Mechanizismus

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Der Mechanizismus, das mechanistische Weltbild, ist eine seit etwa dem 17. Jahrhundert bevorzugt entwickelte materialistisch-deterministische Weltanschauung, die das ganze Weltgeschehen und insbesondere auch den Menschen als hochkomplizierte Maschine zu begreifen sucht. So wollte etwa schon Descartes (1596-1650) das Wesen und Leben der Tiere rein mechanisch erklären und Julien Offray de La Mettrie (1709-1751) sprach in seinem berühmten Hauptwerk L'homme machine (1747) bereits vom rein mechanisch funktionierenden Maschinenmenschen.

Die wesentlichen und für das aufkommende Bewusstseinsseelenzeitalter vorübergehend durchaus notwendigen Grundlagen des mechanistischen Denkens wurden namentlich von Galileo Galilei (1564-1642) geschaffen.

„Die größten Menschen sind ja natürlich in bezug auf ihre Wissenschaft auch Kinder ihrer Zeit. Galilei konnte doch nicht aus dem Absoluten heraus denken, er konnte nur im Sinne seiner Zeit denken. Und er ist gerade dadurch groß, daß er das rein gottverlassene Denken herstellt, das rein mechanistische Denken. Ein großer Umschwung tritt gerade mit Galilei uns vor Augen. Die gewöhnlichste Erscheinung, wie sie heute in der Physik erklärt wird, wurde vor Galilei anders geschildert als nach ihm. Jemand wirft zum Beispiel einen Stein. Da sagt man heute, der Stein behält durch das Beharrungsvermögen so lange seine Bewegung bei, bis sie unter dem Einfluß einer anderen Kraft aufgehoben wird. Vor Galilei dachte man ganz anders; da war man davon überzeugt, daß, wenn der Stein weiter gehen soll, jemand den Stein fortstoßen muß. Etwas Aktives stand hinter dem fliegenden Stein. Galilei hat vollständig die Menschen umdenken gelehrt, aber so, daß sie gelernt haben, die Welt als einen Mechanismus aufzufassen. Und heute gilt es geradezu als ein Ideal, die Welt mechanisch, mechanistisch zu erklären und allen Geist herauszutreiben. Das rührt eben davon her, daß jene Partien des menschlichen Gehirnes, des Denkinstrumentes, die das Organ des wissenschaftlichen Denkens sind, heute schon so vertrocknet sind, daß sie nicht neues Leben den Begriffen zufließen lassen können, so daß diese Begriffe ärmer und ärmer werden.

Man könnte leicht nachweisen, daß die Wissenschaft, wenn sie noch so sehr Einzelheit zu Einzelheit häuft, mit keinem einzigen Begriff die Menschheit bereichert hat. Wohlgemerkt: Beobachtungen sind keine Begriffe! Sagen Sie nicht, daß solche Dinge wie Darwinismus und dergleichen die Menschheit mit Begriffen bereichert hätten. Andere haben das getan, nicht die Wissenschafter, sondern Menschen, die ganz andere Quellen hatten. Ein solcher Mensch war Goethe. Er hat die Menschheit mit Begriffen von ganz anderen Quellen her bereichert. Dafür gilt er aber bei den Wissenschaftern auch als Dilettant.

Die Dinge liegen so, daß tatsächlich die Wissenschaft nicht bereichert worden ist mit Begriffen. Begriffe finden Sie viel, viel lebensvoller, viel höher und großartiger in uralten Zeiten. Ausgepreßt wie eine Zitrone sind die Begriffe, die der Darwinismus hat. Er hat nur Beobachtungen gesammelt und sie mit den ärmer gemachten Begriffen verbunden. Diese wissenschaftliche Richtung ist etwas, was uns so recht deutlieh den Vorgang zeigt des allmählichen Absterbens. Im Gehirn des Menschen ist ein Glied, das im Vertrocknen ist. Das ist das Glied, das heute in der Wissenschaft arbeitet. Und der Grund davon ist, daß der Teil des menschlichen Ätherleibes, der dieses vertrocknende Gehirn beleben sollte, heute noch nicht den Christus-Impuls erlangt hat. Bevor nicht der Christus-Impuls auch einfließt in diesen Teil des menschlichen Gehirns, welcher die Wissenschaft versorgen soll, kommt kein Leben in diese Wissenschaft. Das ist in den großen Weltgesetzen begründet. Wenn die Wissenschaft so fortmacht, wird sie immer ärmer werden an Begriffen, immer mehr werden die Begriffe aussterben. Und solche Menschen werden in der Wissenschaft immer häufiger sein, welche eine Beobachtung neben die andere stellen - und eine heillose Angst haben vor dem, der einmal anfängt zu denken. Schrecklich ist es heute für einen Professor, wenn ihm ein junger Mensch eine Doktor-Dissertation bringt, wo auch nur ein wenig Denken drinnen ist.

