was wir als dasjenige in uns erleben, was uns das Tonbild erscheinen läßt als etwas, das ästhetisch zu beurteilen ist, das in das Gebiet der Kunst zu versetzen ist.

Wir müssen uns nämlich klar sein, welch komplizierter Prozeß eigentlich in uns fortwährend vorgeht. Nehmen Sie einmal diesen unseren Organismus an. Dieser Nerven-Sinnes-Organismus, der zentralisiert ist im menschlichen Gehirn, er ist ja so zentralisiert, daß das Gehirn eigentlich nur zum geringsten Teil in einem gewissen festen Zustande ist; das ganze Gehirn schwimmt im Gehirnwasser. Ich versuche dasjenige, was da zugrunde liegt, durch folgendes klarzumachen: Es würde unser Gehirn, wenn es nicht im Gehirnwasser wirklich schwimmen würde, fortwährend auf die an der Schädelunterlage befindlichen Blutgefäße drücken und diese fortwährend zerdrücken. Unser Gehirn erleidet nämlich dadurch, daß es im Gehirnwasser schwimmt, einen fortwährenden Auftrieb - was man nach dem Archimedischen Prinzip den Auftrieb nennt, wie Sie aus der Physik wissen -, so daß von dem reichlich 1300 bis 1500 Gramm wiegenden Hirn eigentlich auf die Unterlage des Schädels höchstens 20 Gramm drücken. So daß also dadurch, daß das Gehirn einen mächtigen Auftrieb erleidet, auf die Unterlage des Schädels sehr wenig gedrückt wird. Aber dieses Gehirnwasser, das ist nicht minder beteiligt an unserem ganzen menschlichen Erleben als etwa das Feste des Gehirnes. Dieses Gehirnwasser, das ist nämlich in einer stetigen Auf- und Abbewegung. Es bewegt sich das Gehirnwasser rhythmisch auf und ab vom Gehirn durch den Rückenmarkskanal, strahlt dann aus in die Bauchhöhlung, wird bei der Einatmung zurückgestoßen in die Gehirnhöhlung, wieder herausgestoßen, und bei der Ausatmung fließt es wieder herunter. In fortwährendem Auf- und Abbewegen ist dieses Gehirnwasser, das heißt, seine Fortsetzung in den übrigen Organismus hinein, so daß eine fortwährende vibrierende Bewegung stattfindet, die im Grunde genommen den ganzen Menschen erfüllt und die mit dem Atmen zusammenhängt.

Indem wir irgendeiner Folge von Tönen gegenüberstehen, stehen wir ihr als atmende Menschen gegenüber. Fortwährend wird das Wasser aufwärts und abwärts getrieben. Und indem wir hören, schlägt innerlich der Rhythmus des auf- und absteigenden Wassers an dasjenige an, was da durch die Töne in uns im Gehörorgan als Sinneswahrnehmung figuriert, und ein fortwährendes Zusammenschlagen der innerlichen Vibrationsmusik unseres Atmens findet statt mit dem, was als Wahrnehmungsvorgang an unser Ohr schlägt. Darinnen besteht eigentlich das musikalische Erlebnis, in diesem Ausgleich zwischen der Gehörwahrnehmung und dem rhythmischen Atmungsprozeß. Und der schildert ganz falsch, der etwa das musikalische Wahrnehmen, das ja überall im wesentlichen durchzogen ist vom Fühlen, nur in Beziehung bringen möchte direkt mit den Nervenvorgängen. Die sind eigentlich beim musikalischen Wahrnehmen nur dazu da, daß wir dasjenige, was eigentlich vorgeht, tiefer mit unserem Ich verbinden, daß wir es so recht wahrnehmen, daß wir es ins Vorstellen umsetzen.“ (Lit.:GA 301, S. 34ff)

Die Gestaltungskräfte der Luft

Rudolf Steiner hat darauf hingewiesen, dass der Luft selbst bedeutsame Gestaltungskräfte innewohnen.

