Realpräsenz

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Die Realpräsenz bezeichnet in der christlichen Theologie die „wirkliche Gegenwart“ von Leib und Blut Christi bei Eucharistie bzw. Abendmahl.

Begriff

Realpräsenz bedeutet, dass im unsichtbaren Wesen (Substanz) von Brot und Wein Jesus Christus mit seinem Leib und seinem Blut real gegenwärtig ist und die Teilnehmenden am Abendmahl (lutherisch) bzw. der Eucharistie (katholisch) durch Essen und Trinken leiblich an Christus Anteil bekommen. Die sinnlich erfassbaren Bestandteile (Akzidenz) von Brot und Wein bleiben unverändert. Mit der rituellen Einverleibung wird die Vorstellung einer Gemeinschaft als „ein Leib“ gefördert. Mit Leib ist die ganze Person, Leib und Geist gemeint. Sie bedeutet keine Abgrenzung von einem Verzehrten (wie es der mit einem Festmahl gefeierte Sieg über eine Jagdbeute wäre), sondern eine Verbindung mit ihm.

Tatsächlich ist in der Hostie, wie Rudolf Steiner betont, real die Sonnenkraft anwesend, durch die der Christus wirkt; in diesem Sinne ist die Realpräsenz des Christus bei der Eucharistie eine Tatsache:

"Solange man wußte, daß es sich in dem Christus um ein Wesen von der Sonne handelt, hatte die Monstranz mit der Hostie darin seinen guten Sinn. Darin ist zusammengebackenes Mehl. Dieses Mehl konnte dadurch entstehen, daß die Sonne Licht und Wärme auf die Erde fallen läßt, daß Getreide wächst und aus dem Getreide das Mehl wird. Es ist wirklich, wenn man es so ausdrücken will: Körper, vom Sonnenlicht gemacht. Solange man das gewußt hat, so lange hatte das Ganze einen Sinn." (Lit.: GA 353, S. 118)

Entwicklung

Erste Ansätze für die Vorstellung der Realpräsenz gehen auf Ignatius von Antiochien (gest. im 2. Jh. n. Chr.) zurück, der bezugnehmend auf das 6. Kapitel des Johannes-Evangeliums die leibliche Gegenwart Christi in der Eucharistie gegen gnostische und doketische Ansichten verteidigt. Augustinus vertieft das Verständnis von der Realpräsenz und bezeichnet das Sakrament als signum, figura, similitudo der Wirklichkeit Christi. Durch veränderte Denkweisen kommt es im 9. Jahrhundert zwischen Paschasius Radbertus und Ratrammnus zum 1. Abendmahlsstreit, der die Kontroverse zwischen Symbolismus, also einem zeichenhaften Verständnis, und Realismus, als der wirklichen Gegenwart Christi, vorbereitet. Die Spannungen kommen allerdings erst im 2. Abendmahlsstreit (11. Jahrhundert) zum Durchbruch. Im Zentrum der Auseinandersetzungen steht Berengar von Tours, der die wirkliche Gegenwart geistig versteht und von den materiellen Gaben trennen will. Auf der Lateransynode von 1059 wird Berengars Lehre abgelehnt und die Realpräsenz bestätigt. Der Sieg des Nominalismus im Spätmittelalter (siehe Universalienproblem) schwächt hingegen die Vorstellung der Realpräsenz.

Während der Reformation wird die Frage des Abendmahlsverständnisses erneut thematisiert und Gegenstand verschiedener Auseinandersetzungen. Die Lehre der Realpräsenz wird von Martin Luther gegenüber Ulrich Zwingli und Johannes Calvin vertreten, die ein symbolisches Verständnis lehren. Die lutherischen Kirchen haben diese Auffassung beibehalten und teilen diese mit den in katholischer Tradition stehenden Kirchen (u. a. die orthodoxen Kirchen und die römisch-katholische, alt-katholische und anglikanische Kirche). Sie berufen sich auf den Textausschnitt der Einsetzungsworte Jesu „dies ist mein Leib“.

Berühmt ist Luthers Formel (Konsubstantiation), dass die Gläubigen den Leib und das Blut Jesu Christi „in, mit und unter“ Brot und Wein zu sich nehmen.

