Tumbheit, Zwifel und Saelde

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Tumbheit (auch mhd. tumpheit „Dumpfheit, Einfalt“), Zwifel (auch mhd. zwîvelZweifel“) und Saelde (mhd.Seligkeit“) sind drei Stufen der seelischen Entwicklung, die auf dem Einweihungsweg zu erklimmen sind. Sie werden vor allem in den mittelalterlichen Dichtungen des 12., 13. und 14. Jahrhunderts in der Morgenröte des nahenden Bewusstseinsseelenzeitalters etwa von Hartmann von Aue, Gottfried von Straßburg und namentlich von Wolfram von Eschenbach in seinem «Parzival» beschrieben.

„Das Fragen der Seele nach dem Höchsten, das sie finden konnte, wurde in den späteren Zeiten draußen in der Welt genannt «Das Geheimnis vom Heiligen Gral». Und die Gralsage, Parzivalsage, ist nichts anderes als ein Ausdruck des Christus-Mysteriums. Der Gral ist jene heilige Schale, in »der der Christus das Abendmahl genommen hat, in der der Josef von Arimathia aufgefangen hat das Blut des Christus, wie es geflossen ist auf Golgatha. Von einer solchen Schale umschlossen ist das Blut des Christus an einen heiligen Ort gebracht worden. Solange die Menschen nicht fragen nach dem Unsichtbaren, geht es ihnen wie Parzival. Erst als er fragt, wird er ein Eingeweihter des Christus-Mysteriums.

So sehen wir, wie Wolfram von Eschenbach in seine Darstellung hineinverwebt die drei Stufen der Menschenseele, die erst ausgeht von der äußeren sinnlichen Wahrnehmung, wo sie, im Materiellen befangen, sich sagen läßt vom materiellen Geist, was wahr ist. Das ist die Seele in ihrer «Tumbheit», wie Wolfram von Eschenbach sich ausdrückt. Dann erkennt die Seele, wie die Außenwelt nur Illusionen gibt. Wenn die Seele merkt, daß in dem, was die Naturwissenschaft zu geben vermag, nicht Antworten zu finden sind, sondern nur Fragen, so verfällt die Seele in das, was Wolfram von Eschenbach nennt den «Zwifel». Dann aber steigt sie auf zur «Saelde», zur Seligkeit, zum Leben in den geistigen Welten. Das sind die drei Stufen der Seele.“ (Lit.:GA 57, S. 433f)

„Man unterschied bei der Einführung in die Mysterien drei Stufen, durch die der Mensch hindurchgehen mußte. Die erste Stufe war die Dumpfheit, die zweite Stufe war der «Zwifel», die dritte Stufe war die «Saelde». Die erste Stufe war die, auf welcher der Mensch von allem Vorurteil der Welt hinweggeführt wurde, hingewiesen wurde auf die Kraft seiner eigenen Seele, seine eigene Liebeskraft, damit er das innere Licht leuchten sehen konnte. Die zweite Stufe war der Zwifel, Zweifel. Dieser Zweifel an allem kommt auf der zweiten Stufe der Einweihung, und er wird auf einer höheren Stufe hinaufgehoben in die innere Seligkeit = Saelde. Dies war die dritte Stufe, das bewußte Zusammenführen mit den Göttern.

Perceval - dringe durch das Tal! -, so wurden im Mittelalter solche Einzuweihende genannt.“ (Lit.:GA 97, S. 266)

„Solche Entwickelungsimpulse ruhen tief in den bedeutsamen Kulturergebnissen der Menschheit. Und es erweckt in uns gewiß ein tiefes Gefühl, wenn in der Zeit, in der sich die europäische Menschheit nähert diesem fünften nachatlantischen Kulturzeitraum, solche Dichtungen heraufkommen, wie die des Wolfram von Eschenbach, der «Parzival». Wir haben die Dichtung als solche oftmals betrachtet, aber wir wollen heute ein Auge haben, ein Seelenauge haben für etwas, was uns da als ein grandioses Merkzeichen der Zeit entgegentritt. Sehen Sie sich die merkwürdige Charakteristik an, die nun, nicht nur bei Wolfram, sondern überhaupt bei den Menschen dieser Zeit, indem in ihnen die Dichterkraft aufgeht, heraufkommt.

