Aufklärung

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Die Aufklärung (eng. [Age of] Enlightenment) war eine Epoche in der modernen westlichen Philosophie, die eng mit der neuzeitlichen Entfaltung der Bewusstseinsseele zusammenhängt. Sie steht für das Bestreben, durch den Erwerb neuen Wissens Unklarheiten zu beseitigen, Fragen zu beantworten und Irrtümer zu beheben.

Historischer Hintergrund

Historisch versteht man unter „Aufklärung“ vor allem politische, wissenschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen in Europa und Nordamerika seit den Religionskriegen, deren Errungenschaften bereits im 18. Jahrhundert als epochal gewürdigt wurden – man sprach und spricht in verschiedenen Bereichen der Geschichtsschreibung von einem Zeitalter der Aufklärung, das sich etwa in der Amerkanischen Revolution von 1776 und der Französischen Revolution von 1789 manifestierte.

Im deutschen Kulturraum wurde insbesondere die von Immanuel Kant geprägte Begriffsbestimmung maßgeblich: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Kant griff dabei auf den Wahlspruch „Sapere aude!“ („Wage es, weise zu sein!“) zurück, den der römische Dichter Horaz bereits 20 v. Chr. veröffentlicht hatte[1].

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (1784)[2]

Der dafür zu bezahlende Preis war allerdings hoch, denn Kant sah sich genötigt, die menschliche Erkenntnisfähigkeit auf die sinnliche Wahrnehmung und die Tätigkeit des rationalen Verstandes einzuschränken. Er ging davon aus, dass jede Erkenntnis auf das Zusammenspiel von sinnlichen Anschauungen und Begriffen angewiesen ist. „Das Mannigfaltige“, das in der Anschauung gegeben werde, brauche einer begrifflichen Ordnung, um zu Erkenntnis führen zu können. Andererseits bräuchten Begriffe sinnliche Anschauungen, um nicht vollkommen leer zu sein. Die Möglichkeit einer „intellektuellen Anschauung“, von der wenig später Fichte und Schelling sprachen und die Goethe in Form der „anschauenden Urteilskraft“ pflegte, wies Kant entschieden zurück. Begriffsverwendungen ohne sinnliches Anschauungsmaterial führten laut Kant zu den sinnlosen Spekulationen der traditionellen Metaphysik, die Kant in der transzendentalen Dialektik widerlegen wollte. Dennoch ist nach Kant reine apriorische Erkenntnis im Wechselspiel von reinen Anschauungen und reinen Begriffen möglich, d.h.: „Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.“:

„Wollen wir die Receptivität unseres Gemüths, Vorstellungen zu empfangen, so fern es auf irgend eine Weise afficirt wird, Sinnlichkeit nennen: so ist dagegen das Vermögen, Vorstellungen selbst hervorzubringen, oder die Spontaneität des Erkenntnisses der Verstand. Unsre Natur bringt es so mit sich, daß die Anschauung niemals anders als sinnlich sein kann, d. i. nur die Art enthält, wie wir von Gegenständen afficirt werden. Dagegen ist das Vermögen, den Gegenstand sinnlicher Anschauung zu denken, der Verstand. Keine dieser Eigenschaften ist der andern vorzuziehen. Ohne Sinnlichkeit würde uns kein Gegenstand gegeben und ohne Verstand keiner gedacht werden. Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind. Daher ist es eben so nothwendig, seine Begriffe sinnlich zu machen (d. i. ihnen den Gegenstand in der Anschauung beizufügen), als seine Anschauungen sich verständlich zu machen (d. i. sie unter Begriffe zu bringen). Beide Vermögen oder Fähigkeiten können auch ihre Functionen nicht vertauschen. Der Verstand vermag nichts anzuschauen und die Sinne nichts zu denken. Nur daraus, daß sie sich vereinigen, kann Erkenntniß entspringen. Deswegen darf man aber doch nicht ihren Antheil vermischen, sondern man hat große Ursache, jedes von dem andern sorgfältig abzusondern und zu unterscheiden. Daher unterscheiden wir die Wissenschaft der Regeln der Sinnlichkeit überhaupt, d. i. Ästhetik, von der Wissenschaft der Verstandesregeln überhaupt, d. i. der Logik.“

Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft, KrV B75 (AA III, 75)

Dennoch war Kant - anders als seine modernen Nachfolger - noch von der Existenz einer höheren Welt zutiefst überzeugt. Nur dort sei die Quelle der Moral zu finden. Doch wollte Kant diese Quelle vor dem Zugriff der menschlichen Erkenntnis und den darauf gegründeten rein spekulativen metaphysischen Dogmen bewahren. Sie sei nicht dem Wissen, sondern nur dem Glauben zugänglich: „Ich mußte also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen ...“