Aber es gibt heute schon eine Anthroposophie! Und diese Anthroposophie wird immer mehr und mehr den Christus-Impuls der Menschheit verständlich machen und dadurch dem Ätherleib immer mehr Leben zuführen. Und sie wird imstande sein, so viel Leben ihm zuzuführen, daß er auch den vertrocknenden Teil des Gehirns zum Schmelzen bringen wird, der heute unsere wissenschaftliche Denkrichtung zuwege gebracht hat. Das ist ein Beispiel dafür, wie der Christus-Impuls, indem er sich nach und nach einlebt in die Menschheit, die absterbenden Glieder wieder belebt. Gegen die Menschenzukunft hin würden immer mehr und mehr Glieder absterben. Aber gegenüber jedem absterbenden Gliede wird der Christus-Impuls in die Menschheit einfließen, und am Ende der Erdentwickelung wird es so sein, daß alle die Glieder, die sonst abgestorben wären, wieder belebt worden sind von dem Christus- Impuls, der dann den ganzen Ätherleib durchsetzt hat, mit dem der menschliche Ätherleib dann eins geworden ist.“ (Lit.:GA 112, S. 235ff)

Goethe wandte sich gegen eine einseitig mechanizistische Erklärung der Natur.

„Einheitlich wirkend sind im Sinne der Goetheschen Weltanschauung alle schöpferischen Kräfte. Ein Ganzes, das sich in einer Stufenfolge von verwandten Mannigfaltigkeiten offenbart, sind sie. Goethe war aber nie geneigt, die Einheit der Welt sich als einförmig vorzustellen. Oft verfallen die Anhänger des Einheitsgedankens in den Fehler, die Gesetzmäßigkeit, die sich auf einem Erscheinungsgebiete beobachten läßt, auf die ganze Natur auszudehnen. In diesem Falle ist z. B. die mechanistische Weltanschauung. Sie hat ein besonderes Auge und Verständnis für das, was sich mechanisch erklären läßt. Deshalb erscheint ihr das Mechanische als das einzig Naturgemäße. Sie sucht auch die Erscheinungen der organischen Natur auf mechanische Gesetzmäßigkeit zurückzuführen. Ein Lebendiges ist ihr nur eine komplizierte Form des Zusammenwirkens mechanischer Vorgänge. In besonders abstoßender Form fand Goethe eine solche Weltanschauung in Holbachs «Systeme de la nature » ausgesprochen, das ihm in Straßburg in die Hände fiel. «Eine Materie sollte sein von Ewigkeit, und von Ewigkeit her bewegt, und sollte nun mit dieser Bewegung rechts und links und nach allen Seiten, ohne weiteres, die unendlichen Phänomene des Daseins hervorbringen. Dies alles wären wir sogar zufrieden gewesen, wenn der Verfasser wirklich aus seiner bewegten Materie die Welt vor unsern Augen aufgebaut hätte. Aber er mochte von der Natur so wenig wissen als wir: denn indem er einige allgemeine Begriffe hingepfahlt, verläßt er sie sogleich, um dasjenige, was hoher als die Natur, oder als höhere Natur in der Natur erscheint, zur materiellen, schweren, zwar bewegten, aber doch richtungs- und gestaltlosen Natur zu verwandeln, und glaubt dadurch recht viel gewonnen zu haben. » (Dichtung und Wahrheit, 11. Buch.) In ähnlicher Weise hätte sich Goethe geäußert, wenn er den Satz Du Bois-Reymonds («Grenzen des Naturerkennens », S. 13) hätte hören können: «Naturerkennen ... ist Zurückführen der Veränderungen in der Körperwelt auf Bewegungen von Atomen, die durch deren von der Zeit unabhängige Zentralkräfte bewirkt werden, oder Auflösung der Naturvorgänge in Mechanik der Atome.» Goethe dachte sich die Arten von Naturwirkungen miteinander verwandt und ineinander übergehend; aber er wollte sie nie auf eine einzige Art zurückführen. Er trachtete nicht nach einem abstrakten Prinzip, auf das alle Naturerscheinungen zurückgeführt werden sollen, sondern nach Beobachtung der charakteristischen Art, wie sich die schöpferische Natur in jedem einzelnen ihrer Erscheinungsgebiete durch besondere Formen ihrer allgemeinen Gesetzmäßigkeit offenbart. Nicht eine Gedankenform wollte er sämtlichen Naturerscheinungen aufzwängen, sondern durch Einleben in verschiedene Gedankenformen wollte er sich den Geist so lebendig und biegsam erhalten, wie die Natur selbst ist.“ (Lit.:GA 6, S. 80ff)

Literatur

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