Da sieht man, ich möchte sagen, sich beunruhigt durch drei Entwickelungsstadien der menschlichen Seele. Das erste, was man an dem Menschen wahrnimmt, wenn er in die Welt hereintritt, wenn er sich seinem Leben überläßt, wenn er in naiver Weise im Zusammenhang mit der Welt lebt, das erste, was man wahrnimmt, ist die Einfältigkeit, Dumpfheit.

Das zweite aber, das ist der Zweifel. Und gerade in dieser Zeit des herannahenden fünften nachatlantischen Zeitraumes wird der Zweifel lebendig geschildert. Ist Zweifel des Herzens Angebinde, so muß dem Menschen das Leben sauer werden: das ist die Empfindung in jener Zeit. Aber die Empfindung ist auch da: Der Mensch muß sich durchringen durch den Zweifel zur Saelde, zur Seligkeit. - Und Seligkeit nennt man dann dasjenige, wo der Mensch in die ungöttlich gewordenen Gedanken, in die ganz irdisch gewordenen, toten Gedanken nun wiederum das göttliche Leben hereinbringt. Als den Zustand des Zweifels empfindet man dieses Untertauchen des Menschen mit seinen Gedanken in den irdischen Bereich. Und die Saelde, die Seligkeit, empfindet man wie ein Losreißen von dem Irdischen dadurch, daß man die Gedanken wiederum lebendig macht.

Tafel 10 aus GA 222, S. 120

Das ist gerade als ein Stimmungsgehalt der Dichtungen in diesem 12., 13., 14. Jahrhundert vorhanden, wo man sich herauf ringt in den fünften nachatlantischen Zeitraum. Ich möchte sagen, die erste Morgenröte dieses fünften nachatlantischen Zeitraumes wurde lebendiger von den Menschen empfunden als heute, wo die Menschen müde sind, über diese Dinge nachzudenken, wo sie zu bequem geworden sind. Aber sie werden wieder beginnen müssen, über diese Dinge tief nachzudenken, und namentlich nachzufühlen. Sonst würde eben der Aufstieg der Menschheit nicht möglich sein.“ (Lit.:GA 222, S. 119f)

„Wenn nur solche Gedanken ausgebildet werden, wie sie heute gang und gäbe sind, wenn die Gedanken nicht durchdrungen werden von der Weisheit des Spirituellen, dann können sich die Seelen, die sich heute nur in dem Materiellen denkend beschäftigen, in den späteren Inkarnationen ihres Gehirns nicht mehr ordentlich bedienen, weil die Kräfte das Gehirn nicht mehr angreifen können, weil sie zu schwach werden. Das ist so, daß eine Seele, die heute bloß, sagen wir, Soll und Haben zusammenaddiert oder sich mit den Usancen des kommerziellen oder industriellen Lebens beschäftigt oder nur materialistische WissenschaftsbegrifFe aufnimmt, sich anfüllt mit Denkgebilden, die nach und nach in späteren Inkarnationen das Bewußtsein verdunkeln, weil das Gehirn wie eine unplastische Masse - gerade wie heute bei der Gehirnerweichung - nicht mehr von den Denkkräften angegriffen werden könnte. Daher muß für den, der in diese tieferen Kräfte der menschheitlichen Entwickelung hineinschaut, alles, was in der Seele leben kann, durchsetzt werden von der spirituellen Erfassung der Welt.

