Nächstenliebe

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Nächstenliebe ist eine Form der Liebe, durch die der Mensch unmittelbar für seinen Mitmenschen tätig werden will. Sie ist mehr als ein bloßes Gefühl der Hinwendung und des Verständnisses, das zwar den Ausgangspunkt bildet, aber dann in konkrete Taten mündet. Die tätige Nächstenliebe, die Wohltätigkeit, wird im Christentum als Karitas (von lat. caritas „Hochachtung, hingebende Liebe, uneigennütziges Wohlwollen“) bezeichnet.

"Es handelt sich also vielleicht doch darum, daß man nicht bloß von der Nächstenliebe spricht, sondern wie man von dieser Nächstenliebe spricht, ob man in abstrakter Weise von ihr spricht oder ob man in Konkretheit nachsieht, wie diese Nächstenliebe sich betätigen kann [...]

Nicht darauf kommt es an, Nächstenliebe zu predigen! Ich habe oftmals gesagt in den verschiedensten Kreisen: Wenn im Zimmer ein Ofen steht, und ich rede so, wie es nun üblich geworden ist in der bürgerlichen Weltanschauung, von allerlei ethischen Forderungen zu sprechen, zu denen auch die Nächstenliebe gehört, dann müßte ich sagen: Der Ofen hat die Pflicht, das Zimmer warm zu machen. Aber wenn ich mich auch bemühe zu sagen: Lieber Ofen, es ist deine Ofenpflicht, das Zimmer warm zu machen, es ist deine heilige Pflicht -, und ich wiederhole das immer wieder und wieder, das Zimmer wird halt kalt bleiben! Aber ich kann mir die Rede sparen, wenn ich Holz einlege und es anzünde. Da tue ich das Konkrete, da wird es warm im Zimmer." (Lit.: GA 329, S. 182ff)

Als ein auf das eigene Volk bezogenes Gebot wird die Nächstenliebe bereits im Alten Testament gefordert:

„18 An den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der Herr.“

Altes Testament: Lev 19,18 EU

„5 Denk alle Tage an den Herrn, unseren Gott, mein Sohn, und hüte dich davor, zu sündigen und seine Gebote zu übertreten. Handle gerecht, solange du lebst; geh nicht auf den Wegen des Unrechts! 6 Denn wenn du dich an die Wahrheit hältst, wirst du bei allem, was du tust, erfolgreich sein. 7 Allen, die gerecht handeln, hilf aus Barmherzigkeit mit dem, was du hast. Sei nicht kleinlich, wenn du Gutes tust. Wende deinen Blick niemals ab, wenn du einen Armen siehst, dann wird auch Gott seinen Blick nicht von dir abwenden. 8 Hast du viel, so gib reichlich von dem, was du besitzt; hast du wenig, dann zögere nicht, auch mit dem Wenigen Gutes zu tun. 9 Auf diese Weise wirst du dir einen kostbaren Schatz für die Zeit der Not ansammeln. 10 Denn Gutes zu tun rettet vor dem Tod und bewahrt vor dem Weg in die Finsternis. 11 Wer aus Barmherzigkeit hilft, der bringt dem Höchsten eine Gabe dar, die ihm gefällt. 12 Mein Sohn, hüte dich vor jeder Art von Unzucht! Vor allem: nimm eine Frau aus dem Stamm deiner Väter! Nimm keine fremde Frau, die nicht zum Volk deines Vaters gehört; denn wir stammen von Propheten ab. Mein Sohn, denk an Noach, Abraham, Isaak und Jakob, unsere ersten Vorfahren! Sie alle haben Frauen aus ihrem Stamm geheiratet und sind mit Kindern gesegnet worden; ihre Nachkommen werden das Land besitzen. 13 Darum liebe die Brüder aus deinem Stamm, mein Sohn, fühle dich nicht erhaben über deine Verwandten und die Söhne und Töchter deines Volkes und sei nicht zu stolz, dir aus ihrer Mitte eine Frau zu nehmen. Denn Stolz führt ins Verderben und bringt Zerrüttung mit sich. Auch Charakterlosigkeit führt zu Erniedrigung und großer Not; die Charakterlosigkeit ist nämlich die Mutter des Hungers. 14 Wenn einer für dich gearbeitet hat, dann enthalt ihm seinen Lohn nicht vor bis zum nächsten Tag, sondern zahl ihn sofort aus! Wenn du Gott auf diese Weise dienst, wird man auch dir deinen Lohn auszahlen. Gib Acht auf dich bei allem, was du tust, mein Sohn, und zeig durch dein Benehmen, dass du gut erzogen bist. 15 Was dir selbst verhasst ist, das mute auch einem anderen nicht zu! Betrink dich nicht; der Rausch soll nicht dein Begleiter sein. 16 Gib dem Hungrigen von deinem Brot und dem Nackten von deinen Kleidern! Wenn du Überfluss hast, dann tu damit Gutes und sei nicht kleinlich, wenn du Gutes tust. 17 Spende dein Brot beim Begräbnis der Gerechten, gib es nicht den Sündern! 18 Such nur bei Verständigen Rat; einen brauchbaren Ratschlag verachte nicht! 19 Preise Gott, den Herrn, zu jeder Zeit; bitte ihn, dass dein Weg geradeaus führt und dass alles, was du tust und planst, ein gutes Ende nimmt. Denn kein Volk ist Herr seiner Pläne, sondern der Herr selbst gibt alles Gute und er erniedrigt, wen er will, wie es ihm gefällt. Denk also an meine Lehren, mein Sohn! Lass sie dir nie aus dem Herzen reißen!“

