Selbsterlösungs-Vorwurf

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Durch die großen Religionsgemeinschaften, namentlich die röm.-kath. Kirche, wie auch die evangelische Kirche gibt es immer wieder Anklagen gegen die Anthroposophie, diese würde eine Selbsterlösung ihrer Anhänger betreiben, die nicht von der Gnade Gottes abhinge. Daraus läßt sich auch der Vorwurf eines Heilsegoismus ableiten. So formuliert Bernhard Grom als Kritik: "Steiner vertritt ein Leistungs- und Vergeltungsdenken, das sich mit Jesu Botschaft von Gottes Barmherzigkeit und Gnade nicht vereinbaren läßt." (Lit.: Bernhard Grom, S. 165).

„Bedenken Sie nur, in wieviel Herzen und Seelen heute (1919) das Bewußtsein vorhanden ist, daß sie sich am liebsten überlassen möchten demjenigen, was Christus oder sonst irgendeine geistige Macht mit ihnen tut. Das ist sogar ein Vorwurf, den man sehr häufig der Anthroposophie machen hört, daß die Anthroposophie nicht großen Wert darauf legt, daß die Menschen, wie man sagt, erlöst werden durch den Christus, sondern durch sich selbst. Die Menschen möchten geführt sein, möchten geleitet sein, möchten eigentlich (in einem geistigen Infantilismus), daß der Fatalismus richtig sei. Und wieviel hat man reden hören in den letzten Unglücksjahren davon, da oder dort, daß die Leute gesagt haben: Ja, warum hilft der Gott oder der Christus nicht dieser oder jener Volksgemeinschaft? Man müßte doch glauben, daß eine göttliche Gerechtigkeit vorhanden sei. – Die Menschen möchten, daß diese göttliche Gerechtigkeit eben wie ein Fatum verhängt würde. Sie möchten nicht kommen zum wirklichen inneren Durchkraftetsein von dem Impuls der Freiheit. Eine Zivilisation, welche diesen Impuls der Freiheit nicht zu pflegen in der Lage ist, schwächt den Menschen und verurteilt sich zum Niedergang.“ (Lit.:GA 191, S. 70f)

Nur im apologetischen Sinne ist der häufig gemachte Vorwurf gegen den vermeintlichen Ansatz der Selbsterlösung durch Anthroposophie, durch evangelische und katholische Theologen, an die Adresse der Anthroposophen, zu verstehen. Denn die Höherentwicklung des Geistes der jeweiligen Individualität, im Rahmen der Erfahrung aus Reinkarnation und Karma, ist ein essentielles Merkmal der Anthroposophie. Gerhard Wehr schreibt: "Die Entschlüsselung der spirituellen Tiefendimension der neutestamentlichen Botschaft steht jedoch niemals unter dem Gesetz beliebiger Machbarkeit, sondern im Zeichen der unverfügbaren Gnade." (Lit.: Gerhard Wehr, S. 285).

„Meine lieben Freunde! Man muß wahrhaftig eigentlich recht wenig christlichen Sinn haben, wenn man das Christentum so interpretiert, wie es viele machen, die da glauben, sich echte Christen nennen zu dürfen, und die andere, zum Beispiel anthroposophische Christen, verketzern. Man muß dazu wenig christlichen Sinn haben. Es darf ja vielleicht die Frage erlaubt sein: Ist es denn wirklich christlich, zu denken, daß ich alles tun darf und der Christus eigentlich nur in die Welt gekommen ist, um mir das alles abzunehmen, um mir meine Sünde zu vergeben, so daß ich mit meinem Karma, mit meiner Sünde nichts mehr zu tun habe? Ich glaube, es ist ein anderes Wort anwendbar auf eine solche Denkweise als das Wort «christlich»; vielleicht wäre das Wort «bequem» besser als das Wort «christlich». Bequem wäre es ja allerdings, wenn man bloß zu bereuen hätte, und ausgelöscht wäre dadurch für sein ganzes späteres Karma alles das, was man in der Welt verbrochen hat. Nein, aus dem Karma ist es nicht ausgelöscht, aber davon kann es ausgelöscht werden, wohin wir wegen der menschlichen Schwäche, durch die luziferische Verführung, nicht selbst dringen können: von der Erdenentwickelung. Und das tut der Christus. Dieses Leid wird uns genommen mit der Sündenerlösung: daß wir für ewige Zeiten der ganzen Erdenentwickelung eine objektive Schuld zugefügt haben.“ (Lit.:GA 155, S. 190)