So mag denn die Menschennatur in der neueren Zeit noch eine Doppelnatur sein. In die Kräfte, die vorzugsweise der Bewußtseinsseele angehören, muß der Mensch Wissen aufnehmen, innerliches spirituelles Wissen, spirituelle Erkenntnis. Überwinden muß der Mensch die zwei Gebiete, die Parzival durchmacht: überwinden muß er die «Dumpfheit» und den «Zweifel» in seiner Seele. Denn wenn er mitnehmen würde Dumpfheit und Zweifel in die spätere Inkarnation, so würde er mit ihnen nicht zurecht kommen. Wissend muß der Mensch werden in bezug auf die spirituellen Welten. Nur dadurch, daß sich in der Menschenseele das Leben ausbreitet, das Wolfram von Eschenbach Saelde nennt und das kein anderes Leben ist als das, welches spirituelles Wissen über die Bewußtseinsseele ergießt, nur dadurch kann die menschliche Seelenentwickelung von dem fünften Zeitraum an in den sechsten wirklich fruchtbar hinüberschreiten. Das gehört zu den Ergebnissen der neueren Mysterien; das sind die gewichtigen, bedeutsamen Ergebnisse, die aufgenommen werden müssen aus den heutigen Mysterien, die eine Nachwirkung des Gralmysteriums sind. Das ist aber auch so, daß es - ungleich allem älteren Mysterienwissen - wirklich auch allgemein verstanden werden kann. Denn nach und nach müssen eben überwunden werden die unbewußten und toten Kräfte der Seele und des Organismus durch eine starke Durchdringung der Bewußtseinsseele mit spirituellem Wissen, das heißt mit verstandenem, begriffenem spirituellen Wissen, nicht mit einem auf Autorität gebauten Wissen.“ (Lit.:GA 144, S. 77ff)

„Eigentlich kann es eine tiefere moderne Seele gar nicht geben, die nicht durch den nagenden Zweifel durchgeht. Kennengelernt sollte die moderne Seele diesen nagenden Zweifel haben! Dann wird sie erst mit starken Kräften einmünden in jenes spirituelle Wissen, das für die Bewußtseinsseele das eigentlich ist, und das sich erst aus der Bewußtseinsseele ergießen muß in die Verstandes- oder Gemütsseele, um dort Herr zu werden. Daher müssen wir in vernünftiger Weise zu durchdringen suchen, was unserer Bewußtseinsseele dargereicht wird aus dem okkulten Wissen. Dadurch werden wir in unserem Innern ein solches Selbst heranziehen, das innerhalb des Innern ein wirklicher Herr und Herrscher ist. Dann stehen wir, wenn wir das moderne Mysterienwesen kennenlernen, uns selbst gegenüber.“ (S. 80)

Der physiologische Hintergrund

Im Zug der Menschheitsentwicklung verändert sich auch der menschliche Organismus im Lauf der Jahrhunderte in feiner, aber bedeutsamer Weise hinsichtlich seiner Anatomie und Physiologie. Und damit sind auch über den Umweg des zentralen Nervensystems ebenso bedeutsame Rückwirkungen auf das Seelenleben verbunden. Eine wesentliche Veränderung geschah in der Zeit vom 12. bis 14. Jahrhundert kurz vor Anbruch des Bewusstseinsseelenzeitalters, als die bis dahin dominierende Nierentätigkeit allmählich durch die stärker werdende Leber- und Gallentätigkeit zurückgedrängt wurde. Als noch die Nierentätigkeit überwog, war das Bewusstsein mit einer gewissen Dumpfheit belastet, die erst durch die stärkere Leber- und Gallentätigkeit überwunden wurde, die die physiologische Basis für die Saelde, für die vollbewusste Vereinigung mit der göttlich-geistigen Welt bildet. Im Übergang tritt der Zweifel auf, der mit Turbulenzen im Herz-Lungen-System zusammenhängt.