„Ich kann also Gott, Freiheit und Unsterblichkeit zum Behuf des nothwendigen praktischen Gebrauchs meiner Vernunft nicht einmal annehmen, wenn ich nicht der speculativen Vernunft zugleich ihre Anmaßung überschwenglicher Einsichten benehme, weil sie sich, um zu diesen zu gelangen, solcher Grundsätze bedienen muß, die, indem sie in der That bloß auf Gegenstände möglicher Erfahrung reichen, wenn sie gleichwohl auf das angewandt werden, was nicht ein Gegenstand der Erfahrung sein kann, wirklich dieses jederzeit in Erscheinung verwandeln und so alle praktische Erweiterung der reinen Vernunft für unmöglich erklären. Ich mußte also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen, und der Dogmatism der Metaphysik, d. i. das Vorurtheil, in ihr ohne Kritik der reinen Vernunft fortzukommen, ist die wahre Quelle alles der Moralität widerstreitenden Unglaubens, der jederzeit gar sehr dogmatisch ist.“

Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft, AA III, 18f.

Damit war jeglicher übersinnlichen Erkenntnis ein Riegel vorgeschoben. Es kann daher nicht verwundern, dass Rudolf Steiner in Kants Ansichten ein Haupthindernis für die Entwicklung einer modernen, auf unmittelbare übersinnliche Wahrnehmung gegründeten Geisteswissenschaft sehen musste (Lit.: vgl. Dietrich Rapp 2012).

„Als sich die alte Fähigkeit des intuitiven Schauens in der Menschenseele verlor, trat die vom Verstande orientierte Beobachtung der sinnlichen und seelischen Wahrnehmungen auf. Doch war es in den ersten Zeiten noch so, daß die Philosophen, durch ein ihnen noch mögliches inneres Schauen oder durch Überlieferung der alten Mysterienerkenntnis, von dieser noch wußten und sie mit der nun auftretenden Verstandesfähigkeit durchsetzten. Pythagoras und Plato haben ihre Quellen noch im Sehertum. Erst Aristoteles arbeitet aus der reinen Denktechnik heraus und begründet die Logik. Der Aristotelismus blieb tonangebend durch das Mittelalter hindurch und erlebte eine Blüte in der Frühscholastik. Allmählich aber tat sich ein Abgrund auf zwischen Wissen und Glauben. Zwischen der Vernunft und ihrer Denktechnik einerseits und der übersinnlichen Wahrheit andererseits entstand eine Kluft, die ihren letzten Ausdruck gefunden hat in Kant. In Kant und seiner Philosophie haben wir eine der Sackgassen, in die das materielle Denken geführt hat. Und Kant war ja leider derjenige, der die ganze moderne Philosophie befruchtet hat. Doch nicht um Kritik zu üben an der modernen Wissenschaft, weist der Geistesforscher auf solche Tatsachen hin. Er zeigt sie, um Licht auf jenen Weg zu werfen, der aus der Verknöcherung der Gedanken wieder herausführen kann. Es gibt dazu nur einen Weg: Wissenschaft, Kunst und Religion, die drei Äste der Kultur, sie müssen wieder vereinigt werden und sich gegenseitig durchdringen, sie müssen spirituelles Leben ausströmen. Und dieses zu erreichen, ist die Aufgabe der abendländischen Theosophie.“ (Lit.:GA 109, S. 264f)

Die Grundgedanken der Aufklärung lassen sich wie folgt knapp umreißen:

„Enlightenment was a desire for human affairs to be guided by rationality rather than by faith, superstition, or revelation; a belief in the power of human reason to change society and liberate the individual from the restraints of custom or arbitrary authority; all backed up by a world view increasingly validated by science rather than by religion or tradition.“

„Aufklärung war der Wunsch danach, dass menschliche Angelegenheiten von der Vernunft geleitet werden, anstatt durch Religion, Aberglauben oder Offenbarung; und der Glaube an die Kraft der menschlichen Vernunft die Gesellschaft zu verändern und das Individuum von den Fesseln der Tradition oder der willkürlichen Autorität zu befreien. All dies gestützt durch eine Weltanschauung, die zunehmend durch die Wissenschaft anstatt durch Religion oder Tradition validiert wird.“

Dorinda Outram: The Enlightenment (1995)[3]

