Schwelle der geistigen Welt

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Die Schwelle der geistigen Welt bildet für das menschliche Erleben die Grenze zwischen der sinnlichen und der geistigen Welt, solange das Ich nicht stark genug ist, dieses Erlebnis unbeschadet zu ertragen. Genau besehen gibt es zwei derartige Schwellen. Die eine bildet den Eingang in die geistige Außenwelt, den Makrokosmos. Die andere führt in die geistige Innenwelt, den Mikrokosmos.

Begegnung mit dem großen und kleinen Hüter der Schwelle

Siehe auch: Hüter der Schwelle

Über die Schwelle, die in die geistige Außenwelt führt, gehen wir unbewusst jede Nacht, wenn sich Ich und Astralleib im Schlaf vom physischen Leib und Ätherleib trennen. Der „Große Hüter der Schwelle“ bewahrt uns davor, die makrokosmische Geisteswelt bewusst zu erleben, solange unser Ich-Bewusstsein nicht kräftig genug ist, sich darin aufrechtzuerhalten.

„Physischer Leib und Ätherleib sind das, was die ganze menschliche Wesenheit zusammenhält. In dem Augenblick, wo der astralische Leib und das Ich die beiden unteren Glieder verlassen, streben sie auseinander nach allen Seiten hin, haben nur das Bestreben, sich fortwährend auszudehnen. Es würde also dem Ich so gehen, daß es aufgelöst würde, und der Mensch würde vor sich haben zwar die Bilder der geistigen Welt, aber er würde sie mit denjenigen Kräften, die nur sein Ich entfalten kann - denn das Ich wäre ja aufgelöst - , also mit Urteilskräften und Begriffsvermögen und so weiter, nicht verfolgen können, also nicht mit demselben Bewußtsein, mit welchem er die Zustände des Alltags verfolgt. Er würde außer sich sein, würde hin und her gerissen, wesens- und richtungslos schwimmend auf dem Meere der astralischen Eindrücke. Aus diesem Grunde, weil das Ich noch nicht stark genug ist im normalen Zustande des Menschen, wird das Ich so lange zurückwirken auf den astralischen Leib und ihn verhindern, bewußt einzutreten in seine eigentliche Heimat, in die geistige Welt, bis das Ich selber überall mit hin kann, wohin der astralische Leib dringt. So also hat es einen guten Sinn, daß wir das Bewußtsein verlieren im Einschlafen. Wir könnten unser Ich nicht erhalten. Wir werden es erst erhalten können in genügender Weise, wenn die Erdentwickelung an ihrem Ende angekommen sein wird. Deshalb sollen wir auch unseren astralischen Leib nicht entfalten können in bezug auf seine Bewußtseinsfähigkeit.“ (Lit.:GA 120, S. 117f)

Wenn morgens beim Aufwachen Ich und Astralleib wieder vom belebten Leib Besitz ergreifen, verhindert der „Kleine Hüter der Schwelle“, dass der geistig ungeschulte Mensch seine Innenwelt, den Mikrokosmos erlebt und lenkt sein Bewusstsein auf die sinnliche Außenwelt ab. Geschähe das nicht, würde der Mensch von einem ungeheuren Egoismus ergriffen.

„Gerade das Umgekehrte tritt ein, wenn der Mensch aufwacht. Wenn er aufwacht und untertaucht in den physischen Leib und Ätherleib, würde er eigentlich erleben müssen das Innere des physischen Leibes und des Ätherleibes. Das tut er aber nicht. Im Augenblick des Aufwachens wird er verhindert, hineinzuschauen in das Innere seiner Leiblichkeit, denn da wird gleich die Aufmerksamkeit auf die äußeren Erlebnisse gelenkt. Da wird nicht seine Sehkraft, seine Erkenntniskraft dahin gelenkt, sein Inneres zu durchschauen, sondern sie wird abgelenkt auf die Außenwelt. Würde der Mensch sich im Inneren ergreifen, so würde genau das Gegenteil eintreten von dem, was eintritt, wenn sich der Mensch bewußt beim Einschlafen in die geistige Welt hineinbegeben könnte. Alles, was der Mensch sich schon im Verlaufe des Erdenlebens an Geistigem durch sein Ich errungen hat, das würde sich zusammendrängen und es würde jetzt im physischen Leibe und Ätherleibe nach dem Untertauchen mit aller Kraft auf ihn wirken. Das würde zur Folge haben, daß alles, was nur irgendwie egoistische Eigenschaft ist, sich mit aller Macht entfalten würde. Und der Mensch würde hinuntertauchen mit seinem Ich und würde mit jedem Stück, mit dem er hinuntertaucht, seine Leidenschaf ten,Triebe und Begierden in einem immer kraftvolleren Egoismus ergießen. Aller Egoismus würde sich ergießen in sein Triebleben. Damit das nicht geschieht, werden wir abgelenkt auf die Außenwelt und nicht mit unserem Bewußtsein in unser Inneres hineingelassen.“ (Lit.:GA 120, S. 118f)