„Der Mensch ist eine ungemein feine Organisation; aber diese ist nicht immer gleich. Wenn wir nur ein paar Jahrhunderte zurückgehen - nicht wahr, für die Gesamtentwickelung sind ein paar Jahrhunderte nicht viel —, da kommen wir zum Beispiel in die Zeit, in welcher das jetzige Zeitalter, die eigentliche Epoche der Bewußtseinsentwickelung begonnen hat. Wir kommen hinter das 15., 14., 13. Jahrhundert zurück in der nachchristlichen Zeit. Da ist es in der Tat so gewesen, daß gerade in der zivilisierten Welt - so grotesk das heute auch für die Menschen erscheint -, ungefähr durch die ganze Zeit vom 4. Jahrhundert bis ins 14. Jahrhundert, die Nierentätigkeit das Wichtigste war; und seither ist es die Lebertätigkeit geworden für die Gesamtmenschennatur.

Ich möchte sagen: die Anatomie und Physiologie des Menschen ändert sich eben im Laufe der Jahrhunderte, und namentlich der Jahrtausende, und man kann Geschichte nicht studieren, wenn man nicht auf die feine Struktur des Menschen eingeht und weiß, wie solche Umwandlungen der äußeren Zivilisationserscheinungen, wie die vom Mittelalter in die neue Zeit, auch verknüpft sind mit einer Umwandlung der ganzen Menschheitsorganisation.“ (Lit.:GA 218, S. 82)

„Und sehen Sie, es tritt so um die Wende des 12., 13., 14. Jahrhunderts in Europa eine Anschauung auf, die ich von den verschiedensten Seiten her schon charakterisiert habe, und die sich ausspricht in der Gralssage, in der Parzival-Sage, in alldem, was solche Dichter gedichtet haben wie Wolfram von Escbenbach, Hartmann von Aue, Gottfried von Straßburg und so weiter. Da tauchen die Motive auf. In der Parzival-Dlchtung, in der echten Parzival-Dichtung, da taucht besonders ein Motiv auf, das besteht darin, daß man plötzlich einmal darstellen will, wie der Mensch sich hinentwickeln soll zu demjenigen, was man dazumal «saelde» nannte. Das ist das Gefühl eines gewissen inneren Glücksempfindens, saelde, verwandt mit unserem Seligkeit, aber nicht dasselbe, saelde ist Durchzogensein mit einem gewissen inneren Glücksgefühl. Das taucht auf und beherrscht eigentlich die ganze Zivilisation des 13. und 14. Jahrhunderts. Alle poetischen Motive, auch alle prosaischen Motive, aber insbesondere das Parzival-Motiv, die werden durchdrungen von dem, und es strebt alles dahin. Man strebt nach dieser saelde, nach diesem innerlichen Glücksgefühl, das aber nicht irreligiös, nicht etwa ein innerliches Glücksbehagen sein soll, sondern ein Durchseeltsein mit den göttlichen Schöpferkräften.

Warum kommt das herauf? Das kommt herauf, weil dieser Übergang stattfindet von Nierentätigkeit zur Lebertätigkeit. Sie können das begreifen, wenn Sie zur Physiologie Ihre Zuflucht nehmen. Die früheren Physiologen waren, in einer gewissen Beziehung natürlich, bessere Physiologen als die materialistischen Physiologen der Gegenwart; das waren nämlich die Schreiber des Alten Testamentes, wo man zum Beispiel sagte, wenn man schlechte Traume gehabt hat - ich habe darauf schon aufmerksam gemacht -: Der Herr hat mich durch meine Nieren in dieser Nacht gestraft. - Dieses Wissen von gewissen Zusammenhängen einer unnormalen Nierentätigkeit mit den schlechten Träumen, das setzte sich dann fort, und davon war man zum Beispiel im 8., 9., 10. Jahrhundert noch tief durchdrungen, daß man schwer wird durch die Nierentätigkeit. Die Nierentätigkeit war allmählich den Menschen zu etwas Schwerem geworden. Natürlich redet man im Äußeren nur von etwas, was einem schwer geworden war. Man kam nicht so recht hinaus. Man klebte an dem Irdischen. Und da empfand man dieses Durchsetzen mit Galle von der physischen Seite her, das aber verbunden war mit einer Durch-saeld-ung, als eine Erlösung, eine innerliche Erlösung - ein innerliches, aber gotterfülltes Glücksgefühl, ein Hinwegstreben von dem Dumpfen der Niere. Die Niere entwickelt ja auch eine Denktätigkeit; die Niere entwickelt die dumpfe Denktätigkeit im Menschen auf dem Umwege durch das Gangliensystem, was dann durch Induktion verbunden ist mit dem Rückenmarkssystem und mit dem Gehirnsystem, sie entwickelt namentlich dasjenige Denken, das gerade auch im Mittelalter eine große Rolle gespielt hat. Man nannte es dazumal «tumpheit». Und diese Entwickelung von der tumpheit bis zur Erhellung, saelde, das war ja etwas, was zum Parzival-Motiv wurde. Der Parzival entwickelt sich von der tumpheit bis zur saelde.