Altes Testament: Tob 4,5-19 LUT

Im Neuen Testament wird die Beschränkung auf das eigene Volk aufgehoben und damit im Sinne der Bergpredigt auch die Feindesliebe eingefordert.

„29 Jesus aber antwortete ihm: Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, 30 und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften«. 31 Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3.Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese.“

Neues Testament: Mk 12,29-31 LUT

„43 Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« (3.Mose 19,18) und deinen Feind hassen. 44 Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, 45 damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. 46 Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? 47 Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? 48 Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“

Neues Testament: Mt 5,43-48 EU

„27 Euch, die ihr mir zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen. 28 Segnet die, die euch verfluchen; betet für die, die euch misshandeln. 29 Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin, und dem, der dir den Mantel wegnimmt, lass auch das Hemd. 30 Gib jedem, der dich bittet; und wenn dir jemand etwas wegnimmt, verlang es nicht zurück. 31 Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen. 32 Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, welchen Dank erwartet ihr dafür? Auch die Sünder lieben die, von denen sie geliebt werden. 33 Und wenn ihr nur denen Gutes tut, die euch Gutes tun, welchen Dank erwartet ihr dafür? Das tun auch die Sünder. 34 Und wenn ihr nur denen etwas leiht, von denen ihr es zurückzubekommen hofft, welchen Dank erwartet ihr dafür? Auch die Sünder leihen Sündern in der Hoffnung, alles zurückzubekommen. 35 Ihr aber sollt eure Feinde lieben und sollt Gutes tun und leihen, auch wo ihr nichts dafür erhoffen könnt. Dann wird euer Lohn groß sein und ihr werdet Söhne des Höchsten sein; denn auch er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen. 36 Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!“

Neues Testament: Lk 6,27-36 LUT

Echte tätige Nächstenliebe muss aber heute im eigenen Wollen des Ich begründet sein und ist nicht als äußeres Gebot aufzufassen.

"Die sittlichen Pflichten können nicht Gebote sein, die dem Menschen von irgendwoher gegeben werden, sondern Ziele, die er sich selbst vorsetzt. Es ist eine Täuschung, wenn der Mensch glaubt, er tue etwas deshalb, weil er ein Gebot einer allgemeinen heiligen Ethik befolgt. Er tut es, weil das Leben seines Ich ihn dazu antreibt. Ich liebe meinen Nächsten nicht deshalb, weil ich ein heiliges Gebot der Nächstenliebe befolge, sondern weil mich mein Ich zum Nächsten hinzieht. Ich soll ihn nicht lieben; ich will ihn lieben. Was die Menschen gewollt haben, das haben sie als Gebote über sich gesetzt." (Lit.: GA 18, S. 314)

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Die Rätsel der Philosophie in ihrer Geschichte als Umriß dargestellt, GA 18 (1985), ISBN 3-7274-0180-X pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Die Befreiung des Menschenwesens als Grundlage für eine soziale Neugestaltung. Altes Denken und neues soziales Wollen., GA 329 (1985), ISBN 3-7274-3290-X pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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