Spaltung der Persönlichkeit

Die Geistesschulung führt dazu, dass sich die Seelenkräfte des Denkens, Fühlens und Wollens, die normalerweise mehr oder weniger eng miteinander verbunden sind, vollständig voneinander trennen. Beim Übertritt über die Schwelle der geistigen Welt wird die damit verbundene Spaltung der Persönlichkeit bewusst erlebt. Das Denken scheint in die Weltenweiten zu fliegen, das Fühlen geht hinter die Erinnerung zurück bis ins vorgeburtliche Leben und der Wille sogar bis in frühere irdische Inkarnationen.

„In dem Augenblicke, wo der Mensch in die geistige Welt hineintritt, da wird er sogleich ein dreifaches Wesen. Sein Denken geht eigene Wege, sein Fühlen geht eigene Wege, sein Wollen geht eigene Wege. Diese Gliederung, diese Spaltung in drei macht er sogleich durch, wenn er in die geistige Welt eintritt. Und Sie können in der geistigen Welt denken, Gedanken haben, die gar nichts zu tun haben mit Ihrem Wollen: dann aber sind diese Gedanken Illusionen. Sie können Gefühle haben, die nichts zu tun haben mit Ihrem Wollen: dann sind diese Gefühle etwas, was zu Ihrer Vernichtung, nicht zu Ihrer Förderung beiträgt.

Das ist das Wesentliche, daß der Mensch in dem Augenblick, wo er an die Schwelle zur geistigen Welt herantritt, sich so vorkommt, als flöge sein Denken in die Weltenweiten, als gehe sein Fühlen hinter seine Erinnerungen zurück. Beachten Sie das letztere, was ich gesagt habe. Sehen Sie, die Erinnerung ist tatsächlich etwas, was hart an die Schwelle zur geistigen Welt herankommt. Denken Sie, Sie haben vor zehn Jahren etwas erlebt. Es kommt in der Erinnerung wieder herauf. Das Erlebnis steht da. Sie sind zufrieden, mit Recht zufrieden für die physische Welt, wenn Sie bis zu einer recht lebhaften Erinnerung kommen. Aber derjenige, der in die geistige Welt eintritt, bei dem ist es wirklich so, als ob er die Erinnerung durchstoßen würde, als ob er weiter gehen würde, als die Erinnerung reicht. Vor allen Dingen geht er weiter, als seine Erinnerungen reichen können für das physische Erdenleben. Er geht hinter die Geburt zurück.

Und wenn man in die geistige Welt eintritt, so fühlt man sofort, daß das Fühlen gar nicht bei einem bleibt. Das Denken wenigstens geht noch hinaus in die gegenwärtige Welt. Es zerstreut sich gewissermaßen in dem Weltenraum. Das Fühlen geht aus der Welt hinaus, und man muß sich sagen, wenn man dem Fühlen nachgehen will: Ja, wo bist du jetzt eigentlich? Wenn du im Leben 50 Jahre alt geworden bist, so bist du eigentlich weiter zurückgegangen als 50 Jahre in der Zeit; du bist 70 Jahre, 90 Jahre, 100 Jahre, 150 Jahre zurückgegangen. Das Fühlen führt Sie ganz heraus aus der Zeit, die Sie miterlebt haben von Kleinkindheit auf. Und das Wollen, wenn Sie es im Ernste fassen, führt Sie noch weiter zurück, in die vorigen Erdenleben. Das ist etwas, was sogleich auftritt, meine Lieben, wenn man an die Schwelle der geistigen Welt wirklich herantritt. Der Zusammenhalt des physischen Leibes hört auf. Man fühlt sich nicht mehr in den Grenzen seiner Haut eingeschlossen, aber man fühlt sich zerteilt.