Man darf das nicht bloß in der abstrakten Weise betrachten, sondern man muß das auch anschauen mit etwas Gefühl und Empfindung. Anfangs ist der Parzival so, wie er hervorgeht aus seiner schwer gewordenen Kultur. Man kriegt ihn nicht recht in Bewegung. Erst später kommt die saelde in ihn, nachdem er durch den Zweifel hindurchgegangen ist. Der Zweifel ist in ihm, das Durchrütteltwerden mit dem Herz-Lungensystem. Nachdem er da hindurchgegangen ist, findet er den Einzug in die saelde.

Und es gibt eine solche Möglichkeit, bis in die Glieder des menschlichen Organismus hinein zu verfolgen, was an Stimmungen in der großen Weltgeschichte vorgeht. Man kann sagen: Bei den tonangebenden Menschen, bei denjenigen, die solch ein Parzival-Motiv ausgestaltet haben, bei denen ist es so, daß sie die Pioniere, die ersten Vorläufer waren dieser neuzeitlichen Menschheitsorganisation, die übergegangen ist von der alten Nierentätigkeit zu der neueren Lebertätigkeit. Man muß so etwas nicht verachten. Man muß nicht sagen: Das ist das niedere Sinnliche. - Gott hat es auch nicht verachtet, die niedere Materie zu schaffen, sondern er hat sie eben geschaffen. Ebenso obliegt es der Erkenntnis, bis in die äußersten Ausläufer des Materiellen hinein die göttliche Schöpfertätigkeit zu verfolgen, und nicht nur ein vornehmer Historiker zu sein, der den Parzival schildert und der sagt: Wenn man den Parzival schildert, darf man nicht zugleich etwas so Niedriges wie die physiologische Tätigkeit des Menschen ins Auge fassen.“ (S. 83ff)

„Bei den Menschen vor dem Mysterium von Golgatha war es so, daß sie wie Kinder heranwuchsen: sie lernten gehen, sprechen, und sie lernten selbstverständlich, solange die elementaren Kräfte im Sinne des alten Hellsehens noch da waren, auch hellsehen. Sie lernten es wie etwas, was sich ergab im Umgange mit der Menschheit, so wie es sich ergab im Umgange mit der Menschheit, daß man durch die Organisation des Kehlkopfes das Sprechen lernte. Man blieb aber nicht beim Sprechenlernen stehen, sondern schritt vor zu dem elementaren Hellsehen. Dieses elementare Hellsehen war gebunden an die gewöhnliche menschliche Organisation so, wie die menschliche Organisation drinnenstand in der physischen Welt; es mußte also notwendigerweise das Hellsehen auch den Charakter der menschlichen Organisation annehmen. Ein Mensch, der ein Wüstling war, konnte nicht eine reine Natur in sein Hellsehen hineinschieben; ein reiner Mensch konnte seine reine Natur auch in sein Hellsehen hineinschieben. Das ist ganz natürlich, denn es war das Hellsehen an die unmittelbare menschliche Organisation gebunden.