"In der Zeit aber, in der die Geheimnisse der Alchimie bekannt waren, in der Zeit des 4. nachatlantischen Zeitraums, da konnte man sehr gut auf kirchlichem Gebiete von der Transsubstantiation, von der Verwandlung des Brotes und des Weines in den Leib und in das Blut sprechen, denn man konnte mit diesen Worten noch bestimmte Begriffe verbinden. Luther* war verwoben mit der Denkweise, mit der Empfindungsweise der 4. nachatlantischen Zeit, aber hineingestellt war er in die 5. nachatlantische Zeit. Er mußte daher die Transsubstantiation herausheben aus dem physischen, materiellen Verwandlungszusammenhang. Und was wurde für ihn das Sakrament, die Transsubstantiation? Ein bloß im Geistigen vor sich gehender Prozeß. Es wird nichts verwandelt, so sagt er, sondern nur, indem das Abendmahl gereicht wird, geht in den Gläubigen der Leib und das Blut Jesu Christi über." (Lit.: GA 177, S. 113)

"Aber in jenen Mysterien, in die der auferstandene Christus hineingesprochen hat, da wußte man noch: Es war einmal vorhanden beim Menschen ein höchstes Stoffwissen, Stoffwechselwissen. Nicht mehr auf dieselbe Art, wie es die Urmenschheit getan hat, auch nicht auf degenerierte Art, wie es dann die Haschisch-Esser und andere getan haben, um aus den Wirkungen des Stofflichen heraus Erkenntnisse zu gewinnen, die man ohne dieses nicht gewinnen kann, nicht auf diese Art wollte man für eine gewisse Sache das alte Stoffeswissen auferwecken, wohl aber auf eine andere Art: dadurch, daß man einhüllte in Kultus, in bestimmte mantrische Formeln einhüllte vor allen Dingen in die ganze Struktur des Mysteriums des Offertoriums, des Opfers, der Transsubstantiation, der Kommunion, daß man einhüllte in diese Strukturformen das Mysterium von Golgatha, den Menschen das Abendmahl reichte als Brot und Wein; indem man erst dieses Abendmahl einhüllte in dasjenige, was ausgeht von den mantrischen Formeln des Meßopfers, und ausgeht von dem, was in der vierfachen Gliederung der Messe – Evangelium, Opferung, Wandlung und Kommunion – liegt. Daß gerade das Meßopfer mit seinem wunderbaren Kultus, seiner Nachahmung der 4 Mysterienkapiteln, eingesetzt worden ist, das geht eben durchaus auf dasjenige zurück, daß der auferstandene Christus auch der Lehrer war derjenigen, die diese Lehren in einem höheren esoterischen Sinn empfangen konnten." (Lit.: GA 211, S. 135ff)

"Das Meßopfer mit alledem, was daran hängt, ist eine kontinuierliche Fortentwickelung der Mithras-Mysterien, die in gewisser Weise etwas kombiniert sind mit den eleusinischen Mysterien. Daß der Priester, wie übrigens auch der sonst das Abendmahl Empfangende, den Leib des Herrn zu sich nimmt, nachdem er so und so lange nichts gegessen hat – wie man sagt: mit nüchternem Magen –, das ist zum Verständnis der Sache viel wichtiger, als manches andere, worüber man im Mittelalter furchtbar gestritten hat. Denn das ist etwas zum Beispiel, worauf es ankommt. Und wenn irgendein Priester, wie es ja auch vorkommt, dieses Gebot, wirklich mit nüchternem Magen die Transsubstantiation und die Kommunion zu vollziehen, übertritt, dann hat sie durchaus nicht den Sinn, die Bedeutung, die Wirkung, die sie haben soll. Allerdings, zumeist hat sie nicht die Wirkung, weil die Betreffenden nicht in richtiger Weise unterrichtet werden. Denn die Wirkung kann nur da sein, wenn ein entsprechender Unterricht stattgefunden hat über dasjenige, was unmittelbar nach dem Empfang des blutlosen Leibes des Herrn erlebt wird. Aber Sie wissen ja vielleicht selbst, wie wenig auf diese Feinheiten mehr heute gesehen wird; wie wenig darauf gesehen wird, daß dadurch wirklich ein Erlebnis eintreten soll, das ein gewisses innerliches Verspüren darstellt, eine Art neuzeitlicher Wiedererneuerung desjenigen, was als Anregung in den Mithras- Mysterien stattgefunden hat." (Lit.: GA 175, S. 323)

Wer die Realpräsenz bestreitet, lehrt, dass die Elemente von Brot und Wein nur Zeichen seien, die Christi Leib und Blut „bedeuten“, aber nicht „sind“. Das Abendmahl ist dann eine symbolische Gedächtnisfeier. Diese Auffassung vertreten ein Teil der reformierten Kirchen, die meisten baptistischen Kirchen und Pfingstgemeinden.

Siehe auch

Literatur

  • Joseph Ratzinger: Eucharistie - Mitte der Kirche, Wewel Verlag Donauwörth, 2005, ISBN 3-87904-070-2
  • Rudolf Steiner: Bausteine zu einer Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha, GA 175 (1996)
  • Rudolf Steiner: Die spirituellen Hintergründe der äußeren Welt. Der Sturz der Geister der Finsternis, GA 177 (1999)
  • Rudolf Steiner: Das Sonnenmysterium und das Mysterium von Tod und Auferstehung, GA 211 (1986)
  • Rudolf Steiner: Die Geschichte der Menschheit und die Weltanschauungen der Kulturvölker, GA 353 (1988)
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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
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