Man fühlt, wie wenn ausstrahlen würde das Denken, das man früher zusammengehalten hat in seinem Gefühl, wie wenn das Denken ausstrahlen würde in die Weltenweiten und Weltengedanken werden würde. Man fühlt sich in der Zeit zurückgehend mit seinem Fühlen unmittelbar in der geistigen Welt drinnen, die man zwischen dem letzten Tode und dem diesmaligen Erdenleben durchgemacht hat. Und man fühlt sich in vorigen Erdenleben mit seinem Wollen. Gerade aber diese Spaltung des menschlichen Wesens - ich habe sie beschrieben in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» -, gerade diese Spaltung des menschlichen Wesens, die macht Schwierigkeiten beim Betreten der geistigen Welt, denn die Gedanken verbreitern sich. Dasjenige, was man zusammengehalten hat, geht in alle Welt über. Damit aber wird es zugleich fast unwahrnehmbar. Und man muß sich erwerben die Fähigkeit, diejenigen Gedanken noch wahrzunehmen, die in solche Weiten hinausgehen.

Das Fühlen ist nicht mehr von Gedanken jetzt durchsetzt - denn die Gedanken sind einem gewissermaßen davongegangen -, das Fühlen kann sich nur in allgemeiner Hochschätzung, Hingabe, gebetartiger Stimmung wenden an diejenigen Wesen, mit denen man das Leben zwischen dem Tode und der Geburt, bevor man die Erde betreten hat, durchlaufen hat. Aber wenn man sein Leben heranerzogen hat für solches verehrendes Fühlen der geistigen Welt, so geht das noch. In dem Augenblicke aber, wo man sich dem Wollen hingibt, das hin will in die vorigen Erdenleben, da tritt für den Menschen eben die große Schwierigkeit ein, daß er eine ungeheure Anziehungskraft in der Seele bekommt für alles dasjenige, was niedrig ist in seiner Wesenheit. Und hier wirkt am stärksten dasjenige, was ich vorhin sagte, daß es schwierig ist, zwischen Schein und Wirklichkeit zu unterscheiden. Denn der Mensch bekommt da einen wahren Hang dazu, sich dem Scheine hinzugeben. Ich will das so erzählen.

Wenn der Mensch beginnt zu meditieren, wenn er wirklich mit innerer Hingabe sich durchsetzt mit seinem Meditationsstoff - er möchte diese Meditation in möglichster Gleichgültigkeit ablaufen lassen; er möchte nicht, daß ihn die Meditation herausreißt aus der Behaglichkeit des Lebens. Und dieser Trieb, möglichst still zu sein, möglichst nicht herausgerissen zu werden aus der Behaglichkeit des Lebens, dieser Trieb ist ein starker Illusionserzeuger, ein starker Scheinerzeuger. Denn gibt man sich restlos ehrlich der Meditation hin, dann kommt ganz notwendig herauf aus den Tiefen der Seele die Empfindung: Was ist eigentlich alles an Anlage zu Bösem in dir! Man kann gar nicht anders, als durch die Meditation, durch jenes innerliche Vertieftsein, man kann gar nicht anders als wirklich fühlen, tief fühlen: Da ist alles Mögliche da, was du eigentlich tun könntest, wozu du fähig wärest. Aber nur - der Trieb ist so stark, sich das ja nicht zu gestehen, so daß man sich der Illusion hingibt: man ist eigentlich ein guter, ein recht guter Mensch seinen innersten Anlagen nach.

