Soziale Plastik

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Das Titelblatt des Veranstaltungsprogramms der Free International University von Beuys zur documenta 7

Die Soziale Plastik, auch genannt die soziale Skulptur, ist eine spezifische Definition eines erweiterten Kunstbegriffs des deutschen Künstlers Joseph Beuys. Beuys nutzte die Begriffe, um damit seine Vorstellung einer gesellschaftsverändernden Kunst zu erläutern. Im ausdrücklichen Gegensatz zu einem formalästhetisch begründeten Verständnis schließt das von Beuys propagierte Kunstkonzept dasjenige menschliche Handeln mit ein, das auf einer Strukturierung und Formung der Gesellschaft ausgerichtet ist. Damit wird der Kunstbegriff nicht mehr nur auf das materiell fassbare Artefakt beschränkt.[1]

Definition

Die Theorie der „Sozialen Plastik“ besagt, jeder Mensch könne durch kreatives Handeln zum Wohl der Gemeinschaft beitragen und dadurch plastizierend auf die Gesellschaft einwirken. Aus dieser Vorstellung entstand die viel zitierte These der „Sozialen Plastik“: „Jeder Mensch ist ein Künstler“, die Joseph Beuys erstmals 1967 im Rahmen seiner politischen Aktivitäten äußerte.[2] Im Gegensatz dazu werden im üblichen Sprachgebrauch Menschen als Künstler angesehen, die auf dem Gebiet der bildenden oder der darstellenden Kunst und der Musik kreativ tätig sind. Sie erschaffen Kunstwerke oder stellen Ideen zu deren Schaffung bereit.

Dem stellte Beuys seine Vorstellung gegenüber, dass jeder daran teilnehmen kann, das Leben insbesondere in Politik und Wirtschaft sozial und kreativ zu gestalten. Hierfür richtete er 1972 auf der documenta 5 ein Informationsbüro der Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung ein und kandidierte 1979 als Vertreter der Grünen für das Europaparlament. Zuvor rief er die Deutsche Studentenpartei (DSP) sowie die Free International University (FIU) ins Leben, um gesamtgesellschaftliche Veränderungen zu bewirken. Die Free International University gliederte sich später in die Bewegung der Grünen ein. Besondere Fähigkeiten zum Künstler als Erschaffer von Kunstwerken seien in diesem Sinne nicht erforderlich. Beuys ging davon aus, dass die notwendigen Fähigkeiten zur Verwirklichung einer Sozialen Plastik – er sprach hierbei oft von einem „Sozialen Organismus” – Spiritualität, Offenheit, Kreativität und Phantasie seien, die in jedem Menschen bereits vorhanden sind. Diese Fähigkeiten müssten nur erkannt, ausgebildet und gefördert werden.

Die Grundlage der Idee einer Sozialen Plastik ist der Mensch, der durch Denken und Sprache soziale Strukturen entwickelt. Diese Entwicklung der Gesellschaft verstand Joseph Beuys als einen kontinuierlichen kreativen Prozess. Die Aufgabe der Kunst sei es, dem Menschen diesen Prozess bewusst zu machen. Der Gesamtzusammenhang der Sozialen Plastik erklärt sich aus einem sozialen, also das Allgemeinwohl betreffenden Handeln und dem Begriff Plastik, der ein modellierfähiges und formbares Gebilde benennt, das visuell, haptisch, akustisch und thermisch erfahrbar ist und mit der Wahrnehmung der Gesellschaft gleichzusetzen ist. Im Gegensatz zu einem rein formalästhethischen Kunstbegriff umfasst die Soziale Plastik als ein anthropologischer Kunstbegriff jegliche kreative menschliche Tätigkeit. Mit allem, was der Mensch gestaltet und somit als eine geistige Leistung schöpferisch hervorbringt, gilt der Einzelne als gesellschaftsverändernd aktiv.