Zum Programm der historischen europäisch-nordamerikanischen Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert gehört die Berufung auf die Vernunft als universelle Urteilsinstanz, der Kampf gegen Vorurteile[4], eine Hinwendung zu den Naturwissenschaften in der philosophischen Erkenntnistheorie, in Religionsfragen das Plädoyer für Toleranz gegenüber anderem Glauben, in Moral- und Rechtsphilosophie die Orientierung am Naturrecht. Gesellschaftspolitisch zielte Aufklärung auf die Ausdehnung der persönlichen Handlungsfreiheit (Emanzipation), auf eine neue Pädagogik, die Schaffung von Pressefreiheit und die Garantie bürgerlicher Rechte unter Zugrundelegung allgemeiner Menschenrechte sowie die Verpflichtung moderner Staaten auf das Gemeinwohl. Viele Vordenker der Aufklärung hegten einen ausgeprägten Zukunfts- und Fortschrittsoptimismus. Sie folgten der Vorstellung, dass sich die wesentlichen Probleme des menschlichen Zusammenlebens in einer vernunftorientierten Gesellschaft schrittweise lösen würden. Andererseits setzten sich seit den 1750er Jahren wichtige Vertreter aufklärerischen Denkens wie Voltaire und Diderot mit dieser Erwartung zum Teil satirisch-kritisch auseinander. Gemeinsam war den Aufklärern das Vertrauen auf die Macht der kritischen Öffentlichkeit als einer Institution, die den Prozess der Aufklärung vorantreibt. Mit den Strömungen des Sturm und Drang und der Romantik wurden Grundpositionen der Aufklärung wie ihr „Vernunftglaube“ Gegenstand einer breiteren Kritik. Aufklärerische Impulse entfalteten eine breite Wirkung im öffentlichen Leben, die heute vor allem sichtbar in den Feldern ist, die Ende des 18. Jahrhunderts mit der Literatur und den schönen Künsten neu zusammengefasst wurden. Ein neues bürgerliches Selbstverständnis brach sich Bahn auf den Gebieten des Romans und des Dramas wie im öffentlichen städtischen Konzertbetrieb oder bei privat veranstalteter Instrumentalmusik.

Daneben wird der Begriff Aufklärung auch häufig epochenübergreifend gebraucht. So interpretierten Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in ihrer Arbeit Dialektik der Aufklärung Entwicklungen des 20. Jahrhunderts als konsequente Spätfolgen der Optionen der Aufklärung: Der Mensch wird als „Herr“ einer entzauberten Welt installiert; Wahrheit wird als System begriffen; Vernunft wird Instrument und durch Apparate verwaltete Ideologie; Zivilisation schlägt um in die Barbarei des Faschismus; zivilisierende Effekte der Aufklärung schlagen um in ihr Gegenteil; und genau dies entspreche der in sich problematischen Struktur des Aufklärungsdenkens.

Mit Blick auf die verschiedenen Kulturräume weltweit wurde und wird teilweise die Notwendigkeit einer nachzuholenden Aufklärung diskutiert. Ein gesellschaftliches „Projekt der Aufklärung“ verbleibt anhaltend in der Diskussion.

Die Überwindung der Aufklärung durch Johann Gottlieb Fichte

Über die kulturgeschichtliche Notwendigkeit der Aufklärung, aber auch über ihre Überwindung namenlich durch Johann Gottlieb Fichte sagt Rudolf Steiner:

„Im Grunde genommen ist das Wichtigste, was anschließend an den großen deutschen Denker Johann Gottlieb Fichte geleistet worden ist, für die Mehrzahl auch heute noch eine gründlich tiefe Geheimlehre. Es ist wahr, so betrübend es erscheinen mag, herausgewachsen ist dieses deutsche Geistesleben von der Wende des 18. zum i9.Jahrhundert aus der sogenannten Aufklärung. Diese Aufklärung, wir können sie mit ein paar Worten bezeichnen. Sie war ein notwendiges Ereignis in der ganz modernen Geistesentwickelung. Sie ist dasjenige, was die bedeutsamsten Geister des 18.Jahrhunderts auf ihre Fahne geschrieben haben. Kant sagt, Aufklärung heiße einfach das, was in den Satz zusammengefaßt werden könne*. «Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.» Diese Aufklärung war nichts anderes als eine Emanzipation der Persönlichkeit, ein Heraustreten der Persönlichkeit aus den Traditionen und Überlieferungen. Was man jahrhundertelang geglaubt hat, was jeder aufgenommen hat aus der gemeinsamen Geistsubstanz des Volkes heraus, das sollte geprüft werden. Nur dasjenige sollte gelten, zu dem die Einzelpersönlichkeit ja sagt. Sie wissen, große Geister haben ihre Entwickelung aus dieser Aufklärung heraus genommen. Man braucht nur an den Namen Lessing zu erinnern, um einen der besten zu nennen. Im Grunde genommen ist auch das, was sich an den Namen Kant knüpft, nichts anderes als ein Ergebnis dessen, was man Aufklärung nennt.