Die wirkliche Erfahrung als Folge der Meditation gibt das nicht. Die zeigt einem, wie man beseelt sein kann von allen möglichen Eitelkeiten, wie man beseelt sein kann von allem möglichen Überschätzen seines eigenen Wesens und Unterschätzen des Wesens der anderen, wie man ganz durchsetzt ist davon, auf das Urteil von Leuten nicht nur deshalb etwas zu geben, weil sie von uns als Menschen empfunden werden, die etwas zu sagen haben, sondern weil man sich eben sonnen will in dem Urteil der anderen. Aber das sind noch die geringsten Dinge. Derjenige, der wirklich ehrlich meditiert, wird sehen, welche Triebe in seiner Seele eigentlich leben, zu was allem er eigentlich fähig wäre. Da tritt schon die niedere Menschennatur in einer starken Weise vor die innere Schau der Seele. Und diese Ehrlichkeit muß im Meditieren sein.“ (Lit.:GA 270a, S. 45ff)

Schwellenübergang der Menschheit im gegenwärtigen Bewusstseinsseelenzeitalter

Während der Geistesschüler nach entsprechender Vorbereitung bewusst über die Schwelle zur geistigen Welt geht, so tritt im heutigen Bewusstseinsseelenzeitalter die ganze Menschheit unbewusst über die diese Schwelle - unbewusst deshalb, weil ihr Bewusstsein vorerst nur für die sinnliche Welt und den daran gebundenen Verstand erweckt ist. Als Folge dieses Übertrtitts, auch wenn er zunächst unbewusst bleibt, sondern sich Denken, Fühlen und Wollen immer stärker voneinander. Es vollzieht sich eine Spaltung der Seelenkräfte, wie sie auch bei der bewussten Geistesschulung auftritt.

„Lesen Sie nach in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Dort ist Ihnen geschildert, wie der Mensch, wenn er zu den höheren Erkenntnissen gelangen will, zuerst sich ein Verständnis entwickeln muß für das, was man die Begegnung mit dem Hüter der Schwelle nennt. Da ist darauf hingewiesen, wie diese Begegnung mit dem Hüter der Schwelle bedeutet, daß Wollen, Fühlen, Denken sich trennen in einer gewissen Weise, daß eine Dreiheit aus der menschlichen chaotischen Einheit entstehen muß. Dieses Verständnis, das für den Schüler der geistigen Wissenschaft sich eröffnen muß, indem ihm klar wird, was der Hüter der Schwelle ist, dieses Verständnis muß sich der ganzen neueren Menschheit in bezug auf den Zivilisationsgang eröffnen. Wenn auch nicht für das äußere Bewußtsein, für die inneren Erlebnisse geht die Menschheit durch das Gebiet durch, das man auch als ein Gebiet des Hüters der Schwelle bezeichnen kann.“ (Lit.:GA 202, S. 256f)

Dieser Dreigliederung des Seelenlebens muss im sozialen Leben durch eine entsprechende Dreigliederung des sozialen Organismus Rechnung getragen werden.

„Was die Menschheit jetzt als Ganzes durchläuft, ist etwas Ähnliches wie ein Überschreiten der Schwelle. Denn ich deutete schon an, es könnte ja geschehen, es wäre ja durchaus möglich, daß die Menschheit Geisteswissenschaft ablehnte. Dann würde sie kein Mittel haben, um etwas davon zu wissen, daß von der ganzen Menschheit ein solcher Prozeß durchgemacht wird wie das Überschreiten der Schwelle. Überhaupt finden ganz andere Vorgänge statt bei dem, was zu gelten hat als Überschreiten der Schwelle für die ganze Menschheit, als stattfinden beim einzelnen Menschen, wenn er bewußterweise den Gang in die übersinnliche Welt hinein tut. Und ich habe gestern schon angedeutet, daß das Wesentliche für die ganze Menschheit beim Überschreiten der Schwelle, wie es geschehen muß im Laufe der fünften nachatlantischen Zeit, der Zeit der Bewußtseinsentwickelung, besteht in dieser Ihnen dem Wesen nach bekannten Spaltung in die drei Seelenfähigkeiten zu einer gewissen Selbständigkeit. Denken, Fühlen und Wollen bleiben für die Gesamtmenschheit - also nicht für den einzelnen Menschen spreche ich jetzt, sondern für die Menschheit, insofern diese Menschheit miteinander verkehrt - , Denken, Fühlen und Wollen bleiben für die gesamte Menschheit nicht so chaotisch verschmolzen, wie sie es jetzt sind. Es gliedert sich das seelische Leben dieser ganzen Menschheit so, daß sie eben mehr als bisher selbständig empfindet ihr Denken, ihr Fühlen, ihr Wollen. Und deshalb braucht diese Menschheit die Gliederung in die drei Gebiete des sozialen Organismus in der Zukunft, die sie bisher nicht in dieser Weise brauchte. Wenn man also von dieser Dreigliederung des sozialen Organismus heute redet, redet man aus dem Bewußtsein heraus von etwas, was nach geistigen Gesetzen des Universums mit der ganzen Menschheit sich notwendig vollzieht.“ (Lit.:GA 190, S. 162f)