„Immer erinnern uns die, welche uns hinweisen wollen auf das Christentum: Ihr strebt die Selbsterlösung an, aber ihr verkennt, was der Christus getan hat. - Es ist nicht richtig, was da der Geisteswissenschaft entgegengebracht wird. Die Geisteswissenschaft ist nicht Gegner, sondern Freund und Mitarbeiter des Christentums; nicht des Christentums der vergangenen Zeit, sondern des Christentums, das weiß, was Jesus gesagt hat: «Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt», des Christentums, das sich entwickelt zu höherer und immer höherer Vollkommenheit. Die Geisteswissenschaft ist nicht feindlich dem Erlösungsprinzip des Christus, weil sie nicht auf dem einseitigen Standpunkt steht, daß jeder Mensch nur für sich selbst etwas tun soll. Das wäre der wüsteste Egoismus, selbst wenn der Mensch nur in sich selbst zu den edelsten Kräften streben wollte. Die Menschheit ist ein Ganzes, und wenn ein einzelner — der Christus - den Tod, den Erlösungstod vollbringt, so ist dies der ErlÖsungstod für die ganze Menschheit. Aber durchdrungen muß dies werden durch das Bewußtsein, es muß nachgelebt werden von dem einzelnen. Die Erlösung muß selbst in Freiheit wiedergeboren werden. Auch hier gilt das Prinzip des Johannes-Evangeliums von der neuen Wiedergeburt des Menschen. Der ist kein wahrer Mensch, der nicht wiedergeboren ist im Geiste und in der Wahrheit. Das sagte der Christus Jesus. Und heute, da er noch lebt nach seinem Ausspruch, sagt er klar und deutlich in bezug auf den eigenen Erlösungstod: Zwar bin ich einstmals gestorben für die ganze Menschheit, um der Menschheit die Gewißheit zu bringen, daß der Tod besiegt werden kann von dem Leben, aber wiedergeboren werden muß dieser Tod in der Seele des einzelnen Menschen. Der erlöste Mensch ist erst dann wahrhaft erlöst, wenn er auch die Erlösung in sich wiedergeboren hat.“ (Lit.:GA 54, S. 331f)

„Wenn der Mensch glaubt, daß er das höchste menschliche Ideal, wie es für die Erdentwickelung angemessen ist, erreichen kann auf einem bloßen inneren Seelenwege, durch eine Art Selbsterlösung, dann ist eine Beziehung zu dem objektiven Christus nicht möglich. Man könnte auch sagen: Sobald der Erlösungsgedanke für den Menschen etwas ist, was sich auf psychologischem Wege beantworten läßt, gibt es keine Beziehung zu dem Christus. Wer aber tiefer in die Weltgeheimnisse eindringt, wird sehr bald finden, daß, wenn der Mensch glauben kann, daß er sein höchstes Ideal des Erdendaseins lediglich durch sich selbst, nur durch innere Entwicklung erlangen kann, er überhaupt seinen Zusammenhang mit dem Makrokosmos abschneidet; daß er dann den Makrokosmos wie eine Art Natur vor sich hat — und dann wieder die innere Seelenentwickelung neben dem Makrokosmos als etwas parallel damit Verlaufendes; aber einen Zusammenhang zwischen beiden kann er nicht finden. Das ist ja gerade das furchtbar Groteske in der Entwickelung des neunzehnten Jahrhunderts, daß das, was einen Zusammenhang braucht — Mikrokosmos und Makrokosmos —, entzweit, auseinandergerissen worden ist. Wäre das nicht geschehen, so hätten alle die Mißverständnisse nicht entstehen können, die verknüpft sind mit den Namen «theoretischer Materialismus» auf der einen Seite und «abstrakter Idealismus » auf der anderen Seite. Denken Sie, daß das Auseinanderreißen von Mikrokosmos und Makrokosmos dazu geführt hat, daß die Menschen, die wenig auf das innere Seelenleben achten, dazu kamen, daß sie das innere Seelenleben wie die äußere Leiblichkeit zu dem Makrokosmos rechneten, um dann alles im materiellen Prozesse aufgehen zu lassen. Die andern, die gewahr wurden, daß es doch ein inneres Leben gibt, verfielen nach und nach in Abstraktionen bei allem, was schließlich nur für die menschliche Seele eine Bedeutung hat.“ (Lit.:GA 131, S. 196)

Siehe auch

Literatur

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