Aus dieser Annahme heraus beschränkt sich die Kunst nicht mehr nur auf materielle Artefakte, die in einem Museum oder einer Galerie ausgestellt werden, sondern auf die gesamte Gesellschaft, in welcher in allen Bereichen nach der Forderung von Beuys die Kunst ihren Platz einnehmen muss, um veraltete Lebensformen durch neue zu ersetzen.[3][4]

Hintergrund und Bedeutung

Einen großen Einfluss auf Konzeptkunst, Happening und Fluxus hatte Marcel Duchamp. Zweifelsohne rezipierte Joseph Beuys diesen „Inspirator der modernen Kunst“[5] auch über seine Aktion Das Schweigen von Marcel Duchamp wird überbewertet hinaus, die 1964 in Düsseldorf stattgefunden und in der er Duchamps „Anti-Kunstbegriff“ kritisch zur Disposition gestellt hatte. Duchamp hatte den Alltagsgegenstand zweckentfremdet im Museum eingeführt, Beuys befreite diese Alltagskunst nun aus dem Museum und stellte wiederum Duchamps Ansatz in Frage, der auf tradierten Kunstvorstellungen basierte und verkündete: „Wir werden gemeinsam den sozialen Kunstbegriff entwickeln als ein neugeborenes Kind aus den alten Disziplinen“.[5]

Beuys erweiterte nun den gewohnten physikalischen Aspekt der Kunst um die geistige, nicht greifbare, aber ebenso formbare plastische Komponente. Schließlich führte er ein Wechselspiel der Begrifflichkeiten ein, indem er Polaritäten definierte und Kunst und Anti-Kunst gegenüberstellte, was letztlich zu der einfachen Relation Alles und nichts ist Kunst führte. Als sozial definierte er dabei die Erkenntnis, dass der Mensch ein schöpferisches, die Welt bestimmendes Wesen sei und gemeinschaftlich an diesem sinnlichen Erlebnis teilhaben solle. Er formulierte diese Erkenntnis in dem oft zusammenhangslos und beliebig zitierten Ausspruch: „Jeder Mensch ist ein Künstler“.

Rezeption und Interpretation

Nach Beuys erhält jeder Mensch mit der Forderung der Sozialen Plastik im weitesten Sinn die innere und individuelle Freiheit, als einzelner innerhalb der Gesellschaft zu handeln; somit sei der Einzelne auch für die gesamte Gesellschaft verantwortlich. Die Soziale Plastik bringe die verschiedenen Bereiche der Gesellschaft und insbesondere die Probleme einer Gesellschaft, wie vor allem die militärische Bedrohung, die ökologische Krise oder die Probleme der Wirtschaft, durch eine kreative Gestaltung und Mitverantwortung in eine inhaltliche Überschneidung, die einen „gesunden“ Austausch ermöglichen könne. Er sah dabei den Gestaltungsbegriff als Möglichkeit, den „sozialen Organismus“ – von ihm auch „Sozial-Leib“ genannt – aus seiner kranken Gestalt in eine gesunde zu überführen.[6]

Hinter der Forderung der Sozialen Plastik steht daher zudem die Hoffnung, dass die Kunst als interdisziplinäre Sprache zwischen Natur und Mensch in Bezug auf die bestehende Umweltproblematik vermitteln kann und somit die Verwirklichung in allen Lebensbereichen der Gesellschaft das Leben auf der Erde zum Positiven verändert. Die Ausweitung des Kunstbegriffs auf die Politik hatte zur Folge, dass Beuys’ künstlerisches Schaffen zugleich mit politischen Wertmaßstäben betrachtet wurde, obwohl Beuys nicht vordergründig politische Wirkung erreichen wollte. Die Universalisierung des Kunstbegriffs bedingte jedoch gleichermaßen das Politische.[7]

„Jeder Mensch ist ein Künstler“ verneinte nicht spezielle Begabungen, wie etwa in der Malerei, und stellte keine Anweisung an Jedermann dar, auch im klassischen Sinn künstlerisch tätig zu werden. Beuys behauptet vielmehr, dass beispielsweise die Gesellschaft, eine Demokratie ebenso als Kunstwerk betrachtet werden kann, zu dessen Gelingen vor allem individuelle Spiritualität, Offenheit, Kreativität und Phantasie notwendig sind, Einstellungen also, die eigentlich eher der Künstler gegenüber seinen Sujets hegt. Diese Eigenschaften und Fähigkeiten sprach er jedem Menschen zu. Er wandte sich damit gegen eine formalisierte, erstarrende Rollenverteilung in einer spezialisierten Gesellschaft, die der Kunst nur eine Nische zuweisen will, oder wie es die taz schließlich auf den essayistischen Punkt brachte: „So wollte es der erweiterte Kunstbegriff: Raus aus der Nische, 7.000 Eichen pflanzen und Honig in die Politik pumpen!“[8]

Forschung und Lehre

An der Oxford Brookes University existiert eine Social Sculpture Research Unit (SSRU), an der es die Möglichkeit gibt, den Master-Studiengang Soziale Plastik zu belegen und zu diesem Themenbereich zu promovieren.[9] Mitbegründet wurde diese Forschungseinrichtung von der Beuys-Schülerin Shelley Sacks.[10]