„In vieler Beziehung ist der ganze Lebensgang der Menschheitsentwickelung ähnlich dem Lebensgange des einzelnen Menschen. Nur verschoben sind die Dinge. Was der Mensch bewußt durchmacht, wenn er in der geistigen "Welt zum Schauen kommen will, das Überschreiten der Schwelle, das muß in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum die ganze Menschheit unbewußt durchmachen. Sie hat darin keine Wahl, sie macht es unbewußt durch. Nicht der einzelne Mensch, sondern die Menschheit und der einzelne Mensch mit der Menschheit. Was heißt das?

Was im Menschen zusammenwirkt im Denken, Fühlen und Wollen, das nimmt in der Zukunft einen getrennten Charakter an, macht sich auf verschiedenen Feldern geltend. Wir sind eben dabei, daß die Menschheit ein bedeutungsvolles Tor unbewußt durchschreitet, was die Seherkraft sehr gut wahrnehmen kann. Die Menschheit macht dieses Überschreiten der Schwelle so durch, daß die Gebiete des Denkens, Fühlens und Wollens auseinandergehen. Das aber legt uns Verpflichtungen auf, die Verpflichtung, das äußere Leben so zu gestalten, daß der Mensch diesen Umschwung seines Inneren auch im äußeren Leben durchmachen kann. Indem das Denken im Leben der Menschheit selbständiger wird, müssen wir einen Boden begründen, auf dem das Denken zu gesunderer Auswirkung kommen kann, müssen weiter einen Boden schaffen, auf dem das Fühlen selbständig zur Ausbildung kommen kann, und auch einen Boden, auf dem das Wollen zur besonderen Ausbildung kommen kann. Was bisher chaotisch im öffentlichen Leben durcheinanderwirkte, müssen wir jetzt in drei Gebiete gliedern. Diese drei Gebiete im öffentlichen Leben sind: das Wirtschaftsleben, das staatliche oder Rechtsleben und das Kulturleben oder geistige Leben. Diese Forderung der Dreigliederung hängt mit dem Geheimnis der Menschheitswerdung in diesem Zeitalter zusammen.“ (Lit.:GA 193, S. 118)

Viele Tatsachen, die heute die Naturwissenschaft offengelegt hat, durften die Menschen in früheren Zeiten nur nach entsprechender geistiger Schulung erfahren. Man hätte ihnen sonst den Boden unter den Füßen weggezogen und sie wären wie betäubt vor diesen Tatsachen gestanden. Das gilt insbesondere für das heliozentrische Weltbild, das man in den Mysterien seit alters her lehrte und in der Neuzeit durch Kopernikus ins öffentliche Bewusstsein gerückt wurde, dessen wahre geistige Bedeutung aber heute nicht durchschaut wird, ebensowenig wie die der modernen Evolutionslehre. Sein Selbstbewusstsein hat der Mensch bei diesem unbewussten Schwellenübertritt bewahrt, aber das Bewusstsein für den Geist in der Welt hat er verloren.