Einer nun, der in ganz eigenartiger Weise gebrochen hat mit dieser Aufklärung, ist Johann Gottlieb Fichte. Wenn ich sage, er hat in eigenartiger Weise gebrochen mit dieser Aufklärung, dann glauben Sie ja nicht, daß ich Fichte als einen Gegner der Aufklärung hinzustellen gewillt bin. Er hat in der Weise gebrochen, daß er alle Ergebnisse der Aufklärung untersucht und auf ihrem Grund weitergebaut hat, aber über das, was bloß Aufklärung ist, über das Triviale, über das ist Fichte in einer ganz gründlichen Weise hinausgegangen. Gerade Fichte gibt dem, der die Möglichkeit hat, sich in seine großen Gedankengänge zu vertiefen, etwas, was man unter den neueren Geistern nur durch ihn gewinnen kann.

Nachdem wir viele rein populäre Vorträge gehört haben, wollen wir heute einen Vortrag hören, der scheinbar abliegt von dem gewöhnlichen Wege, den unsere geisteswissenschaftlichen Vorträge in diesem Winter nehmen. Es soll mein Bemühen sein, so leichtfaßlich als möglich ein wenig zu zeigen, was damals, um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert, im deutschen Gedankenleben eigentlich geschehen ist. Nur skizzenhaft wird manches sein können, was ich zu sagen habe. Dieses deutsche Gedankenleben hat zunächst den Zugang zur eigentlichen geistigen Welt und dann auch zum lebendigen und unsterblichen Wesenskern des Menschen erschwert. Ich kann heute nicht eingehen auf den Wert und auf den Unwert der Kantschen Philosophie. Die offizielle Philosophie nennt Kant den Alleszermalmer und betrachtet sein Lehrgebäude als eine philosophische Tat allergrößten Ranges. Ich möchte heute nur an ein Wort erinnern, das vielleicht auch bei denen bekannt ist, die nicht Gelegenheit haben, tiefer einzudringen in die Sache, an das Wort vom «Ding an sich».