„Der heutige wissenschaftliche Mensch sagt: Luft ist Sauerstoff, Stickstoff, einiges andere ist darin, und das ist so eine mehr oder weniger gleichmäßige, nur durch innere mechanische Bewegung, die im Winde sich darstellt, differenzierte luftförmige Substanz. Aber solche Luft, wie sie heute der Physiker beschreibt, die gibt es nicht, sondern es gibt nur die konkrete Luft, die unsere Erde umgibt. Aber, meine lieben Freunde, die Luft, die unsere Erde umgibt, die ist überall durchdrungen von lauter Gestaltungskräften. Diese Gestaltungskräfte atmen wir mit der physischen Substanz der Luft ein. Wenn unsere Organe fertig sind, wenn wir eine fertige Lunge haben, dann geschieht das, daß die Gestaltungskräfte, die wir da einatmen mit der Substanz der Luft, sozusagen zusammenfallen mit der Form der Lunge, daß sie dann, wenn wir geboren sind, keine große Bedeutung mehr haben, nur zum Wachstum. Aber während der Embryonalzeit, während der physischen Absonderung von der Außenluft, da wirken zuerst durch den mütterlichen Leib die Gestaltungskräfte der Luft. Die bauen die Lunge auf, wie alle Organe des Menschen daraus auferbaut werden, mit Ausnahme der Muskeln und der Knochen. Alle inneren Organe, die das werdende Leben erhalten, sind auferbaut aus den gestaltenden Kräften der Luft. Was da geschieht, kann man vergleichen, aber es ist ein grober Vergleich, mit der Entstehung der Chladnischen Klangfiguren. Also Platten, die mit Staub belegt sind, werden an einem Punkt befestigt, mit dem Violinbogen in bestimmter Weise gestrichen, dann gestaltet sich dieser Staub in gewisse Formen, je nachdem man den Bogen ansetzt. Da werden aus den Gestaltungskräften, die man in der Luft hervorruft, die Staubfiguren gebildet. So werden aus den allgemeinen Gestaltungskräften der Luft die inneren Organe des Menschen gebildet. Die sind herausgebildet aus den Gestaltungskräften der Luft. Die Lunge ist tatsächlich aus den Atmungskräften gebildet, aber ebenso die andern Organe. Nur sind es die andern Organe mehr oder weniger auf Umwegen, während die Lunge direkt gebildet ist. Aber dies, was da vorliegt, daß die Organe des Menschen herausgebildet werden aus den sich gestaltenden Schwingungen der Luft, das ist nur durch Inspiration zu begreifen. Das, was sich herausgestaltet aus dem Luftförmigen, eben Geformtes, das ist in der Auffassung gleich dem Musikalischen, wie den Klangfiguren auch ein Musikalisches zugrunde liegt.

Es ist so vieles grundfalsch, was in unserer heutigen Physiologie vorhanden ist, daß man sich manchmal geniert, das Richtige zu sagen, wenn es sich so grotesk unterscheidet von dem, was man behauptet. Wenn der Mensch hört, so sind alle seine Organe in Mitschwingung mit den Schwingungen der Luft, nicht etwa nur die inneren Hörorgane. Der ganze Mensch schwingt mit, wenn auch leise, und das Ohr ist nicht deshalb Hörorgan, weil es schwingt, sondern weil es das, was im übrigen Organismus ist, durch seine innere Organisation zum Bewußtsein bringt. Es ist das ein großer, aber auch ein feiner Unterschied, ob man sagt, der Mensch hört durch das Ohr, oder der Mensch bringt sich durch das Ohr das Gehörte zum Bewußtsein. Denn der Mensch ist aus dem Ton heraus, wenn auch nicht aus dem gehörten Tone, auferbaut, so daß man sagen muß: die Inspiration ergreift die menschlichen Innenorgane. Die Organisation der menschlichen Innenorgane, des luftförmigen Menschen, muß durch Inspiration erkannt werden. Sehen Sie, es ist gar kein Wunder, daß schon im grauen Altertum das eigentliche Begreifen der menschlichen Organe verlorengegangen ist, weil die Inspiration verlorengegangen ist, weil die Inspiration der einzige Weg ist, durch den man die inneren Organe verstehen kann; sonst kann man diese nur von der Leiche abzeichnen, aber verstehen kann man sie nicht.“ (Lit.:GA 316, S. 94f.)