„Nun muß man durchaus darauf hinweisen, daß durch den ganzen Gang der menschheitlichen Entwickelung heute dasjenige allgemeines, populäres Menschenbewußtsein ist, was dazumal in jenen älteren Zeiten hinter der Schwelle vermutet worden ist. Ich habe ja in jenem öffentlichen Vortrag darauf hingewiesen, daß zum Beispiel die Alten in ihren Eingeweihtenschulen die sogenannte heliozentrische Weltanschauung hatten, daß sie die Sonne durchaus in den Mittelpunkt unseres Planetensystems stellten. Aber diese Lehre wurde behütet, und nur einzelne, die gewissermaßen sie nicht behüten wollten, veröffentlichten etwas davon, wie Aristarch von Samos. Man fürchtete eben von solchen Lehren, daß sie so auf die Seele wirkten, daß der Mensch den Boden unter den Füßen verlieren würde. Also gerade dasjenige war es, was man nicht herankommen lassen wollte in jenen alten Zeiten an die unvorbereiteten Menschenseelen, was heute eigentlich jeder Mensch weiß. Denn dasjenige, was in bezug auf die heliozentrische Weltanschauung gesagt werden kann, könnte in bezug auf viele Gebiete gesagt werden, die heute ganz allgemein menschliche Anschauungen sind. Dasjenige, was heute unter dem Einflüsse des naturwissenschaftlichen Zeitalters populäre Vorstellung ist, das wurde jenseits der Schwelle vermutet. Daher haben diejenigen konfessionellen Traditionen, welche die Urteile der alten Zeiten zurückbehalten haben, sich immer gewendet gegen das Verbreiten dieser modernen naturwissenschaftlichen Anschauung. Daher der Galilei-Prozeß, daher die Tatsache, daß es bis zum Jahre 1827 innerhalb der katholischen Gläubigengemeinschaft verboten war, sich zu der Lehre des Kopernikus zu bekennen oder sie zu verbreiten. Man hatte eben ein altes Urteil über diese Dinge beibehalten, und hat natürlich damit nicht den Gang der Menschheitsentwickelung aufhalten können. Die Menschheit ist von einer anderen Seite hereingeschritten in dasjenige Gebiet, das man dort als jenseits der Schwelle bezeichnet hat.

Warum konnte die Menschheit in dieses Gebiet hineinschreiten, ohne in seelische Ohnmacht zu verfallen, wie die Alten aus ihrer Seelenverfassung heraus zweifellos verfallen wären? Die Menschheit konnte in dieses Gebiet hineinschreiten, weil sie - Sie ersehen das aus der Darstellung in meinen «Rätseln der Philosophie» - zu einer Art des Selbstbewußtseins gekommen ist durch die besondere Auslebung der Begriffswelt, bei der nicht mehr jene seelische Ohnmacht eintreten kann. Die Menschen können nunmehr, ohne in eine seelische Ohnmacht zu verfallen, sich bekennen zu demjenigen, was nicht nur kopernikanische Weltanschauung ist, sondern was auch Vorstellungen sind, die in derselben Richtung liegen. Also fassen wir das nur einmal ganz präzise ins Auge.

Dasjenige, was heute populäre Anschauung ist, das lag für die Alten, das lag im Grunde genommen bis in das 14. Jahrhundert hinein jenseits der Schwelle, wurde als solches jenseits der Schwelle Liegendes angesehen, und den Hüter der Schwelle bezeichnete man als diejenige Macht - sie ist mehr als eine Personifikation, sie ist eine reale Wesenheit -, an der man vorbeischreiten mußte, wenn man in jenes Gebiet hineinkommen wollte, das dasjenige der modernen naturwissenschaftlichen Weltanschauung ist. Die modernen Menschen verlieren dabei nicht mehr ihr seelisches Selbstbewußtsein, sie fallen nicht in eine seelische Ohnmacht. Aber sie verlieren doch etwas, nachdem sie in das Gebiet gelangt sind, das die Alten als jenseits der Schwelle liegend betrachtet haben. Die heutigen Menschen haben zwar nicht ihr Selbstbewußtsein verloren, aber sie haben zunächst das Weltbewußtsein verloren. Sie haben ein Wissen von unzähligen Einzelheiten über das sinnliche Dasein aufgenommen, sie haben durch Verstandeskombination sich allerlei Gesetze angeeignet über den Zusammenhang in diesem sinnlichen Dasein, aber sie sind nicht dazu gelangt, dasjenige zu erkennen innerhalb dieses weiten Gebietes der einzelnen wissenschaftlichen Erkenntnisse, die ja heute durchaus schon populär geworden sind, was der geistige Inhalt, der geistige Hintergrund desjenigen ist, was da den Menschen sinnlich umgibt, und was er in den Begriff der modernen Naturwissenschaft zusammenfaßt. Der Mensch ist gewissermaßen, indem er sich den Entwickelungsphasen der neueren Zeit genähert hat, in das Gebiet jenseits der Schwelle hinübergetreten, ohne ein Bewußtsein davon, daß die Welt überall durchgeistigt ist. Er hat nicht sich selbst zu verlieren gehabt, er hat aber den Geist der Welt zu verlieren gehabt. Und dieser Geist der Welt, der ist verloren worden.“ (Lit.:GA 203, S. 180ff)