Kritik

An einem Diskussionabend Ende August 1920, der mit einem Vortrag Ernst Uehliis mit dem Thema "Der Künstler im dreigliedrigen Organismus" eingeleitet wurde, wird von einem Teilnehmer folgende Frage gestellt: "In welchem Verhältnis steht der Künstler beziehungsweise seine Arbeitsleistung zur sozialen Urzelle? Hat er nicht auch Arbeitsleistungen zu erbringen in Zeiten der Vorbereitung?" Die Thematik ist dabei, welche Lebens- und Schaffensbedingungen der Künstler in einem dreigegliederten Organismus hat. Rudolf Steiner bemerkt, seine Antwort einleitend, wie folgt:

„Wenn es sich um Kunst und soziales Leben handelt, so habe ich eigentlich immer ein gewisses unbefriedigendes Gefühl bei einer diese beiden Dinge betreffenden Diskussion, aus dem einfachen Grunde, weil schon die ganze Art der Gedankeneinstellung, der Seeleneinstellung, die in Frage kommt, wenn man von sozialer Gestaltung, von sozialer Struktur spricht, eine etwas andere sein muß als diejenige, die man haben muß, wenn man von Kunst, von ihrem richtigen Hervorgehen aus der Menschennatur und ihrer Geltendmachung im Leben, vor den Menschen reden soll. In einer gewissen Beziehung sind die beiden Gebiete miteinander nicht recht vergleichbar."“ (Lit.:GA 337b, S. 97)

Später wird diese Ansicht nochmals bekräftigt: Soziales Leben und künstlerisches Leben sind zwei völlig verschiedene Gebiete:

„Deshalb ist eine Diskussion über diese Dinge eigentlich mißlich, denn es sind zu disparate Gebiete - das soziale Leben und das künstlerische Leben.“ (Lit.:GA 337b, S. 103)

Rudolf Steiner legt allerdings einen traditionellen Begriff von Kunst und künstlerischem Schaffen zugrunde. Wahre Künstler hätten eine besondere und exklusive genialische Begabung, die sie vom Durchschnittsmenschen unterscheide, und zudem dränge es sie in einer geradezu schicksalhaften Weise, der mitgebrachten Begabung Ausdruck zu verleihen, aller Hindernisse zum Trotz. Trotzdem würde es den Künstlern im verwirklichten dreigegliederten Organismus leichter gemacht, ihr Künstlertum zu leben, indem sie die wünschenswerte Anerkennung erhalten, und auch für ihren Lebensunterhalt gesorgt ist. An einen unmittelbaren Einsatz der künstlerischen Fähigkeiten für die Sozialgestaltung wird nicht gedacht. Der günstige Einfluß auf das soziale Leben, der von den Künstlern und ihrer Kunst ausgeht, ergibt sich eher indirekt über die Rezeption der Kunstwerke durch die Menschen. Die Kunst hat ja bekanntlich positive Auswirkungen auf das Seelenleben. Dies ist ein Vorgang innerhalb des Geisteslebens.

Trotzdem die Thematik nicht diejenige eines Vergleichs von künstlerischer Tätigkeit und Sozialgestaltung ist, muß doch konstatiert werden, daß offenbar nicht einmal die Fragestellung damals eine solche war, daß das Soziale etwas haben könnte, was einem Kunstwerk gleicht. Der soziale dreigegliederte Organismus ist (bei Zugrundelegung der Steinerschen Kunstauffassung) offenbar nicht als Kunstwerk zu verstehen. Die Sozialgestaltung ist mehr eine Sache des Alltags, der nüchternen, praktischen Arbeit. Die entsprechenden Begabungen, die für die Gestaltung des sozialen Lebens erforderlichen kreativen Vermögen, Einsichten und Ausführungs"künste" sind nicht hohe Kunst, die Steiner für eine Blüte des Geisteslebens ansieht. Demgegenüber findet in der sozialen Praxis mehr eine nüchterne Handwerkskunst statt. Jeder Mensch ist ein Handwerker, oder kann es jedenfalls sein, könnte man zugespitzt formulieren: Die Fähigkeiten, Kompetenzen, auch die erforderliche Kreativität für das Soziale kann sich jeder Durchschnittsmensch aneignen. Die hohe Kunst, das Schaffen von Kunstwerken ist Sache nur weniger, besonders begabter und auch zu ihrer Kunst berufener Menschen.

