Philanthropie

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Der Sitz der 1780 gegründeten Société Philanthropique de Paris, der ältesten überkonfessionellen philanthropischen Gesellschaft

Unter Philanthropie (altgriech. φιλανθρωπία philanthrōpía, von φίλος phílos ‚Freund‘ und ἄνθρωπος ánthrōpos ‚Mensch‘) versteht man ein menschenfreundliches Denken und Verhalten. Als Motiv wird manchmal eine die gesamte Menschheit umfassende Liebe genannt, die „allgemeine Menschenliebe“. Materiell äußert sich diese Einstellung in der Förderung Unterstützungsbedürftiger, die nicht zum Kreis der Verwandten und Freunde des Philanthropen zählen, oder von Einrichtungen, die dem Gemeinwohl dienen. Das Bild der Philanthropie prägen vor allem in großem Stil durchgeführte Aktionen sehr reicher Personen.

Allgemeines

Der Begriff stammt aus der Antike. Damals bezeichnete der Ausdruck meist eine wohlwollende, großzügige Einstellung Vornehmer, Mächtiger und Reicher gegenüber ihren wirtschaftlich schwächeren Mitbürgern. Zur Philanthropie gehörten auch bedeutende freiwillige Leistungen wohlhabender Bürger für das Gemeinwohl. Die Wohltäter steigerten damit ihr Ansehen, sie konnten Dankbarkeit und öffentliche Ehrungen erwarten. In erster Linie erhoffte man vom Herrscher, dass er sich durch Milde und Hilfsbereitschaft als Menschenfreund bewähre.

In der Epoche der Aufklärung wurden die Begriffe „Menschenfreundschaft“ und „Menschenliebe“ aufgegriffen. Philosophen erhoben die Menschenliebe zu einem zentralen Bestandteil der Wesensbestimmung des Menschen. Dabei verband sich das Konzept einer naturgegebenen menschenfreundlichen Gesinnung oder „Menschlichkeit“ mit Impulsen, die aus der christlichen Forderung der Nächstenliebe stammten. Hinsichtlich der philanthropischen Praxis distanzierten sich aufklärerische Kreise jedoch vom traditionellen Ideal der Barmherzigkeit aus Nächstenliebe. An die Stelle karitativer Notlinderung sollte die Beseitigung der Ursachen sozialer Übelstände treten. Viel versprach man sich von erzieherischen Maßnahmen. In der Pädagogik war der Philanthropismus, eine deutsche Reformbewegung des 18. Jahrhunderts, wegweisend. Die Philanthropisten sahen in der Erziehung zur allgemeinen Menschenliebe ein vorrangiges pädagogisches Ziel.

Im modernen philosophischen und psychologischen Diskurs ist das Postulat einer Freundschaft oder Liebe zur gesamten Menschheit sehr unterschiedlich bewertet worden. Oft ist es als utopisch und naturwidrig abgelehnt worden.

Im allgemeinen Sprachgebrauch wird heute Philanthropie oft auf ihren materiellen Aspekt beschränkt und mit Bereitstellung privater finanzieller Mittel für gemeinnützige Zwecke gleichgesetzt. Dabei denkt man in erster Linie an Großspenden und an die Errichtung von Stiftungen. Die Mittel kommen vor allem der Bildung, der Forschung, dem Gesundheitswesen, kulturellen Anliegen und der Bekämpfung sozialer Übelstände zugute. Kritiker beargwöhnen den starken politischen und gesellschaftlichen Einfluss großer Stiftungen, die nur den Zielen ihrer Gründer verpflichtet und nicht demokratisch legitimiert seien. Außerdem unterstellen sie den Philanthropen fragwürdige, eigennützige Motive.

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Siehe auch

Literatur

Philosophie allgemein

  • Rudolf Rehn, Anton Hügli, Daniel Kipfer: Philanthropie. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 7, Schwabe, Basel 1989, Sp. 543–552.