„Sie wissen, wenn der Mensch eintritt in diejenige Welt, die wir die übersinnliche nennen, dann hat er dasjenige zu überschreiten, was wir die Schwelle des Hüters nennen. Man kommt hinüber in die übersinnliche Welt durch das Überschreiten dieser Schwelle. Dieses Überschreiten finden Sie in dem kleinen Büchelchen «Die Schwelle der geistigen Welt» von mir geschildert. Wenn Sie dasjenige, was dort geschildert ist, zusammennehmen mit gewissen Kapiteln der Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» dann bekommen Sie nach einer gewissen Richtung hin genauere Vorstellungen. Sie wissen, daß jene Zusammenfügung, die in der Menschenseele aus Denken, Fühlen und Wollen besteht, mehr gespalten wird, wenn man die Schwelle überschreitet, daß gewissermaßen das Denken an sich selbständiger wird, das Fühlen an sich selbständiger wird, das Wollen selbständiger wird, während im gewöhnlichen Geistesleben diesseits der Schwelle diese drei Tätigkeiten des Menschen mehr zusammengeschmolzen sind, mehr ineinandergewoben sind.

Also diese zwei Tatsachen wollen wir ganz genau berücksichtigen, daß, wenn man in die übersinnliche Welt eintreten will, man zu überschreiten hat die Schwelle, daß dann gewissermaßen eine Art Spaltung eintritt der drei Haupttätigkeiten des menschlichen Seelenlebens, die selbständig macht Denken, Fühlen und Wollen. Das, was der Mensch so bewußt beim Übergang in die übersinnliche Welt durchmachen kann, das macht, ohne daß es dem einzelnen Menschen bewußt werden müßte, die ganze Menschheit durch in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum. In diesem fünften nachatlantischen Zeitraum liegt die Schwelle (siehe Zeichnung), durch die die Gesamtmenschheit durchgehen muß.

Zeichnung aus GA 190, S. 147

Daß die gesamte Menschheit durch diese Schwelle durchgeht, das braucht den einzelnen Menschen so unmittelbar gar nicht zum Bewußtsein zu kommen. Wenn die Menschen zum Beispiel beharren würden bei der Gesinnung, die die Mehrzahl jetzt hat, bei der Ablehnung aller geistigen Erkenntnisse, dann würde zwar die gesamte Menschheit doch im Laufe dieses fünften nachatlantischen Zeitraums durch die Schwelle durchgehen; aber die Menschen würden in ihrer Mehrzahl das nicht bemerken. Jenes gewaltige Ereignis für die Menschen, das ein geistig-seelisches Ereignis ist, und das gekennzeichnet werden kann als der Durchgang durch die Schwelle, es kann den Menschen nur bewußt werden, wenn sie sich einlassen auf diejenigen Erkenntnisse, welche durch die Geisteswissenschaft vermittelt werden. Aber selbst wenn kein Mensch bemerken würde, daß dieser Durchgang der gesamten Menschheit durch die Schwelle stattfindet, daß die Menschheit eigentlich schon jetzt in diesem Durchgang begriffen ist, so würde dasjenige, was dieser Durchgang für die Entwickelung der Menschheit bedeutet, doch wirklich da sein. Daß so etwas ein Ereignis in der Menschheitsentwickelung ist, hängt gar nicht ab davon, ob die Menschen das bemerken oder nicht. Den Menschen kann das Bemerken verlorengehen. Sie können durch ihre Starrköpfigkeit dem Eingange des Wissens von dieser Tatsache ein Hindernis entgegensetzen. Aber daß sich dasjenige, was diese Tatsache bedeutet, in der ganzen menschlichen Entwickelung zum Ausdrucke bringt, das wird dadurch nicht verhindert.“ (Lit.:GA 190, S. 146f)

Während der gegenwärtigen Kulturepoche, die 1413 begonnen hat und 3573 enden wird, muss der Mensch wenigstens in einer Inkarnation bewusst an dem Hüter der Schwelle vorbeigeschritten sein. Darauf weist die Geisteswissenschaft hin. Es kann aber auch sein, dass der Mensch aus geistiger Bequemlichkeit diesen bewussten Schritt über die Schwelle verschläft.