Eine notwendige Folge davon war, daß ein gewisses Geheimnis - das Geheimnis des Zusammenhanges zwischen der geistigen Welt und der physischen Erdenwelt -, das vor dem Herabstieg des Christus Jesus bestand, nicht für diese gewöhnliche menschheitliche Organisation enthüllt werden durfte. Es mußte die menschheitliche Organisation erst umgestaltet, erst reif gemacht werden. Der Jüngling von Sais durfte nicht ohne weiteres, von außen kommend, das Bild der Isis sehen. Mit dem vierten nachatlantischen Zeiträume, in welchen das Mysterium von Golgatha hineinfiel, war das alte Hellsehen verschwunden. Eine neue Organisation der Menschenseele trat auf, eine Organisation der Menschenseele, die überhaupt abgeschlossen bleiben muß von der geistigen Welt, wenn sie nicht fragt, wenn sie nicht den Trieb hat, der in der Frage liegt. Dieselben schädlichen Kräfte, die in alten Zeiten an die Menschenseele herangetreten sind, können nicht an sie herantreten, wenn man gerade nach dem Geheimnis fragt, das das Geheimnis des Heiligen Grales ist. Denn in diesem Geheimnisse birgt sich das, was seit dem Mysterium von Golgatha in die Aura der Erde jetzt ausgeflossen ist. Was früher nicht in sie ausgeflossen war, was jetzt als das Geheimnis des Grales in die Erdenaura ausgeflossen ist, bliebe einem doch immer verschlossen, wenn man nicht fragt. Man muß fragen, was aber nichts anderes heißt als: man muß den Trieb haben, dasjenige, was ohnedies in der Seele lebt, wirklich zu entfalten.

Vor dem Mysterium von Golgatha war es nicht in der Seele, denn der Christus war nicht in der Erdenaura. Vor dem Mysterium von Golgatha würde jemand ohne weiteres, wenn er nur das Bild der Isis im rechten Sinne geschaut und ihr Geheimnis ergründet hatte, durch das, was in ihm noch an alten hellseherischen Kräften vorhanden war, seine ganze Menschennatur da hineingelegt haben, und er würde es dann so erkannt haben.

In der Zeit nach dem Mysterium von Golgatha wird eine Seele, die zum Fragen kommt, im rechten Sinne zum Fragen kommen, und sie wird auch im rechten Sinne das neue Isis-Mysterium empfinden können. Daher ist es so, daß es heute ankommt auf das richtige Fragen, das heißt auf das richtige Sich-Stellen zu dem, was als spirituelle Weltanschauung verkündet werden kann. Kommt ein Mensch bloß aus der Stimmung des Urteilens, dann kann er alle Bücher und alle Zyklen und alles lesen - er erfährt gar nichts, denn ihm fehlt die Parzival-Stimmung. Kommt jemand mit der Fragestimmung, dann wird er noch etwas ganz anderes erfahren, als was bloß in den Worten liegt. Er wird die Worte fruchtbar mit den Quellkräften in seiner eigenen Seele erleben. Daß uns das, was uns spirituell verkündet ist, zu einem solchen inneren Erleben werde, das ist es, worauf es ankommt.“ (Lit.:GA 148, S. 169f)

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Wo und wie findet man den Geist?, GA 57 (1984), ISBN 3-7274-0570-8 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Das christliche Mysterium, GA 97 (1998), ISBN 3-7274-0970-3 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Die Mysterien des Morgenlandes und des Christentums, GA 144 (1985), ISBN 3-7274-1440-5 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  4. Rudolf Steiner: Aus der Akasha-Forschung. Das Fünfte Evangelium, GA 148 (1992), ISBN 3-7274-1480-4 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  5. Rudolf Steiner: Geistige Zusammenhänge in der Gestaltung des menschlichen Organismus, GA 218 (1992), ISBN 3-7274-2180-0 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  6. Rudolf Steiner: Die Impulsierung des weltgeschichtlichen Geschehens durch geistige Mächte, GA 222 (1989), ISBN 3-7274-2220-3 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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