Soziologie allgemein

  • Paul Ridder: Wohltätige Herrschaft: Philanthropie und Legitimation in der Geschichte des Sozialstaats. Verlag für Gesundheitswissenschaften, Greven 2002, ISBN 3-9807065-2-4 (soziologische und ideengeschichtliche Darstellung mit Schwerpunkt Gesundheitswesen)

Antike

  • Otto Hiltbrunner: Humanitas (φιλανθρωπία). In: Reallexikon für Antike und Christentum. Band 16, Hiersemann, Stuttgart 1994, ISBN 3-7772-9403-9, Sp. 711–752.
  • Herbert Hunger: ΦΙΛΑΝΘΡΩΠΙΑ. Eine griechische Wortprägung auf ihrem Wege von Aischylos bis Theodoros Metochites. In: Herbert Hunger: Byzantinische Grundlagenforschung. Gesammelte Aufsätze. Variorum, London 1973, ISBN 0-902089-55-2, Nr. XIII
  • Roger Le Déaut: Φιλανθρωπία dans la littérature grecque jusqu’au Nouveau Testament (Tite III, 4). In: Mélanges Eugène Tisserant. Band 1, Biblioteca Apostolica Vaticana, Città del Vaticano 1964, S. 255–294.
  • Marty Sulek: On the Classical Meaning of Philanthrôpía. In: Nonprofit and Voluntary Sector Quarterly 39, 2010, S. 385–408.

Judentum

  • Katell Berthelot: Philanthrôpia judaica. Le débat autour de la „misanthropie“ des lois juives dans l’Antiquité. Brill, Leiden/Boston 2003, ISBN 90-04-12886-7.
  • André Pelletier: La philanthropia de tous les jours chez les écrivains juifs hellénisés. In: André Benoit u. a. (Hrsg.): Paganisme, Judaïsme, Christianisme. Influences et affrontements dans le monde antique. Mélanges offerts à Marcel Simon. De Boccard, Paris 1978, S. 35–44.

Byzanz

  • Demetrios J. Constantelos: Byzantine Philanthropy and Social Welfare. 2., überarbeitete Auflage. Caratzas, New Rochelle 1991, ISBN 0-89241-402-2.
  • Demetrios J. Constantelos: Poverty, Society and Philanthropy in the Late Mediaeval Greek World. Caratzas, New Rochelle 1992, ISBN 0-89241-401-4.

Klassische chinesische Philosophie

  • Heiner Roetz: Die chinesische Ethik der Achsenzeit. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1992, ISBN 3-518-58113-9, S. 195–241, 372–386.
  • Hubert Schleichert, Heiner Roetz: Klassische chinesische Philosophie. Eine Einführung. 3., neu bearbeitete Auflage, Klostermann, Frankfurt am Main 2009, ISBN 978-3-465-04064-4, S. 85–104.

Frühe Neuzeit

  • Dagobert de Levie: Die Menschenliebe im Zeitalter der Aufklärung. Säkularisation und Moral im 18. Jahrhundert. Herbert Lang, Bern 1975, ISBN 3-261-01635-3.

Moderne allgemein

  • Frank Adloff: Philanthropisches Handeln. Eine historische Soziologie des Stiftens in Deutschland und den USA. Campus, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-593-39265-3.
  • Patricia Illingworth u. a. (Hrsg.): Giving Well. The Ethics of Philanthropy. Oxford University Press, Oxford 2011, ISBN 978-0-19-995858-0.
  • Robert Jacobi: Die Goodwill-Gesellschaft. Die unsichtbare Welt der Stifter, Spender und Mäzene. Murmann, Hamburg 2009, ISBN 978-3-86774-060-9.
  • Marty Sulek: On the Modern Meaning of Philanthropy. In: Nonprofit and Voluntary Sector Quarterly 39, 2010, S. 193–212 (neuzeitliche Begriffsgeschichte ab dem 17. Jahrhundert)

USA

  • Peter Frumkin: Strategic Giving. The Art and Science of Philanthropy. The University of Chicago Press, Chicago 2006, ISBN 0-226-26626-5.
  • Peter Dobkin Hall: Philanthropie, Wohlfahrtsstaat und die Transformation der öffentlichen Institutionen in den USA, 1945–2000. In: Thomas Adam u. a. (Hrsg.): Stifter, Spender und Mäzene. USA und Deutschland im historischen Vergleich. Franz Steiner, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-515-09384-2, S. 69–99.
  • Francie Ostrower: Why the Wealthy Give. The Culture of Elite Philanthropy. Princeton University Press, Princeton 1995, ISBN 0-691-04434-1.
  • Olivier Zunz: Philanthropy in America. A History. Princeton University Press, Princeton 2012, ISBN 978-0-691-12836-8.

Deutschland

  • Elisabeth Kraus: Aus Tradition modern: Zur Geschichte von Stiftungswesen und Mäzenatentum in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert. In: Historisches Jahrbuch 121, 2001, S. 400–420.

Weblinks

 Wiktionary: Philanthropie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wiktionary: Philanthrop – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen


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