Freilich ist der von Steiner zugrundegelegte Kunstbegriff strittig, und Beuys gilt als ein Künstler, der die Überwindung einer solchen, eher elitären Auffassung mit am meisten vorangebracht hat. Aber man muß auch darauf sehen, was der Gegenstand, das Gestaltungsobjekt ist. Das soziale Leben ist nicht im gleichen Sinne Material, wie das Material des Künstlers. Nun gibt es heute Aktionskunst, Publikumsintegration in eine Performance und dergleichen. Dennoch ist das Kunstverständnis heute weiter bestimmt durch die klassische Materialauffassung. Der Künstler bearbeitet, gestaltet Material nach seiner Idee, und zwar reichlich gewaltsam, er zwingt dem Material seine Idee auf, allerdings unter Beachtung der Materialgemäßheit. Im sozialen Leben geht das so nicht. Man kann mit anderen Menschen nicht so schalten und walten, wie mit Farben und Tönen. Es gibt solche Praxis, aber sie ist Manipulieren von Menschen, also gerade nicht das, was eine gute Sozialgestaltung ausmacht. Auch wenn daran festgehalten werden soll, von Sozialkunst zu sprechen, so muß doch, was Rudolf Steiner in der Fragenbeantwortung betont hat, beachtet werden, daß es sich um verschiedene Gebiete handelt, die ihre je eigenen, unterschiedlichen Gesetzmäßigkeiten haben, mag man die soziale Praxis ein künstlerisches Tun nennen, oder nicht.

Nun hat allerdings Rudolf Steiner 1906 selbst von einer sozialen Kunst, der königlichen Kunst, gesprochen, die es in der Zukunft geben wird: "Die königliche Kunst wird in der Zukunft eine soziale Kunst sein." Im Gegensatz zu der aus dem Zusammenhang genommenen Zitierung dieses Satz andernorts, der dadurch mißverständlich sein muß, seien hier die davor liegenden Worte Steiners mitangeführt. Gemeint ist die königliche Kunst der Freimaurerei.

„Das letzte Ereignis auf sozialem Gebiet, das durch die alte Maurerei herbeigeführt wurde, war die Französische Revolution, in der mit den Ideen Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit konsequent die Grundidee der alten Maurerei auf sozialem Gebiete in die Öffentlichkeit kam. Die das wissen, wissen auch, daß durch unzählige Kanäle die Ideen, die vom Gral ausgegangen sind, verbreitet wurden und die eigentlich wirkenden Kräfte in der Französischen Revolution waren. Nur als ein mißglückter, als ein unmöglicher Versuch, als letzter, ich möchte sagen, verzweifelter Kampf innerhalb der zu Ende gehenden Menschheitswelle steht das da, was man heute Sozialismus nennt. Er kann ein wirklich positives Resultat nicht herbeiführen. Was durch ihn erreicht werden soll, kann nur durch das lebendige Wirken erreicht werden; die Säule der Stärke genügt nicht. Der Sozialismus kann nicht mehr durch unlebendige Kräfte bemeistert werden. Die Ideen der Französischen Revolution, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit waren die letzten Ideen, die aus dem Unlebendigen flossen. Unfruchtbar, dem Sterben geweiht ist alles dasjenige, was noch in demselben Geleise bleibt. Denn das heute in der Welt bestehende große Übel, das ungeheure Elend, das mit so furchtbarer Gewalt zum Ausdruck kommt in dem, was man die soziale Frage nennt, kann nicht mehr mit dem Unlebendigen gemeistert werden. Dazu bedarf es einer königlichen Kunst; und diese königliche Kunst ist es, die inauguriert worden ist in dem Symbol des Heiligen Gral. Der Mensch muß durch diese königliche Kunst etwas in seine Hand bekommen, was ähnlich ist derjenigen Kraft, die in der Pflanze sproßt, derjenigen Kraft, die der Magier verwendet, wenn er die Pflanze, die vor ihm steht, schneller wachsen macht. In ähnlicher Weise muß von dieser Kraft ein Teil verwendet werden zum sozialen Heil. Diese Kraft, die beschrieben worden ist von solchen, die etwas von den rosenkreuzerischen Geheimnissen wissen, wie zum Beispiel von Bulwer in seinem Zukunftsroman «Vril», ist gegenwärtig aber noch in elementarem Keimzustande. Sie wird in der Freimaurerei der Zukunft der eigentliche Inhalt der höheren Grade sein. Die königliche Kunst wird in der Zukunft eine soziale Kunst sein.“ (Lit.:GA 93, S. 280f.)