Das menschliche Erkenntnisvermögen im Sinne der Kantschen Philosophie ist begrenzt. Zum «Ding an sich» kann es nicht vordringen. Welche Vorstellungen und Begriffe wir uns auch bilden, was wir auch erfahren in der Welt, wir haben es im Sinne der Kantschen Philosophie mit Erscheinungen zu tun, nicht mit dem wahrhaften «Ding an sich». Das verbirgt sich immer hinter den Erscheinungen. Damit ist vielleicht einer blinden Spekulationssucht Vorschub geleistet - und wir haben es an der Geistesentwickelung Deutschlands zur Genüge gesehen —, die das menschliche Erkenntnisvermögen nach allen Seiten abzirkeln und einengen möchte. Zu gleicher Zeit sollte aber der Tendenz des Menschen, zum Wahren vorzudringen, in die Tiefen des Daseins hineinzuforschen, ein Riegel vorgeschoben werden. Es sollte gezeigt werden, daß der Mensch nicht so ohne weiteres sich den Urquellen des Daseins nähern könne. Nun mag es wahr sein, daß solches bei dem Gang des Geisteslebens im 18. Jahrhundert notwendig war. Aber im großen, umfassenden Stile gesehen, hat die Kantsche Philosophie doch auch ein großes Hemmnis für die Weiterentwickelung des Geisteslebens geboren. Ich weiß zwar sehr gut, daß es Menschen gibt, die sagen: Was hat Kant im Grunde genommen anderes getan als alle diejenigen großen Geister, die immer betont haben, daß wir es mit Erscheinungen zu tun haben, daß wir zum «Ding an sich» nicht kommen können! - Das ist scheinbar richtig, in Wahrheit aber falsch. In ganz anderer Art behaupten die wirklichen Geistesforscher aller Zeit, daß die Welt nur aus Erscheinungen besteht. Kein wahrer Geistesforscher hat es jemals in Abrede gestellt, daß so, wie wir die Welt mit Sinnen erforschen, mit dem Verstände begreifen, sie uns nur Erscheinungen bietet, daß aber in uns höhere Sinnesorgane zu erwecken sind, die über das Gewöhnliche hinausgehen, die tiefer eindringen in die Quellen des Daseins und langsam und allmählich aber sicher zum «Ding an sich» hinführen können und auch hinführen müssen. Keine morgenländische Philosophie, keine platonische Philosophie, keine sich selbst verstehende, in den Geist dringende Weltanschauung hat jemals in einem andern Sinne von der Welt als einer Maja gesprochen. Nur immer so haben sie gesagt: Für das niedere menschliche Erkennen ist ein Schleier vor dem «Ding an sich», für das höhere menschliche Erkennen ist es so, daß dieser Schleier zerrissen wird, der Mensch kann eindringen in die Tiefen des Daseins. Die Aufklärung ist in der Behandlung der Frage in gewisser Beziehung durchaus in eine Sackgasse gekommen, und diese charakterisiert sich am besten in einem Ausspruch, den Sie in der Vorrede zur zweiten Ausgabe zu Kants Hauptwerk «Kritik der reinen Vernunft» finden, und bei dem sich die Aufklärung ertappen läßt bei ihrer Mutlosigkeit, weil sie nicht weiterkommen will. Da steht: «Ich mußte also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen.» Das ist der Nerv der Kantschen Philosophie und jenes Denkens, zu dem das 18. Jahrhundert gekommen ist, und über das unser philosophisches Forschen noch immer nicht hinausgekommen ist, an dem es noch immer krankt. Solange es an dieser Krankheit leidet, wird die Philosophie nimmer berufen sein, die Theosophie zu verstehen. Was heißt das: «Ich mußte also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen»? Kant sagt: Das Ding an sich bleibt verborgen, folglich auch das Ding in unserer Brust. Wir wissen nicht, was wir selbst sind, wir können nie zur wahren Gestalt der Dinge kommen. Wie aus unbestimmten Welten tönt der sogenannte kategorische Imperativ herein: Du sollst dies oder jenes tun. — Wir hören es, beweisen können wir es aber nicht. Wir müssen es eben glauben. Ebenso hören wir von dem göttlichen Wesen. Wir müssen dasselbe glauben. Ebensowenig wissen wir von dem Schicksal der Seele, von der Unsterblichkeit und von der Ewigkeit. Wir müssen sie glauben. Für diese Dinge, die den Menschen mit dem Göttlichen verbinden, gibt es nur Glauben, da kein Wissen in das Göttliche hineindringen kann. Der Mensch glaubt das Wissen, wenn er sich vermißt, in das Göttliche hineinzudringen. Dieses Göttliche wird dadurch verfälscht, durch wüste Spekulation in ein unrichtiges Licht gestellt. Deshalb wollte Kant alles Geistige hübsch für den bloßen Glauben retten und Erkennen — das, was man wissen kann — beziehen nur auf die äußeren Eindrücke, die Erscheinung. Was Sie sonst auch immer lesen und studieren können über diese Kantsche Philosophie, dieser Gedanke ist das Wesentliche, worauf es ankommt. Dieser Gedanke wurde zum Wesentliehen im weiteren Ausbau des Kantschen Gedankens. Der aber, der entschieden gebrochen hat mit diesem Gedanken, der aus einer kühnen inneren Geistesverfassung heraus gebrochen hat mit diesem Gedanken, ist Johann Gottlieb Fichte.

Es ist eine eigentümliche Sache, daß unter den theosophischen Denkern des modernen Indiens, unter den Wiedererneuerern der Vedantaphilosophie in der letzten Zeit eine ganz merkwürdige Entdeckung gemacht worden ist - die nämlich, daß die Deutschen einen großen Denker haben und daß der Johann Gottlieb Fichte heißt. Das sagt ein Inder, der unter dem Namen Bhagavân Dâs schreibt. Ich habe deutsche Theosophen kennengelernt, die durch ihn erst erfahren haben, daß Johann Gottlieb Fichte ein tiefer deutscher Denker ist.“ (Lit.:GA 54, S. 390ff)

Siehe auch

Literatur

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Weblinks

Einzelnachweise

  1. Horaz: Satiren und Episteln, übersetzt von Rudolf Helm. Artemis, Zürich/Stuttgart 1962, S. 220 f.
  2. Kant, WA, AA 05, 35.01-02
  3.  Dorinda Outram: The Enlightenment. Cambridge University Press, Cambridge 1995, ISBN 978-0-521-42534-6, S. 3.
  4. Andreas Dorschel: 'Über Aufklärung und ihr Vorhaben, alle Vorurteile abzuschaffen', in ders.: Nachdenken über Vorurteile. Felix Meiner, Hamburg 2001, S. 7-34.
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