„Gewiß, will man wirklich in die geistige Welt vollbewußt eintreten, Imaginationen, Inspirationen, Intuitionen entwickeln, so muß man in viel höherem Maße mit reichlicheren Erfahrungen, mit ganz andern Erfahrungen noch eintreten in das Gebiet der übersinnlichen Welt. Man muß gründlicher - wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf- beim Hüter der Schwelle vorbeischreiten, als die ganze Menschheit im Laufe des Zeitalters der Bewußtseinsseele dies tun muß. Aber in einem gewissen Grade muß der Mensch einfach bis zum Ende der Bewußtseinsseelenentwickelung an dem Hüter der Schwelle vorbeigeschritten sein. Er kann nun die Bequemlichkeit haben, dieses Vorbeischreiten ganz im Unterbewußtsein zu lassen. Daß dies aber nicht geschehe, dazu ist gerade Geisteswissenschaft da. Sie soll darauf aufmerksam machen, daß das eben jetzt zu den Geschehnissen gehört, die sich in der Menschheitsentwickelung vollziehen. Und derjenige, der heute die Leute abhält von Geisteswissenschaft, will eigentlich nichts Geringeres, als die Menschen zwingen, nicht bewußt, sondern unbewußt am Hüter der Schwelle vorbeizukommen, der eben einfach in diesem Zeitalter in den Horizont der Menschen hereintritt.

Mit andern Worten: die Menschheit muß in den 2160 Jahren, welche das Zeitalter der Bewußtseinsseelenentwickelung dauert, von 1413 an ungefähr, in irgendeiner Inkarnation an dem Hüter der Schwelle vorbeikommen und teilweise die Erlebnisse, die man bei dem Hüter der Schwelle haben kann, erleben. Der Mensch kann sich von materialistisch gesinnten Menschen zwingen lassen, unbewußt vorbeizugehen; oder er kann in Freiheit ergreifen den Entschluß, auf Geisteswissenschaft aufmerksam zu sein und, sei es durch Selbstschau, sei es durch den gesunden Menschenverstand, etwas über dieses Vorbeigehen an dem Hüter der Schwelle zu vernehmen. Und bei diesem Vorbeigehen an dem Hüter der Schwelle wird eben das vernommen, was den Menschen befähigt, sich richtige, zutreffende Vorstellungen zu bilden über die konkrete übersinnliche Welt, Vorstellungen zunächst, welche in der Lage sind, vor allen Dingen das Vorstellen selbst, das Denken, in eine gewisse freie, unbefangene, wirklichkeitsfreundliche Richtung zu bringen.

Das habe ich ja oftmals als die größte Errungenschaft der Geisteswissenschaft bezeichnet, daß das Denken wirklichkeitsfreundlicher wird, daß es wirklich eingehen kann auf die Impulse, die in dem Geschehen liegen, und nicht bloß in abstrahierter Weise wie die Naturwissenschaft äußerlich etwas über die Vorgänge weiß. Gewisse Dinge der geistigen Welt zu wissen, das ist es, was den Menschen notwendig wird. Dadurch muß der Mensch in die Lage versetzt werden, seine Stellung in der Welt vom Gesichtspunkte eines geistigen Horizontes aus beurteilen zu lernen, während er heute seine Stellung in der Welt nur vom Standpunkte des sinnlichen Horizontes aus zu beurteilen vermag. Sie beurteilen schon etwas neu und richtig, wenn Sie zum Beispiel einen solchen Gedanken fruchtbar in sich machen, daß die Tiere nicht etwa keine abstrakten Vorstellungen haben, sondern daß sie gerade in den abstraktesten Vorstellungen leben, und daß der Mensch sich vom Tier unterscheidet durch eine gewisse Ausbildung seiner Sinne, die sich emanzipieren von dem engen Zusammenhang mit dem Körperleben. Dadurch kommen Sie eigentlich erst zu zutreffenden Vorstellungen über den Unterschied des Menschen von dem Tier. Äußerlich drückt sich das so aus, daß die Organisation der Sinne bei den Tieren in einem sehr ausgesprochenen Lebenszusammenhang steht mit der gesamten Organisation des Leibes. Die Organisation des Leibes erstreckt sich beim Tier sehr bedeutsam noch in den Sinn hinein.“ (Lit.:GA 188, S. 23f)

Literatur

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