Unter der "Freimaurerei der Zukunft" hat man wohl das Wirken von christlichen Eingeweihten zu verstehen, von denen Rudolf Steiner selbst auch schon einer war. Sein Vorschlag, die Gesellschaft neu zu ordnen nach der Idee der sozialen Dreigliederung, ist eine erste solche Tat einer "königlichen Kunst". Und es ist natürlich auch so, daß die Menschheit insgesamt fortschreitet, und sich dann mit ihrer Vervollkommnung immer mehr Menschen zu dieser königlichen Kunst befähigen werden.

Man wird aber doch für eine Sozialgestaltung in solchem Sinne wieder einen anderen, besonderen Begriff von Kunst zugrundelegen müssen. Die Freimaurer waren Baumeister, d.h. Handwerker. Auch wenn ein künstlerischer Aspekt hinzukommt, geht es in erster Linie um das technische Können, das dem Durchschnittsmenschen so nicht gegeben ist. Schon gar nicht kann ein allgemeines kreatives Vermögen im Sinne von "Jeder Mensch ist ein Künstler" einfach so zu solcher zukünftigen königlichen Kunst, die sich heute schon in Ansätzen zeigen mag, in Beziehung gesetzt werden.

Der Vergleich mit dem Wachsenlassen der Pflanzen deutet auch darauf hin, daß die Gesetze, denen das Soziale unterliegt, nicht mißachtet werden. Man wird diese Gesetzmäßigkeiten zur vollen Entfaltung bringen, und was ihnen widerspricht, wie z.B. die Unzulänglichkeiten des heutigen Einheitsstaats, des "gemischten Königs" im Sozialen, beiseite schaffen, bzw. eben mit der königlichen Kunst praktisch bearbeiten, umgestalten. Es ist natürlich schon denkbar, daß Joseph Beuys, wenn nicht selbst ein Eingeweihter in solchem Sinne, so doch von solchen Eingeweihten inspiriert war, im Sinne solcher königlichen Kunst beginnen zu wirken. Für den Durchschnittsmenschen geht es dann darum, danach zu streben, diese königliche Kunst anfänglich zu erlernen, angeleitet durch Rudolf Steiner, Joseph Beuys und andere.

Bei der heutigen Betonung von kreativen Vermögen wird viel zu sehr lediglich betont, wie kreative Quellen anzuzapfen seien. So genügt es dann vielen schon, sich inspiriert zu fühlen, und zusammen mit anderen "was zu machen". Aber wie macht man es, wie sieht die praktische Durchführung aus? Kunst kommt von Können.

Soziale Plastik und gemischter König

Man könnte die These aufstellen, daß die soziale Plastik die Auflösung des gemischten Königs ist. Dabei hätte die Auflösung eine doppelte Bedeutung: Sie wäre der Weg dorthin und sein Ergebnis. Diese These wird sich aber so nicht halten lassen. Der gemischte König ist ebenfalls soziale Plastik, nicht nur in der alten Form des Einheitsstaats, sondern insbesondere auch in seinen vielen neuen Formen, die vorgeben, keine retardischen im Sinne der Figur des Retardus zu sein, sondern sich als progressive Neugestalten mit zumindest langfristiger Auflösungsqualität gerieren. Letztlich läßt sich jede soziale Plastik, der keine Auflösungsqualität zukommt (wer kann dies beurteilen?), als eine interpretieren, die auf dem Weg zu solcher Auflösung ist, oder den Weg zur Auflösung des gemischten Königs bzw. die Wegbereitung für den goldenen, silbernen und ehernen König, indirekt unterstützt und dergleichen.

Aber auch die bloßen Versuche und das wirklich Mißratene gehören zur sozialen Gesamtplastik dazu, auch weil Schüler schon volle Künstler sind. Mit Recht, denn man kann im Sozialen nicht probeweise tätig sein, oder dies nur in engen Grenzen, bei bestimmten Bedingungen. Trotzdem so manche soziale Plastiken oder Teilstücke also als mißraten anzusehen sind, - die drei Könige wären dann nicht vollständig (d.h. auch in richtiger Relation) befreit, sondern nur teils und auf falsche Weise, und in anderen Hinsichten auch wieder neu verquickt, vermischt usw. -, sind sie doch gleichermaßen Bestandteile des Gesamtkunstwerks sozialer Organismus. Sie müssen wieder rausgearbeitet werden, oder kommen schließlich durch neue Bezüge in ein Verhältnis, in dem sie sich zum Guten, bzw. man muß wohl sagen, zum Schönen fügen.