Literatur

  • Johanna F. Zinke, Rainer Patzlaff (Hrsg.): Luftlautformen sichtbar gemacht. Sprache als plastische Gestaltung der Luft., Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2001, ISBN 3-7725-1856-7
  • Rainer Patzlaff: Sprache – das Lebenselixier des Kindes: Moderne Forschung und die Tiefendimensionen des gesprochenen Wortes, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2017, ISBN 978-3772528583
  • Peter Lutzker: Der Sprachsinn. Sprachwahrnehmung als Sinnesvorgang, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2017, ISBN 9783772528576, eBook ASIN B075GYZLSD
  • Serge Maintier: Sprache – die unsichtbare Schöpfung in der Luft: Forschung zur Aerodynamik der Sprachlaute, Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2014, ISBN 978-3-8300-7898-2 (mit beiliegender DVD, gratis auch auf youtube.com)
    • english: Speech - Invisible Creation in the Air: Vortices and the Enigma of Speech Sounds, Translated by Catherine E. Creeger, Foreword by Armin J. Husemann, SteinerBooks Inc. 2016, ISBN 978-1-62148-169-0
  • Gilbert Prilasnig: Der Zusammenhang von Sprache und Bewegung: Fokus: Heileurythmie, AV Akademikerverlag 2015, ISBN 978-3639844733
  • James J. Lynch: Das gebrochene Herz, Rowohlt Verlag 1983, ISBN 978-3498038212
  • James J. Lynch: The Language of the Heart: The Body's Response to Human Dialogue, Basic Books 1985, ISBN 9780465037957
    • deutsch: James J. Lynch, Sabine Störmer (Übers.): Die Sprache des Herzens. Wie unser Körper im Gespräch reagiert, Junfermann Verlag 1987, ISBN 978-3873872677
  • Condon, W. S. (1996). Sound-Film Microanalysis: A Means for Correlating Brain and Behavior in Persons with Autism. Proceedings of the 1996 Autism Society of America National Conference, Milwaukee, WI, July 1996, 221–225.
  • Condon, W. S. (1985). Sound-Film Microanalysis: A Means for Correlating Brain and Behavior. In Frank Duffy and Norman Geschwind (Eds.), Dyslexia: A Neuroscientific Approach to Clinical Evaluation, Boston, MA: Little, Brown & Co., 123–156.
  • Condon, W. S. (1974) Cultural Microrhythms. In M. Davis (Ed.), Interaction Rhythms. New York: Human Sciences, 1982.
  • Condon, W. S. (1971). Speech and Body Motion Synchrony of the Speaker-Hearer. In D. L. Horton and J. J. Jenkins (Eds.), Perception of Language, Columbus, Ohio: Merrill, 150–173.
  • Condon, W. S. (1974). Multiple response to sound in autistic-like children. Proceedings of the National Society for Autistic Children Conference, Washington, DC, June 1974.
  • Condon, W. S. and Sander, L. W. (1974). Neonate movement is synchronized with adult speech. Integrated participation and language acquisition. Science 183:99.
  • Condon, W. S. (1963) Synchrony units and the communicational hierarchy. Paper presented at Western Psychiatric Institute & Clinics, Pittsburgh, PA
  • Rudolf Steiner: Eurythmie als sichtbare Sprache , GA 279 (1990), ISBN 3-7274-2790-6 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  • Rudolf Steiner: Die Erneuerung der pädagogisch-didaktischen Kunst durch Geisteswissenschaft, GA 301 (1991), ISBN 3-7274-3010-9 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  • Rudolf Steiner: Meditative Betrachtungen und Anleitungen zur Vertiefung der Heikunst, GA 316 (2003), ISBN 3-7274-3160-1 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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Einzelnachweise

  1. Lutzker, S. 61
  2. „Diese synchronen Bewegungen werden allerdings nicht immer an denselben Körperteilen wahrnehmbar. Aus Condons Filmaufnahmen ist zu ersehen, dass Bewegungen, die beim Sprecher an bestimmten Regionen des Oberkörpers auftreten, sich beim Zuhörer beispielsweise auch in den Bewegungen der Zehen zeigen können, was jedoch nichts daran ändert, dass der Bewegungsduktus genau gleich ist.“
  3. William S. Condon: An Analysis of Behavioral Organization, in: Sign Language Studies 13 (1976); Neuauflage: Sign Language Studies 59 (1988), S. 59.
  4. Die Begriffe «entrainment» bzw. «entrain» werden im linguistisch-kinesischen Bereich benutzt, um das unmittelbare Reagieren des gesamten beweglichen physischen Organismus auf gesprochene Laute oder auf Geräusche zu beschreiben.
  5. ebd., S. 79
  6. ebd., S. 80
  7. William S. Condon: Sound-Film Microanalysis: A Means for Correlating Brain and Behavior, in: Dyslexia. A Neuroscientific Approach to Clinical Evaluation, hrsg. von Frank Duffy und Norman Geschwind, Boston 1985, S. 137 – 139.