Siehe auch

Literatur

Schriften von Joseph Beuys

  • Joseph Beuys: Jeder Mensch ein Künstler – Auf dem Weg zur Freiheitsgestalt des sozialen Organismus (FIU-Verlag), ISBN 3-928780-52-2
  • Joseph Beuys: Ein kurzes erstes Bild von dem konkreten Wirkungsfelde der sozialen Kunst, Wangen 1987 (FIU-Verlag), ISBN 3-926673-02-8
  • Joseph Beuys: Eintritt in ein Lebewesen – Vortrag u. Diskussion v. 6.8.77 anläßl. Honigpumpe am Arbeitsplatz, zwei CDs in kt. Hülle; Wangen 2005 (FIU-Verlag), ISBN 3-928780-51-4
  • Joseph Beuys: KUNST = KAPITAL – Achberger Vorträge, Wangen (FIU-Verlag), ISBN 3-928780-03-4

Weitere Literatur

  • Volker Harlan, Rainer Rappmann, Peter Schata: Soziale Plastik – Materialien zu Joseph Beuys, Achberg 1976 (Achberger Verlagsanstalt), ISBN 3-88103-065-4
  • Thomas Mayer & Johannes Stüttgen Kunstwerk Volksabstimmung, Wangen 2004 (FIU-Verlag), ISBN 3-9287-80239
  • Volker Harlan: Was ist Kunst? Werkstattgespräch mit Joseph Beuys , Stuttgart 1986 (Urachhaus), ISBN 3-87838-482-3
  • Hiltrud Oman: Joseph Beuys. Die Kunst auf dem Weg zum Leben, München 1998, (Heyne), ISBN 3-453-14135-0
  • Wolfgang Zumdick: Über das Denken bei Josef Beuys und Rudolf Steiner, Basel 1995 (Wiese Verlag), ISBN 3909164285
  • Wolfgang Zumdick: Ursache Zukunft. Joseph Beuys und Rudolf Steiner. Soziale Skulptur heute, in: In: Vernissage, Heidelberg, Vernissage Verlag, Nr. 3(2007), S. 29 - 35, Ill.
  • Mareen Scholl: Soziale Plastik 48 Stunden Neukölln, Cultura21 eBooks Reihe zu Kultur und Nachhaltigkeit, Bd. 5, 2012, ISBN 978-3-945253-08-3, PDF
  • Johannes Thiele / Stefan Weishaupt: Die soziale Skulptur – die Erweiterung des Ich durch die Kunst, Edition AQINarte, Schriftenreihe Das schöpferische Prinzip in der Kunst, Nr. XVIII, ISBN 978-3-933332-41-9, Verlagsauskunft

Zitierte Literatur

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Weblinks

Einzelnachweise

  1. Barbara Lange: Soziale Plastik, in: Hubertus Butin: DuMonts Begriffslexikon zur zeitgenössischen Kunst, S. 276.
  2. Wolfgang Zumdick: Joseph Beuys als Denker. PAN/XXX/ttt, Sozialphilosophie – Kunsttheorie − Anthroposophie, Mayer, Stuttgart, Berlin 2002, S. 12
  3. Barbara Lange: Soziale Plastik, in: Hubertus Butin: DuMonts Begriffslexikon zur zeitgenössischen Kunst, S. 276.
  4. Joseph Beuys: Aufruf zur Alternative, Erstveröffentlichung in der Frankfurter Rundschau am 23. Dezember 1978
  5. 5,0 5,1 Heiner Stachelhaus: Joseph Beuys. S.83f.
  6. Wilfried Heidt: Vortrag zum "Erweiterten Kunstbegriff" und zur "sozialen Plastik" (Die Umstülpung des demiurgischen Prinzips). Sommer 1987. In: Die unsichtbare Skulptur. Zum erweiterten Kunstbegriff von Joseph Beuys, hrsg. von der FIU Kassel, Stuttgart, 1989. (abgerufen 6. Mai 2009)
  7. Beuys humanistischer Kunstbegriff und die Universalisierung des Politischen. (abgerufen 25. Februar 2008)
  8. politik verstehen, kunst leben: joseph beuys zum achtzigsten in: taz, 12. Mai 2001
  9. Homepage der Social Sculpture Research Unit (SSRU)
  10. Soziale Plastik heute Interview mit Shelley Sacks in Oya 09/11
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